Geschichten die das Leben schrieb: Sex und Arthrose

Unter dem Einfluss von 600 Milligram Ibuprofen und 2 Gläsern Qvevri-Saperavi von Koncho & Co aus Georgien sitze ich auf dem Bett und zeichne.

Mein ständiger Begleiter, der Dauer- und Ruheschmerz, ist maximal gedämpft und für ein paar Momente habe ich Knie und Arthrose vergessen. Schwungvoll werfe ich das rechte über das linke Bein, um mich in eine andere Sitzposition zu bringen.

Das hätte ich nicht tun sollen. Die aufeinander reibenden Knochen im Kniegelenk melden höchste Alarmstufe an das Gehirn und bescheren mir ein paar Sekunden exquisiten Schmerzes, der mir die Luft nimmt. Unter quietschenden Lautäußerungen und herzhaften Flüchen bugsiere ich mit beiden Händen das rechte Bein zurück in die Ausgangsposition und atme tief durch, als der Schmerz nachläßt.

Die Liebste, alarmiert von der ungewohnten Geräuschkulisse, erscheint in der Tür und betrachtet mein erbarmungswürdiges Hantieren mit Bein und Knie.

„Also, das mit dem Sex können wir wohl für dieses Leben vergessen!“, konstatiert sie.

Jetzt bin ich ebenfalls alarmiert und frage erschrocken nach: „WIE BITTE? Wieso das denn?!“

„Naja, mit deinen müden Knochen…“ kriege ich zu hören. Sie schiebt noch ein „Wir sind eben ALT!“ hinterher, nimmt mein leeres Weinglas und bringt es kurz darauf, aufs Erfeulichste gefüllt, wieder. Ich ahne, worauf das alles hinausläuft und sträube mich gegen die deprimierende Erkenntnis, dass die körperlichen Freuden des Alters sich vorzugsweise in Essen und Trinken erschöpfen.

Mein Entschluß, mich auf keinen Fall in mein Schicksal zu fügen und zu einem miesepetrigen Opa zu werden, der mit Gehstock und Triebstau durchs Leben wandelt, nimmt überlebensgroße Dimensionen an. Wozu hab ich die attraktivste Frau des bekannten Universums abgekriegt, wenn ich jetzt auf enthaltsam machen muss? Eher lass ich mir ein künstliches Kniegelenk einbauen, als dass ich mich mit einem zölibatären Leben abfinde.

Geschichten die das Leben schrieb: das Knie und die Klassengesellschaft gehen zum Barbier

Ernüchternder Besuch beim Orthopäden, der einen MRT-Befund auswertet: da ist nichts mehr zu wollen mit dem Knie. Arthrose dritten Grades, multipler Meniskusriss an den Seiten und innen, dauerhafte Bewegungseinschränkung.

„Mit den Schmerzen müssen Sie jetzt leben, wenn sie können. Das muss jeder für sich entscheiden, ob er eine konservative Therapie ausprobiert, mit Bandagen, Schwimmen, Physiotherapie und bei Bedarf Schmerzmitteln – oder eine Operation.“

Der sympathische spanische Orthopäde verschreibt mir gleich mal die entsprechenden Hilfsmittel und lecker Schmerzmedikamente, als ich ihm sage, dass ich vorläufig kein künstliches Kniegelenk eingebaut bekommen möchte. Auf meine Nachfrage nach anständigen Schmerzmitteln, also Opioiden, guckt er mich verdutzt an und sagt: „Die machen aber ABHÄNGIG! Solange Sie mit Ibuprofen gut zurechtkommen, bleiben Sie dabei, wenn nicht, können wir immer noch Novaminsulfon einsetzen…“

Meine Entgegnung, dass eine Abhängigkeit (mir) relativ egal ist, wenn man eine wahrscheinliche Lebenserwartung von weiteren maximal 20 Jahren hat, lässt er nicht gelten. Damit bin ich entlassen und kann direkt in den Sanitätsladen gehen, der sich marktwirtschaftlich konsequent direkt neben der Orthopädiepraxis angesiedelt hat. Dort erwartet mich ein typisches Beispiel der Klassengesellschaft und ihrer Zweiklassenmedizin: die für Kassenpatienten gedachte Kniebandage ist die Billigversion, die außer der günstigen Zuzahlung von zehn Euro keine erwähnenswerte Eigenschaften besitzt.

Leute, die eine anständige Kniebandage von höherem medizinischen und orthopädischen Wirkungsgrad, besser gewebt, insgesamt stabiler und durch und durch höherwertiger, haben möchten, müssen 35 Euro zu zahlen. Dieser Umstand veranlasst mich zu einigen entsprechenden Bemerkungen über die medizinisch Versorgung in der Klassengesellschaft, welche von der Verkäuferin mit einem lapidaren „Das ist eben Demokratie!“ beantwortet wird. Ich zahle zähneknirschend die 35 Euro, streife mir die Kniebandage unter Stöhnen und Ächzen über das kaputte Knie und merke bereits nach wenigen Schritten, dass dies tatsächlich eine Hilfe ist. Somit bin ich also halbwegs versöhnt mit der Ausgabe und gehe meiner Wege. 

Auf all diese schlechten Nachrichten muss ich mir jetzt irgendetwas Gutes tun. Einige Schritte weiter befindet sich ein Barbershop. Ich ergreife die Gelegenheit und lasse meine wuchernde Gesichtsbehaarung von einem syrischen Profi akkurat stutzen und behandeln – eine sehr angenehme Erfahrung. Allerdings ist das Zeug, das er mir nach Abschluss der Prozedur ins Gesicht sprüht, von derartig penetranter olfaktorischer Intensität, dass ich beide vorderen Autoscheiben runterlassen muss, um die Rückfahrt nach Hause zu ertragen.

Dort angekommen, wasche ich mir das Stinkezeug sofort aus dem Gesicht und präsentiere mich der Gattin, die bislang meine Bärtigkeit äußerst kritisch kommentiert („Du siehst aus wie ein Heckenpenner!“) Jetzt findet der Look allerdings ihre gnädige Billigung. An dieser Front also schon mal Entspannung, der Rest wird sich ebenfalls finden. Dass die physische Hülle, die mich durchs Leben trägt, sich zügig dem Haltbarkeitsdatum nähert, ist mir ohnehin bekannt und insofern keine Überraschung. Mein Lebensmotto ist, neben dem Standard „Peace and Harmony in Daily Living“, der ebenso zeitlose Klassiker „Mit den richtigen Drogen lässt sich alles ertragen!“ Darum mache ich mir fürs Erste keine größeren Sorgen über den Verfall meiner körperlichen Hardware.

Geschichten die das Leben schrieb: Flaschensammelnde Armutsrentner

Das „famila“ ist das größte Einkaufszentrum im 5000-Einwohner-Ort Lütjenburg, einer gemütlichen Kleinstadt im Kreis Plön in der „Holsteinischen Schweiz“. Ich stehe mit dem Hund vor dem Haupteingang und warte auf die Frau, die dort die „Besser als gut!“-Einkaufsoptionen erkundet.

Ich werde auf einen alten Mann mit Rollator aufmerksam, der plötzlich neben mir auftaucht und den Abfalleimer nach Pfandflaschen durchsucht. Wobei – so alt ist er vermutlich gar nicht. Ich schätze ihn auf mein Alter oder jünger. Seine langen Haare lassen ihn wie einen alten Hippie aussehen, sein zahnloser Mund verrät ihn als Angehörigen der Klasse, die durch Lohnarbeit und Armut gezwungen ist, zahnersatzfrei durchs Restleben zu laufen. Oder eben am Rollator zu gehen.

Da ich noch einen ganzen Stoffbeutel mit Pfandflaschen im Auto habe, spreche ich ihn an und biete ihm diese an. Wir gehen zusammen zum Auto und kommen ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er eine Rente von 920 Euro bezieht, von der 800 für ein Zimmer im Betreuten Wohnen draufgehen. 250 Euro muss er an Krankenkassenbeiträgen zahlen, so dass er für die Differenz von 130 Euro auf die sogenannte „Grundsicherung bei Hilfebedürftigkeit“ angewiesen ist.

Der Mann hat für den ganzen Rest seines Lebens keinen einzigen Cent für sich selbst übrig, für irgendwelche kleinen Wünsche oder Freuden – und sei es mal eine Flasche Bier oder einen Kaffee irgendwo. Dafür muss er in Papierkörben und Abfalleimern wühlen, um durch das Sammeln von Pfandflaschen ein Taschengeld zu ergattern, das ihm wenigstens zu ein paar minimalen Vergnügungen verhilft und ein bißchen Freude und Abwechslung in seinen Alltag bringt.

Dabei macht mein Gegenüber keineswegs einen depressiven oder frustrierten Eindruck. Er ist freundlich und sachlich, er spricht über seine Situation wie über das Wetter: ist halt so, kann man nichts machen. Er hat sich in sein Los gefügt, doch hinter seinen Worten und hinter seinen Augen ist die Traurigkeit und die Erschöpfung spürbar, die ein solches Leben unweigerlich mit sich bringt.

Ich halte nichts von sozialmoralischen Gegenüberstellungen von Ausgaben für Renten, Pflege, für Soziales allgemein und denen für Aufrüstung, Krieg, Steuergeschenken für Reiche und Konzerne usw. Es ist ja nicht so, dass ein grundsätzlich wohlmeinender Staat aufgrund der Dummheit oder des bösen Willens „der Politiker“ das ganze schöne Geld für Militär und deutsches Unternehmertum ausgibt statt für Kindergärten, Pflegeheime, Sozialwohnungen und Rentner.

Jetzt aber fallen mir die 100 Milliarden Euro ein, die die Ampelkoalition per Federstrich mal eben für Rüstung und Kriegsgerät bereitgestellt hat. Mir fällt das berechnende Geschachere um eine „Kindergrundsicherung“ ein, die von 12 auf 3,5, dann auf 2 Mrd. Euro zusammengestrichen wurde und die dem neoliberalen Arschgesicht, das hierzulande den Finanzminister gibt, Anlass war zu zynischen und rassistischen Bemerkungen über Arme, die erstmal ins Verdienen kommen sollten, bevor sie sich vom Staat alimentieren lassen.

Zum tausendsten Male frage ich ich mich, wieso und wie lange noch ein ganzes Volk sich die Behandlung bieten lassen will, die die besitzende Klasse und ihre politischen Handlanger ihr zugedacht haben: als immer weiter auszuwringende und zu verarmende Manövriermasse der Herrschenden, als Rohmaterial, das für die Reichtumsproduktion der Besitzenden geradezustehen hat.

Die Liebste kommt aus dem „famila“ zurück und ich muss meine Unterhaltung mit dem Rentnerkollegen abbrechen. Er freut sich jedenfalls über die ca. 4 oder 5 Euro in Form von Pfandflaschen in dem Stoffbeutel, den ich ihm aushändige und verabschiedet sich mit einem gut gelaunten „Moin!“

Geschichten die das Leben schrieb: Haus und Hanf 

Im Urlaubsort gehen wir eine Runde durch die Ansiedlung und kommen an einem Haus vorbei, das uns bereits im letzten Jahr auffiel: es war weitgehend fertiggestellt, schon bewohnt, aber sämtliche Zufahrten, Vorgarten, Eingangsstufen zur Haustür usw. fehlten, überall ragten Rohre und Kabel aus der Erde, Auto, Kinderroller und Fahrräder standen auf einem improvisierten Schotterplatz – kurzum: das Ganze wirkte wie das Projekt einer jungen Familie, der kurzfristig die finanzielle Puste ausgegangen war.

Diesmal, als wir zum ersten Mal wieder an dem Haus vorbeikommen, sieht alles haargenau wie im letzten Sommer aus: derselbe unfertige Zustand, derselbe Schotterplatz, dieselbe Holzpalette vor der Haustür als Ersatz für eine Treppenstufe.

Wir mutmaßen über die Gründe und sinnieren über Teuerung und Inflation, gestiegene Baustoff- und Handwerkerpreise u. ä.

Am nächsten Abend dieselbe Runde, derselbe Anblick, man hört Kinderstimmen, der Abend ist milde, die See ist fast unhörbar, so wenig Wellengang hat es heute Abend.

Die Liebste, die mit dem Hund ein paar Meter vorausgegangen ist, blickt in Richtung des Hauses, bleibt abrupt stehen und wartet, bis ich zu ihr aufgeschlossen habe.

Sie deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung Haus und sagt: „Ey, kein Wunder dass das Haus nicht fertig wird! Der sitzt da und kifft!“

Tatsächlich hockt der junge Familienvater und Bauherr (ich nehme an, dass er das ist) an der Längsseite seines Eigenheimes auf dem Baustellenboden und zieht gemütlich an einem Joint, dessen Rauchschwaden unverkennbar duftend bis hin zu mir ziehen.

Ich grinse ihn an, laufe weiter und stelle mir vor, um wieviel angenehmer ein solides High auch eine finanzielle Durststrecke macht – solange jedenfalls, wie es noch für das beliebte Kräutlein reicht. Andrerseits könnte einem auch die cannaboid geschärfte Sinneswahrnehmung einen Strich durch die Rechnung machen und den Anblick des tristen Baustellenchaos rund um das traute neue Heim zu einer Herausforderung ästhetischer Art machen. Wer weiß das schon…

Ich wünsche dem  kiffenden Hausherrn jedenfalls einen unversiegbaren Nachschub an THC-haltigen Pflanzenprodukten und die nötigen finanziellen Mittel, um sein Häuschen auch äußerlich und rundherum zu vollenden.

Geschichten die das Leben schrieb: Fußballerinnerungen und Bickbeeren

Winsen (Luhe), magisches Kleinod norddeutscher Provinzialität im Landkreis Harburg. Mir noch in Erinnerung als Schauplatz hitzeflimmernder sommerlicher Fußballturniere mit der D- und C-Jugend des VfL Marmstorf, in der ich in der Verteidigung und im defensiven Mittelfeld meinen Mann zu stehen versuchte.

In den Halbzeitpausen und zwischen den Spielen übergossen wir uns mit kaltem Wasser aus Eimern. Von Hitzewellen sprach keiner und Klimahysterie gab es noch nicht, es war einfach Sommer und es war heiß.

Als Harburger, also Süd-Hamburger, sahen wir uns als großstädtisches Team und fürchteten die ungesunde Härte und technische Unbedarftheit der Dorfjugend in den Bolztruppen aus der Heide. Meistens gingen wir als Turniersieger, oder wenigstens Endspielteilnehmer nach Hause, mitunter gab es aber auch erbitterte Kampfspiele gegen die ungeschlachten Bauernjungs der umliegenden Vereine, die wir psychisch nur deswegen verkrafteten, weil wir uns mit dem Bewusstsein unserer größeren Spielintelligenz und theoretisch überlegenen Spielkultur trösten konnten.

Eins hat sich nicht geändert: auch nach mehr als fünfzig Jahren gibt’s immer noch leckere Bickbeeren (Blaubeeren) in Winsen und den anderen Orten der Umgebung.

Gesinnungsjustiz: Spenden für Gerichts- und Anwaltskosten

Strafbefehl über 3.500,00 Euro wegen pro-russischer Meinungsäußerung in einer geschlossenen Facebook-Gruppe

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Leute haben angefragt, ob ich

1) Spenden brauche und
2) auf welches Konto sie überweisen können.

  1. Ja, brauche ich.
    Auch wenn ich davon ausgehe, dass ich im Verfahren von dem Vorwurf der „Gefährdung des öffentlichen Friedens“ freigesprochen werde, entstehen Gerichts- und Anwaltskosten.
  2. Bankverbindung:
    Kay Strathus, Postbank, IBAN DE4210010010074058412, BIC PBNKDEFF, BLZ 10010010
    oder paypal.me/kaystrathus

Geschichten, die das Leben schrieb: Wie die Weimarer Grünen mir möglicherweise zu 50 Tagen Klausur auf Staatskosten verhelfen

Als ich letztes Jahr im November ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf erhielt, in dem mir ein Verstoß gegen irgendeinen der neu gestalteten und verschärften Gesinnungsjustizparagraphen des Strafgesetzbuches vorgeworfen wurde, dachte ich zunächst an einen schlechten Scherz. Zumal ich in einer GESCHLOSSENEN Facebook-Gruppe („Weimar around the World“) einen bellizistischen Beitrag eines grünen Weimarer Stadtverordneten „pro-russisch“ kommentiert hatte – und zwar in einer vergleichsweise harmlosen Art. Meine sonstigen ÖFFENTLICHEN Beiträge zu diesem Thema sind in der Regel um einiges schärfer und eindeutiger.

Wie auch immer, auf anwaltlichen Rat hin beschloss ich, die Sache auszusitzen und dachte, nachdem ich bis jetzt nichts mehr von der Staatsanwaltschaft gehört hatte, die Geschichte hätte sich erledigt. Hat sie aber nicht.

Mein staatsgefährdendes Gedankenverbrechen, das nach Ansicht der Staatsanwaltschaft „geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“, ist der politischen Justiz eine Strafe von 3.500,00 Euro wert. Soviel finanziellen Schmerz meint man, mir zufügen zu müssen, damit ich es nicht wage, noch einmal den NATO-Krieg gegen Russland auf verbotene Weise zu kommentieren.

(Das muss diese Meinungsfreiheit sein, für die die politischen Auftraggeber der Judikative u.a. einen Krieg in der Ukraine führen, bzw. von den ukrainischen Nazi-Verbänden führen lassen.)

Da ich weder das Geld noch die Absicht habe, für eine politische Stellungnahme zu einer Angelegenheit, die von der Natur der Sache her schon kontrovers diskutiert wird – und die außerdem den Tatsachen entspricht – 3.500,00 Euro (oder IRGENDEINE Summe) zu bezahlen, wird die Geschichte nun weiter gehen. Wie? Keine Ahnung.

Zunächst mal zum Anwalt, vielleicht ins Gefängnis. Denn lieber sitze ich die fünfzig Tage auf Staatskosten bei freier Kost und Logis in einer Justizvollzugsanstalt ab, als dass ich auch nur einen Cent Strafe für Meinungsäußerung zahle.

Im Grunde gar keine schlechte Option, wenn ich’s recht bedenke: ich könnte als Insasse einer Klausurzelle in einem staatlichen Knast all die komplexen und langwierigen Zeichnungen der Oberkasseler Plätze fertigstellen, die ich mir vorgenommen habe! Insofern würden mir die ökofaschistischen Inquisitoren der Weimarer „Grünen“ noch einen Gefallen getan haben.

Geschichten, die das Leben schrieb: wie gewonnen, so zerronnen

Tja.

Da macht man seit 25 Jahren Online-Banking, hält immer alle Sicherheitsmaßnahmen ein, macht Überweisungen nur im heimischen WLAN – und kriegt dann das Konto leergeräumt aufgrund eines Datenlecks bei irgendeinem Subunternehmen der Deutschen Bank, der die Postbank inzwischen gehört. Vermutlich wurden Kundendaten und sonstige bankrelevanten Vorgänge kostengünstig outgesourced.

Getroffen hat’s ausgerechnet das Sparkonto, auf dem der Notgroschen, die Eiserne Reserve, der „Unerwartete-Ausgaben“-Puffer in Höhe eines mittleren vierstelligen Betrages liegen. Bzw. lagen, bis gestern oder vorgestern. Nun ist das ganze Geld auf einem Konto einer Bank in Irland, wohin böse Buben es ohne mein Wissen überwiesen haben.

„Unauthorisierte Abbuchung“ heißt das im Bankjargon, und die Bankangestellte am Telefon berichtet von Hunderten von Postbankkunden, die auch gerade diese ambivalente Erfahrung machen dürfen. Auf die Frage, wer mir die schöne Kohle nun ersetzt und wie lange das dauern wird, druckst die Mitarbeiterin etwas rum und sagt, das wird jetzt erstmal alles „von der Sicherheitsabteilung geprüft“, und die werde sich dann „postalisch melden“.

Mit anderen Worten: das kann dauern; und ob ich das Geld wiedersehen werde, entscheidet die Bank nach ihren Erkenntnissen (über die Begleitumstände des Betruges bzw. ob es ein technischer Fehler der Banknoten Blödheit des Kunden war), also nach Gutdünken.

Erstaunlicherweise nimmt die Liebste das Ganze gelassen und abgeklärt. „Da kann man sich jetzt ärgern, aber man kann’s auch lassen“, sagt sie weise. Einen kleinen „I told you so“-Hinweis kann sie sich aber nicht verkneifen: „Siehste, ich hab dir schon immer gesagt, dass diese ganze Onlinescheiße nicht sicher ist. Was meinst du, warum ich immer ganz old school zur Bank gehe und dort Kontoauszüge hole und Überweisungen mache…?“

Auch wenn’s ein unangenehmes Gefühl ist, um seine Ersparnisse gebracht zu werden, ist es letzten Endes nur Geld. Und vielleicht sehen wir es ja am Ende doch wieder! Angeblich sind Banken verpflichtet, den Kunden den unauthorisiert abgebuchten Betrag zu ersetzen, wenn diese sich nicht durch Leichtsinn oder Fahrlässigkeit den Schaden selber zuzuschreiben haben.

Allen Freunde, die ein Konto bei Deutscher Bank oder Postbank unterhalten, rate ich jedenfalls zu erhöhter Wachsamkeit und zum eventuellen Verzicht aufs Online Banking für eine Weile, oder ganz.

Das ist der Lauf der Welt: wie gewonnen, so zerronnen.

https://www.spiegel.de/netzwelt/web/deutsche-bank-und-postbank-kunden-werden-ueber-datenleck-informiert-a-c06d099a-bcaf-453c-936f-9c767aa60881

Geschichten die das Leben schrieb: Flucht aus (Ideologie-)Alcatraz

Ich sitze am Arbeitsplatz im Wohnzimmer und bastele an irgendwelchen PHP-Scripten rum, während die Liebste auf dem Sofa vor dem Riesenfernseher lümmelt und sich durchs Programm zappt.
Normalerweise dringen in solchen Situationen die erträglichen (weil leicht zu verdrängenden) Klänge von Reisereportagen, Kochsendungen oder Tier-Dokus an mein Ohr. Heute jedoch nicht.

Dummerweise hat meine fernseherfahrene Liebste entschieden, sich diesmal von der dahinplätschernden Klangkulisse einer gesellschaftsphilosophischen (sprich: hochgradig ideologischen und imperialismusaffirmativen) Sendung in den Mittagsschlaf wiegen zu lassen. Sie schätzt den monotonen Singsang solcher Programme, weil sie dabei am besten chillen und dösen kann.

Ich dagegen werde nun gezwungen – solange ich nicht unter die Kopfhörer fliehe – mir Sätze wie diesen anzuhören:
„Neid, Mißgunst, Kritik – Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem ERFOLG anderer um?“

Vorausgegangen ist ein bewundernder Bericht über eines der gängigen kapitalistischen role models, einen Selfmade-Millionär, der „zwei Millionen Follower auf Instagram hat“ und der der unterwürfig lobhudelnden „Reporterin“ in Form einiger Poesiealbumssprüche aus der Erfolgsmenschenfibel großzügig das Schatzkästchen seiner marktwirtschaftlichen Selbstwichtigkeit öffnet.

Nun wird ein leibhaftiger Philosoph befragt, warum die lieben Mitmenschen den Erfolgreichen bloß immer den Erfolg neiden – vor allem aber den Stoff, aus dem dieser besteht: dem Geld, welches sich in Form von Vermögen auf den Konten und in den Investmentportfolios der (Erfolg-)Reichen ansammelt.

Dieses ungelöste Rätsel der Menschheit weiß der Premiumdenker staats- und ökonomiekompatibel zu beantworten: es ist der psychologische Defekt des Neides! Wenn Karl Lohnarbeiterarsch sich nämlich mit den ECHTEN Erfolgsmenschen vergleicht, wird sein eigenes eher bescheidenes Durchwursteln zum vergleichsweisen Scheitern!

Eine Lösung hält der Philosoph nicht parat, weil es gar keine gibt: die Welt ist nun mal so!

Inzwischen bin ich in den Zustand geraten, in dem die aufsteigende Übelkeit und Wut auf die unverfrorene, widerliche und perfide Abrichtung der Leute auf die Bereicherungsideologie der Konkurrenzgesellschaft sich untrennbar vermischt mit einer apokalyptischen Traurigkeit, in solch einer Welt leben zu müssen.

Die Liebste hingegen hört sowieso nicht hin, ist nahezu in den Schlaf gewiegt und wundert sich noch nicht mal (sie kennt mich ja), warum ich fluchend das Zimmer verlasse und mich mitsamt Hund in mein Schlafzimmerrefugium verflüchtige.

Geschichten die das Leben schrieb: Die Botoxbourgeoisie

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Die Bourgeois-Verwandtschaft meiner Liebsten hat mich vor Jahr und Tag wegen unbotmäßiger Äußerungen mit Villenverbot belegt – ein Bannfluch, der mir nur recht kam, da ich mit der elitären Oberschichtsmischpoke nichts zu tun haben wollte und will. Obwohl man mich offiziell rehabilitiert hat und wieder zu Zusammenkünften einlädt, ist mir nichts gelegen am Kontakt mit Leuten, die ihren Klassendünkel und ihre erfolgszertifizierte marktwirtschaftliche Selbstgerechtigkeit wie ein Banner vor sich hertragen.

So geht die Frau also stets alleine zu den allfälligen Familientreffen. Für mich ein wunderbarer Zustand, der mir einerseits den Umgang mit der bessergestellten angeheirateten Verwandtschaft erspart, andrerseits mir und dem Hund ein paar Stunden unserer gemeinsamen Lieblingsbeschäftigung, der Trend-Sportart „Advanced Extreme Chillaxing“, beschert.

Wenn die Frau zurückkehrt, erfahre ich meistens die neuesten Nachrichten aus der Welt der akademisch-unternehmerischen Bourgeoisie bzw. die privaten Nöte und Eskapaden der Schwägerin, ihres Mediziner-Gatten und deren Kindern, den Nichten und Neffen meiner Liebsten.

Diesmal weiß sie zu berichten, dass die beiden erwachsene Nichten, beide Anfang bis Mitte Zwanzig, beide Medizinerinnen, sich jetzt einer Botox-Kur unterziehen. Man müsse dies, so wurde ihr versichert, auf jeden Fall „jetzt schon machen“ und nicht erst im Alter damit beginnen. Dann wäre es zu spät und sowieso nichts mehr zu retten. Obendrein lässt sich die ältere der beiden Nichten, das Patenkind meiner Frau, Hyaloron in die Nase spritzen. Warum, wusste sie nicht zu berichten. Vielleicht gefällt der beileibe nicht häßlichen Mittzwanzigerin ihre Nase nicht, vielleicht hat sie ähnliche Stimulierungsgewohnheiten wie Selenskij oder Hunter Biden und will auf diese Weise für Ausgleich in der nasalen Flora sorgen.

Ich frage nach ein paar Sekunden der Sprachlosigkeit, in denen ich das Gehörte einsinken lasse, warum zwei junge Frauen so etwas machen. Irgendwo hatte ich auch gehört oder gelesen, dass Botox-Behandlungen alle paar Monate erneuert werden müssten (was im Falle der beiden Nichten jedenfalls schon mal NICHT am Geld scheitern würde). Die Erklärung meiner Liebsten ist so schlicht wie einleuchtend: „Die sind eben so! Die sind einfach anders!“

Junge Menschen, die in der Wohlstandsblase einer begüterten Klasse aufwachsen, die keine finanziellen Sorgen kennt; Twens, die sich höchstens überlegen, ob drei Wochen Bali oder ein Luxuswochenende in New York attraktiver für die eigene soziale Performance und die Karriereplanung ist; Menschen, die durch familiäre Herkunft und Klassenlage von Anfang an Zugang zu Geld, Bildung, Reisen usw. hatten und durch die elterlichen Verbindungen zugleich in das politische, ökonomische und soziale Netzwerk der Entscheider dieser Gesellschaft eingebunden sind – diese jungen Menschen haben keine Veranlassung, sich über die Nöte und den Überlebenskampf der weniger privilegierten Mehrheit Gedanken zu machen. Ihre Welt ist die des Zugriffs auf die Reichtumsquellen, die ein angenehmes Leben in relativem Luxus und im Überfluß ermöglichen. 

In dieser Welt kommt es darauf an, die entsprechende Charaktermaske zur Schau zu tragen, und dazu gehört heutzutage scheinbar eine möglichst makellose äußere Erscheinung. Die Identifikation, die jedem bürgerlichen Verstand automatisch einleuchtet, ist die mit den Kräften und  Mechanismen des ERHALTES all dieser schönen Annehmlichkeiten und des abgesicherten Komforts, also ein rein äußerliche. da liegt es nahe, sich bzw. den eigenen Körper an das gültige Schönheitsideal anzupassen: „Die sind eben so!“