Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Herbst steht auf der Leiter und malt die Blätter an

Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Alle hatten Spaß und freuten sich an den bunten Herbstblättern und den lustigen Wesen, die daraus entstanden, begleitet von Wiener Walzer und Schlager aus den Jahrzehnten 1940-1980.

Ein kurzweiliger Nachmittag für Leute, die bis auf wenige Ausnahmen aus der Arbeiterklasse kommen, es nie einfach hatten im Leben und auf ihre alten Tage behandelt werden wie die ausgedienten, nicht mehr profitabel einsetzbaren Kostgänger, die sie aus Sicht eines kriselnden Klassenstaates sind.

Zum Schluß freuen sich alle über ihre Werke, bewundern die Ausstellung an der Schrankwand und ziehen stolz von dannen, um zum Abendessen die abgezählten Wurst- und Käsescheiben auf Billigbrot zu verzehren, die im Tagesbudget von 5 Euro pro Person drin sind. Dazu Kräuter- oder Früchtetee aus kleinen Thermoskannen, in denen immer viel zu viele Beutel das ganze Abendessen lang drin hängenbleiben.

Die Liebe des Menschen

In dieser Welt läuft alles falsch. Die Brutalen herrschen, die Dummen regieren, Rücksichtslosigkeit und Inhumanität sind die Tugenden, die für das Fortkommen in der Konkurrenzgesellschaft verlangt werden.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ sprach Adorno. Leider können wir nicht anders, als es zu versuchen. Leider – weil Adorno Recht hat und schon der Versuch zum Scheitern verurteilt ist.

Man braucht seine gesamte innere Kraft (sofern vorhanden), um in einer Welt des Wahnsinns, umgeben von bewusst- und machtlosen kapitalistisch konditionierten Untertanen, nicht selber irre zu werden.

Diese Perle aus meinem Skizzenbuch entstand an einem Vormittag in der „Tagesgruppe“, die wir eine Zeitlang für acht bis zehn demente Bewohner der Pflegeeintichtung eingerichtet hatten.

Die Texte sind von einer fast neunzigjährigen Rumäniendeutschen. Viel mehr sagte sie nicht, nur gelegentlich dies. Oft stand sie dabei auf und deklamierte die Sätze wie eine eindringliche Rezitation, fast wie eine Warnung. Dann setzte sie sich wieder hin und versank in der unergründlichen terra incognita ihres inneren Erlebens.

Die Krise hat die Urlaubsorte erreicht: Ein ganz merkwürdiges Jahr

Seit wir vor einer knappen Woche in unserem Urlaubsort in der holsteinischen Probstei, wo wir seit sieben Jahren unseren Jahresurlaub verbringen, angekommen sind, fällt uns auf, dass es hier seltsam leer ist.

Viele Ferienwohnungen sind gar nicht belegt, das Hotel neben unserem Ferienhaus, in dessen Restaurant man morgens die Gäste frühstücken sieht, hat kaum Urlauber im Frühstückssaal, der Strand wirkt selbst am Wochenende geräumig und keineswegs so voller Badegäste wie sonst. Das ist einerseits angenehm, weil man mehr Platz am Strand hat und der Ort nicht so quirlig und belebt ist wie sonst – andrerseits wirkt es mitten in der Sommersaison sehr ungewohnt.

Heute, beim ersten Gang mit dem Hund, unterhalten wir uns über dieses Phänomen. „Ich schätze, die haben hier einen Rückgang von 20 – 25% im Tourismus, so wie das hier aussieht“, sage ich. Die Liebste hält das noch für untertrieben: „Nee, guck doch mal, hier ist doch kaum einer – das müssen um die 40% weniger Leute sein!“

Nun sind solche subjektiv empfundenen Veränderungen natürlich keine Erhebung mit belastbaren Zahlen, aber klar ist, dass deutlich weniger los ist als in den Vorjahren. Wir beschließen, eine zuverlässige Quelle zum Thema zu befragen und begeben uns zum einzigen Supermarkt des Örtchens, dem legendären „Edeka Alpen“. Dort sitzt morgens seit Jahr und Tag eine Rentnerin auf der Bank vor dem Markt, trinkt ihren Kaffee, den sie ab und zu in der angeschlossenen Bäckerei nachschenken lässt und raucht sich eine (manchmal auch mehrere).

Die Dame ist eine wettergegerbte Camperin aus Hamburg, die ihren Wohnwagen das ganze Jahr über auf dem Campingplatz „Grasbleek“ stehen hat und dort von Mai bis September residiert. Sie ist ca. achtzig Jahre at, kommt schon seit über zwanzig Jahren hierher und zählt im Grunde als Einheimische – jeder kennt sie, sie kennt jeden und von ihrem Platz vor dem „Edeka Alpen“ kommentiert sie mit verschiedenen Sitznachbarn schonungslos die Lage und die Leute.

Ich setze mich neben sie, während die Liebste im Markt ein paar Einkäufe erledigt. „Kommt mir das nur so vor, oder ist es hier tatsächlich viel leerer geworden?“ frage ich sie nach dem üblichen Austausch der Begrüßungs- und Höflichkeitsfloskeln (die aus einem kurzen „Moin!“ bestehen).

„Ja, ist wirklich so. Dieses Jahr ist das ganz merkwürdig. Das ist beinah nur halb so viel sonst.“ Sie weist auf den großen leeren Parkplatz, auf den wir gucken. „Kein einziges Auto. Der war sonst voll um diese Jahreszeit. Es ist Hochsaison und kaum jemand ist da. Die leben ja vom Tourismus hier – das werden die zu spüren kriegen!“

Auf Nachfrage berichtet sie, dass es auf ihrem Campingplatz ähnlich ist. Am Wochenende kämen immer noch ein paar Einheimische aus der Umgebung, aber ansonsten ist ein enormer Rückgang an Besuchern zu verzeichnen. „Ich war noch nie so viel alleine in meinem Wohnwagen wie dieses Jahr. Ganz merkwürdig.“

„Die Leute haben kein Geld mehr. Die Alten, die die immer da waren, die sterben weg. Aber die Jungen? Die müssen arbeiten… wenn sie Arbeit haben!“ fügt sie hinzu. „Das ist ein ganz merkwürdiges Jahr“, wiederholt sie noch einmal und zündet sich noch eine Zigarette an.

Ja, es ist ein merkwürdiges Jahr. Finde ich auch. 

Heideurlaub

Der Norden ist das Land der Dicken. Überall trifft man auf massiv übergewichtige Menschen. Diese ganze Gegend sollte Dickdeutschland statt Norddeutschland heißen.

In der Eisdiele stehen zwei 150-Kilo-Betreiber hinterm Tresen. Im Rückraum löffelt die Kundschaft Eis und Sahne aus gewaltigen Glasschalen: die Eltern fett, die Kinder dick.

Auf dem Supermarkt Parkplatz sieht man die Dicken im charakteristisch schwankenden Watschelgang der Adipösen ihre Einkaufswagen rein und rausschieben.

Die Dicken sitzen morgens schon im Speiseraum des Hotels und futtern Berge von Rührei mit Schinken in sich rein. Zum Nachtisch gönnen sie sich dann noch ein paar Weizenbrötchen mit Marmelade oder Nutella. 

Das Gegenprogramm sind die hageren Mittsechziger, ehemals Studienrätin oder Kirchenverwaltungsbeamte, die mit ledriger Haut und ernstem Blick ihre dürren Körper auf eBikes durch die Heidelandschaft bewegen. Mitunter begleitet von der zweiten und dritten Generation ihrer Sippe, denn sie hatten einmal im Leben – als sie sich kennen lernten – Sex und haben dadurch für Nachwuchs gesorgt. Danach haben sie nur noch im Kirchenchor mitgesungen und im Gemeindebeirat gute Taten getan.

Die Pferde jedoch tragen hier Mäntel und Masken, denn sie waren beim CSD in Berlin und hatten noch keine Zeit, sich umzuziehen. 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Grillpoesie

Beim Chinesen und Japaner
findet sich manch ein Veganer.

Auch zahlreiche Zyprioten
ham sich selbst das Fleisch verboten.

Und erst recht der Muselmann:
Er rührt keine Schnitzel an.

Ganz proteinlos auch der Inder:
Vegetarisch schon die Kinder!

Doch im deutschen Pflegeheim
schiebt man sich flott das Grillgut rein.

Der Deutsche isst gern Nackensteaks
am Ende seines Lebenswegs

und auch die Bratwurst er genießt
je älter er geworden ist.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Seemannsgarn

Vor kurzem habe ich durch Zufall entdeckt, wie gut seemännische Sagen und Gruselgeschichten bei meinen betagten Schützlingen in der Pflegeeinrichtung ankommen. Heute bot sich die Gelegenheit, Seemannsgarn mit der Mal- und Kreativrunde zu koppeln bzw. den Begriff vom Seemannsgarn auf eine praktisch-kreative Ebene zu transportieren:

Beamer aufgebaut, bei YouTube Brandungswellen und Meeresrauschen in Dauerschleife aufgerufen, „Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen von Heinrich Smidt“ (lizenzfrei bei „Projekt Gutenberg“) geöffnet – schon war stimmungsmäßig alles für einige Piraten-, Geister- und Klabautermanngeschichten vorbereitet.

Fehlte noch das Handwerkszeug für die kreative Betätigung. Da ich den Leuten Seemannsgarn erzählen beziehungsweise vorlesen und sie gleichzeitig in irgendeine Art künstlerisch-kreativen Prozess begleiten wollte, tat ich das Naheliegende: ich ließ die Assistentin beim gegenüberliegenden TEDI dünne Hanfschnüre, faserige Schnurrollen, grobe Wollknäuel u.ä. besorgen. Damit hatten wir echtes Seemannsgarn, das zusammen mit Aquarellpapier und ein paar Tuben Tempera- und Acrylfarben unsere Grundausstattung für die Begleitbilder zu den Geschichten ergab.

Das Prinzip ist fürchterlich einfach: man taucht die Schnüre und Fäden mithilfe eines Pinsels oder ähnlichem in die Farbe ein und zieht sie dann auf beliebige Art und Weise über das Papier, so dass sich – soweit die Theorie – interessante Muster und Bildeffekte ergeben. Die Praxis bestätigte die Theorie, alles klappte bestens; allerdings funktioniert selbst dieser extrem niedrigschwellige Ansatz bei alten Menschen, die teilweise haptisch und dementiell eingeschränkt sind, nur mit Assistenz.

Einige konnten es nach kurzem Hinsehen aber auch selber machen. Denn schwierig ist es ja wirklich nicht. Die Ergebnisse jedenfalls sprechen für sich. Einige der so entstandenen Bilder sieht man so oder ähnlich, kostbar gerahmt, in irgendwelchen Hotelfluren oder Arztpraxen, vermutlich für teuer Geld in irgendeiner Kunsthandlung erworben.

Die Kombination aus Seemannsgarn vorlesen und selber mit Seemannsgarn mehr oder weniger abstrakte Bilder zu erstellen kam jedenfalls sehr gut an. Aus kunst- und kulturgeragogischer Sicht werden hier mehrere Aspekte abgedeckt, nämlich die der kreativen Betätigung, der kulturellen Bildung (wenn man Seefahrer – und Klabautermann Geschichten dazu zählen will) und das gemeinschaftliche multimediale Erlebnis einer virtuellen Seefahrt mitten im Hochsommer. Zusätzlich zu den „Mighty Ocean Waves“ in 4K Dauerschleife hatten wir natürlich auch die unvermeidlichen Seemannslieder parat, die alle kennen und gerne mitsingen.

Beim Ablauf ist darauf zu achten, dass nicht mehr als eine Betätigung/ein Input gleichzeitig passiert. Die Erstellung der Bilder erfolgte zum Beispiel als Unterbrechung der Vorlese-Einheiten. Das Angebot selbst dauerte etwa eine Stunde –  davon entfielen jeweils etwa 25 Minuten aufs Vorlesen bzw. auf die kreative Betätigung/aufs Bilder erstellen. Der Rest bestand in der gemeinsamen Betrachtung der Bilder und dem Austausch über die Geschichte.

Sollte es jemals zu einer Neuauflage von Heinrich Smidts Buch „Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen“ kommen, wären die heute entstandenen Bilder jedenfalls geeignete Illustrationen für eine hochklassige Neuausgabe!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Arbeitsunfall

Beim Aufbau der in die Jahre gekommenen Klapptische für das Nachmittagsangebot (Mal- und Kreativrunde) kracht einer unserer Problemtische (nach vier Jahren Dauereinsatz eingerostet, wackelig, schwergängig und teilweise nur mit brachialer Gewalt aufklappbar, gelöste oder fehlende Schrauben in den Füßen) zusammen und donnert mir mit voller Wucht gegen Schienbein und Knie.

Zuerst tut’s nur ordentlich weh, aber das steckt ein ehemaliger Fußballspieler natürlich weg und macht weiter. Nach ein bis anderthalb Stunden mitten im Angebot merke ich aber, wie das Hosenbein um das Knie anfängt zu spannen, weil das Knie mittlerweile auf Babykopfgröße angeschwollen ist und ich kaum noch auftreten und laufen kann.

Ich beende das Angebot im Zeitrahmen und bitte die Kollegen ums Aufräumen und den Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereich, denn mittlerweile kann ich mich nur noch humpelnd fortbewegen.

Natürlich ist für solche Fälle irgendein Prozedere vorgeschrieben und ich trage den Vorfall in das „Unfallbuch“ ein.

Dann schleppe ich mich irgendwie zum Auto und fahre nach Hause, wo ich den Rest des Abends und die anschließende Nacht mit dickem Knie und weitgehend bewegungsunfähig verbringe.

Soweit die Vorgeschichte, aber jetzt wird es richtig bizarr: heute Morgen beim Durchscrollen des Facebook-Feeds finde ich in jedem dritten Posting Werbung von privaten Krankenversicherungen.

Zufall kann es ja kaum sein. Oder ist es denkbar, dass Meta – zu dem ja auch WhatsApp gehört – meine entsprechenden WhatsApp-Nachrichten an die Kollegen aufgreift und deren Inhalt auswertet, um den Reklame-Algorithmus zu füttern?

Ich finde das gruselig und will mir gar nicht vorstellen, welche abseitigen Überwachungs- und Abhörmaßnahmen dazugehören müssen, um um in dieser Geschwindigkeit Vorkommnisse im persönlichen Leben von Leuten aufzugreifen und marketingmäßig zu verwursten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Gnade Gottes verschont keinen

Ausnahmsweise mal den Dienst getauscht und donnerstags statt mittwochs zur Arbeit gegangen. Donnerstags nachmittags findet in der Einrichtung der Gottesdienst statt; heute der evangelische, aber das ist im Grunde egal, wir sind schließlich im Rheinland und hier gilt: leben und leben lassen.

Der überaus populäre Pfarrer erneuert Seelenheil und Glaubensfestigkeit seiner betagten Schäfchen und erzählt den Leuten etwas über die Bedeutung von Pfingsten. Das macht er sehr volkstümlich, indem er die Ausschüttung des heiligen Geistes und das anschließende „Reden in Zungen“ so beschreibt „Das kennen wir ja vom Neusser Schützenfest und vom Karneval: nach dem dritten Bier reden alle in Zungen.“

Damit trifft er den richtigen Ton. Die Leute freuen sich, lachen und betrachten den Pfarrer ganz offensichtlich als einen der ihren: ein Mann des Volkes, einer, der weiß, wo der Frosch die Locken hat und der die Balance zwischen Kirche und Kneipe so zu wahren weiß, wie es am Niederrhein Sitte ist.

Die Verteilung der Liederzettel kann man sich eigentlich sparen, denn fast alle kennen die frommen Erbauungsliedchen auswendig. Den Ohrwurm „Großer Gott, wir loben dich“ habe ich noch in den Abendstunden im Ohr und kann somit wohl als geläutert und bekehrt gelten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: die Leuchttürme und die Möwen

Der größte Ausstellungserfolg der letzten Zeit in der Pflegeeinrichtung, die das Glück hat, mich als Kunstgeragoge zu beschäftigen, war und ist diese Ausstellung mit Leuchttürmen, die die Teilnehmer der „Mal- und Kreativrunde“ gebastelt haben.

Das äußerst niedrigschwellige Angebot – bei denen ich und eine Assistentin den Teilnehmern auch noch beim Ausschneiden und Aufkleben zur Hand gehen mussten, wenn diese das haptisch oder aus Gründen ihrer dementiellen Veränderung nicht alleine schaffen konnten – fand bei der Umsetzung, vor allem aber bei der Ausstellung der anschließenden Resultate bei Teilnehmern und bei den übrigen Bewohnern und Besuchern der Einrichtung extrem großen Anklang.

Leuchttürme scheinen eine besondere Magie auszustrahlen oder auf irgendeine Weise den Wunschträumen und Sehnsüchten vieler Menschen Ausdruck zu verleihen.

Nachdem wir in der letzten Woche bereits die Leuchttürme erstellt hatten, fügten wir diesmal Möwen hinzu, denn ein Leuchtturm ohne Möwen ist wie Rauchen ohne Aschenbecher, wie ein Becher ohne Henkel, jedenfalls, so der allgemeine Konsens, einfach nur ein halber Leuchtturm.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, habe ich soeben bei Temu magnetische Mini-LED-Lichter bestellt, die demnächst unsere Leuchttürme auch noch ihrem wahren Zweck zuführen werden, nämlich zu leuchten, was das Zeug hält.