Geschichten die das Leben schrieb: Betrachtung über die Müdigkeit

Wenn man genügend lange gelebt hat, ergreift einen gelegentlich eine große Müdigkeit.

Das muss erklärt werden. 

Gemeint ist „lange genug gelebt“ nicht im Sinne von „reicht jetzt“, sondern in der Bedeutung: genügend gesehen und erfahren haben um zu wissen, dass auch die festesten Überzeugungen, die idealistischsten Zielsetzungen und die hingebungsvollsten Bestrebungen dem Realitätstest der Zeit unterworfen sind.

Und auch die Müdigkeit ist nicht die „fatigue“ genannte allumfassende Erschöpfung am Ende eines Lebens, wenn Körper und Geist einfach das Ende der Wegstrecke erreicht haben. Gemeint ist die Ermüdung durch die Hässlichkeit einer Welt, in der das Oben und Unten, der Reichtum und die Armut nicht nur als Dauerzustand eingerichtet ist, sondern obendrein auch noch als conditio sine qua non menschlichen Daseins propagiert wird.

Gemeint ist der bodenlose Ekel vor der Einteilung der Gesellschaft in Klassen und der ewigen Ausnutzung der Mehrheit für die Interessen und den Profit der Minderheit. Gemeint ist der Überdruss an der infantilen Idiotie und den berechnenden Lügen, die einem täglich aus allen Ecken entgegenquellen und einen entweder mit Kauf- und Konsumaufforderungen belästigen oder diese Appelle an Gier und Eigennutz als Sinn menschlicher Existenz bewerben.

Gemeint ist die mörderische Normalität einer Herrschaft, die ihre räuberischen Kriege zu gerechten Interventionen umlügt und ihren gewalttätigen Alltag zum regenbogenbunten Freiheitsparadies. Gemeint ist die verlogene Individualisierung und Vereinzelung der Insassen dieser Ordnung im Namen einer „Diversität“, die in Wirklichkeit die schlimmste (und am besten verborgene) Konformität ist, weil sie menschliche Wesen auf den Status eines Dinges, des homo economicus reduziert.

All das erzeugt in verständigen Menschen eine Müdigkeit, die sich bis ins Knochenmark und tiefer erstreckt und oft nur den einen Wunsch übrig lässt: von all dem Irrsinn nichts mehr hören und sehen zu müssen. Eine Müdigkeit, die manchmal sogar die Energie auffrißt, sich noch zu wünschen, die primitive Barbarei der Herrschaft von Geschäft und Gewalt möge abgelöst werden durch die vernünftige Planung einer freundlichen Gesellschaft:

Einer Welt, in der das ökonomische Dasein kein permanenter Überlebenskampf ist (und in der die Lösung dieses Überlebenskampfes NICHT lediglich darin besteht, dann eben zu den Gewinnern und nicht zu den Verlierern zu gehören). 

Einer, in der das Leben nicht von der Wiege bis zur Bahre den Interessen und dem Profit anderer dient. 

Einer, in der nicht jede Lebensphase nach Kindheit und früher Jugend zu wesentlichen Teilen mit dem Bemühen verbracht werden muss, sich irgendwie ein Dach überm Kopf und genügend Nahrung leisten zu können. 

Einer Welt, in der Zeit und Muße existiert für die „sinnlosen“, aber essentiellen Beschäftigungen des fantastischen Erkenntnisapparates, den wir den menschlichen Geist nennen.

Niemals müde wird man (hoffentlich) der wenigen (?) Freunde und verwandten Gemüter, die dieselbe Abneigung, dieselbe Müdigkeit verspüren, trotzdem den Kontakt halten und sich nicht irre machen lassen in dem und von dem Irrsinn, der hierzulande und fast überall als Normalität durchgeht.

„I hope someday you’ll join us
And the world will be as one“

Geschichten die das Leben schrieb: Einweisung droht

Ich suche morgens mal wieder mein Telefon, dass ich irgendwo hingelegt habe und jetzt nicht finden kann.

„Hast du mein Telefon gesehen?“ frage ich die Liebste, und ergänze: „Als ich aufgestanden bin, hatte ich das noch in der Hand, und jetzt finde ich es nirgendwo…“

Die Frau seufzt und kommentiert: „Schon wieder? Wenn du so weiter machst, kommst du ins Heim!“

Geschichten die das Leben schrieb: Bart gegen Aschenbecher

Die Plastiktüte mit dem Plastikmüll, die an einem Sideboard in der Küche hängt , ist voll. Als Volkskommissar für das Entsorgungswesen unserer kleinen Volksrepublik nehme ich sie vom Haken, um sie vor die Tür zu stellen und bei der ersten Hunderunde morgen früh mitzunehmen. Die Mülltonnen stehen nämlich allesamt im Keller, und das bedeutet, aus dem Dachgeschoß insgesamt acht Treppen runterzulaufen.

„Nee, lass die Tüte mal hängen!“, lässt sich die Frau vernehmen, „es gibt nichts Asozialeres als Müllbeutel vor der Tür stehen zu haben!“

Das ist mir nicht ganz verständlich, da außer uns niemand auf unserem Stockwerk wohnt, und über uns sowieso niemand. Es kann also gar keinem als „asozial“ auffallen außer uns selbst. Als Freund von Frieden und Harmonie im täglichen Leben stelle ich jedoch solche Marotten meiner Liebsten nicht in Frage. Auf ihre letzte Bemerkung reagiere ich allerdings mit einem entschiedenen „Doch!“, und beantworte ihre Nachfrage (mit der ich natürlich gerechnet habe), was das wäre, mit der einzigen Kritik, die ich an einer ihrer Angewohnheiten äußere: „In der Wohnung rauchen zum Bespiel!“

Mein Wink mit dem Zaunpfahl prallt an meiner schlagfertigen Gattin ab wie Fett von der Teflonbeschichtung der Pfanne. Sie kontert souverän mit: „Oder einen Bart tragen…“

Das will ich nicht auf mir sitzen lassen: „Bart tragen ist doch nicht asozial! Alle großen Männer der Weltgeschichte trugen Bärte…“ Bevor ich zu einer Aufzählung der Lichtgestalten der menschlichen Geschichte von Jesus bis Marx und Lenin ansetzen kann, bekomme ich eine Auskunft von ihr, die mich allerdings nachdenklich macht: „Du gefällst mir nicht mit Bart. Mach den doch wieder weg!“

„Ich gefalle mir selber aber momentan ganz gut mit Bart“, mache ich einen schwachen Verteidigungsversuch. „Irgendwann kommt der schon wieder weg… spätestens wenn’s wieder wärmer wird!“ Im Grunde bin ich aber gedanklich schon beim Rasierapparat bzw. beim nächsten Barbershop-Besuch. Denn wenn mein Herzdame mich darum bittet, ihren ästhetischen Preferenzen an dieser Stelle entgegenzukommen, will ich nicht auf Gesichtsbehaarung bestehen. Schon weil‘s mir im Grunde egal ist.

Bevor ich an meine diversen Endgeräte verschwinde, um mich wieder zeichnerischer Versenkung und kommunistischen Umtrieben zu widmen, nähere ich mich ihr mit der Bemerkung: „Krieg ich jetzt trotz Bart noch einen Kuß?“ Sie geht darauf ein, verzieht aber in gespieltem Ekel das Gesicht und quengelt „Iiih, das piekst immer so…!“.

„Und ich küsse ständig einen Aschenbecher!“ kann ich mir nicht verkneifen zu sagen. „Ja, aber nur manchmal! Dein blöder Bart piekst immer!“ erhalte ich zur Antwort. Ich sehe ein, dass ich einfach immer den Kürzeren ziehe, was solche Debatten betrifft, und trolle mich in meine Ecke im Wohnzimmer – gefolgt von meinem treuen Hund, der nicht nur bärtig, sondern aufs Üppigste ganzkörperbehaart ist und schon deswegen eindeutig zu seinem Herrchen hält.

Geschichten, die das Leben schrieb: Konfrontation mit der Realität

Ich sitze bei einer Tasse Kaffee in der Küche und beschäftige mich mit Einträgen in unserem subversiven Blog roterdivan.de. Anlässlich eines hochgeladenen Dokumentes spreche ich dem Genossen Sedlmair einige WordPress-spezifische Hinweise in den Messenger.

Die Frau, die an der Spüle steht und sich mit haushaltlichen Tätigkeiten beschäftigt, wendet sich missbilligend zu mir und bemerkt : „Ich wünschte, du steckst so viel Energie in den Haushalt wie in deine kommunistischen Freunde und eure Umtriebe!“

Nur um etwas zu sagen, entgegne ich: „Ich wünschte, du steckst so viel Energie in eine bessere Welt und in den Kommunismus wie in den Haushalt!“

Damit bin ich bei ihr allerdings an der falschen Adresse. Ihre Antwort ist so knapp wie praktisch: „Haha. Das bezahlt aber nicht unsere Rechnungen, und den Haushalt macht es auch nicht.“

Geschichten die das Leben schrieb: „Wer kann sich Wohnraum noch leisten?!“

Seit wir über den Flurfunk erfahren haben, dass unser Vermieter beabsichtigt, den Vier-Parteien-Altbau zu verkaufen, in dem wir wohnen, verbringt die Frau jede freie Minute vor dem Bildschirm. Sie stöbert in den einschlägigen Immobilienportalen nach einer neuen Wohnung und fällt von einem Schreck in den nächsten.

„Also, unsere bisherigen Quadratmeter können wir knicken“, erfahre ich den Zwischenstand. „Für das Geld, das wir jetzt zahlen, gibt‘s höchstens noch Zwei-Zimmer-Wohnungen. In Duisburg kann man aber noch günstig wohnen…“ Der letzte Satz ist eher als Scherz gemeint, denn als eingefleischte Düsseldorferin, schon gleich als eine, die seit 37 Jahren im selben Stadtteil wohnt, ist Duisburg das Letzte, was sich eine Oberkasselerin als Wohnort vorstellen möchte. „Eher ziehe ich nach Neuss!“, verkündet sie, und das will etwas heißen, denn Neuss verhält sich zu Düsseldorf-Oberkassel wie Scholz zu Putin bzw. zu Xi Jinping, wie Dacia zu Daimler, wie Wasser zu Wein.

Nach einem Tag der gefaßt-praktischen Reaktion auf die Neuigkeit ist meine Liebste scheinbar in ein tiefes Loch gefallen. „Ich merke, wie mich das mitnimmt. Mich nervt das alles so sehr, besonders die Ohnmacht…“, sagt sie und stoßseufzt „Wer kann sich Wohnraum denn überhaupt noch leisten?!“. Dann wendet sie sich an mich: „Du nimmst das ja scheinbar gelassen…“

Ich erläutere ihr, warum: erstens bin ich seit meiner Kindheit extrem umzugserfahren und zweitens und vor allem mache ich mir nichts vor über die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben. Durch Ereignisse wie einen qua Eigentümerwechsel erzwungenen Umzug werden wir bloß mit der Nase auf die ungemütlichen Realitäten des Kapitalismus gestoßen: als Lohnabhängige sind wir mit den elementaren menschlichen Grundbedürfnissen – Nahrung und Obdach – vollständig abhängig von der Kalkulation anderer.

Deren Kalkulation mit den Grundbedürfnissen der Leute erfolgt nicht, um diese Bedürfnisse zu erfüllen, sondern um den Reichtum der Besitzenden zu vermehren. Die Erfüllung aller Bedürfnisse in dieser Gesellschaft, selbst der elementarsten, erfolgt nur und ausschließlich, wenn und sofern eine zahlungsfähige Nachfrage besteht, die diesen Zweck erfüllt.

„Solche Vorkommnisse sind in einer Weise sogar nützlich. Sie könnten einen ja darauf bringen, dass man in dieser Gesellschaft immer nur die abhängige Variable von den Berechnungen Dritter ist“, sage ich. „Und zwar der Klasse der Eigentümer, für die der ganze Laden eingerichtet ist. Das könnte man feststellen und die entsprechenden Schlüsse ziehen…“

„Der einzige Schluss ist doch, selber Wohneigentum zu haben“, entgegnet mir die Gattin – womit sie einerseits recht hat und andererseits die typische Denkweise jedes Marktwirtschaftsinsassen zum Ausdruck bringt, nach der man in der kapitalistischen Suppe lieber das Fettauge ist, das oben schwimmt, als der Brotkrümel, der in die Suppe getunkt und aufgegessen wird.

Die Wohneigentumsfrage ist mangels Ressourcen allerdings ohnehin eine theoretische, so dass wir schnell wieder bei der Diskussion möglicher Wohnorte landen und die ernüchternde Feststellung machen müssen, dass selbst in den im Vergleich zu Oberkassel unattraktiven Gegenden des Umkreises „der Wohnungsmarkt angespannt“ ist, wie wir Fachleute sagen.

Wir drehen uns im Kreise, auch meine Mahnung, dass wir „offiziell“ noch gar nichts wissen und nichts an Verkauf, Kündigung und Umzug spruchreif ist, trägt nicht zur Entspannung meiner Liebsten bei. „Paradies-Wein?“ fragt sie mich unvermittelt, womit sie einen kürzlich im Jacques‘ Weindepot erstandenen Edel-Primitivo aus Puglia meint, und fügt hinzu: „Das ist das einzige, was jetzt noch hilft!“

Ich halte es nicht für nötig, sie an die gestern und heute mehrfach gemachten Ankündigungen zu erinnern, wonach heute auf jeden Fall und wegen des frühen Aufstehens am Montagmorgen „nur Kräutertee“ getrunken werden würde. In Zeiten wie diesen muss man flexibel bleiben und stets die geeigneten Drogen zur Hand haben, um sich eine kleine Auszeit von der Tatsache zu verschaffen, dass Kapitalismus einfach schon als Kind scheiße war.

Geschichten, die das Leben schrieb: „Wir wollen doch nur in Ruhe leben“

Beim Treppenhaustratsch erfährt man manchmal höchst interessante und aktuelle Nachrichten, was die Wohnungssituation betrifft. Die Nachbarin aus dem ersten Stock spricht mich an und fragt: „Na, hat er schon mit euch geredet?“. 

Ich weiß von nichts, noch nicht einmal, wen sie mit „Er“ meinen könnte. 

Wie sich sich im weiteren Verlauf des Gespräches herausstellt, meint sie damit unseren Vermieter und Hauseigentümer. Dieser ist ein pensionierter Mitarbeiter einer bundesweit tätigen Immobilienmaklerkette und hat es in dieser Eigenschaft zu einigem Wohlstand und etlichen Immobilien und Liegenschaften gebracht . Die Nachbarin berichtet mir, dass er nun das Haus, in dem wir wohnen, einen etwa 120 Jahre alten Altbau in bester Oberkasseler Lage mit vier Wohnungen, zu verkaufen gedenkt und zu diesem Zwecke ihr bereits zweimal Interessenten beziehungsweise „Investoren“ durch die Bude geschickt hat.

Mir fällt es wie Schuppen aus den Haaren: ja klar, der Mann hat das Haus 2004 erworben. Nach zehn Jahren läuft irgendeine gesetzliche Veräußerungseinschränkung ab und er kann seine Immobilie auf dem Wohnungsmarkt zum Höchstpreis absetzen. Oder dies zumindest versuchen, denn auch der Wohnungsmarkt – jedenfalls, was den Kaufmarkt betrifft – liegt ziemlich danieder: Wohneigentumserwerb wird durch Inflation, hohe Material- und Baukosten, lange Lieferzeiten, Wirtschaftskrise und schlechte Kreditbedingungen immer schwieriger und die potentiellen Immobilienbesitzer drängen auf den Mietmarkt, der dadurch noch enger und härter umkämpft wird.

Ich erfahre von der Nachbarin, dass der Eigentümer alleine für ihre Vierzimmerwohnung eine Million Euro haben möchte. Es ist denkbar, dass der geschickte Reichtumsvermehrer aus der Klasse der Bezieher leistungsloser  Einkommen seinen Besitz scheibchenweise, sprich stockwerkweise, verscherbeln möchte. Die Nachbarin ist besorgt, einigermaßen gestresst und macht sich jetzt schon Gedanken, wie sie für ihre Familie – sie, ihr Mann und zwei Teenagertöchter – unter diesen Umständen und in diesem Viertel eine neue Bleibe finden kann. Sie und ihre Familie sind erst vor drei Jahren – nach einer Eigenbedarfskündigung ihrer vorigen Wohnung in einem Haus um die Ecke – in das Gebäude eingezogen und haben bei Einzug die gesamte Wohnung für viel Geld komplett renoviert. Aufgrund ihrer kurzen Mietdauer sind sie diejenigen Mieter, denen man am leichtesten kündigen kann.

„Immer dieser Stress! jetzt waren wir so froh, dass wir diese Wohnung gefunden hatten und jetzt das schon wieder. Wir wollen doch nur in Ruhe leben können.“ seufzt sie. Ich tröste sie halbherzig mit der Bemerkung, dass bei der derzeitigen Marktlage noch lange nicht gesagt ist, dass der Eigentümer Käufer oder Investoren findet, die seine Preise bezahlen, und dass, selbst wenn er welche findet, die Angelegenheit sich gut und gerne über das gesamte nächste Jahr hinziehen kann. 

Oben in unserer Dachbude angekommen, berichte ich der Liebsten von diesen neuen Entwicklungen. Meine praktische und bodenständige Gattin verkündet sofort, dass sie ab jetzt nicht nur gelegentlich, sondern täglich den Immobilienmarkt sondieren wird, schon um dem Vermieterspekulanten ein Schnippen zu schlagen: „Wenn wir hier ausziehen und der das verkaufen will, findet er keine Mieter mehr für die Wohnung hier. Das gönn’ ich dem!“ 

Des Weiteren kündigt sie an, bei ImmoScout die „Miete+“-Option zu aktivieren, einen Bezahlservice, der mindestens 12,99 € im Monat kostet und einem minimale Konkurrenzvorteile bei dem Hauen und Stechen um vermieteten Wohnraum bringen soll. Meine marktwirtschaftserprobte Gattin ist bereit, alle Register zu ziehen, um uns am Mietmarkt einen Startvorteil zu verschaffen, da sie uns in einem strategischen Nachteil sieht: „Wir haben einen Hund – das macht es schon mal schwieriger. Wir müssen uns JETZT kümmern und nicht erst, wenn wir die Pistole auf die Brust gesetzt kriegen!“

Ebenfalls wird strenge finanzielle Disziplin angekündigt, um die Kosten eines Umzuges stemmen zu können: „Das ist erst recht ein Grund, die Moppen zusammen zu halten und schön das Sparkonto aufzufüllen!“. Ich nicke verständig und grunze Zustimmung, während sich vor meinem inneren Auge die zunehmende Begrenzung meines Spielraums für allerlei Internetbestellungen entfaltet.

Ich selber bin aufgrund von Lebenserfahrung und dank meiner Einsicht in die Mechanismen einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft wenig beeindruckt und erschüttert, zumal ich in einer fast zwei Jahrzehnte währenden Phase meines Lebens etwa alle zwei Jahre umgezogen bin. Tatsächlich sind die sieben Jahre hier in diesem Haus in Düsseldorf die längste Periode sesshafter Verwurzelung, die ich seit Jahrzehnten genießen konnte. Einen Umzug würde ich zwar lieber vermeiden, erschrecken kann er mich aber nicht.

Am nächsten Morgen steht die Liebste im Badezimmer, wo uns in der Vorwoche angebrachte neue Grohe-Armaturen (Kosten, mit Handwerker-Lohn, knapp fünfhundert Euro) aufs erfreulichste anstrahlen und sagt „Jetzt ärgere ich mich, dass wir die Armaturen gekauft haben. Hätte ich gewusst, dass wir hier bald ausziehen müssen, hätte ich das gelassen..“ 

Besagte Armaturen mussten ausgetauscht werden, da die alten komplett verkalkt waren und keinen normalen Wasserdurchlauf mehr zuließen. Ich selber hätte die Rechnungen umstandslos an den Hausbesitzer weitergereicht, aber die Frau, besorgt um das gute Verhältnis zum Vermieter, bestand darauf, die Rechnung selber zu übernehmen. Ich erspare mir ein „Hättest ja gleich auf mich hören können“, und denke über den Satz der Nachbarin nach, der mich am meisten beeindruckt hat und der mir typisch scheint für Stimmung und Lebensgefühl der lohnarbeitenden Bevölkerung: „Wir wollen doch nur in Ruhe leben!“

Dass ein solches ruhiges Leben im Kapitalismus nicht zu haben ist, das verstehen sie alle nicht. Stattdessen nehmen Sie die Unruhe, die ihr Dienst an fremdem Reichtum unweigerlich und zwangsläufig in ihr Leben bringt, als den natürlichen Lebensumstand hin, dem sie nun einmal ausgesetzt sind und an dem niemand etwas ändern kann. Und das ist die Lüge, in der diese politische Ökonomie die abhängig Beschäftigten hält

Geschichten die das Leben schrieb: man kann nicht alles haben (oder sein)

Die Schwiegereltern haben aus dem Nachlass irgendeines Freundes einen riesengroßen, sehr schönen Spiegel aufgetrieben: hochwertig gerahmt wie ein Gemälde, bräunlich getönt, mit einem Muster aus von goldenen Linien begrenzten Quadraten versehen. Ein Schmuckstück für jede Wohnung, das in der Wohnung der Schwiegereltern aber keinen geeigneten Platz findet und nun an die Frau und mich abgegeben werden soll.

Nachdem ich das gediegene Stück vor Ort begutachtet und mir über Transportmöglichkeiten Gedanken gemacht habe (der Spiegel passt aufgrund seiner Größe nicht in unser Fahrzeug), berichte ich der Frau über die potentielle Neuerrungenschaft für unser gemeinsames Zuhause.

„Und wie wird der befestigt? Kann man den hinstellen?“ will sie wissen.

„Kann man“, entgegne ich, „aber das würde nicht so gut aussehen, wie wenn man ihn hinhängt. Der Rahmen hat extra dafür zwei Halterungen…“

„Dann erst nach Weihnachten. Das kostet doch nur wieder Geld und wir müssen den Handwerker kommen lassen…“ kriege ich zur Antwort. 

Das kann ich auf meinem männlichen Stolz nicht sitzen lassen: 

„Wie ‚den Handwerker kommen lassen“? Den bringe ich selber an der Wand an. Oder traust du mir nicht zu, dass ich mit einer Schlagbohrmaschine umgehen kann?“

„Nee.“ ist die knappe und ernüchternde Antwort. Zur Erläuterung legt sie aber nach: „Das sieht man doch an den kratergroßen Löchern bei deiner letzte Bohraktion!“

Meine handwerklich unbedarfte Gattin weiß natürlich nicht, dass selbst Profis wie ich mitunter mit der Tücke des Objekts zu kämpfen haben und dass Altbauwände von Natur aus schwierig anzubohren sind: oft stößt man unter einen dünnen Schicht von Putz auf steinharte Mauern, an denen der Bohrhammer gerne abrutscht und dann verheerende Löcher in den darüberliegenden Putz reißt – ein Grund, warum ich bei derlei Tätigkeiten immer einen Spachtel und etwas Spachtelmasse dabei habe.

„Du weißt wohl nicht, dass du es bei mir mit einem Handwerkergott zu tun hast“, weise ich sie zurecht. „Wenn du mir noch nicht mal das zutraust, wozu hast du mich dann geheiratet?“

Meine Liebste muss lachen und verweist mich mit folgender Antwort auf die Plätze: „Wegen gutem Sex; bestimmt nicht wegen deiner handwerklichen Fähigkeiten!“

Ich verkneife mir die naheliegende Bemerkung über die umgangssprachlichen Zusatzbedeutungen des Wortes „bohren“ und finde mich, einigermaßen geschmeichelt, fürs erste ab mit den Zweifeln meiner handwerklichen Kompetenz.

Geschichten die das Leben schrieb: Die Küche, der Kriegsminister und der Wein

Alarm im trauten Heim: Die Frau ist mal wieder der Meinung, dass sie 500 Gramm zu viel auf die Waage bringt und verkündet ab sofort eisernste Entschlossenheit und Disziplin, um fortan auf Wein zu verzichten. Den hat sie nämlich als hauptsächlichen Dickmacher ausgemacht.

Ihr guter Vorsatz hat jetzt schon 48 Stunden gehalten, deshalb bin ich geneigt, ihr diesmal zu glauben. Während wir in der Küche das Mittagessen bereiten (sie bereitet und ich scrolle mich derweil durch News-Portale und Websites), konstatiert sie aus dem Nichts „Also, diese fette Ricarda Lang ist ja wohl eine einzige Witzfigur…“.

Offensichtlich hat sie die beleibte Grünenfunktionärin, bei der das intellektuelle Gewicht im umgekehrt proportionalen Verhältnis zum physischen steht, in der mittäglichen „Drehscheibe“ gesehen, der Mittagspausen-Standardsendung meiner Herzdame. Ich antworte bestätigend, erwähne aber die Sinnlosigkeit von Rückschlüssen von physischer Erscheinung auf die politischen Handlungen von Machthabern.

Die Frau lässt das alles, während sie mit der Pfanne hantiert, kurz sacken und konstatiert dann: „Ich hab mir ja vorgenommen, eine Zeit lang keinen Wein trinken, deswegen will ich solche Nachrichten gar nicht hören! Sonst will ich sofort die nächste Flasche Wein aufmachen, weil ich denke ‚Scheiss auf die Figur!‘. Also erzähl mir sowas bitte erstmal nicht!“

Geschichten die das Leben schrieb: wie ich mal durch ein im Fernsehen gesendetes Interview ganz unbeteiligt zu Schaden kam

Aus Richtung Fernseher dringt der pseudo-einfühlsame professionelle Reportertonfall eines der unaufhörlichen Expertengespräche zum Thema Nahostkrieg an mein Ohr.  Die verlogene Intonation und die standardisierten Sprachregelungen verraten mir, dass es sich um einen der ganz oder teilweise vom deutschen Staat kontrollierten Sender handeln muss.

Ich versuche, so gut es geht, wegzuhören und mich meiner mehr oder weniger kreativen Tätigkeit in meiner Lese- und Zeichenecke zu widmen. Aus dem Interview, das Dunja Halali mit irgendeinem „Experten“ oder Regierungsvertreter führt (ein ausländischer, da der Mann übersetzt wird), dringt trotz meiner Ignorierungsbemühungen ein Satz an mein Ohr, der heraussticht aus dem Einerlei gegenseitiger Bestätigung imperialistischer Moral, welches hier von Interviewtem und Interviewerin für das Fernsehpublikum inszeniert wird.

„Nun ist es ja selbstverständlich, dass Israel das Recht zur Selbstverteidigung gegen den Terror hat, aber bei der Gegenreaktion kommen ja unvermeidlich auch Zivilisten zu Schaden…“, problematisiert die Staatsenderjournalistin in Richtung Gesprächspartner. Was dieser antwortet, höre ich schon nicht mehr (irgendein Bedauern über und Rationalisieren des „Unvermeidlichen“ wird es sein; der Mann ist wohl entweder amerikanischer oder israelischer Militär oder Politiker). 

Vor den Augen der Welt findet also nicht ein erbarmungsloser Bombenkrieg gegen die eingesperrte palästinensische Zivilbevölkerung des Gaza-Streifens statt, jedenfalls nicht für Journalisten deutscher Leitmedien, sondern „es kommen auch Zivilisten zu Schaden“. Diese Späne, die nun mal leider anfallen beim durch und durch gerechtfertigten antiterroristischen Hobeln der israelischen Armee, sind – so suggerieren es Reporterin und Befragter – zwar irgendwie nicht sehr schön. Man würde sie auch gerne möglichst vermeiden, aber – verständige Menschen wissen das – es gibt im Krieg nun mal leider auch Opfer. 

Beziehungsweise eigentlich gar keine Opfer, sondern von Pech heimgesuchte Zivilisten, die bei einem unvermeidlichen Geschehen „zu Schaden gekommen“ sind. Sie stellen insofern höchstens ein theoretisches, weil moralisches, aber kein wirkliches Problem dar für die erfolgreiche Kriegführung Israels und deren mediale Nachbeter. 

Der abgebrühte Zynismus der Formulierung „zu Schaden kommen“ für die Opfer eines Bombenterrors, der genozidale Züge hat, passt zu dem kürzlich durchgesickerten Brevier mit Sprachregelungen für die ganz oder teilweise vom deutschen Staat kontrollierten Sendeanstalten. In diesen Anweisungen wird im Detail festgelegt, wie und mit welchen Ausdrücken und Formulierungen Nachrichtensprecher, Reporter usw. dem Publikum den gegenwärtigen Nahostkrieg zu vermitteln haben. Das sprachliche Framing dient dazu, die Handlungen der israelischen Seite als gerechtfertigt und notwendig, die der Hamas dagegen als terroristisch und archetypisch böse darzustellen.

Während ich die aufsteigende Übelkeit in mir bekämpfe, sinniere ich darüber, wie Frau Halali wohl drei Generationen zuvor ihre militärisch-politischen Gesprächspartner befragt hätte. Vielleicht so: „Herr Eichmann, nun sind ja in den Konzentrationslagern auch Zivilisten zu Schaden gekommen, was können Sie den Zuschauern an der Heimatfront denn dazu mitteilen…?“. Und Eichmann so: „Danke für diese Frage, Frau Halali. Zunächst mal muss ich festhalten, dass es natürlich unser gutes Recht ist, uns gegen den jüdisch-bolschewistischen Terror zur Wehr zu setzen…“ usw.

Ich komme zu dem Schluß, dass bei der Berichterstattung über die Konflikte auf der Welt (vor allem aber bei der über den Krieg Israels gegen Gaza) vor allem Journalismus, Ehrlichkeit und jeder menschliche Anstand auf Seiten der politischen und journalistischen Kriegsbefürworter zu Schaden gekommen sind. Und die Gehirne der Fernsehkonsumenten, die dieser Propaganda täglich ausgesetzt sind.

Geschichten die das Leben schrieb: Gottes Segen fürs Saufen

Beim morgendlichen Rundgang mit dem Hund kommen wir an diesem Schaukasten der evangelischen Auferstehungskirche vorbei. Ich mache die Liebste auf das Plakat mit den schönen blauen Trauben aufmerksam. Sie geht näher heran, liest sich den Text durch und bemerkt: „Pflanzen der Bibel? Wir machen alles richtig!!“