Geschichten aus dem Pflegeheim: der Frühling kommt

Die wöchentliche Mal und Kreativrunde gibt es seit 2017 , als ich meinen Dienst bei der Diakonie in Neuss antrat. Viele Bewohner, Kurzzeitpflegegäste und sonstige Interessierte haben reingeschaut, mitgemacht, haben ausprobiert, ob das Angebot etwas für sie ist und etliche sind geblieben. Mit der Zeit hat sich ein fester Kern von etwa sechs bis acht Leuten herausgebildet, die die Runde schätzen und die die kreative Inspiration, die sie dort finden bzw. die dort gefördert wird, als wichtigen Teil ihres Heimalltags schätzen.

Da es in der Natur der Sache liegt, dass in einem Pflegeheim die Fluktuation der Teilnehmer ziemlich hoch ist – in einer solchen Einrichtung wird nun mal mehr gestorben als im Rest der Bevölkerung – ist es schon ein kleines Wunder, dass fünf oder sechs Leute seit über sieben oder acht Jahren dabei geblieben sind. All diese Stammgäste sind in den letzten vier Wochen verstorben. Die jährliche Grippewelle ist durch die Einrichtung gefegt wie ein Wintersturm, der die schwachen Bäume entwurzelt und ihr Leben beendet.

Die Mal- und Kreativrunde musste also einen Neustart hinlegen, ein Relaunch war fällig, neue Teilnehmen mussten gefunden und in die Gruppe integriert werden. Nun kenne ich meine Altpappenheimer, und kenne die bei den meisten vorhandene Neigung, schon aus lauter Bequemlichkeit – oft aber auch aufgrund der Tatsache, dass den allermeisten Kunst und Kreativität vom schulischen Kunstunterricht vermiest und versaut worden ist – zuerst mal mit der Standardbemerkung „Nee, Malen ist nichts für mich, das konnte ich noch nie…“ das Angebot abzulehnen.

Bisher war das kein Problem, da wir im Laufe der Zeit die Gruppe für genau diese Leute geöffnet haben: Bewohner, die einfach dabei sein wollten, ohne jeden Zwang dabei saßen, den anderen zuschauten, Musik hörten, sich gut unterhielten und froh waren über die ein bis zwei Stunden Abwechslung im langweiligen Heim Alltag. nach einer Weile erhielt diese Gruppe eine eigene kleine Sitzgruppe, die wir „Die gemütliche Ecke“ nannten. Das wurde so populär, dass häufig in der „Gemütliche Ecke“ mehr Leute saßen als an den Tischen, wo das Kreativ-Angebot stattfindet.

Diesmal wollte ich es anders machen und versuchen, ein paar der „Gemütlichen“ zu „Kreativen“ zu machen! „Niedrigschwelligkeit“ ist das Zauberwort: das Angebot muss so einfach und gleichzeitig so verführerisch sein, dass auch chronische „Ich kann nicht malen!“-Kandidaten sich an die Kreativtische trauen. Das geht logischerweise am besten, wenn gar nicht gemalt (oder gezeichnet) wird, sondern mit einfach zu handhabenden Elementen wie Aufklebern, Bastelkram, Deko-Federn und -Blättern und dergleichen gearbeitet wird. Natürlich darf das Wort „Arbeit“ dabei nicht fallen, sondern das Ganze muss verkauft werden als einzigartige Gelegenheit, zusammen Spaß und Unterhaltung zu haben.

Zusammen mit meiner Assistentin tauche ich also erstmal in die Tiefen unseres Mal-Schrankes, wo sämtliche Werkzeuge und Utensilien aufbewahrt werden, die wir im Laufe der Jahre angeschafft haben. Tatsächlich können wir unglaubliche Mengen an nie benutzten Bastelmaterialien hervorholen, die natürlich nicht alle für unseren heutigen Zweck tauglich sind, aber sehr viel davon häufen wir einfach auf den Tischen auf.

Wir rühren auf den Wohnbereichen ein bisschen die Werbetrommel, versichern den Leuten, dass heute eine echte Überraschung und eine schöne Abwechslung zum Neustart der Mal- und Kreativrunde ansteht und haben schließlich acht Teilnehmer im Angebot sitzen von denen nur ein oder zwei jemals aktiv teilgenommen haben. Vier oder fünf weitere Beeohner haben es dich in der „Gemütlichen Ecke“ bequem gemacht und schauen von dort aus zu.

Wir legen noch einmal eine kurze Gedenkminute ein und tauschen Erinnerungen aus an die bekanntesten und populären kürzlich verstorbenen Mitglieder der Gruppe, die mittlerweile an anderer Stelle ihrer Kreativität fröhnen:

Dann erkläre ich der Gruppe, dass wir heute mit all dem Material, das vor uns auf den Tischen liegt, einfach nur rumspielen, es ausprobieren und auf die bereit gelegten grauen Pappen legen wollen, und dass jeder die Möglichkeit hat, sich aus dem reichhaltigen Angebot von Materialien, Stickern, Blättern und all dem anderen Bastel- und Dekozeug zu bedienen. Als einziges Motto gilt heute „So bunt und fröhlich wie möglich, damit wir die Wiederkehr des Frühlings angemessen feiern können“.

Das finden alle gut, denn dass das Wetter in den nächsten Tagen fast bis zu 20° warm werden soll, haben alle irgendwo gehört und es schon ausgiebig am Mittagstisch besprochen. Wir legen also los. Die Niedrigschwelligkeit in Bezug auf Material, Haptik und Thema ist das eine – die praktische Umsetzung (besonders das Abpulen von Stickern von ihrer Unterlage oder das Aufkleben von Blättern und anderen Elementen) das andere.

Die Assistentin und ich sind während der gesamten Runde im Dauereinsatz und versuchen, jedem einzelnen mit seinem Bild genüge zu tun, gerecht zu werden, seine Ideen um zu setzen und nachzuhelfen, wenn einer trotz aller Niedrigschwelligkeit und Einfachheit der Aufgabe ratlos vor seinem Kartonbogen sitzt. Das kommt (nicht nur) bei dementen Menschen häufig vor, und heute haben wir vier oder fünf Demente in der Runde. Andere sind fasziniert von all den schönen bunten Sachen, die wir auf den Tischen ausgebreitet haben und fangen von alleine an, ihre Bilder zu konzipieren, indem sie beginnen, verschiedene Sachen auf den Kartonpappen zu sammeln, zu arrangieren usw.

Tatsächlich kriegen alle ihre Mixed-Media-Collage in den anderthalb Stunden fertig, die die Runde dauert. Die Stimmung ist gut und fokussiert kreativ – und durchweg so fröhlich wie die Farben und Bildkombinationen, die die Leute vor sich haben. Dazu trägt wie immer auch unsere Standard-Playlist von Schlagern der 1940er bis 1970er Jahre bei, deren Hits viele Teilnehmer mitsingen. Alle sind positiv angetan von den Resultaten ihrer Tätigkeit. Um diese erste „Neue Mal- und Kreativrunde“ würdig zu beenden und den Teilnehmern abschließend noch einmal Ihre Werke gesamthaft vor Augen zu führen, beschließen wir eine spontan Ausstellung der gesammelten Mixed Media Collagen.

Gesagt, getan, und als alles aufgebaut und auf dem Podium in der Cafeteria arrangiert ist, halten die Teilnehmer auf dem Rückweg in ihre Wohnbereiche noch einmal davor an, bestaunen die Werke und freuen sich, was sie wieder Tolles geschaffen haben. „Das war richtig toll heute!“, „Vielen Dank, das war sehr schön !“ sagen einige zum Abschied.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Der Herbst steht auf der Leiter, wir malen Blätter an

Der Jahreszeit angemessen gibt es diesmal in der Mal- und Kreativrunde ein lustiges Blätterdrucken. Das heisst, Herbstblätter, die ich vorher in der Umgebung der Einrichtung eingesammelt habe, werden in Acrylfarbe getunkt und dann auf Papierbögen gepresst. Das ist nach dem Geschmack meiner Leute, schon weil es unmittelbare Resultate bringt. Allerdings ist die Handhabung eine Herausforderung für die teilweise haptisch limitierten und dementen Teilnehmer: die dünnen Blätter müssen am besten am Stiel angefaßt werden und beginnen sich sofort einzurollen, sobald sie Farbe aufgenommen haben. Trotzdem schafft es jede(r) – mit etwas Hilfe – seine Blätter zu färben und aufs Papier zu pressen.

Die Farbe drücken wir aus der Tube in flache Glasschälchen, ohne sie gross zu mischen, damit die unterschiedlichen Farbtöne sich auf den Blättern wiederfinden können. Frau S., die auf den ersten Blick den Eindruck einer freundlich-resoluten Dame macht, sich stets schick kleidet und der man ihre Demenz nur anmerkt, wenn man sich länger mit ihr unterhält, legt gleich freudig los. Sie rührt aber die drei oder vier verschiedenen Farben im Schälchen vor ihr so wüst durcheinander, dass ein matschiges Braun heraus kommt. Sie ist enttäuscht, dass ihre Blätter nicht so schön bunt sind wie die ihrer Nachbarin, aber als ich ihr neue Farben in das Schälchen drücke und zeige, wie man diese höchstens minimal ein bißchen mit dem Pinsel verteilt, ist alles wieder gut.

Als nächstes wende ich mich Frau P. und Herrn M. zu, die die Aufgabe klasse finden, aber Schwierigkeiten haben bei der mentalen Verarbeitung der einzelnen Schritte des Vorganges. Frau P. hat sich eine Handvoll Blätter von dem Tablett gegriffen, auf die ich die Herbstblätter gelegt habe und legt diese nun auf ihren Papierbogen. Sie ruft mich herbei, ist ganz stolz auf ihr Werk und sagt: „Gut, oder?“ Da kann ich nicht widersprechen, denn buntes Herbstlaub sieht natürlich auch im natürlichen Zustand gut aus. Nachdem ich ihr aber noch einmal erklärt habe, dass wir ein Bild machen wollen, auf dem die Blätter NOCH BUNTER als in echt sind, fällt der Groschen bei ihr. Da sie haptisch und motorisch sehr eingeschränkt ist, muss ich ihr die Blätter einfärben. Anschließend platziere ich die Blätter dorthin, wo Frau P. hindeutet, so dass sie das Gefühl hat, dass dies ihre Kreation ist.

Herr M. sitzt derweil ziemlich ratlos vor seinem Papierbogen. Er scheint sehr zu schätzen, was er bei den anderen entstehen sieht und will nun auch so etwas herstellen, aber er kann nicht nachvollziehen, wie er vorgehen muss. Ich zeige es ihm und er freut sich über die bunten Abdrücke auf dem Papier. Immer wieder aber versucht er, „leere“ (also nicht eingefärbte) Blätter aufs Papier zu pressen und ist dann verwundert, dass nichts passiert. Hier ist also Eins-zu-eins-Betreuung angesagt und ich bleibe erstmal bei Herrn M., bis sein Papierbogen keinen Platz mehr hat für weitere Blätterabdrücke.

Schließlich sind alle fertig und wir zeigen unter vielen „Als“ und Ohs“ die sechs Werke in der Runde herum. Die simple Methodik (gar nicht so simpel für Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen!) und die schönen bunten Ergebnisse sind im Grunde geeigneter für dieses Gruppenangebot als „anspruchsvollere“ Aufgaben wie das Zeichnen konkreter Gegenstände, nach Bildvorlagen oder ähnliches. Es gibt auch Teilnehmer, die mit viel Geduld und Ausdauer an solchen Bildern arbeiten (wollen) – heute aber habe ich vier Menschen mit Demenz in einer Runde von sechs Aktiven (und einigen Bewohnern, die wie üblich einfach nur dabei sitzen, um zuzugucken). Flugs ist eine Ausstellung auf dem Podium der Cafeteria organisiert und alle sind stolz wie Bolle auf ihre Bilder – und auf die anerkennende Würdigung durch Bewohner und Gäste, die sich in der Cafeteria aufhalten oder dort hineinkommen und die neue Ausstellung bewundern.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Bewegung mit Senioren“

Heute war der erste Tag der jährlichen Rezertifizierungs-Fortbildung, die für Pflegeheimmitarbeiter im Sozialen Dienst obligatorisch ist. Thema diesmal „Bewegung mit Senioren“.

Es war unsäglich öde und langweilig, die Referentin nicht vollständig inkompetent, aber unprofessionell bis zur Schmerzgrenze und der Inhalt für die Anwendung im Pflegeheim unergiebig und zum größten Teil unpraktisch. Ich musste mich deshalb zwangsweise mit dem Karikieren des Gehörten beschäftigen (Filme 1-3)



Anschließend das Ergebnis der Aufgabe, die die Teilnehmer zum Abschluss absolvieren sollten: ein eigenes Bewegungs-Angebot für Senioren zu konzipieren und vorzustellen.

Während die anderen Gruppen sich die Köpfe heiß redeten und endlose Konzepte aufschrieben, um sie hinterher mehr oder weniger gekonnt vorzustellen, machten meine Lieblingskollegin und ich kurzen Prozess beziehungsweise ein paar Zeichnungen, animierten diese – und das war’s für uns.

Das Ganze nannten wir Rhythmische Schunkelgymnastik und fanden in aller Selbstbescheidenheit, dass es auf jeden Fall das niedrigschwelligste Angebot der ganzen Runde war (bis auf die Fischbrötchen jedenfalls) 🙂

Geschichten aus dem Pflegeheim: die Hände am Ende der Arme

Die „Tagesgruppe Demenz“ ist heute eine müde Runde. Die früh aufgestandenen bzw. geweckten („fertig gemachten“, im Pflege-Jargon) Teilnehmer, die mitunter bereits eine dreiviertel Stunde vor Beginn von den stets gestressten Pflegekollegen gebracht werden, schlafen schon wieder ein oder dösen vor sich hin, diejenigen, die pünklich gebracht wurden, sind noch müde, und einige sind noch gar nicht erschienen.

Zu allem Überfluß bin ich alleine; kein FSJler, kein Praktikant, kein Pflegeschüler der mir assistieren kann, so drastisch ist die Personalnot im Haus. Im Grunde lässt sich die „Tagesgruppe“ alleine gar nicht bewältigen. Neun demente Personen müssen betreut werden, inklusive Mahlzeiten – da bleibt kaum Zeit für den Gang zum Klo zwischendurch.

Das geht schon seit Tagen so, ein Ende ist auch nicht abzusehen; die PDL – auf den Zustand angesprochen – meint nur lapidar, im Moment sehe es eben ganz schlecht aus und man müsse mit dem Personal arbeiten, das zur Verfügung stünde.

Die Alternative ist, die Leute im Wohnbereich zu belassen statt sie in den vertrauten Gemeinschaftsraum der Gruppe zu bringen. Eine solche Unterbrechung ihrer Routinen verstört demente Menschen allerdings unnötig; außerdem hätte ich dann genau dieselbe Situation: als einziger Zuständiger des Sozialen Dienstes müsste ich mich um genau dieselben Leute kümmern, abzüglich der „Tagesgruppen“-Teilnehmer aus den anderen Wohnbereichen.

Ich füge mich also in mein Schicksal und versuche, die Runde irgendwie zusammenzuhalten, auf die Leute einzugehen, die verschiedenen Stimmungszustände miteinander auszubalancieren und nebenher noch jedem sein Frühstück zu machen und die Nahrungsaufnahme zu beaufsichtigen.

Zu meinem Glück gibt es heute ein Angebot einer externen Mitarbeiterin, die immer Freitags den allseits beliebten Sitztanz mit den Bewohnern macht. Dieses Highlight der Heimkultur spielt sich nach dem stets gleichen Muster ab, was vermutlich der Grund für seine Beliebtheit ist: auf eine Eingangs-Polka folgen die immergleichen Lieder, zu denen die Externe die Leute zu allerlei dem Liedtext entsprechenden Gesten und Bewegungen animiert. Das Ganze endet mit dem Pflegeeinrichtungs-All-Time-Klassiker „Kleine Schaffnerin“, das mich mittlerweile schon bis in den Schlaf verfolgt.

Jedenfalls ergreife ich rotzfrech die gute Gelegenheit und befördere meine komplette Truppe rechtzeitig vor dem allgemeinen Run auf die begrenzten Plätze in den Gymnastikraum, wo das Angebot stattfindet. Da ich die Leute nicht alleine lassen kann (sie würden nach kürzester Zeit in alle Richtungen auseinander streben, durchs Haus wandern und überall nach dem Weg fragen), muß ich die Gruppe noch eine halbe Stunde bei Laune halten und beschäftigen.

Kein Problem im Gymnastikraum mit seinen Bällen und Bändern und sonstigen Utensilien! Wir spielen mit einem riesigen Gymnastikball Fussball, mit einer großzügigen Hand-Regelung für diejenigen, die ihre Beine und Füße nicht bewegen können. Ich bin mal wieder überrascht, wie viel Spaß meinen Leuten die allersimpelsten Kick- und Tretspielchen machen können und kommentiere ihre Bemühungen wie das Endspiel der Champions League.

Dann erscheint die Externe und führt ihr Angebot durch: eine Stunde Zeit für mich, den Gruppenraum aufzuräumen, das Geschirr abzuwaschen, die Tische schon mal für das Mittagessen einzudecken usw.

Nach einer Stunde hab ich die ganze Truppe wieder beisammen, schon ein bißchen wacher, aber auch angestrengt von der Bewegung. Frau H. und Frau B. , unser Neuzugang aus dem Wohnbereich 1, scheinen besonders aktiviert zu sein. Frau H. Ist der Schalk im Nacken schon anzusehen und ich schaue in neugieriger Erwartung, was sie heute auf Lager hat.

Frau B. wiederum wurde als für die „Tagesgruppe“ geeignet befunden, weil sie eine leichte bis mittelschwere Demenz hat und zwar weder räumlich noch zeitlich orientiert ist, dafür aber enorm kommunikativ. Kommunikativ allerdings mit einer Tendenz zum Monolog. Sie greift gerne Stichworte und Erinnerungen anderer auf, um zu schier endlosen Vorträgen über nur ihr bekannte Details irgendwelcher Ereignisse und Leute aus ihrer persönlichen Geschichte auszuholen. Dabei wird ihre Stimme immer nuscheliger, so dass man am Ende schon akustisch kaum noch versteht, was sie erzählt.

Das führt mitunter soweit, dass die anderen Teilnehmer spätestens beim dritten Satz von Frau B. die Augen verdrehen; ihre direkte Sitznachbarin Frau Sch. rückt sogar von ihr ab und dreht ihren Oberkörper soweit weg wie möglich, um so wenig wie möglich zuhören zu müssen.

Frau H. jedenfalls schaut ihr Gegenüber, Frau B., direkt an und hebt dann die linke Hand. Mit dem Handrücken zu ihrem Gegenüber hält sie die Position für etwa eine halbe Minute, bis Frau B. aufmerksam geworden ist und sie fragt: „Was wollen Sie? Was ist da?“

Frau H. bleibt fast ernst, wartet noch eine Weile und sagt dann bedeutungsvoll: „Meine Hand.“ Sie streicht sich mit der rechten Hand über den Handrücken, als würde sie zum ersten Mal die Existenz dieses Körperteils zur Kenntnis nehmen. „Die ist unten an meinem Arm dran“, fügt sie hinzu.

Jetzt schaut Frau B. erst recht verdutzt aus der Wäsche. Das wirkt bei Frau B. einigermaßen komisch, weil sie physiognomisch der Schildkröte Morla aus der „Unendlichen Geschichte“ ähnelt. Sie murmelt ein paar verständnislose Worte wie „Also sowas…“ und „So ein Unsinn!“, beobachtet aber Frau H. genau.

Diese scheint entschlossen, ihrer Vorstellung noch eine weitere Nuance hinzuzufügen und bewegt jetzt beide Unterarme mit erhobenen Händen synchron hin und her, hoch und runter, mal auseinander, mal wie beim Gebet mit aneinander gelegten Händen. „Das können die alles machen!“, sagt sie und wirkt dabei so, als hätte sie diesen erstaunlichen Sachverhalt soeben entdeckt.

Jetzt reicht es Frau B. „Ich hab‘ genug. Ich will nach Hause!“, sagt sie. „Wer bringt mich nach Hause?“, fragt sie in meine Richtung. Ich versichere ihr, dass ich das selbstverständlich tun werde, bitte sie aber, noch das Mittagessen abzuwarten. Das wird akzeptiert, aber ich werde ab sofort alle 5 Minuten gefragt, ob sie anschließend nach Hause gebracht werden würde und wenn ja, von wem.

Frau H. ist zufrieden mit ihrer kleinen Performance und lehnt sich milde grinsend in ihrem Stuhl zurück. Ich lege zur Versöhnung aller mit der Gesamtsituation schnell noch Roy Black auf:

„Glaube, Hoffnung, Liebe
sagen immer wieder: Denke daran.

Es kommt auf die Stunde an
ganz egal, was du tust auf der Welt.

Denn bei allem was du machst
ob du weinst oder ob du lachst

sind die Stunden wenn jemand an dich denkt
dein schönstes Geschenk“

Da können auf jeden Fall alle zustimmen und mitsingen, während man von unten schon das Klappern des Essenswagens hört, der das Ende des Vormittags und dessen krönenden Abschluss, das freitägliche Fischmahl, ankündigt.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Schicht im Schacht

Momentaufnahme der “Übergabe“ (Frühschicht/Spätschicht).

Die Kollegen sind sämtlich kurz vor oder hinter dem Burnout. Heute mussten wir morgens zu viert die 22 Bewohner des Wohnbereiches versorgen und betreuen – sonst sind mindestens sieben Leute in der Frühschicht.

Der fünfte Kollege wurde zum „Teildienst“ nach Hause geschickt, um den noch übleren Personalmangel am Nachmittag aufzufangen.

Teildienste werden nicht extra bezahlt, bedeuten aber für die betroffenen Kollegen zusätzlichen Stress durch den Leerlauf zwischen den Dienstzeiten, der bestimmt ist durch die Gewißheit, in ein paar Stunden wieder antreten zu müssen. Außerdem natürlich maximale Scheisse für Kollegen, die weiter weg wohnen.

Heute hätten wir uns Rollschuhe unter die Füße binden können und hätten trotzdem nicht das Pensum geschafft. Während die Pflegekollegen rotieren wie die Hubschrauber, habe ich Frühstück und Mittagessen für die Bewohner zu managen und nebenher bzw. zwischendurch für die nicht bettlägerigen irgendeine Betreuung zu gewährleisten.

Diejenigen, die ihr Zimmer und ihr Bett nicht verlassen können, fallen aus dem Betreuungsangebot ganz raus und müssen froh sein, wenn sie zu den Mahlzeiten wenigsten einen haben, der ihnen das Essen anreicht.

Das läuft daraus hinaus, dass im Grunde noch nicht mal Zeit für eine Pinkel- oder Zigarettenpause bleibt. Hinzu kommt die Isolation des Wohnbereichs aufgrund des Noro-Virus-Ausbruchs. Mehr als 5 Minuten Zeit zwischendurch für die dringendsten Fälle der desorientierten verlorenen Seelen des Wohnbereiches bleibt nicht.

Mehr Personal, Beendigung der Arbeitsverdichtung und mehr Geld ist die Parole, in dieser Reihenfolge. Und wenn ich noch einmal irgendeinen Deppen real oder verbal klatschen höre, gibt’s einen Satz heiße Ohren.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Mal wieder Notstand und der Zug, der heute abfährt und auch morgen nicht zurückkommt

Seit vergangener Woche grassiert das Noro-Virus in der Einrichtung. Als ich heute zur Arbeit erscheine, ist schon alles in Alarmstimmung: mittlerweile 10 Bewohner „meines“ Wohnbereiches sind infiziert; insgesamt 13 Mitarbeiter haben sich krankgemeldet.

Eine Noro-Virus-Infektion ist zwar lästig und unangenehm, aber meistens nach 2 Tagen wieder vorbei. Allerdings bleiben Infizierte noch etwa eine Woche lang selber ansteckend für andere. Außerdem kann es wegen des Flüssigkeitsverlustes durch Erbrechen und Durchfall gerade bei Älteren schnell lebensbedrohend werden.

In einer Notbesprechung von Wohnbereichsleitung und Mitarbeitern mit der Einrichtungsleitung werden die Maßnahmen zur Eindämmung dieses fiesen Magen-Darm-Virus verkündet: alle Infizierten sind zu isolieren, die Räume werden nur von entsprechend mit Schutzkleidung ausgerüsteten Pflegekräften betreten, das Geschirr wird in speziellen Plastikboxen separat entsorgt. Sämtliche Bewohner der Einrichtung bleiben ab sofort auf ihren Zimmern, alles Geschirr des Wohnbereiches wird nicht mehr in der Wohnbereichsküche gespült, sondern in die Großküche gebracht, wo hochleistungsfähige Spülmaschinen einen keimfreien Abwasch gewährleisten.

Der Einrichtungsleiter berichtet von seinem Gespräch mit dem zuständigen Gesundheitsamt, wo man ebenso wie er darüber erstaunt war, dass trotz aller Corona-Schutzmaßnahmen ein derart massiver Ausbruch von Noro-Viren passieren konnte.

Er deutet an, dass die krankgemeldeten Mitarbeiter es dann wohl mit der Umsicht und den Schutzvorkehrungen nicht sehr genau genommen haben könnten.

Ich selber denke mir, dass dies die günstigste Gelegenheit für jeden Kollegen ist, sich ein paar freie Tage zu ergattern, indem man sich mit Magen-Darm-Symptomen krankmeldet. Übelnehmen kann ich das keinem. Die Pflegekräfte sind sowieso schon durch den Corona-Alltag jenseits ihrer Belastungsgrenzen; jetzt kommt noch der Noro-Virus hinzu, was im Grunde doppelten Aufwand bedeutet, da so viele Schutzvorkehrungen eingehalten werden müssen. Auch ich ertappe mich bei jedem der obligatorischen Schnelltests alle zwei Tage bei dem Gedanken „Hoffentlich ist das Ergebnis jetzt positiv, dann hast du ein paar freie Tage in Quarantäne zuhause….“

Wenn dann noch Kollegen ausfallen, ist Land unter auf der Station. Ergo wird ab morgen der Personalmangel mal wieder mit externen Leiharbeitern kompensiert.

Für die Bewohner ist der erneute Ausnahmezustand ein „Zurück auf Null“. Die Dementen kommen am schwersten damit zurecht. Die Unterbrechung ihrer gewohnten Tagesabläufe (die meisten habe ich wochentags in der „Tagesgruppe Demenz“) wirft sie aus der Bahn.

Frau Sch., 90 Jahre, sitzt wie ein Häufchen Elend auf ihrem Bett und wiederholt immer wieder „Ich bin so durcheinander…“ und „Wo bin ich hier eigentlich?“. Ich setze mich zu ihr, wir erzählen ein bißchen, hören ein paar alte Schlager und sie beruhigt sich wieder etwas. Als ich für uns beide einen Cappucino organisiere und gemütlich mit ihr trinke, strahlt sie übers ganze Gesicht. „Ihr seid alle so lieb zu mir!“

Keine 10 Minuten später ist sie wieder mit ihrem Rollator auf dem Gang unterwegs. „Wo bin ich hier eigentlich?“, höre ich sie sagen. Ich erklär‘s ihr und begleite sie zurück in ihr Zimmer. Sie versucht, ihrer Verwirrung Ausdruck zu verleihen: „Ich hab das Gefühl, ich bin gar nicht ich“, sagt sie.

DAS Gefühl ist mir wiederum bestens bekannt und ich kann sie beruhigen: „Das ist völlig in Ordnung“, antworte ich. „Keiner weiß, wer „Ich“ ist, alle tun bloß so als ob sie wüßten, wer sie sind. Und außerdem, E. (ich spreche sie immer mit Vornamen an, weil das bei dementen Menschen meistens besser funktioniert als die förmliche Anrede), wenn Sie nicht Sie sind, wer sind Sie denn? Vielleicht ich?“

Diese Art witzig-wahrer Absurdität kommt gerade bei Dementen in der Regel gut an, und auch Frau Sch. muss lachen bei der Vorstellung, dass sie ich ist. Damit ist die Identitätskrise überwunden und wir wandern zusammen den Gang entlang bis zu ihrem Zimmer. „I am he as you are he as you are me as we are all together…“ klingt es danach als Dauerohrwurm in meinem Kopf.

Bevor ich zum Walross werde, sehe ich, wie sich am anderen Ende des Ganges der nächste Alarmzustand entfaltet: Frau H., ebenfalls Mitglied der „Tagesgruppe Demenz“, hat den verordneten Zimmeraufenthalt natürlich ignoriert und sitzt jetzt außerhalb des Wohnbereiches in einem bequemen Sessel.

Vor ihr hat sich die ansonsten sehr sympathische PFK T. aufgebaut und diskutiert mit ihr. Als ich dazukomme, versucht Frau H. gerade, sich mithilfe ihres Rollators aus dem Sessel zu wuchten. Sie ist erkennbar aufgeregt; in einer Mischung aus Einschüchterung und Empörung fragt sie Schwester T. immer wieder, was diese wolle, ob sie (Frau H.) etwas falsch gemacht hätte usw.

Schwester T., ohnehin schon seit Dienstantritt mega-gestresst von der Gesamtsituation, sieht nur, das sie hier für die Einhaltung der Regeln zu sorgen und dann wieder ihren sonstigen Pflichten nachzugehen hat und redet auf Frau H. ein: „Wollen Sie das Noro-Virus kriegen? Wollen Sie das Noro-Virus kriegen?!“

Frau H., die in ihrer Demenz keine Möglichkeit hat, den Sinn dieser Ansprache – die obendrein noch in genervt-gestresstem Tonfall vorgetragen wird – zu verstehen, ist entsprechend widerwillig und fühlt sich drangsaliert. Ich sehe, dass ich eingreifen muss.

„Komm mal her, M.“, sage Ich zu ihr, indem ich mich zwischen sie und die PFK stelle und sie vor dem Geschimpfe abschirme. (Entgegen der Hausregel duze ich Frau H., auf Wunsch ihrer Angehörigen und weil besonders bei ihr die förmliche Anrede manchmal überhaupt keine Reaktion auslöst).

„Lass uns mal wieder zurück ins Zimmer gehen. Im Moment sollen wir nicht hier draußen sitzen, wegen so einer Krankheit, die gerade ganz viele bei uns haben…-“, sage ich freundlich zu ihr, nehme sie beim Arm und geleite sie langsam zurück in den Wohnbereich.

Die PFK sieht, dass die Ordnung wiederhergestellt ist und verzieht sich. (Später nehme ich sie beiseite und erkläre ihr, dass und warum diese Art der Ansprache bei dementen Menschen nicht funktioniert. Sie sieht’s auch sofort ein, wirkt etwas beschämt und verweist als Erklärung auf den Stress und den Arbeitsdruck auf der Station).

Frau H., zusammen mit mir mittlerweile in ihrem Zimmer sitzend, hat sich gefangen, ist aber noch nicht bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen. „Was wollte die denn von mir?!“ fragt sie. „Glaubst du mir, dass mir das innen (sie zeigt auf ihr Herz) überhaupt nichts ausmacht? Aber den Schrecken, den hab ich doch…“

Sie holt Luft. „Die hat so auf mich eingeschimpft… ich weiß gar nicht, was die überhaupt wollte!“. Jetzt grinst sie mich an: „Ich kann auch mal Deutsch mit der reden! So richtig Deutsch, verstehst du? Dann kann die mal sehen, das sie mich so nicht behandeln kann! Dann sieht sie mal, dass der Zug, der heute abgefahren ist, auch morgen nicht zurückkommt!“

Dieses schöne Bild scheint ihr eine befriedigende Auflösung der erlebten Aufregung zu sein, und auch ich finde Gefallen an dem Gleichnis: Der Zug, der heute abgefahren ist und auch morgen nicht zurückkommen wird – das ist gewissermaßen das Leben mit Demenz, wenn nicht ganz grundsätzlich von jedem.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Mal wieder Küchendienst! Die ansonsten in der Hauswirtschaft eingesetzten billigen FSJ-Kräfte sind auf irgendeiner Fortbildung und so muß der halbe Soziale Dienst der Einrichtung zum Küchendienst auf den verschiedenen Wohnbereichen antreten.

Das bedeutet gleichzeitig, dass die Bewohner des Wohnbereiches den Vormittag über sich selbst überlassen werden müssen. Das ist nicht einfach für die Bewohner, besonders für diejenigen, die sonst an der „Tagesgruppe Demenz“ teilnehmen – in „meinem“ Wohnbereich die meisten.

Auch die Pflege ist dann schnell überfordert, weil man dort zwar die Leute pflegerisch versorgen kann – mehr aber auch nicht. Schon aus Zeitgründen, doch auch weil die meisten Pflegekollegen weder Sinn dafür, noch Kenntnisse oder Lust haben, sich ein Betreuungsangebot auszudenken und durchzuführen.

Ich bereite also ab 7:30 das Frühstück für 24 Bewohner und kümmere mich im Speisesaal um acht von ihnen. Gegen 9:20 sind alle versorgt, haben den zweiten oder dritten Kaffee getrunken und werden trotzdem langsam wieder müde. Die 90-jährige Frau Sch., deren Zimmer direkt neben dem Speisesaal liegt, geht kurz zur Toilette. Sie kommt nach ein paar Minuten zurück und fragt: „Haben wir schon Frühstück gehabt?“

„Ja, Frau Sch.“, antworte ich ihr und zähle ihr auf, was sie alles zum Frühstück hatte. Sie nimmt es hin, kann sich aber erkennbar nicht erinnern. Als ich mit dem Geschirrwagen zur Küche gehe, kommt sie mir mit ihrem Rollator hinterher und will nochmal wissen: „Hab ich wirklich schon gefrühstückt? Ich bin ganz durcheinander… es ist doch morgens, nicht?“

Sie scheint keine Möglichkeit zu haben, irgendein Sättigungsgefühl zu verspüren; dabei hatte sie ordentlich gefrühstückt und hinterher ich noch einen Joghurt und eine Banane gegessen. Ist aber alles vergessen – als wenn es nie passiert wäre.

Ich weiß: wenn ich dieser Dame nicht irgendeine Betätigung oder Betreuung biete, wird sie die nächsten zwei Stunden bis zum Mittagessen immer wieder fragen, ob es schon Frühstück gab, ob sie schon gegessen hat, wann es etwa zu essen gibt usw.

Nicht weil sie Hunger hat, sondern weil sie in der unüberschaubaren Weite ihre inneren Verlorenheit irgendeinen Anhalts- und Ankerpunkt, einen Kontakt braucht, der ihrem Vormittag Struktur und Sinn gibt.

Eine andere Bewohnerin, Frau H., zieht mich beiseite und berichtet mir unter Tränen, das sie sich so einsam fühlt, ihre Familie vermisst und gar nicht versteht, warum sie nicht „wieder nach Hause“ kann.

Auch in ihrem Fall ist mir klar, dass sie sich ohne Zuwendung, ohne Ansprache und Beschäftigung immer nur noch weiter in ihre Gefühlswelt fallen lassen wird, weil sie gar nicht anders kann als von den ungefilterten Wogen emotionaler Schwankungen und Erinnerungsbruchstücken überrollt zu werden.

Es bleibt zwischen den Arbeiten für Frühstück und Mittagessen etwa eine Stunde Zeit. Ich ergreife also die Gelegenheit für ein improvisiertes Angebot für die jetzt ca. zehn Leute, die im Speisesaal sitzen geblieben sind und durchweg vor sich hinstarren, einnicken oder, von innerer Unruhe und Langeweile getrieben, immer wieder aufstehen und durch die Flure schieben.

Wie meistens kommen wir mit Hilfe eines Flipcharts und der einschlägigen Spotify-Playlist vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen bei einem Klassiker aus den 1940er-Jahren, den meine betagte Klientel gerne hört und trotz Demenz in der Regel auswendig kann.

„Ach ja, das waren schöne Zeiten!“ seufzt die 90-jährige Frau Sch.

Sie kommt ins Schwärmen: „Das haben wir bei der Hitlerjugend gesungen und so gerne dazu getanzt…“ Versonnen blickt sie in eine innere Landschaft der Erinnerung und wiegt sich im Rhytmus der Musik.

„Das wurde immer im Soldatensender gespielt!“, erinnert sie sich. „Ich konnte das auch zuhause hören; meine Eltern hatten ein Radio. Ein Blaupunkt-Radio!“

Ich stimme ihr zu, dass die Musik wirklich schön ist, gebe aber auch zu bedenken, dass die Zeiten ja nicht nur schön gewesen sein können – immerhin war da ja gerade Krieg.

Das räumt Frau Sch. umstandslos ein: „Ja, das waren schlimme Zeiten…“, heißt es jetzt. Sie denkt ein bißchen nach und ergänzt dann: „… aber die Musik war schön!“

https://youtu.be/ihGTPf2jIDs

Geschichten aus dem Pflegeheim: Unvernunft und Verständnis

Unschwer zu sehen, was heute Thema in der „Tagesgruppe Demenz“ war:

Das nie Gesehene, aber jedem bekannte Fabeltier, das der Pflichterfüllung so oft einen Strich durch die Rechnung macht;

Und die Fabel vom Fuchs und dem Skorpion, der nicht anders kann als bei Strafe seines eigenen Unterganges dem Fuchs bei der Flussüberquerung einen tödlichen Stich zu versetzen.

Meine demente Truppe nimmt es interessiert zur Kenntnis und schüttelt mehrheitlich den Kopf über so viel Unvernunft des Skorpions.

Andrerseits versteht auch jeder gut, dass es Situationen gibt, wo man „einfach nicht anders kann“!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Erfindung der Musik

Zwischen Frühstück und Mittagessen sind 5 – 7 Bewohner zu betreuen und zu beschäftigen, die im Speisesaal des Wohnbereiches sitzen bleiben – teils weil sie zu dement oder zu müde sind, um woanders hinzugehen, teils weil sie es alleine in ihren Zimmern nicht aushalten.

Die Mehrzahl von ihnen ist normalerweise in der wochentäglichen „Tagesgruppe Demenz“, aber in Pandemiezeiten ist gerade im Pflegeheim nichts normal und die Tagesgruppe findet nun schon seit 7 Monaten nicht mehr statt.

Meine Aufgabe besteht darin, die Leute zu beschäftigen bzw. zu UNTER- und der ohnehin überlasteten Pflege VOM Hals zu halten. Unbeschäftigte, sich selbst überlassene Bewohner, speziell Demente, neigen nämlich dazu, entweder Unsinn anzustellen oder den überforderten Pflegekräften durch ständiges Auf- und Ab- und Hin- und Herlaufen oder durch häufigen Betreuungsbedarf den letzten Nerv zu rauben.

Selbst wenn sie mal nichts brauchen oder wollen ist es ein überaus trauriger Anblick, eine Gruppe alter Menschen stundenlang alleine in einem Raum sitzen zu sehen, meistens stumm, viele vor sich hin dämmernd und mehr oder weniger sediert in die Gegend starrend. Außerdem verstößt es gegen die Fürsorgepflicht der Einrichtung, die Leute einfach sich selbst zu überlassen.

Heute bringe ich zusätzlich zu Flipchart, Malstiften und Audio-Equipment einen Eimer mit ausgedienten, sehr stabilen Röhren aus Hartpappe mit, von ungefähr doppelter Länge der Innenröhre einer Küchenrolle und vom selben Durchmesser. Den Eimer habe ich irgendwo im Haus rumstehen sehen und sogleich für den Einsatz in meiner Runde für gut befunden.

Kaum habe ich den Raum betreten, in dem bereits sieben erwartungsfrohe Bewohner sitzen, ergibt sich auch schon die Möglichkeit des Einsatzes meiner Pappröhren: ich sehe, wie Frau S. – eine freundliche 90-Jährige mit mittelschwerer Demenz – fröhlich im Takt zu einem Strauß-Walzer mit den Füßen wippt und erkennbar von der Musik angeregt ist und begleite den Rhythmus mit einer der Röhren.

Das ruft sofort die Aufmerksamkeit der Runde hervor, und damit ergibt sich der weitere Ablauf wie von selbst: Jeder der Anwesenden erhält zwei Röhren und nach kurzer Einübung veranstalten wir ein regelrechtes Trommelkonzert. Zur Inspiration meiner Truppe spreche ich über die Erfindung der Musik – ein hervorragendes Thema, um gleich eine Runde Gedächtnistraining zu machen.

Mit ein bißchen Nachhilfe kommt Frau S. darauf, dass sicherlich der Rhythmus, also das Trommeln, der Ausgangspunkt aller menschlichen Musik war. An dieser Stelle rege ich die Fantasie meiner Schützlinge mit einer weiteren Story direkt aus der ungeschriebenen „Geschichte der grauen Vorzeit“ an und erzähle von Uga-Uga, dem Affenkönig, der in der Steppe ein paar Mammutknochen entdeckte.

Erst wusste er nicht, was er damit fangen sollte, aber nach einer Weile Rumspielen mit den Knochen entdeckte er, dass sich damit ganz hervorragende Rhythmen hervorbringen ließen- die Geburtsstunde der Musik! (Die kleine Anleihe bei Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ verschweige ich der Runde, weil das den Rahmen gesprengt hätte).

Jedenfalls sind die Trommler glücklich und erfreut über die eigene musikalische Darbietung und wir beschließen spontan, nächste Woche an Karneval ein Gratiskonzert im Wohnbereich zu geben. Ich selber bin etwas erhitzt und außer Atem, denn um die Geschichte von Uga-Uga dem Affenkönig möglichst plastisch wiederzugeben, konnte ich natürlich nicht darauf verzichten, auch seine affenmäßigen Trommeltänze und -gesänge vorzuführen – zur Erheiterung meiner Leute und der vom Getrommel herbeigelockten Pflegekräfte und sonstigen Mitarbeiter des Wohnbereiches, die sich das Spektakel entweder kopfschüttelnd oder amüsiert eine Weile mit anschauen.

Damit ist der Vormittag auch schon wieder überstanden und das Mittagessen naht. Wir beenden die Runde mit dem Klassiker „Wir haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Durst…“ zu Trommelbegleitung.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Seemannsgarn

Noch mehr Flipchart-Illustrationen:

Das wogende Meer bei strahlender Sommerhitze wird natürlich von Walter dem Wal hervorgerufen, der – neugierig wie er ist – mal kurz auftaucht um sich das Fischerboot anzugucken.

Kann er ja nicht wissen, dass seine gewaltige Wasserverdrängung den beschaulichen Fischfang von Käptn Kuno zu einer abenteuerlichen Berg- und Talfahrt werden lässt!

Meine dementen Zuschauer sind fasziniert und fiebern mit. Begleitet wird das Multimedia Event von der bewährten Spotify Playlist „Seemannslieder und Meeresrauschen“.

Die Nachricht, dass „Walfische“ gar keine Fische sind, wird von der Runde mit Erstaunen aufgenommen. Man nimmt es aber wohlwollend zur Kenntnis und irgendwie ist es auch egal, denn hauptsächlich führt es uns zum nächsten Lied, das tatsächlich einige mitsingen können: der „Ballade von Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper – wohl das einzige Bisschen proletarische Kultur, das hier im tiefen Westen in den Köpfen hängengeblieben ist.