Die Krise hat die Urlaubsorte erreicht: Ein ganz merkwürdiges Jahr

Seit wir vor einer knappen Woche in unserem Urlaubsort in der holsteinischen Probstei, wo wir seit sieben Jahren unseren Jahresurlaub verbringen, angekommen sind, fällt uns auf, dass es hier seltsam leer ist.

Viele Ferienwohnungen sind gar nicht belegt, das Hotel neben unserem Ferienhaus, in dessen Restaurant man morgens die Gäste frühstücken sieht, hat kaum Urlauber im Frühstückssaal, der Strand wirkt selbst am Wochenende geräumig und keineswegs so voller Badegäste wie sonst. Das ist einerseits angenehm, weil man mehr Platz am Strand hat und der Ort nicht so quirlig und belebt ist wie sonst – andrerseits wirkt es mitten in der Sommersaison sehr ungewohnt.

Heute, beim ersten Gang mit dem Hund, unterhalten wir uns über dieses Phänomen. „Ich schätze, die haben hier einen Rückgang von 20 – 25% im Tourismus, so wie das hier aussieht“, sage ich. Die Liebste hält das noch für untertrieben: „Nee, guck doch mal, hier ist doch kaum einer – das müssen um die 40% weniger Leute sein!“

Nun sind solche subjektiv empfundenen Veränderungen natürlich keine Erhebung mit belastbaren Zahlen, aber klar ist, dass deutlich weniger los ist als in den Vorjahren. Wir beschließen, eine zuverlässige Quelle zum Thema zu befragen und begeben uns zum einzigen Supermarkt des Örtchens, dem legendären „Edeka Alpen“. Dort sitzt morgens seit Jahr und Tag eine Rentnerin auf der Bank vor dem Markt, trinkt ihren Kaffee, den sie ab und zu in der angeschlossenen Bäckerei nachschenken lässt und raucht sich eine (manchmal auch mehrere).

Die Dame ist eine wettergegerbte Camperin aus Hamburg, die ihren Wohnwagen das ganze Jahr über auf dem Campingplatz „Grasbleek“ stehen hat und dort von Mai bis September residiert. Sie ist ca. achtzig Jahre at, kommt schon seit über zwanzig Jahren hierher und zählt im Grunde als Einheimische – jeder kennt sie, sie kennt jeden und von ihrem Platz vor dem „Edeka Alpen“ kommentiert sie mit verschiedenen Sitznachbarn schonungslos die Lage und die Leute.

Ich setze mich neben sie, während die Liebste im Markt ein paar Einkäufe erledigt. „Kommt mir das nur so vor, oder ist es hier tatsächlich viel leerer geworden?“ frage ich sie nach dem üblichen Austausch der Begrüßungs- und Höflichkeitsfloskeln (die aus einem kurzen „Moin!“ bestehen).

„Ja, ist wirklich so. Dieses Jahr ist das ganz merkwürdig. Das ist beinah nur halb so viel sonst.“ Sie weist auf den großen leeren Parkplatz, auf den wir gucken. „Kein einziges Auto. Der war sonst voll um diese Jahreszeit. Es ist Hochsaison und kaum jemand ist da. Die leben ja vom Tourismus hier – das werden die zu spüren kriegen!“

Auf Nachfrage berichtet sie, dass es auf ihrem Campingplatz ähnlich ist. Am Wochenende kämen immer noch ein paar Einheimische aus der Umgebung, aber ansonsten ist ein enormer Rückgang an Besuchern zu verzeichnen. „Ich war noch nie so viel alleine in meinem Wohnwagen wie dieses Jahr. Ganz merkwürdig.“

„Die Leute haben kein Geld mehr. Die Alten, die die immer da waren, die sterben weg. Aber die Jungen? Die müssen arbeiten… wenn sie Arbeit haben!“ fügt sie hinzu. „Das ist ein ganz merkwürdiges Jahr“, wiederholt sie noch einmal und zündet sich noch eine Zigarette an.

Ja, es ist ein merkwürdiges Jahr. Finde ich auch. 

Heideurlaub

Der Norden ist das Land der Dicken. Überall trifft man auf massiv übergewichtige Menschen. Diese ganze Gegend sollte Dickdeutschland statt Norddeutschland heißen.

In der Eisdiele stehen zwei 150-Kilo-Betreiber hinterm Tresen. Im Rückraum löffelt die Kundschaft Eis und Sahne aus gewaltigen Glasschalen: die Eltern fett, die Kinder dick.

Auf dem Supermarkt Parkplatz sieht man die Dicken im charakteristisch schwankenden Watschelgang der Adipösen ihre Einkaufswagen rein und rausschieben.

Die Dicken sitzen morgens schon im Speiseraum des Hotels und futtern Berge von Rührei mit Schinken in sich rein. Zum Nachtisch gönnen sie sich dann noch ein paar Weizenbrötchen mit Marmelade oder Nutella. 

Das Gegenprogramm sind die hageren Mittsechziger, ehemals Studienrätin oder Kirchenverwaltungsbeamte, die mit ledriger Haut und ernstem Blick ihre dürren Körper auf eBikes durch die Heidelandschaft bewegen. Mitunter begleitet von der zweiten und dritten Generation ihrer Sippe, denn sie hatten einmal im Leben – als sie sich kennen lernten – Sex und haben dadurch für Nachwuchs gesorgt. Danach haben sie nur noch im Kirchenchor mitgesungen und im Gemeindebeirat gute Taten getan.

Die Pferde jedoch tragen hier Mäntel und Masken, denn sie waren beim CSD in Berlin und hatten noch keine Zeit, sich umzuziehen. 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Grillpoesie

Beim Chinesen und Japaner
findet sich manch ein Veganer.

Auch zahlreiche Zyprioten
ham sich selbst das Fleisch verboten.

Und erst recht der Muselmann:
Er rührt keine Schnitzel an.

Ganz proteinlos auch der Inder:
Vegetarisch schon die Kinder!

Doch im deutschen Pflegeheim
schiebt man sich flott das Grillgut rein.

Der Deutsche isst gern Nackensteaks
am Ende seines Lebenswegs

und auch die Bratwurst er genießt
je älter er geworden ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Seemannsgarn

Vor kurzem habe ich durch Zufall entdeckt, wie gut seemännische Sagen und Gruselgeschichten bei meinen betagten Schützlingen in der Pflegeeinrichtung ankommen. Heute bot sich die Gelegenheit, Seemannsgarn mit der Mal- und Kreativrunde zu koppeln bzw. den Begriff vom Seemannsgarn auf eine praktisch-kreative Ebene zu transportieren:

Beamer aufgebaut, bei YouTube Brandungswellen und Meeresrauschen in Dauerschleife aufgerufen, „Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen von Heinrich Smidt“ (lizenzfrei bei „Projekt Gutenberg“) geöffnet – schon war stimmungsmäßig alles für einige Piraten-, Geister- und Klabautermanngeschichten vorbereitet.

Fehlte noch das Handwerkszeug für die kreative Betätigung. Da ich den Leuten Seemannsgarn erzählen beziehungsweise vorlesen und sie gleichzeitig in irgendeine Art künstlerisch-kreativen Prozess begleiten wollte, tat ich das Naheliegende: ich ließ die Assistentin beim gegenüberliegenden TEDI dünne Hanfschnüre, faserige Schnurrollen, grobe Wollknäuel u.ä. besorgen. Damit hatten wir echtes Seemannsgarn, das zusammen mit Aquarellpapier und ein paar Tuben Tempera- und Acrylfarben unsere Grundausstattung für die Begleitbilder zu den Geschichten ergab.

Das Prinzip ist fürchterlich einfach: man taucht die Schnüre und Fäden mithilfe eines Pinsels oder ähnlichem in die Farbe ein und zieht sie dann auf beliebige Art und Weise über das Papier, so dass sich – soweit die Theorie – interessante Muster und Bildeffekte ergeben. Die Praxis bestätigte die Theorie, alles klappte bestens; allerdings funktioniert selbst dieser extrem niedrigschwellige Ansatz bei alten Menschen, die teilweise haptisch und dementiell eingeschränkt sind, nur mit Assistenz.

Einige konnten es nach kurzem Hinsehen aber auch selber machen. Denn schwierig ist es ja wirklich nicht. Die Ergebnisse jedenfalls sprechen für sich. Einige der so entstandenen Bilder sieht man so oder ähnlich, kostbar gerahmt, in irgendwelchen Hotelfluren oder Arztpraxen, vermutlich für teuer Geld in irgendeiner Kunsthandlung erworben.

Die Kombination aus Seemannsgarn vorlesen und selber mit Seemannsgarn mehr oder weniger abstrakte Bilder zu erstellen kam jedenfalls sehr gut an. Aus kunst- und kulturgeragogischer Sicht werden hier mehrere Aspekte abgedeckt, nämlich die der kreativen Betätigung, der kulturellen Bildung (wenn man Seefahrer – und Klabautermann Geschichten dazu zählen will) und das gemeinschaftliche multimediale Erlebnis einer virtuellen Seefahrt mitten im Hochsommer. Zusätzlich zu den „Mighty Ocean Waves“ in 4K Dauerschleife hatten wir natürlich auch die unvermeidlichen Seemannslieder parat, die alle kennen und gerne mitsingen.

Beim Ablauf ist darauf zu achten, dass nicht mehr als eine Betätigung/ein Input gleichzeitig passiert. Die Erstellung der Bilder erfolgte zum Beispiel als Unterbrechung der Vorlese-Einheiten. Das Angebot selbst dauerte etwa eine Stunde –  davon entfielen jeweils etwa 25 Minuten aufs Vorlesen bzw. auf die kreative Betätigung/aufs Bilder erstellen. Der Rest bestand in der gemeinsamen Betrachtung der Bilder und dem Austausch über die Geschichte.

Sollte es jemals zu einer Neuauflage von Heinrich Smidts Buch „Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen“ kommen, wären die heute entstandenen Bilder jedenfalls geeignete Illustrationen für eine hochklassige Neuausgabe!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Arbeitsunfall

Beim Aufbau der in die Jahre gekommenen Klapptische für das Nachmittagsangebot (Mal- und Kreativrunde) kracht einer unserer Problemtische (nach vier Jahren Dauereinsatz eingerostet, wackelig, schwergängig und teilweise nur mit brachialer Gewalt aufklappbar, gelöste oder fehlende Schrauben in den Füßen) zusammen und donnert mir mit voller Wucht gegen Schienbein und Knie.

Zuerst tut’s nur ordentlich weh, aber das steckt ein ehemaliger Fußballspieler natürlich weg und macht weiter. Nach ein bis anderthalb Stunden mitten im Angebot merke ich aber, wie das Hosenbein um das Knie anfängt zu spannen, weil das Knie mittlerweile auf Babykopfgröße angeschwollen ist und ich kaum noch auftreten und laufen kann.

Ich beende das Angebot im Zeitrahmen und bitte die Kollegen ums Aufräumen und den Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereich, denn mittlerweile kann ich mich nur noch humpelnd fortbewegen.

Natürlich ist für solche Fälle irgendein Prozedere vorgeschrieben und ich trage den Vorfall in das „Unfallbuch“ ein.

Dann schleppe ich mich irgendwie zum Auto und fahre nach Hause, wo ich den Rest des Abends und die anschließende Nacht mit dickem Knie und weitgehend bewegungsunfähig verbringe.

Soweit die Vorgeschichte, aber jetzt wird es richtig bizarr: heute Morgen beim Durchscrollen des Facebook-Feeds finde ich in jedem dritten Posting Werbung von privaten Krankenversicherungen.

Zufall kann es ja kaum sein. Oder ist es denkbar, dass Meta – zu dem ja auch WhatsApp gehört – meine entsprechenden WhatsApp-Nachrichten an die Kollegen aufgreift und deren Inhalt auswertet, um den Reklame-Algorithmus zu füttern?

Ich finde das gruselig und will mir gar nicht vorstellen, welche abseitigen Überwachungs- und Abhörmaßnahmen dazugehören müssen, um um in dieser Geschwindigkeit Vorkommnisse im persönlichen Leben von Leuten aufzugreifen und marketingmäßig zu verwursten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Gnade Gottes verschont keinen

Ausnahmsweise mal den Dienst getauscht und donnerstags statt mittwochs zur Arbeit gegangen. Donnerstags nachmittags findet in der Einrichtung der Gottesdienst statt; heute der evangelische, aber das ist im Grunde egal, wir sind schließlich im Rheinland und hier gilt: leben und leben lassen.

Der überaus populäre Pfarrer erneuert Seelenheil und Glaubensfestigkeit seiner betagten Schäfchen und erzählt den Leuten etwas über die Bedeutung von Pfingsten. Das macht er sehr volkstümlich, indem er die Ausschüttung des heiligen Geistes und das anschließende „Reden in Zungen“ so beschreibt „Das kennen wir ja vom Neusser Schützenfest und vom Karneval: nach dem dritten Bier reden alle in Zungen.“

Damit trifft er den richtigen Ton. Die Leute freuen sich, lachen und betrachten den Pfarrer ganz offensichtlich als einen der ihren: ein Mann des Volkes, einer, der weiß, wo der Frosch die Locken hat und der die Balance zwischen Kirche und Kneipe so zu wahren weiß, wie es am Niederrhein Sitte ist.

Die Verteilung der Liederzettel kann man sich eigentlich sparen, denn fast alle kennen die frommen Erbauungsliedchen auswendig. Den Ohrwurm „Großer Gott, wir loben dich“ habe ich noch in den Abendstunden im Ohr und kann somit wohl als geläutert und bekehrt gelten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: die Leuchttürme und die Möwen

Der größte Ausstellungserfolg der letzten Zeit in der Pflegeeinrichtung, die das Glück hat, mich als Kunstgeragoge zu beschäftigen, war und ist diese Ausstellung mit Leuchttürmen, die die Teilnehmer der „Mal- und Kreativrunde“ gebastelt haben.

Das äußerst niedrigschwellige Angebot – bei denen ich und eine Assistentin den Teilnehmern auch noch beim Ausschneiden und Aufkleben zur Hand gehen mussten, wenn diese das haptisch oder aus Gründen ihrer dementiellen Veränderung nicht alleine schaffen konnten – fand bei der Umsetzung, vor allem aber bei der Ausstellung der anschließenden Resultate bei Teilnehmern und bei den übrigen Bewohnern und Besuchern der Einrichtung extrem großen Anklang.

Leuchttürme scheinen eine besondere Magie auszustrahlen oder auf irgendeine Weise den Wunschträumen und Sehnsüchten vieler Menschen Ausdruck zu verleihen.

Nachdem wir in der letzten Woche bereits die Leuchttürme erstellt hatten, fügten wir diesmal Möwen hinzu, denn ein Leuchtturm ohne Möwen ist wie Rauchen ohne Aschenbecher, wie ein Becher ohne Henkel, jedenfalls, so der allgemeine Konsens, einfach nur ein halber Leuchtturm.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, habe ich soeben bei Temu magnetische Mini-LED-Lichter bestellt, die demnächst unsere Leuchttürme auch noch ihrem wahren Zweck zuführen werden, nämlich zu leuchten, was das Zeug hält.

Geschichten aus dem Pflegeheim: der Frühling kommt

Die wöchentliche Mal und Kreativrunde gibt es seit 2017 , als ich meinen Dienst bei der Diakonie in Neuss antrat. Viele Bewohner, Kurzzeitpflegegäste und sonstige Interessierte haben reingeschaut, mitgemacht, haben ausprobiert, ob das Angebot etwas für sie ist und etliche sind geblieben. Mit der Zeit hat sich ein fester Kern von etwa sechs bis acht Leuten herausgebildet, die die Runde schätzen und die die kreative Inspiration, die sie dort finden bzw. die dort gefördert wird, als wichtigen Teil ihres Heimalltags schätzen.

Da es in der Natur der Sache liegt, dass in einem Pflegeheim die Fluktuation der Teilnehmer ziemlich hoch ist – in einer solchen Einrichtung wird nun mal mehr gestorben als im Rest der Bevölkerung – ist es schon ein kleines Wunder, dass fünf oder sechs Leute seit über sieben oder acht Jahren dabei geblieben sind. All diese Stammgäste sind in den letzten vier Wochen verstorben. Die jährliche Grippewelle ist durch die Einrichtung gefegt wie ein Wintersturm, der die schwachen Bäume entwurzelt und ihr Leben beendet.

Die Mal- und Kreativrunde musste also einen Neustart hinlegen, ein Relaunch war fällig, neue Teilnehmen mussten gefunden und in die Gruppe integriert werden. Nun kenne ich meine Altpappenheimer, und kenne die bei den meisten vorhandene Neigung, schon aus lauter Bequemlichkeit – oft aber auch aufgrund der Tatsache, dass den allermeisten Kunst und Kreativität vom schulischen Kunstunterricht vermiest und versaut worden ist – zuerst mal mit der Standardbemerkung „Nee, Malen ist nichts für mich, das konnte ich noch nie…“ das Angebot abzulehnen.

Bisher war das kein Problem, da wir im Laufe der Zeit die Gruppe für genau diese Leute geöffnet haben: Bewohner, die einfach dabei sein wollten, ohne jeden Zwang dabei saßen, den anderen zuschauten, Musik hörten, sich gut unterhielten und froh waren über die ein bis zwei Stunden Abwechslung im langweiligen Heim Alltag. nach einer Weile erhielt diese Gruppe eine eigene kleine Sitzgruppe, die wir „Die gemütliche Ecke“ nannten. Das wurde so populär, dass häufig in der „Gemütliche Ecke“ mehr Leute saßen als an den Tischen, wo das Kreativ-Angebot stattfindet.

Diesmal wollte ich es anders machen und versuchen, ein paar der „Gemütlichen“ zu „Kreativen“ zu machen! „Niedrigschwelligkeit“ ist das Zauberwort: das Angebot muss so einfach und gleichzeitig so verführerisch sein, dass auch chronische „Ich kann nicht malen!“-Kandidaten sich an die Kreativtische trauen. Das geht logischerweise am besten, wenn gar nicht gemalt (oder gezeichnet) wird, sondern mit einfach zu handhabenden Elementen wie Aufklebern, Bastelkram, Deko-Federn und -Blättern und dergleichen gearbeitet wird. Natürlich darf das Wort „Arbeit“ dabei nicht fallen, sondern das Ganze muss verkauft werden als einzigartige Gelegenheit, zusammen Spaß und Unterhaltung zu haben.

Zusammen mit meiner Assistentin tauche ich also erstmal in die Tiefen unseres Mal-Schrankes, wo sämtliche Werkzeuge und Utensilien aufbewahrt werden, die wir im Laufe der Jahre angeschafft haben. Tatsächlich können wir unglaubliche Mengen an nie benutzten Bastelmaterialien hervorholen, die natürlich nicht alle für unseren heutigen Zweck tauglich sind, aber sehr viel davon häufen wir einfach auf den Tischen auf.

Wir rühren auf den Wohnbereichen ein bisschen die Werbetrommel, versichern den Leuten, dass heute eine echte Überraschung und eine schöne Abwechslung zum Neustart der Mal- und Kreativrunde ansteht und haben schließlich acht Teilnehmer im Angebot sitzen von denen nur ein oder zwei jemals aktiv teilgenommen haben. Vier oder fünf weitere Beeohner haben es dich in der „Gemütlichen Ecke“ bequem gemacht und schauen von dort aus zu.

Wir legen noch einmal eine kurze Gedenkminute ein und tauschen Erinnerungen aus an die bekanntesten und populären kürzlich verstorbenen Mitglieder der Gruppe, die mittlerweile an anderer Stelle ihrer Kreativität fröhnen:

Dann erkläre ich der Gruppe, dass wir heute mit all dem Material, das vor uns auf den Tischen liegt, einfach nur rumspielen, es ausprobieren und auf die bereit gelegten grauen Pappen legen wollen, und dass jeder die Möglichkeit hat, sich aus dem reichhaltigen Angebot von Materialien, Stickern, Blättern und all dem anderen Bastel- und Dekozeug zu bedienen. Als einziges Motto gilt heute „So bunt und fröhlich wie möglich, damit wir die Wiederkehr des Frühlings angemessen feiern können“.

Das finden alle gut, denn dass das Wetter in den nächsten Tagen fast bis zu 20° warm werden soll, haben alle irgendwo gehört und es schon ausgiebig am Mittagstisch besprochen. Wir legen also los. Die Niedrigschwelligkeit in Bezug auf Material, Haptik und Thema ist das eine – die praktische Umsetzung (besonders das Abpulen von Stickern von ihrer Unterlage oder das Aufkleben von Blättern und anderen Elementen) das andere.

Die Assistentin und ich sind während der gesamten Runde im Dauereinsatz und versuchen, jedem einzelnen mit seinem Bild genüge zu tun, gerecht zu werden, seine Ideen um zu setzen und nachzuhelfen, wenn einer trotz aller Niedrigschwelligkeit und Einfachheit der Aufgabe ratlos vor seinem Kartonbogen sitzt. Das kommt (nicht nur) bei dementen Menschen häufig vor, und heute haben wir vier oder fünf Demente in der Runde. Andere sind fasziniert von all den schönen bunten Sachen, die wir auf den Tischen ausgebreitet haben und fangen von alleine an, ihre Bilder zu konzipieren, indem sie beginnen, verschiedene Sachen auf den Kartonpappen zu sammeln, zu arrangieren usw.

Tatsächlich kriegen alle ihre Mixed-Media-Collage in den anderthalb Stunden fertig, die die Runde dauert. Die Stimmung ist gut und fokussiert kreativ – und durchweg so fröhlich wie die Farben und Bildkombinationen, die die Leute vor sich haben. Dazu trägt wie immer auch unsere Standard-Playlist von Schlagern der 1940er bis 1970er Jahre bei, deren Hits viele Teilnehmer mitsingen. Alle sind positiv angetan von den Resultaten ihrer Tätigkeit. Um diese erste „Neue Mal- und Kreativrunde“ würdig zu beenden und den Teilnehmern abschließend noch einmal Ihre Werke gesamthaft vor Augen zu führen, beschließen wir eine spontan Ausstellung der gesammelten Mixed Media Collagen.

Gesagt, getan, und als alles aufgebaut und auf dem Podium in der Cafeteria arrangiert ist, halten die Teilnehmer auf dem Rückweg in ihre Wohnbereiche noch einmal davor an, bestaunen die Werke und freuen sich, was sie wieder Tolles geschaffen haben. „Das war richtig toll heute!“, „Vielen Dank, das war sehr schön !“ sagen einige zum Abschied.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Herbst steht auf der Leiter, wir malen Blätter an

Der Jahreszeit angemessen gibt es diesmal in der Mal- und Kreativrunde ein lustiges Blätterdrucken. Das heisst, Herbstblätter, die ich vorher in der Umgebung der Einrichtung eingesammelt habe, werden in Acrylfarbe getunkt und dann auf Papierbögen gepresst. Das ist nach dem Geschmack meiner Leute, schon weil es unmittelbare Resultate bringt. Allerdings ist die Handhabung eine Herausforderung für die teilweise haptisch limitierten und dementen Teilnehmer: die dünnen Blätter müssen am besten am Stiel angefaßt werden und beginnen sich sofort einzurollen, sobald sie Farbe aufgenommen haben. Trotzdem schafft es jede(r) – mit etwas Hilfe – seine Blätter zu färben und aufs Papier zu pressen.

Die Farbe drücken wir aus der Tube in flache Glasschälchen, ohne sie gross zu mischen, damit die unterschiedlichen Farbtöne sich auf den Blättern wiederfinden können. Frau S., die auf den ersten Blick den Eindruck einer freundlich-resoluten Dame macht, sich stets schick kleidet und der man ihre Demenz nur anmerkt, wenn man sich länger mit ihr unterhält, legt gleich freudig los. Sie rührt aber die drei oder vier verschiedenen Farben im Schälchen vor ihr so wüst durcheinander, dass ein matschiges Braun heraus kommt. Sie ist enttäuscht, dass ihre Blätter nicht so schön bunt sind wie die ihrer Nachbarin, aber als ich ihr neue Farben in das Schälchen drücke und zeige, wie man diese höchstens minimal ein bißchen mit dem Pinsel verteilt, ist alles wieder gut.

Als nächstes wende ich mich Frau P. und Herrn M. zu, die die Aufgabe klasse finden, aber Schwierigkeiten haben bei der mentalen Verarbeitung der einzelnen Schritte des Vorganges. Frau P. hat sich eine Handvoll Blätter von dem Tablett gegriffen, auf die ich die Herbstblätter gelegt habe und legt diese nun auf ihren Papierbogen. Sie ruft mich herbei, ist ganz stolz auf ihr Werk und sagt: „Gut, oder?“ Da kann ich nicht widersprechen, denn buntes Herbstlaub sieht natürlich auch im natürlichen Zustand gut aus. Nachdem ich ihr aber noch einmal erklärt habe, dass wir ein Bild machen wollen, auf dem die Blätter NOCH BUNTER als in echt sind, fällt der Groschen bei ihr. Da sie haptisch und motorisch sehr eingeschränkt ist, muss ich ihr die Blätter einfärben. Anschließend platziere ich die Blätter dorthin, wo Frau P. hindeutet, so dass sie das Gefühl hat, dass dies ihre Kreation ist.

Herr M. sitzt derweil ziemlich ratlos vor seinem Papierbogen. Er scheint sehr zu schätzen, was er bei den anderen entstehen sieht und will nun auch so etwas herstellen, aber er kann nicht nachvollziehen, wie er vorgehen muss. Ich zeige es ihm und er freut sich über die bunten Abdrücke auf dem Papier. Immer wieder aber versucht er, „leere“ (also nicht eingefärbte) Blätter aufs Papier zu pressen und ist dann verwundert, dass nichts passiert. Hier ist also Eins-zu-eins-Betreuung angesagt und ich bleibe erstmal bei Herrn M., bis sein Papierbogen keinen Platz mehr hat für weitere Blätterabdrücke.

Schließlich sind alle fertig und wir zeigen unter vielen „Als“ und Ohs“ die sechs Werke in der Runde herum. Die simple Methodik (gar nicht so simpel für Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen!) und die schönen bunten Ergebnisse sind im Grunde geeigneter für dieses Gruppenangebot als „anspruchsvollere“ Aufgaben wie das Zeichnen konkreter Gegenstände, nach Bildvorlagen oder ähnliches. Es gibt auch Teilnehmer, die mit viel Geduld und Ausdauer an solchen Bildern arbeiten (wollen) – heute aber habe ich vier Menschen mit Demenz in einer Runde von sechs Aktiven (und einigen Bewohnern, die wie üblich einfach nur dabei sitzen, um zuzugucken). Flugs ist eine Ausstellung auf dem Podium der Cafeteria organisiert und alle sind stolz wie Bolle auf ihre Bilder – und auf die anerkennende Würdigung durch Bewohner und Gäste, die sich in der Cafeteria aufhalten oder dort hineinkommen und die neue Ausstellung bewundern.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Bewegung mit Senioren“

Heute war der erste Tag der jährlichen Rezertifizierungs-Fortbildung, die für Pflegeheimmitarbeiter im Sozialen Dienst obligatorisch ist. Thema diesmal „Bewegung mit Senioren“.

Es war unsäglich öde und langweilig, die Referentin nicht vollständig inkompetent, aber unprofessionell bis zur Schmerzgrenze und der Inhalt für die Anwendung im Pflegeheim unergiebig und zum größten Teil unpraktisch. Ich musste mich deshalb zwangsweise mit dem Karikieren des Gehörten beschäftigen (Filme 1-3)



Anschließend das Ergebnis der Aufgabe, die die Teilnehmer zum Abschluss absolvieren sollten: ein eigenes Bewegungs-Angebot für Senioren zu konzipieren und vorzustellen.

Während die anderen Gruppen sich die Köpfe heiß redeten und endlose Konzepte aufschrieben, um sie hinterher mehr oder weniger gekonnt vorzustellen, machten meine Lieblingskollegin und ich kurzen Prozess beziehungsweise ein paar Zeichnungen, animierten diese – und das war’s für uns.

Das Ganze nannten wir Rhythmische Schunkelgymnastik und fanden in aller Selbstbescheidenheit, dass es auf jeden Fall das niedrigschwelligste Angebot der ganzen Runde war (bis auf die Fischbrötchen jedenfalls) 🙂