Mein unfreiwilliges Fernsehprogramm

Durch Zufall in irgendwelche Nachrichten geschaltet, ich glaube in das „heute journal“, wo ein stiernackiger verfetteter Moderator mit der Ausstrahlung eines Jahrmarktschlägers durchs Programm führt.

Thema sind die Schülerproteste in verschiedenen Städten Deutschlands. Ein „Protestforscher“ ordnet das Geschehen für das Zielpublikum seniler Rentner ein, die auf ihrem Sofas dahindämmern und sich die Welt vom Staatsfernsehen erklären lassen:

„Das ist insgesamt ein gutes Zeichen für die Demokratie. Die Politik hat ja die Belange der jungen Leute lange nicht so richtig berücksichtigt.. jetzt kommt es aber darauf an, dass die Proteste konkretisiert und kanalisiert werden, in eine Form, dass die Politik darauf Antworten geben kann…“

Im Klartext: Kritisieren und meckern dürfen die schon – sogar demonstrieren erlauben wir ihnen! – aber es muss sich natürlich im Rahmen halten und darf vor allem nichts an unserer freiheitlichen Ordnung im besten Deutschland aller Zeiten ändern. DAS sollen sie gefälligst den Politikern überlassen, deren Beruf das schließlich ist.

Danach wird umgeschaltet in Städte, wo unerhörter- und gefährlicherweise (obwohl sich die Protestzüge schon aufgelöst haben!) noch „Gruppen unterwegs sind“, die – Schreck lass nach – aus „gewaltbereiten Jugendlichen“ bestehen. Von Gewalt ist zwar noch nichts zu sehen, aber das ZDF hat da anscheinend so eine Ahnung; die Polizei natürlich auch. Wir sagen nur, ohne es zu sagen (sollen also denken): „FRANKREICH! GEWALT!! MIGRANTEN!!!“

Hier ist also Alarmstufe Rot angesagt und der Vor-Ort-Reporter weiß zu berichten, dass die Polizei die Lage als „dynamisch“ einschätzt. Da ist also noch was drin! Man erhält den Eindruck (vermittelt), dass die Staatsfunkjournalisten ein bisschen enttäuscht sind, dass sie keine Bilder von zerdepperten Fensterscheiben und plündernden Randalierern zeigen können und dass sie hoffen, dass sich das im Laufe der Nacht noch entwickelt.

Nach zwei Minuten hab ich genug von der (für mich) ungewohnten Dosis Mediengülle und klicke schnell wieder auf meine YouTube-Abo-Liste, wo zahlreiche gescheite neue Beiträge auf mich warten.