Als Individuen und als Gesellschaft sollten wir1 in der Lage sein, so viel arbeits(zwang)freie Zeit wie möglich zu haben. Zum Beispiel, um uns mit Konzepten wie der Struktur der Raum-Zeit, dem Quantenschaum und dem Fermi-Paradoxon auseinanderzusetzen und um die Neugier und den Erfindungsreichtum unserer Spezies in die kontinuierliche Verbesserung des Lebens für alle auf diesem einzigartigen Planeten zu lenken.
Stattdessen verbringen wir als Einzelne und als Gesellschaft den Großteil unseres Lebens damit, ums Überleben zu kämpfen in einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft, die nicht nur Reichtum für wenige und Armut für viele schafft, sondern die unvermeidlich zu Kriegen und zur Naturzerstörung führt.
Entweder wir befreien uns vom Kapitalismus als Herrschaftssystem, oder wir sind zum Aussterben verurteilt.
Ich erlaube mir ausnahmsweise mal, das dümmliche „Wir“ zu benutzen, mit dem bürgerliche Ideologen eine irgendwie gesamthaft verantwortliche abstrakte Menschheit für das zivilisatorische Desaster verantwortlich machen, das die barbarische Grühstufe der Menschheitsentwicklung – auch als „Kapitalismus“ bekannt – bewirkt. Man sehe mir das nach.↩︎
„Dem Westen steht eine traumatische Erfahrung bevor, da er sich an die neue internationale Machtverteilung anpassen muss und Regeln akzeptieren muss, die von nicht-westlichen Mächten festgelegt oder beeinflusst werden.“ (Glenn Diesen)
Ich übersetze hier mal auszugsweise das Schlusskapitel von Glenn Diesens exzellentem Buch „Der Ukraine-Krieg und die Eurasische Weltordnung“. Wenn man sich mit Hintergründen und Historie, mit Jahrhunderte umspannenden Zeitbögen und zivilisatorischen Entwicklungen beschäftigt und die dahinter stehenden geoökonomischen und -politischen Interessen und Konzepte begreift, erscheint die absolut desaströse und infantile Barbarei umso grotesker, die heutzutage immer noch – wenn auch glücklicherweise im Niedergang – die Weltgeschäfte und -Geschichte bestimmt.
Zum Begriff der „Westfälischen Weltordnung“, die Diesen in dem Buch ausführlich erwähnt und – wohl etwas naiv bzw.. zu idealistisch in Bezug auf die angenommen Vorzüge dieser Ordnung – der hegemonialen Ordnung des westlichen Weltsystems entgegenstellt (wobei Diesen implizit gleichsetzt, dass eine multipolare Ordnung automatisch eine westfälische, also auf gleichberechtigter Souveränität beruhende, Ordnung wäre):
Der Begriff geht auf den Westfälischen Frieden von 1648 zurück, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Daraus wird ein Ordnungsmodell abgeleitet, das bis heute als Grundmuster des internationalen Staatensystems gilt.
Kernprinzipien:
- Souveränität: Jeder Staat hat die alleinige Hoheit über sein Territorium, keine äußere Macht darf sich einmischen
- Nichteinmischung: In innere Angelegenheiten anderer Staaten wird nicht eingegriffen
-Rechtliche Gleichheit der Staaten: Formal sind alle Staaten gleichberechtigte Akteure, unabhängig von Größe oder Macht
- Territoriale Integrität: Grenzen sind unverletzlich, Gebietsansprüche werden nicht mit Gewalt durchgesetzt
Bedeutung: Das Konzept löste die mittelalterliche Vorstellung einer übergeordneten religiösen oder imperialen Autorität (Papst, Kaiser) ab und etablierte den Nationalstaat als zentrale Einheit der internationalen Ordnung. Es bildet bis heute die normative Grundlage des Völkerrechts und der UN-Charta.
Kritischer Punkt: In der Praxis war und ist das Prinzip immer selektiv angewendet worden. Die Kolonialmächte, die dieses Ordnungsmodell für sich beanspruchten, haben es außerhalb Europas systematisch missachtet, kolonisierte Gebiete galten nicht als souverän. Auch heute wird Souveränität von den dominanten Mächten oft situativ ausgelegt, etwa wenn militärische Interventionen mit “Responsibility to Protect” oder ähnlichen Konstrukten begründet werden, während gegenüber anderen Staaten strikt auf Nichteinmischung gepocht wird. Stimmen aus Russland, China und Teilen des Globalen Südens verweisen zunehmend gerade auf die “wertewestliche” Aushöhlung dieses Prinzips, während sie selbst eine strengere, buchstäbliche Auslegung staatlicher Souveränität als Gegenmodell zur unipolaren Ordnung vertreten.
Zusammenfassend lässt sich schließen, dass die Wiederherstellung einer westfälischen Weltordnung nicht nur eine multipolare Verteilung der Wirtschaftskraft erfordert, sondern auch die Achtung der zivilisatorischen Vielfalt, um sicherzustellen, dass der Grundsatz der unteilbaren Sicherheit gewahrt bleibt.
Zu diesem Zweck sollte die internationale Ordnung den ruchlosen Ansprüchen auf zivilisatorische Überlegenheit entgegenwirken, die sich hinter der wohlklingenden Rhetorik universeller Werte und Entwicklungsmodelle verbergen.
Durch dieses Prisma betrachtet können die Bemühungen der USA, die Welt in Demokratie und Autoritarismus zu spalten, eher als Rezept für Hegemonie und souveräne Ungleichheit denn für Harmonie und menschlichen Fortschritt angesehen werden.
Xi Jinping hat daher das hegemoniale Modell der USA zurückgewiesen und stattdessen das westfälische Argument vorgebracht, dass Staaten „davon Abstand nehmen müssen, anderen ihre eigenen Werte oder Modelle aufzuzwingen“. (…)
Der Ukraine-Krieg war eine vorhersehbare Folge einer unhaltbaren Weltordnung und wurde zum Schauplatz für die Gestaltung einer zukünftigen Weltordnung, die entweder auf globaler Hegemonie oder auf westfälischer Mehrparteiengleichheit beruht.
Die Ziele, Russland militärisch, wirtschaftlich oder politisch zu besiegen, indem man es weltweit isoliert, sind alle gescheitert. Die Reaktion der NATO bestand in einer kontinuierlichen Eskalation und theatralischen Gesten. Da die Ukraine durch unermessliches Leid verwüstet wurde und ihre Unfähigkeit, ihre militärischen Ziele zu erreichen, zu einer anerkannten Tatsache geworden ist, besteht die einzig mögliche Lösung des Konflikts darin, dass der Westen die legitimen Sicherheitsbedenken Russlands anerkennt und so das Sicherheitsdilemma entschärft.
Die Schwierigkeit dabei liegt darin, dass dies das Ende der Ära der liberalen Hegemonie bedeuten würde.(…)
Die Hegemonie hat die Rivalität der Großmächte nicht gemildert, sondern es der dominierenden Macht ermöglicht, ohne Rücksicht auf andere zu handeln und die Diplomatie durch die Sprache der Ultimaten zu ersetzen. Was der Öffentlichkeit als „pro-ukrainische“ Politik und „Hilfe für die Ukraine“ verkauft wurde, beinhaltete den Sturz der demokratisch gewählten Regierung ohne mehrheitliche Unterstützung durch die Ukrainer; die Unterstützung einer „Anti-Terror-Operation“ gegen ukrainische Bürger im Osten; die Säuberung der politischen Opposition und den Abbau der Demokratie; die Stärkung militanter Gruppen; die Sabotage von Friedensabkommen, die von Kiew unterstützt wurden; sowie den Druck auf die ukrainischen Streitkräfte, eine verheerende Gegenoffensive zu starten, die kaum bis gar keine Aussicht auf Erfolg hatte.
Ein friedliches Ende des Ukraine-Kriegs ist schwer vorstellbar. (…)
Eine politische Lösung des Krieges erfordert, dass der NATO-Expansionismus und der Zusammenbruch der paneuropäischen Sicherheitsarchitektur als die zugrunde liegenden Ursachen des Krieges angegangen werden.(…)
Die NATO muss entweder eine demütigende Niederlage hinnehmen oder sich direkt auf einen Konflikt einlassen, der schnell zu einem Atomkrieg eskalieren könnte. Der Ukraine-Krieg, der den Planeten in einem atomaren Holocaust zu vernichten droht, ist ein Symptom einer umfassenderen Krise des internationalen Systems.
Nachdem der Westen fünf Jahrhunderte lang die Hegemonie genossen und globale Regeln im Dienste westlicher Interessen geschaffen und durchgesetzt hat, findet nun eine spektakuläre Neuordnung der Machtverhältnisse in der Welt statt. Die globale Mehrheit strebt nach Multipolarität im Sinne einer westfälischen Weltordnung, während der Westen und die Führung in Washington versuchen, ihre dominante Position in der Welt wiederherzustellen. (…)
Da es nicht gelingt, China und Russland mit wirtschaftlichen Mitteln zu Fall zu bringen, werden die Konflikte um die zukünftige Weltordnung weiterhin militärischer Natur sein. Die Angst vor einem Atomkrieg scheint verschwunden zu sein, und Kriege zwischen den Großmächten sind nicht mehr undenkbar. (…)
Dem Westen steht eine traumatische Erfahrung bevor, da er sich an die neue internationale Machtverteilung anpassen muss und Regeln akzeptieren muss, die von nicht-westlichen Mächten festgelegt oder beeinflusst werden. Es sieht jedoch nicht so aus, als würden die USA einen friedlichen Übergang zu einer westfälischen Weltordnung akzeptieren. Der Mangel an politischer Vorstellungskraft in Washington hat zu einer Weltanschauung geführt, in der Chaos die einzige Alternative zur globalen Vorherrschaft der USA ist (…)
Sollte dies weiterhin die Sichtweise des Westens sein, werden wir Zeugen einer großen Tragödie für die Menschheit werden.“
Ich hab dieses Buch tatsächlich von vorne nach hinten, Kapitel für Kapitel, Abschnitt für Abschnitt durchgearbeitet.
Es ist zwar schon Ende 2023 erschienen und ist insofern nicht wirklich aktuell, was das westliche Ukraine-Projekt betrifft – aber das will es auch nicht vorrangig sein (auch wenn seine Voraussagen für den Verlauf des Krieges und die unaufhaltsame Entstehung der multipolaren Weltordnung zutreffend sind).
Es will vor allen Dingen die Entstehung und den historischen Kontext des Ukraine-Konflikts und des strategischen westlichen Weltordnungsvorhabens skizzieren, mit dem die NATO, vor allem aber die USA, den als schwächer gesehenen geopolitische Rivalen Russland auszuschalten beabsichtigten, um sich danach mit umso größerer Wucht ihrem – aus ihrer Sicht – gefährlichsten Rivalen China zuzuwenden.
Dass das alles so gewaltig in die Hose ging, dass sich amerikanische Hegemonie, dass sich Einfluss und geopolitisches Standing der Vormacht selbst und das ihrer europäischen und sonstigen Vasallen jetzt auf einer steilen Rutschbahn in den welthistorischen Abgrund befinden, das war 2023 schon absehbar und ist jetzt überdeutlich und unumkehrbar geworden.
Dieses Buch ordnet den Konflikt in ein historisches Gesamtbild ein und skizziert die gegensätzlichen Weltordnungsvorstellungen, die den europäischen Kontinent (spätestens ab Ende des 19. Jahrhunderts, auch unter massivem Einfluss des aufstrebenden amerikanischen Imperialismus) bestimmt und definiert haben.
Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der sich jenseits und abseits der hechelnden moraltriefenden Empörungsindustrie der westlichen Kriegspropaganda einmal über das Gesamtbild, die Hintergründe und vor allen Dingen die Geschichte dieser Entwicklungen sachkundig machen möchte.
Spoiler: Glenn Diesen ist kein Marxist, sondern einer der sachlichsten und kenntnisreichsten bürgerlichen Gesellschaftswissenschaftler, die sich in diesem Zusammenhang geäußert haben.
Seit wir vor einer knappen Woche in unserem Urlaubsort in der holsteinischen Probstei, wo wir seit sieben Jahren unseren Jahresurlaub verbringen, angekommen sind, fällt uns auf, dass es hier seltsam leer ist.
Viele Ferienwohnungen sind gar nicht belegt, das Hotel neben unserem Ferienhaus, in dessen Restaurant man morgens die Gäste frühstücken sieht, hat kaum Urlauber im Frühstückssaal, der Strand wirkt selbst am Wochenende geräumig und keineswegs so voller Badegäste wie sonst. Das ist einerseits angenehm, weil man mehr Platz am Strand hat und der Ort nicht so quirlig und belebt ist wie sonst – andrerseits wirkt es mitten in der Sommersaison sehr ungewohnt.
Heute, beim ersten Gang mit dem Hund, unterhalten wir uns über dieses Phänomen. „Ich schätze, die haben hier einen Rückgang von 20 – 25% im Tourismus, so wie das hier aussieht“, sage ich. Die Liebste hält das noch für untertrieben: „Nee, guck doch mal, hier ist doch kaum einer – das müssen um die 40% weniger Leute sein!“
Nun sind solche subjektiv empfundenen Veränderungen natürlich keine Erhebung mit belastbaren Zahlen, aber klar ist, dass deutlich weniger los ist als in den Vorjahren. Wir beschließen, eine zuverlässige Quelle zum Thema zu befragen und begeben uns zum einzigen Supermarkt des Örtchens, dem legendären „Edeka Alpen“. Dort sitzt morgens seit Jahr und Tag eine Rentnerin auf der Bank vor dem Markt, trinkt ihren Kaffee, den sie ab und zu in der angeschlossenen Bäckerei nachschenken lässt und raucht sich eine (manchmal auch mehrere).
Die Dame ist eine wettergegerbte Camperin aus Hamburg, die ihren Wohnwagen das ganze Jahr über auf dem Campingplatz „Grasbleek“ stehen hat und dort von Mai bis September residiert. Sie ist ca. achtzig Jahre at, kommt schon seit über zwanzig Jahren hierher und zählt im Grunde als Einheimische – jeder kennt sie, sie kennt jeden und von ihrem Platz vor dem „Edeka Alpen“ kommentiert sie mit verschiedenen Sitznachbarn schonungslos die Lage und die Leute.
Ich setze mich neben sie, während die Liebste im Markt ein paar Einkäufe erledigt. „Kommt mir das nur so vor, oder ist es hier tatsächlich viel leerer geworden?“ frage ich sie nach dem üblichen Austausch der Begrüßungs- und Höflichkeitsfloskeln (die aus einem kurzen „Moin!“ bestehen).
„Ja, ist wirklich so. Dieses Jahr ist das ganz merkwürdig. Das ist beinah nur halb so viel sonst.“ Sie weist auf den großen leeren Parkplatz, auf den wir gucken. „Kein einziges Auto. Der war sonst voll um diese Jahreszeit. Es ist Hochsaison und kaum jemand ist da. Die leben ja vom Tourismus hier – das werden die zu spüren kriegen!“
Auf Nachfrage berichtet sie, dass es auf ihrem Campingplatz ähnlich ist. Am Wochenende kämen immer noch ein paar Einheimische aus der Umgebung, aber ansonsten ist ein enormer Rückgang an Besuchern zu verzeichnen. „Ich war noch nie so viel alleine in meinem Wohnwagen wie dieses Jahr. Ganz merkwürdig.“
„Die Leute haben kein Geld mehr. Die Alten, die die immer da waren, die sterben weg. Aber die Jungen? Die müssen arbeiten… wenn sie Arbeit haben!“ fügt sie hinzu. „Das ist ein ganz merkwürdiges Jahr“, wiederholt sie noch einmal und zündet sich noch eine Zigarette an.
Heute Morgen stand ich mit meinem Hund am Strand, es nieselte, der Wind sorgte für eine ostseeuntypische, relativ starke Brandung, und mir kam das Lied „Nichts haut einen Seemann um“ von Udo Lindenberg in den Sinn.
Unser Vater hatte durch seinen letzten Wunsch, dieses Lied bei seiner Trauerfeier zu spielen, dafür gesorgt, dass es unlöslich mit der Erinnerung an ihn verbunden ist. Heute morgen war das auch so, aber es war mehr als Erinnerung: es war die Präsenz seines Wesens als Mensch – weniger in der Rolle des Vaters, sondern als der Mann, der er war, mit all seinen Aspekten, Fähigkeiten, Vorlieben und Schwächen.
Die tiefe innere Verbundenheit mit ihm ging in dem Moment nicht nur von mir zu ihm, sondern auch von ihm zu mir. So, als ob wir etwas essenziell Gemeinsames miteinander teilen (was natürlich nahe liegt, da ich zu 50% aus seinem genetischen Material gemacht bin).
Jedenfalls war es ein berührender und schöner Moment der Würdigung des Mannes, der mein Vater war. Oder in gewissem Sinne immer noch ist und immer bleiben wird.
Vor ein paar Tagen hab ich in einem dieser KI-Physikvorträge Richard Feynman darüber reden gehört, dass aus quantenmechanischer Sicht die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keinen Sinn hat, und dass auf gewisse Weise jeder Augenblick im Leben jedes Menschen in seiner eigenen quantenphysikalischen Realitätsblase erhalten ist – nicht „bleibt“, sondern IST. Dass also die Toten niemals von uns gehen, sondern auf eine Weise weiter existieren. Oder so ähnlich.
Das erscheint mir sehr einleuchtend. Es würde erklären, warum man nahe Verwandte auch (vielleicht gerade) nach ihrem Tod solcherart wahrnimmt, dass die „Erinnerung“ mehr ist als ein paar Gedächtnisinhalte und Bilder. Fast ist es so, als könnte man sie (bei Eltern wahrscheinlich logischerweise) erst als die Menschen sehen, die sie jenseits ihrer Elternrolle waren, wenn sie nicht mehr unter uns sind.
Das gesamte argentinische Team wirkte im Endspiel der WM so, als hätten sie sich zum Ziel gesetzt, den Fußball zu zerstören und möglichst hässliche Fouls zu begehen. Selbst Messi, aber der machte es auf elegantere Art:
„Es gab einen Moment, in den letzten Sekunden der regulären Spielzeit, in dem Messi plötzlich zum Leben erwachte. Er hatte den Großteil der vorangegangenen 90 Minuten in glorreicher Isolation verbracht und aus der Ferne zugesehen, wie Spanien die argentinische Abwehr in einen Zustand der Hypnose versetzte. Er hatte den Ball kaum berührt, geschweige denn seine gewohnte Magie entfalten können. Doch ein Spieler von Messis Kaliber bleibt nie lange still.
Und so, kurz nach der roten Karte für Fernández, griff er tief in die Trickkiste … und verpetzte Marc Cucurella, weil dieser mit der Hand vor dem Mund mit ihm gesprochen hatte. Der Schiedsrichter ließ sich davon nicht beeindrucken.“ (New York Times, USA)*
Gut, das diese Truppe, die wie ein Rudel Kampfhunde über den Platz lief – aber zum Glück von den überlegenen Spaniern jederzeit dominiert wurde – verdient verloren hat. Und auch in der Niederlage zeigten die Argentinier, was für stil- und respektlose Verlierer sie sind:
„Bei der Medaillenverleihung der Weltmeisterschaft bildeten die spanischen Spieler eine Ehrengarde für die argentinischen Spieler, angeführt von einem tränenreichen Lionel Messi, als diese auf die Bühne gingen, um ihre Silbermedaillen entgegenzunehmen.
Als jedoch Spanien an der Reihe war, seine Goldmedaillen entgegenzunehmen und den Weltmeisterpokal in die Höhe zu recken, begaben sich die argentinischen Spieler auf die andere Seite des Spielfelds und drehten ihren Gegnern den Rücken zu, um ihren eigenen Fans zuzuwenden – was wie eine Geste der Respektlosigkeit wirkte.“ (The Independent, UK)
Von ähnlicher schwer erträglicher Infantilität und Boshaftigkeit erwies sich einmal mehr der fettleibige Clown, der derzeit als Diktator und Gottkönig der USA fungiert:
„Ein emotional unterentwickelter, nach Bestätigung gieriger, narzisstischer Trottel hat einmal mehr bewiesen, dass er psychologisch nicht in der Lage ist, sich eine Situation vorzustellen, in der sich nicht alles um ihn dreht.
Während er grinsend wie ein Kleinkind, das auf eine Belohnung wartet, im Mittelpunkt der Bühne stand, fehlte diesem Aufmerksamkeitssucher die emotionale Intelligenz, die Bescheidenheit, die Anmut oder das Selbstbewusstsein, um zu erkennen, dass er einen besonderen, einmaligen Moment für die spanische Fußballnationalmannschaft ruinierte.
Statistiken zeigen, dass der 79-jährige Trottel im WM-Finale null Minuten spielte, null Tore schoss, null Vorlagen gab und null Paraden zeigte, aber in der Kategorie „sich psychopathisch in die Leistung eines anderen einzumischen“ der Beste auf dem Platz war.
Es wird vermutet, dass der Mann Spaniens historischen WM-Sieg damit feiern wird, dass er eine Statue von sich selbst errichten lässt.“ (The Shovel, Australien)
„Die Hand vorm Mund“ wird seit neuestem auf Anweisung der FIFA geahndet, um rassistische Beleidigungen auf dem Platz zu unterbinden.
Der WEMEZE-Text ist in seiner Beschreibung der Zustände akkurat, lässt aber den Leser mit der Frage zurück, WARUM das nun alles eigentlich passiert. Weil die handelnden Politiker böse Gesellen sind? Weil die Welt nun mal schlecht ist?
Wie so viele präzise beobachtende Artikel bleibt auch dieser bei der Beschreibung stehen und vermeidet es, sich mit den Ursachen des autoritären Staatsumbaus zu befassen. Da würde er nämlich auf die INTERESSEN stoßen, die sich in einer kapitalistischen Gesellschaft IMMER durchsetzen – aus dem einfachen Grunde, dass Staat und Gesellschaft für und von diesen Interessen eingerichtet sind: kapitalistisches Eigentum, Kapitalvermehrung, unausweichliche Verbindlichkeit der kapitalistischen Eigentumsordnung (und damit der Klassengesellschaft) für alle Bewohner des auf diese Weise beherrschten Territoriums, garantiert von der Staatsmacht.
Diese schönen Verhältnisse sehen auch die Kritiker des autoritären Staatsumbaus – den manche auch „Faschisierung“ nennen – im Normalfall als erstrebenswert, alternativlose, bestmögliche Ordnung usw.
Das macht ihre (richtige) Kritik so zahnlos, so wirkungslos, so ausschließlich auf Empörung und moralische Verurteilung des Kritisierten gerichtet. Sie wollen nicht n die BASIS der von ihnen beschriebenen Zustände, die sie als Fehlentwicklung einer grundsätzlich richtigen Sache sehen. Sie wollen nicht die EIGENTUMSFRAGE stellen. Sie wollen den Kapitalismus behalten – aber der soll doch bitte nicht so rücksichtslos gegen sein Verwertungsmaterial (ob menschlich oder dinglich) sein.
Sie fürchten den Kommunismus (so nennen sie den Sozialismus). Und ohne „Kommunismus“, ohne eine sozialistische Organisation der wesentlichen Teile gesellschaftlicher (Re-)Produktion wird uns der Kapitalismus auf seinem gegenwärtigen Weg mal wieder in einen Krieg führen, von dem diesmal niemand sagen kann, ob und wie ihn irgendjemand überleben wird.
Man muss sich die Eleganz dieses politischen Moments auf der Zunge zergehen lassen, sofern man sich das Schlucken noch leisten kann. Während man dem Publikum weiterhin die Illusion eines komplizierten Reformgeschehens vorspielt, wird im Hintergrund mit bewundernswerter Konsequenz an der einfachsten aller Lösungen gearbeitet: der Entkernung. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern mit der Geduld eines Verwaltungsakts, der weiß, dass seine größte Stärke darin liegt, niemanden mehr zu interessieren.
Der autoritäre Umbau kommt nicht im Stiefel daher, sondern im Sparpaket. Er spricht nicht von Macht, sondern von Effizienz, nicht von Kontrolle, sondern von Notwendigkeit. Und wer sich wundert, warum ausgerechnet im Gesundheitssystem gekürzt wird, der hat den feinen Humor dieser Politik noch nicht verstanden. Eine Bevölkerung, die sich ihre seelische Stabilität nicht mehr leisten kann, ist berechenbarer. Wer permanent damit beschäftigt ist, nicht auseinanderzufallen, stellt keine lästigen Fragen mehr nach dem Zustand des Ganzen.
Die Einschnitte bei Psychotherapeutinnen sind daher kein Versäumnis, sondern eine strategische Glanzleistung. Man entzieht der Gesellschaft die Fähigkeit zur Selbstreflexion und verkauft das als Haushaltsdisziplin. Der Bürger wird nicht mehr behandelt, er wird verwaltet. Und wer verwaltet wird, der widerspricht nicht, er funktioniert oder fällt aus der Statistik.
Parallel dazu verschwindet das Transparenzgesetz mit jener Diskretion, die man sonst nur von Absprachen kennt, die besser nie getroffen worden wären. Transparenz ist schließlich gefährlich, weil sie Zusammenhänge sichtbar macht. Ein autoritärer Umbau aber lebt davon, dass alles fragmentiert erscheint, als eine lose Abfolge von Einzelmaßnahmen, die zufällig alle in dieselbe Richtung weisen. Wer das Muster erkennt, hat schon zu viel gesehen.
Dass gleichzeitig die Mittel für ein NSU-Dokumentationszentrum gestrichen werden, ist dabei kein Zufall, sondern ein Bekenntnis. Erinnerung stört. Sie stellt Vergleiche her, wo man lieber Einzelfälle hätte. Sie zwingt dazu, Kontinuitäten zu erkennen, wo man doch so viel Wert darauf legt, alles als notwendige Gegenwartspolitik zu deklarieren. Eine Gesellschaft ohne Gedächtnis ist leichter zu formen, weil sie nicht mehr weiß, was sie verloren hat.
Und so marschieren CDU, CSU und SPD mit bemerkenswerter Einigkeit durch dieses Programm der schleichenden Verrohung, das sich selbst noch als Vernunft ausgibt. Es ist die große Koalition der Entleerung, die sich nicht einmal mehr die Mühe macht, ihre Ziele zu verschleiern, weil sie weiß, dass die Aufmerksamkeitsspanne längst auf Sparflamme läuft.
Lars Klingbeil kommt dabei eine fast tragische Rolle zu, wenn Tragik nicht voraussetzen würde, dass jemand die Lage erkennt. Er führt seine Partei nicht in den Untergang, er verwaltet ihn. Und man muss ihm zugestehen, dass er das mit einer Konsequenz tut, die in ihrer Schonungslosigkeit fast wieder Respekt einflößt. Es ist die Ehrlichkeit des Abrisses, der nicht mehr so tut, als wolle er renovieren.
Am Ende bleibt eine Ordnung, die niemand beschlossen hat und die doch alle betrifft. Sie wächst nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewöhnung. Und genau darin liegt ihre Stärke. Der autoritäre Umbau braucht keine großen Gesten, solange er die kleinen Schritte besitzt, die niemand mehr zählt. Wer noch mitzählt, gilt bereits als Störung. Und Störungen werden, wie man weiß, früher oder später beseitigt, ganz im Sinne einer Politik, die sich selbst für alternativlos erklärt und damit jede Alternative zum Verdacht macht.
Die völlige Abhängigkeit der lohnarbeitenden Bevölkerung von den Gewinnberechnungen und Entscheidungen der Eigentümerklasse
Die harte Wirklichkeit des kapitalistischen Grundprinzips, dass das variable Humankapital nur einer von mehreren Kostenfaktor ist, die es in der Krisensituation zu reduzieren gilt (und Krisensituation ist, wenn die erwartete Kapitalvermehrung für Eigentümer Aktionäre nicht so eintritt wie geplant)
Die ebenso erbarmungswürdige wie erbärmliche Unterwerfung der Arbeitsmannschaft unter ihr unentrinnbares und hoffnungsloses Ausgeliefertsein
Das pseudo-tapfere, traurig-putzige Gestammel der interviewten Proletarier, denen als Argument gegen die Interessen der Kapitalisten an Rentabilitätsoptimierung durch Werksschließungen und Entlassungen nur einfällt, „Ich habe Familie“ oder „Ja, schlimm.“
All das kann man einem Tagesthemen-Bericht entnehmen, in dem über die geplanten Kostensenkungsmaßnahmen beim deutschen Vorzeige-Automobilkonzern VW berichtet wird, als handle es sich um ein unbeeinflussbares und gottgebenes Wetterphänomen, das leider sehr viele nass machen und nur die üblichen Verdächtigen im Trockenen sitzen lassen wird.
So ist die Welt nun mal, kammanixmachen, ist schlimm.
Kapitalismus als Schicksal.
Fünf Minuten später können die gebeutelten Proleten sich wenigstens wieder mit Fußball ablenken.
Gerade die „heute“-Nachrichten in der Halbzeitpause des Achtelfinalspiels Portugal – Spanien gesehen.
Die Ablesefrauen im Studio berichten über die russischen Luftschläge auf Drohnenfabriken, militärische Kommandozentralen, Munitionslager und dergleichen in der Ukraine – hauptsächlich in Kiew – von letzter Nacht.
Dass heißt, darüber berichten sie natürlich explizit NICHT. Wenn man ihnen glaubt, hat der Russe aus schierer russenhafter Boshaftigkeit einfach mal einen Raketenhagel auf die unschuldigen Kiewer Hauptstadtbewohner losgelassen, um möglichst viele zu ermorden.
Aber auch darin ist der Russe voll der Loser, denn trotz fünfhundert Raketen und Drohnen hat er nur 22 Leute getötet. Der Widerspruch fällt den ZDF-Propagandisten natürlich nicht auf. Der circa zweiminütige Bericht bespielt die Klaviatur der Emotionen und der aufs Stammhirn zielenden Parteilichkeit. Er verzichtet dabei auf jegliche Hintergründe, Ziele, strategische Implikationen usw., sogar auf die selbst in den russophoben Bürgermedien normalerweise übliche Pseudoausgewogenheit des „Die russische Seite behauptet, die Ziele gelten militärischen Einrichtungen. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht“:
„Scheinbar grundlose Angriffe“ (die Bilder zeigen ein beschädigtes Wohnhaus) und „Es kann jeden treffen!“ barmt der ZDF-Reporrer und zerrt dann die unvermeidlichen örtlichen Augenzeugen vor die Linse. Die bestätigen in wenigen kurzen Sätzen die feststehende Grundvoraussetzung solcher Berichte: Russe böse, mordet friedliche Ukrainer ohne Grund, tapferer Präsident Selenski aber jetzt beim NATO-Gipfel, der ihm hoffentlich hilft.
Was Russland mit den Angriffen laut eigener Ankündigung erreichen will, nicht müde wird zu erklären, aufgrund der westlichen Eskalationspolitik reziprok und präzise umsetzt, welches Kalkül dahinter steckt, was die Kriegsziele sind – über all das wird der ZDF-schauende Fernsehbürger nicht nur im Unklaren gelassen, sondern gefüttert mit einem Brei aus Desinformation, Lügen, kontrafaktischen Behauptungen und dem Gegenteil von dem, was eigentlich passiert.
All das ist debiler, dümmer und infantiler als die Tele-Tubbies. Diese Art „Nachrichtensendung“ will nicht informieren, sie will desinformieren. Sie lässt absichtlich wesentliche Bestandteile der Ereignisse weg (obwohl diese allgemein zugänglichen Quellen ohne weiteres entnommen werden können). Zweck ist die Abrichtung des Medienkonsumenten zur Parteinahme, zur Identifikation mit der ukrainischen Kriegspartei.
Zu guter letzt wird noch „Unser Mann in Kiew“, der deutsch-ukrainische Boxchampion Vitali Klitschko gezeigt, der mit hartem russischen Akzent bekannt gibt, dass das alles ganz schlimm sein und dass er gesehen hat, wie man Tote aus den Gebäuden holte. Mit diesem faustkämpfenden Sympathieträger, praktischerweise Bürgermeister des Berliner Stadtteils Kiew, ist ein für alle mal klar, dass es sich hier eigentlich schon nicht mehr um Krieg handelt, sondern im Grunde um Terrorismus. Der Oberterrorist Putin hat gewissermaßen seinen Terrorstaat in Form der russischen Terrorarmee auf die Ukraine, also im Grunde auf uns, losgelassen und richtet ganz ganz Schlimmes an.
Zum Glück aber sind die Nachrichten jetzt zu Ende und der Fußball geht weiter.
Gute Nachrichten für die Freunde alleinseligmachender Wahrheiten:
Unsere gütige Obrigkeit tut alles, um uns vor der bösen und fehlleitenden Stimmungsmache und Agitation des Feindsenders zu schützen.
Nur unsere deutsche und europäische Obrigkeit und von ihr zugelassene Medien garantieren verlässliche, seriöse, zutreffende und RICHTIGE Meldungen.
„Der EU-Gerichtshof hat die strafrechtliche Verfolgung von Personen in EU-Ländern zugelassen, die Videos von „Russia Today“ (RT) auf öffentlichen Kanälen und Websites veröffentlichen. Dies geht aus der Entscheidung des EU-Gerichtshofs zu der Klage von drei deutschen Bürgern hervor, gegen die wegen der Weiterverbreitung von RT-Videos auf öffentlichen Plattformen ermittelt wird.
„In Deutschland wurden drei Personen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen, weil sie wiederholt Videos des Kanals RT – Russia Today Germany auf einer öffentlich zugänglichen Website verbreitet hatten. In der Europäischen Union ist die Ausstrahlung dieses Kanals aufgrund von restriktiven Maßnahmen gegen die Russische Föderation verboten“, heißt es in der Urteilsbegründung des Gerichts.
Das Gericht entschied, dass das durch die EU-Sanktionen verhängte Ausstrahlungsverbot für RT „auch für öffentlich zugängliche Websites gilt“. Das Gericht stellte fest, dass „es keine Rolle spielt, ob die Ausstrahlung im Rahmen einer wirtschaftlichen Tätigkeit erfolgt“, und dass das Verbot nicht „vom Inhalt oder der Dauer des Videos“ abhängt. In dieser Hinsicht tragen Personen, die RT-Materialien verbreiten, in Europa die volle Verantwortung.