Mein Hund musste heute zum Check-Up zum Tierarzt. Die Höchststrafe für ihn. Er lässt zwar brav alles über sich ergehen, führt sich aber auf, als wenn man ihn direkt zur Schlachtbank führen würde. Um seinen Stress ein bißchen zu mildern, bot ich ihm vorher einen CBD-Riegel an. Solche Dinger werden in den Futterläden als Beruhigungs-Snacks für Hunde verkauft, die von der Sylvesterknallerei gestresst sind.
Er war aber schon zu aufgeregt, um den Riegel zu essen, weil es zur ungewohnten Mittagszeit raus ging. Jedenfalls lief alles glatt, der Kamerad ist in Topform, und als wir wieder zuhause waren, ließ er sich dann endlich den Hanf-Riegel schmecken.
Was soll ich sagen: selten erschien mir der Kumpel so gechillt und gleichzeitig etwas fahrig wie auf der abendlichen Runde. Sein Radius blieb klein, dafür uferten die Untersuchungen von Markierungen anderer Hunde, Sandhaufen an Baustellen und dergleichen zu ausgiebigen Schnüffelorgien aus, die sich immer weiter in die Länge zogen und nach Abschluß direkt von neuem begonnen wurden.
Er wirkte, als sähe (bzw. rieche) er alles mit erweiterter Wahrnehmung und müsste erstmal die vielfältig intensivierten sensorischen Eindrücke verarbeiten.
Zu meiner Überraschung kam er noch 40 Minuten freiwillig mit nach Hause, während er sich sonst wie ein Löwe in die Leine wirft, um nicht die Treppenstufen zum Hauseingng mitkommen zu müssen.
Heute habe ich zum ersten Mal seit – gefühlt – Jahren die „Tagesthemen“ der ARD gesehen. Meine Liebste schaut sich diese oder vergleichbare „Nachrichtensendungen“ fast jeden Tag an, oft sogar mehrfach. Ich hatte seit einigen Tagen krankheitsbedingt nichts mehr essen können und verspürte heute erstmalig wieder ein bißchen Appetit, so dass ich mir ein trockenes Brot mit Olivenöl beträufelte und mich gesellig zur Frau aufs Sofa verfügen wollte.
Mit der Bemerkung „Mach mal laut, ich will auch mal ‚tagesthemen‘ gucken!“, setze ich mich zu ihr (sie guckt aus Rücksicht auf mich immer mit Kopfhörern Fernsehen). „Nee, ich mach nicht laut, dann muss ich mir deine Kommentare anhören!“ kriege ich zur Antwort.
Dem hab ich wenig entgegenzusetzen, denn ob ich es schaffe, mir 30 Minuten die merkwürdige Mischung aus Heile Welt, Sportnachrichten, Wetterbericht und Kriegspropaganda anzusehen, die in solchen „Nachrichten“-Sendungen zusammengerührt wird, ist wirklich äußerst zweifelhaft.
Weise und beziehungserfahren wie ich nun mal bin, trolle ich mich wieder aufs Bett und überlege, aus lauter Jux und Dollerei mir doch mal zu Gemüte zu führen, womit meine bei weitem bessere Hälfte sich Tag für Tag berieselt. Nach kurzem Nachdenken ist die Entscheidung gefallen: Ich werde es tun. Ich werde mir persönlich und eigenäugig, unter Missachtung aller Konventionen mentaler Hygiene und psychischer Balance, die „Tagesthemen“ anschauen!
Wie werde ich es verkraften? Wird ein solches Experiment meinen ohnehin angeschlagenen Gesundheitszustand nicht endgültig in lethale Bereiche versetzen? Ich bin risikofreudig genug um es dennoch zu versuchen, denn ich sage mir „Millionen von Menschen sehen sich das Zeug an und überstehen es auch irgendwie! Sei keine Memme und gib es dir! Augen auf und durch!!“
Gedacht, getan. Die ARD-App auf dem iPad hat einen „Live-TV“-Bereich, soeben hat die Sendung begonnen, ein Moderator namens Ingo Zappelphilipp oder so steht in einem grauen Anzug mit Hochwasserhosen vor einem gebogenen Riesenbildschirm und berichtet von einem Holocaust-Gedenken im Bundestag. Ich ahne Fürchterliches. Und richtig: Gezeigt wird die politische Elite der BRD, die Amtsträger und Abgeordneten, die in der Ukraine echten Faschisten zur Macht verholfen haben und deren Stellvertreterkrieg gegen Russland ausrüsten und finanzieren. Also die politische Klasse, die sich nicht daran stört, dass ukrainische Nazis mit SS- und Hakenkreuztattoos sich beim Russenmorden auf ihre historischen und ideologischen deutschen Vorbilder beziehen.
Die politischen Charaktermasken werden mit ernsten, schwerste Betroffenheit signalisierenden Gesichtsausdrücken gezeigt – und in Begleitung einer alten Dame, die als kleines Kind in einem deutschen Konzentrationslager war. Sie darf sogar im Bundestag sprechen und schildert das Grauen, dem die Insassen dieser Aufbewahrungs- und Vernichtungsstätten für Abweichler von der staatlich verordneten Ideologie ausgesetzt waren.
So wie sie es schildert, hat es anscheinend nur Juden in den KZ gegeben und nur jüdische Menschen wurden dort getötet. Die Hunderttausende von Kommunisten, Sozialdemokraten, Humanisten, sowjetischen Soldaten und anderem unerwünschten Menschenmaterial werden nicht erwähnt. Natürlich erzählt die Frau nur über ihr eigenes persönliches Schicksal, und es ist kein historischer Vortrag von ihr zu erwarten. Ihre Rede dient aber der Bestätigung des erbärmlichen, verlogenen, offiziellen „Antifaschismus“ eines Staates, der nicht nur der direkte Nachfolger des faschistischen „Deutschen Reiches“ ist, sondern diesem unterhalb der direkten physischen Menschenvernichtung mittlerweile in einigen Bereichen zum Verwechseln ähnelt.
Vorrangig in Bezug auf den durch nichts mehr gebändigten Russenhaß, die hysterische Russophobie, die das Denken und Handeln der politischen Eliten bestimmt. Ebenso durch manche Aspekte der Repression, die staatlicherseits gegen abweichende Meinungen und Kritiker in Anschlag gebracht wird.
All dies habe ich im Hinterkopf, während ich mir das bizarre Schauspiel höchster politischer Heuchelei im Bundestag anschaue und frage mich: Glauben die sich selbst ihre so aufdringlich dargestellte Betroffenheit? Oder wissen die einfach, dass dies das Gesicht ist, das man zu machen hat, wenn mal wieder die Rede vom Holocaust ist?
Der Fernsehbürger muss aus dieser Art Vergangenheitsbewältigung vor allem eins zum Thema Faschismus und Holocaust mitnehmen: da gab’s mal eine Vernichtung um der Vernichtung willen, ohne jeden staatlichen und politischen strategischen Willen dahinter. Es war unerklärlich und abgrundtief böse, weil der Mann mit dem Bärtchen an der Staatsspitze unerklärlich böse war. Dieses Böse lauert irgendwie immer, heute vor allem bei der AfD, aber wir haben es ein für allemal überwunden, weshalb es nie wieder vorkommen kann und darf.
Die Lebenslüge und die Ohnmacht des bürgerlichen Antifaschismus besteht ja vor allem da drin, dass kein Demokrat zugeben kann und darf, dass der Faschismus nur die härtere Variante seines geliebten Kapitalismus ist. Er möchte sich gerne in der Illusion wiegen können, dass die mildere Variante – die bürgerliche Demokratie – so etwas wie der Gegensatz zum Faschismus wäre.
Nach diesen Bericht aus dem Bundestag kommt unvermittelt und übergangslos, wie es nun mal die Art dieser Sendungen ist, ein Sportbericht über irgendeinen Handball-Wettbewerb. Es scheint eine Weltmeisterschaft zu sein, denn es geht weniger um Spielberichte, sondern um das sehr emotionale Anheizen nationaler Gefühle. Man soll sich als Zuschauer mit dem deutschen Team identifizieren, weshalb dieses ausführlich, sogar noch in seiner Umkleidekabine, in seiner Freude nach irgendeinem gewonnenen Spiel gezeigt wird. Die Milchgesichter des Handballteams werden „interviewt“ und geben den unwesentlichen Quatsch zum Besten, der von Sportlern nach solchen Spielen zu erwarten ist.
Dann folgen Bilder aus Sizilien, wo an der Südküste ein Erdrutsch über einige Kilometer mehrere Häuser in den Abgrund gerissen hat und die Leute zu tausenden ihre Wohnungen und Häuser verlassen mussten. Wir kriegen gezeigt, wie Maria und Fabrizio – ein älteres Ehepaar, dessen Haus direkt am Abgrund steht – in Begleitung der örtlichen Feuerwehr einiges an Zeug aus ihrem Häuschen in Sicherheit bringt. Solche Protagonisten als Sympathieträger dürfen anscheinend in keinem Bericht über Naturkatastrophen und dergleichen fehlen. Sie sollen wohl die Reportage menschlicher, nachvollziehbar und emotionaler machen. Ganz am Ende dieses Berichts erfährt man noch in einem Nebensatz, dass es unter den Bewohnern der Ortschaft zu Protesten kam, weil die Erdrutschgefahr seit Jahren bestanden hätte und jede Vorbereitung darauf oder Schutz dagegen von politischer Seite vernachlässigt worden sei.
Und nun zum Wetter. Auch und selbst hier wird es sofort emotional und gefühlig. Der Moderator spricht von der weichen Schneedecke, die jeder lieben würde, weil sie selbst Innenstädte von urbanen Zentren zu magischen Orten machen würde usw. Letztlich kriegt man dann aber doch einen einigermaßen akkuraten Wetterbericht.
Die fast 30 Minuten Tagesthemen, die ich mir jetzt angeschaut habe, hinterlassen bei mir den Eindruck, gerade ein süßliches, völlig von Zusatzstoffen und künstlichen Aromen durchzogenes Tütengericht konsumiert zu haben, das zwar den Eindruck vermittelt, man habe etwas gegessen, aber das Bedürfnis nach echter Nahrung – an Informationen, wenn man so will – überhaupt nicht stillen kann..
Irgendwo habe ich kürzlich gehört oder gelesen: „Je härter die Zeiten sind, umso weicher werden die Geschichten darüber“. Das scheint mir das Prinzip all der Fernsehsendungen zu sein, die in die Gehirne derjenigen Leute eingeträufelt werden, die sich freiwillig diesem Medium aussetzen. Es betrifft ja nicht nur die so genannten Nachrichtensendungen. Viel wirkmächtiger aufgrund ihres weichgespülten propagandistischen Storytellings sind die endlosen Fernsehfilme, die Krimis (ja, auch die) und die Unterhaltungssendungen, die tagein, tagaus, rund um die Uhr, in den staatlichen und kommerziellen Kanälen gezeigt werden.
Die Parallelrealität, die man durch den Fernseher betritt, ist eine Teletubbie-Welt bürgerlicher Behaglichkeit, in der die Schrecken einer zunehmend dystopischen imperialistischen Realität zwar nicht ganz ausgeblendet werden (das ginge auch gar nicht, angesichts der täglichen Erfahrungen, die die Leute in ihrem Lebens- und Arbeitsalltag machen). Sie werden aber eingebettet, eingehegt und weichgespült durch die ERZÄHLUNG darüber als einer fortlaufenden Geschichte im Grunde wohlgeordneter, eigentlich idealer Verhältnisse, die leider – So ist der Mensch nun mal! – immer wieder vom unerklärlich Bösen – Nazis! Trump!! Putin!!! – aufgestört und durcheinandergebracht werden.
Zum Glück aber haben zumindest wir in Deutschland verantwortungsvolle Politiker, die alle unser Bestes wollen und in deren Händen unser Wohlergehen, die wirtschaftliche Prosperität, der Frieden und im Grunde die Welt außerhalb unseres familiären Umfeldes und unserer persönlichen Ziele bestens aufgehoben ist.
Soweit mein Bericht über das Selbstexperiment „30 Minuten staatliche Nachrichtensendung“. Nach dieser Grenzerfahrung jedenfalls verspüre ich das dringende Bedürfnis nach Drogen.
Ich liege auf dem Krankenbett kurz vor dem Exitus. Knochen schmerzen, Luft ist knapp – bald ist mit mir wohl Schluss. Ich sehe schon das frühe Grab in das ich steigen muss.
Was bringt mich wieder auf die Beine? Der guten Wünsche leider keine! Doch schleunigst muss ich senkrecht stehen, will der Hund mal Gassi gehen.
Gestern fand ein weihnachtliches Treffen des Sozialen Dienstes meiner Arbeitsstätte statt. Vordergründig sollte es die marktwirtschaftlichen Ansprüche an „Teambildung“, Stiftung von Zusammenhalt und persönlicher Kontaktpflege und dergleichen mehr erfüllen, in der Praxis ist es einfach die Gelegenheit, die vom Unternehmen für solche „Events“ zur Verfügung gestellten 25 Euro pro Kopf auf denselben zu hauen.
Mein Erscheinen stieß auf Verwunderung, denn in den vergangenen Jahren hatte ich mich von solchen Treffen ferngehalten. Ich erklärte den anderen, dass ich mich entschieden hätte, einmal zu schauen, was Erdlinge anlässlich solcher Zusammenkünfte so treiben würden – eine Auskunft, die nicht gelogen war und die die Kollegen zufriedenstellte, denn sie bestätigte ihnen das Bild vom schrulligen Teamsenioren mit dem Künstlertick, das sie von mir haben.
Als ich anschließend nach Hause fuhr, stand ich noch ganz unter dem Eindruck der dort stattgefundenen Interaktionen: man gab sich kollegial und kommunikativ, aber die Kommunikation beschränkte sich auf Anekdoten rund ums Trinken und auf die Art von lustigen Episoden und Ereignissen, die der Smalltalk solcher Treffen erfordert.
Heikle Themen v.a. politischer Art wurden – wie auf der Arbeitsstelle – bewusst vermieden. In den Gesprächen herrschte die vorsichtige Rede von Menschen, die seit einigen Jahren in einer gesellschaftlichen Realität leben, wo falsche Meinungen nicht nur geächtet, sondern mit spürbaren Nachteilen verbunden sind. Die Verhältnisse sind so, dass konträre Standpunkte nicht mehr diskutiert werden, sondern in der Regel sofort zu Streit und moralischer Verurteilung führen, sofern der geäußerte Standpunkt abweicht von der offiziell verkündeten regierungsseitig und medial verbreiteten Sichtweise.
Dabei sind die Kollegen allesamt sympathische und patente Menschen (wie man sie überdurchschnittlich häufig in den sozialen Berufen findet) und im direkten Gespräch durchaus in der Lage, den sozialen und politischen Niedergang des Landes, Kriegskurs, Verarmung und Arbeiterverarsche zu erkennen und zu kritisieren (besonders meine russische Kollegin, die natürlich immun ist für die allgegenwärtige russophobe Hysterie). In der Gruppe aber, in der Öffentlichkeit der Arbeitsstelle oder solch semi-privater Treffen, ist jede(r) bemüht, Vorsicht walten zu lassen, nichts „Falsches“ zu sagen und bei kontroversen Themen nicht anzuecken.
Diese die gesellschaftliche Debatte durchdringende Begrenzung und Einengung reicht in die Arbeitskollektive und bis in die Familien und Beziehungen hinein. Jedenfalls war die heutzutage übliche Zurückhaltung, ja Angst, etwas Falsches zu sagen, sich vielleicht sogar als Abweichler vom politischen und medialen Mainstream zu outen, in der Runde zum Greifen spürbar. Dadurch war das Ganze geprägt von einer gewissen Oberflächlichkeit und Beliebigkeit, in der jede(r) darauf achtete, der Fassade zu entsprechen, die er oder sie sich fürs Zurechtkommen in der rauer werdenden Welt aufgebaut hat.
Um all diese unerfreulichen Umstände möglichst wenig ins Bewusstsein dringen zu lassen, sprach man in unterschiedlichem Umfang gekauften und selbstgebrannten alkoholischen Getränken zu, die einige Kollegen stolz zur Verkostung mitgebracht hatten. Auch ich kostete von Himbeerschnaps und Honigmet und fand nichts zu bemängeln an den hochprozentigen Privatbränden meiner Kollegen. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass ich spätabends bei meiner Rückkehr eine höchst seltsame Szene beobachten konnte, die sich direkt vor meinem Zuhause abspielte:
Ein überdimensionierter Hund spazierte alleine und in aller Seelenruhe die D***-Straße entlang, schnüffelte an den Bäumen und schien sich recht gut auszukennen. Ich hatte mich noch nicht von meiner Verwunderung erholt, als es endgültig bizarr wurde: ein gigantischer Kaffeebecher folgte dem Hund auf dem Fuße und zwinkerte mir schelmisch zu. Inzwischen war ich überzeugt, entweder zu halluzinieren oder mal wieder einer Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums beizuwohnen, mittels derer kurzzeitig Phänomene aus den diversen Quantenrealitäten in unsere Welt gelangen können.
Der Kaffeebecher schwankte also vorüber, aber was dann kam, war noch merkwürdiger in dieser an merkwürdigen Erscheinungen reichen Szenerie vor meiner Haustür. Zunächst hüpfte ein Känguruh vorbei und ließ sich dabei auch nicht von vorüberfahrenden Autos stören (noch rätselhafter: die Autofahrer umgekehrt auch nicht von dem erstaunlich großen australischem Beuteltier).
Dann kam eine Ameise gemächlich anspaziert, aber eine von der Größe eines Pferdes. Nicht nur ihr Körper war um ein Hundertfaches vergrößert im Vergleich zu normalen Ameisen, sondern auch die Laute, die sie vernehmen ließ. Zum ersten Mal hörte ich die Geräusche, die „Sprache“ der Ameisen – eine Art schabendes Krächzen, eindeutig insektoid und ein bißchen unheimlich.
Es wurde dann aber noch unheimlicher. Gevatter Tod selbst erschien, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung, und eilte einigermaßen zielstrebig einem – wie ich vermutete – „Kunden“ zu. Er war fast an mir vorüber, als der angstvolle Ausruf eines von dem Anblick erschrockenen nächtlichen Passanten ihn ablenkte und zum Innehalten veranlaßte. Der Passant allerdings hatte sich blitzartig verkrümelt und ich blieb als einziger Zeuge der heiklen Situation übrig.
Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit dem Sensenmann, meine Zeit war meiner Auffassung nach noch lange nicht gekommen (aber das denkt sicher jeder, dem Freund Hein seine Aufwartung macht). Er hatte mich jedoch schon bemerkt, wandte mir sein Knochengesicht zu und kam immer näher, wie um mich genauer in Augenschein zu nehmen (wenn er denn Augen gehabt hätte). Es war klar, dass ich keinerlei Chance zur Flucht mehr hatte, und außerdem war ich paralysiert wie in einem jener Träume, in denen man angesichts drohender Gefahr kein Glied und keinen Muskel mehr bewegen kann.
Dann aber geschah etwas so Unerklärliches, dass mein Verstand aussetzte und selbst der einfache Vorgang der Wahrnehmung dessen, was sich vor meinen Augen abspielte, mir kaum noch möglich war – so absurd und abrupt war es. Unter der schwarzen Kutte des Knochenmannes nämlich verwandelte sich sein gräßlicher Totenschädel in ein pralles und properes Babygesicht. Das Kleinkind – oder was immer das jetzt war – lächelte mich freundlich, vielleicht auch etwas spöttisch, an und war fast im selben Moment verschwunden, und mit ihm der ganze Spuk auf der D***-Straße.
Ich befand mich plötzlich in meiner Wohnung im oberen Stockwerk, wo mich der Hund schwanzwedelnd begrüßte und alles wie immer wirkte.
Direkt bei mir um die Ecke liegt der Belsenplatz, ein Verkehrsknotenpunkt in Oberkassel, an dem Busse und Straßenbahn aus allen Richtungen halten, sich umschauen und auf Fahrgäste warten, um anschließend weiterzufahren nach Neuss, Krefeld, rüber in die Innenstadt oder in andere unbekannte, rätselhafte und seltsame Gefilde.
Wenn man in die falsche – manche sagen „in die richtige“ – Straßenbahn einsteigt, gerät man gelegentlich in eine Art Zeitdilatation, die einen in eine parallel Realität befördert, wo sich Häuser bewegen, Menschen fliegen und generell Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen.
Wer das Glück hat, Zeuge dieser erstaunlichen Begebenheiten zu werden, darf sich als Gesegneter des Daseins bezeichnen. Aber er kann’s auch lassen und wieder nach Hause gehen.
Seit über einem Jahr bin ich bei den Spaziergängen mit meinem Hund ein bis zweimal die Woche in Begleitung seines besten Kumpels und dessen Halterin.
Die beiden Hunde hatten sich am Rhein kennen gelernt, und der liebenswerte hyperaktive schwarze Mops war sofort von meinem Zottelhippiehund so begeistert, dass er überhaupt nicht mehr von ihm lassen wollte.
Seitdem sind die beiden dickste Freunde, best buddies, zwei wie Pech und Schwefel, und es ist rührend und witzig, sie zusammen umherstrolchen und Abenteuer bestehen zu sehen.
Die Halterin des Kumpels ist eine wohlbestallte Oberkasseler Bürgerin: kultiviert, gebildet, eloquent, kunstsinnig, überdies auch noch schlank, gut aussehend und angetan mit jenen Kleidungsstücken der Frauen der gehobenen Mittel- bis Oberschicht, denen man das teure Understatement ansieht.
Sie könnte vom Alter her meine Tochter sein und hat sich auf den gemeinsamen Gassirunden als angenehme Gesprächspartnerin mit einem sympathischen Sinn für Humor und Absurdität erwiesen. Unsere Gespräche drehten sich im Wesentlichen um Hunde – und um Hochbetagte, nämlich um ihre ca. 70km entfernt lebende Oma, um deren Angelegenheiten sie sich kümmert und die sie regelmäßig besucht, sowie um meine Schützlinge im Pflegeheim.
Wenn wir mal – selten genug – das Politische streiften, war schnell zu merken, dass jede Abweichung vom amtlich und mainstreammedial kolportierten Narrativ über die Verhältnisse auf der Welt meine Begleiterin stutzig machte und sie zu verunsichern schien – eine Reaktion, die irgendwie nicht passte zu dem Bild der aufgeschlossenen, intellektuell beweglichen Frau von Welt, das sie erkennbar zu vermitteln bemüht war.
Ich führte dies zurück auf einen Umstand, mit dem sie mich eine Weile nach Beginn unserer gemeinsamen Hunderunden bekannt gemacht hatte: ihre gesundheitliche Gesamtsituation ist von der Art, die selbst schicksalsgeprüfte ältere Menschen nicht ohne weiteres wegstecken. Sie aber ließ sich nichts davon anmerken, erwähnte nur gelegentlich, wieviel Kraft sie ihr Alltag kostete und wieviel Mühe sie sich geben müsse, den Eindruck funktionierender Normalität zu erwecken. Jedenfalls war klar, dass meine Hunderundenpartnerin ein Päckchen tragen musste, das es in sich hatte.
Für mich erklärte sich damit auch der etwas ambivalente Eindruck, den sie, vor allem in der Kommunikation, auf mich machte: nämlich den einer Person, die aufgrund äußerst labiler und instabiler Gesundheit sich umso rigidere („stabilere“, wenn man so will) Überzeugungen oder innere Haltungen zugelegt hat – vielleicht aus der subjektiv verspürten Notwendigkeit, ohne eine solche Haltung schnell von ihren diversen gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen überrollt zu werden. Meine Liebste, die meine Gassibegleiterin kennengelernt hatte, gelegentlich mit ihr smalltalkte und sie sympathisch fand, brachte diesen Eindruck wie folgt auf den Punkt: „Die ist ja echt nett, die Francis*, aber die ist bestimmt auch ganz schön schwierig und anstrengend!“.
* Name geändert
Vergangenen Dienstag nun gingen wir wie üblich eine ausgiebige Runde am Rhein mit unseren beiden Vierbeinern, besuchten noch zusammen den Wochenmarkt und verabschiedeten uns mit den Worten „Bis übermorgen!“.
Am Tag danach erhielt ich abends folgende WhatsApp-Nachricht von ihr:
„Hallo Kay,
ich habe in den letzten Tagen viel über unsere Gespräche und den Kontakt nachgedacht. Mir ist dabei klar geworden, dass unsere politischen Ansichten einfach zu unterschiedlich sind und mich das zunehmend belastet. Vor allem deine Haltung in politischen Themen, sowohl was den Nahostkonflikt betrifft als auch deine Sichtweise auf Putin, ist für mich ehrlich gesagt grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten.
Ich merke, dass ich mich so nicht mehr wohlfühle, auch weil du deine Haltung sehr offen nach außen zeigst. Es tut mir wirklich leid, auch im Hinblick auf die Hunde, aber ich habe für mich entschieden, den Kontakt zu beenden. Ich respektiere, dass du deine Meinung hast, aber ich kann und möchte sie für mich so nicht mittragen oder weiterhin in dieser Spannung stehen.
Ich wünsche dir trotzdem alles Gute und hoffe, du nimmst mir die Entscheidung nicht übel.“
Was war passiert? Die Anzahl der Erwähnungen irgendwelcher im weitesten Sinne „politischen“ Sachverhalte auf den gemeinsamen Hunderunden lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Über den russischen Präsidenten mag ich bei Gelegenheit gesagt haben, dass es ihm zu verdanken ist, wenn Europa bisher noch keine umfassende Kriegszone ist. Der israelische Völkermord in Palästina war meiner Erinnerung nach nie Thema, allerdings trage ich einen Anstecker mit der palästinensischen Flagge an meiner Jacke.
Andrerseits mache ich natürlich aus meinem Herzen keine Mördergrube, wenn es um Eigentumsfrage und Klassengesellschaft geht. So erinnere ich mich, in einem Gespräch über dubiose Nebenkosten-Nachzahlungen erwähnt zu haben, dass in meiner Sicht niemand mehr Wohnraum besitzen sollte, als er selber nutzen könnte. Ich weiß noch, dass meine Begleiterin mit der Aura erkennbarer Missbilligung reagierte, auch wenn sie nichts dazu sagte. Später fiel mir ein, dass sie und ihr vermögender Gatte nicht nur eine schicke Eigentumswohnung in unserem Edelviertel bewohnen, sondern eine weitere in der Nähe besitzen, die sie vermietet haben.
All das aber erklärte für mich noch nicht die selbstauferlegte plötzliche Kontaktsperre. Meine Vermutung: sie hat im Internet, in dem ich zahllose Spuren staats- und imperialismuskritischer Art hinterlassen habe, Dinge von mir oder über mich gefunden, die – wie sie so unnachahmlich formuliert – „nicht mit ihren Werten vereinbar sind“. Möglicherweise Berichte über den Strafprozess wegen „Befürwortung eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges (der gängige Euphemismus der imperialistischen Ideologen für den Stellvertreterkrieg ihres Kiewer Regimes gegen Russland), den die kriegführende Staatsmacht aufgrund einer Denunziation gegen mich anstrengt hatte – und verlor. Das würde den Hinweis auf „Putin“ erklären. Aber der „Nahostkonflikt“ (auch schon wieder so ein schönes Wording, mit dem ethnische Säuberung und Genozid an der einheimische Bevölkerung des okkupierten Landstriches durch eine von jeder Rücksichtnahme befreite Besatzungsmacht als irgendwie unverständliche Rempelei zweier rauflustiger Rabauken dargestellt wird)? Dieses Thema wurde meines Wissens nach nie in unseren Unterhaltungen erwähnt.
Woher der überraschende Kontaktabbruch kommt, ist letztlich auch egal. Zwei Aspekte scheinen mir zu seinem Verständnis erwähnenswert:
Einmal die psychische Anspannung, in die sich meine Hunderundenbegleiterin durch das bloße Wissen (oder den Verdacht) versetzt sieht, dass es sich bei meinen „politischen Ansichten“, die ich auch noch „sehr offen nach außen zeige“ um einen Fall von Putinismus oder „Antisemitismus“ handelt. Sie schreibt von „zunehmender Belastung“ und dass sie nicht „weiterhin in dieser Spannung stehen“ möchte. Das ist die subjektiv „reale“ Seite, also die negativen Gemütszustände, die in manchen Zeitgenossen durch die Konfrontation mit als „grenzwertig“ definierten Standpunkten ausgelöst werden – und die das betreffende Individuum instinktiv, so wie jede andere negative Emotion, vermeiden und abblocken will.
Zum zweiten scheint mir dieses Verhalten symptomatisch für das geistige Klima der totalen mentalen Mobilmachung hierzulande. Konträre Standpunkt, abweichende Meinungen, Einspruch, Widerspruch, Dissens werden nicht als Gelegenheit zur Diskussion gesehen, vielleicht sogar begrüßt als Ausgangspunkt faktischer Ergründung eines Sachverhaltes. Nein, sie werden als GEFAHR betrachtet und ausgegrenzt, ohne auf ihren Inhalt auch nur einzugehen.
Dieses Muster zieht sich durch alle öffentlichen (und in ihrem Gefolge auch privaten) Debatten in einer Gesellschaft, die nach dem Willen der Regierenden und den hinter diesen stehenden Eliten für den kommenden Krieg gegen Russland ertüchtigt und willig gemacht wird.
Es wird nicht mehr diskutiert, es wird befohlen. Widerspruch wird ausgegrenzt und bestraft, sofern er staatlichen Stellen auffällt. Im privaten Bereich bleibt es (noch) bei der Ausgrenzung.
Wenn einmal der Luftzug der Realität in ihre wohl geordnete Welt von Besitz und Privilegien dringt, stecken bürgerliche Gemüter schnell die gut frisierten Köpfe in den Sand ihrer Ideologie (die sie niemals so nennen würde, denn Ideologen sind für sie immer nur die Kritiker der als „gegeben“ empfundenen Verhältnisse, in denen sie sich so komfortabel eingerichtet haben).
Kann man ihnen das vorwerfen? Kann man, macht aber wenig Sinn. Dass jeder Insasse eines kapitalistisch geführten Staatswesens immerzu versuchen muss, in den vorgefundenen Umständen zurechtzukommen, ist nunmal so. Dass die inhärente Inhumanität und Verlogenheit einer Welt, in der die Armut der vielen die Bedingung des Reichtums der wenigen ist, leichter zu ertragen ist, wenn man sich lauter gute Gründe dafür zurechtlegt oder einleuchten lässt, ist auch verständlich. Intelligent ist es nicht.
Man versteht das Schutzbedürfnis des individuellen Verstandes vor dem ungeheuren Zynismus, vor der rücksichtslosen Brutalität der privatwirtschaftlich eingerichteten Welt. Heute, 2025, scheinen alle selbst im westlichen Kapitalismus bisher geltenden Gesetze einer im Sinne der Besitzenden geordneten politischen Ökonomie dort außer Kraft gesetzt, wo sie für die Herren der Welt keinen Vorteil versprechen oder deren Zielen im Weg stehen: Erpressung, Korruption, schrankenlose Gewalt, extralegale Morde, staatlich erlaubte und gedeckte Serienvergewaltigungen, Folter, Kriege, Genozid: die „Shining City on the Hill“, der Hort der Freiheit und westlichen Liberalität – ob in Washington oder London, ob in Berlin oder Jerusalem, in Kiew oder Paris – hat sich in eine dystopische Zone von Terror, Überwachung, Verfolgung und Lüge verwandelt.
Gleichzeitig wird die Transformation zur technokratischen Diktatur, die prä-diktatorische Herrschaftsform, in der sich die westlichen Demokratien momentan befinden, begründet mit dem Schutz der Freiheiten, die gerade sukzessive abgeschafft werden. “Unsere westliche Lebensweise”, die „von Putin bedroht“ wird, wie die westlichen Machthaber nicht müde werden zu verkünden, wird verstanden als (und reduziert auf) die Machtsicherung der globalistischen Eliten, der Oligarchie und ihrer ideologischen Hofprediger.
Die von Sonntagsrednern und Kriegstüchtigkeitstrommlern beschworenen Vorzüge dieser Lebensweise jedoch, sofern sie für die normalen Bürger der westlichen Konkurrenzgesellschaften relevant sind (funktionierende Infrastruktur, bezahlbarer Wohnraum, gutes Bildungs- und Gesundheitssystem, Löhne von denen man leben kann…) gibt es nicht mehr oder sie schwinden schnell dahin.
Man kann die Hilflosigkeit nachvollziehen, die der Einzelne angesichts dieser deprimierenden Zustände empfindet. Vermutlich kennt sie jeder von sich selbst. Vermischt sich diese Hilflosigkeit mit dem Gefühl, in die Enge gedrängt zu sein, bedroht zu werden vom Verlust der bisher gewohnten Lebensweise (und das heißt vor allem: der gewohnten Einkommensgrundlage, sofern diese ausreichend genug ist für ein gutes Leben) – dann wird‘s oft häßlich. Schnell ist dann menschlicher Anstand, Freundlichkeit, Verständnis für andere Sichtweisen, Einfühlungsvermögen, schnell sind die zwischenmenschlichen Umgangsformen, die gesellschaftliches Miteinander einfacher machen (wenn nicht erst ermöglichen) vergessen.
Der „Extremismus der Mitte“, die Radikalisierung der selbsternannten amtlichen Demokratieschützer, die die Demokratie verteidigen wollen, indem sie sie sukzessive abbauen, ist zwar noch nicht mal (mehr) „die Mitte“, die er zu sein beansprucht (so wie die „Volksparteien“ längst keine solchen mehr sind), er behauptet aber von sich, die Mehrheitsgesellschaft zu repräsentieren (rein legalistisch gesehen, ausweislich des Ergebnisses der letzten Bundestagswahl, stimmt das sogar). Die unerbittliche Verschärfung der Zensurgesetze, die Aushöhlung der bürgerlichen Freiheiten, die Verfolgung von Kritik, das ganze politische Walten von moralisch selbstgerechten staatlichen Tugendwächtern (einer Tugend, die sie selbst definieren und bei deren Durchsetzung sie sich zu Anklägern, Richtern und Vollstreckern in einem machen) kennzeichnet diesen Extremismus, der sich in machtbewußtem Selbstbetrug als Bollwerk gegen Extremismus sieht.
Ausgrenzung sagt jedenfalls immer mehr über den Ausgrenzenden als über die ausgegrenzte Sichtweise oder Person. Im privaten Bereich ist so etwas verletzend, aber verkraftbar. Im öffentlichen Bereich kann es im Extremfall tödlich sein. Der Schritt vom privaten zum öffentlichen Bereich ist ein sehr kleiner: die Feedbackschleife des staatlich erwünschten Feindbilddenkens bestätigt immer wieder die bestehenden (Vor-)Urteile der entsprechend propagandisierten Individuen, und wenn diese Individuen Ämter und Positionen innehaben, die ihnen die Macht geben, das als störend empfundene Denken auszugrenzen, dann Gute Nacht.
Sie machen es ja bereits:
Das „Deine Haltung in politischen Themen (…) ist für mich (…) grenzwertig und nicht vereinbar mit meinen Werten“ meiner Hundegassi-Freundin ist ja bereits offizielle Politik der Staatsmacht. Nach innen mit Polizei und Justiz, nach außen mit Rüstung und Krieg (vorerst noch durch Stellverteterarmeen, demnächst wohl durch die Bundeswehrmacht selber) machen die Machthaber in Berlin und Brüssel klar, dass und wie sehr ihre „Werte“ unvereinbar sind mit Kriegsgegnern und jeglicher fundamentaler Kritik an ihrer Herrschaft.
Noch eine Animation einer Zeichnung, die ich vor einigen Jahren angefertigt habe und die immer zu meinen Favoriten zählte.
Jedenfalls hatte ich das Gefühl, Rocco Granatas „Marina“ würde als Begleitmusik gut dazu passen. Die beschwingte alte Schnulze handelt von einer dunkelhaarigen Schönheit namens Marina, die der Sänger aufs Inbrünstigste anschmachtet. Während er im ersten Vers noch von ihr zurückgewiesen wird, gibt sie ihm im nächsten einen Kuss und er will sie sofort heiraten..
Naja, der Text dürfte egal sein, Hauptsache irgendwas mit Liebe und Romantik. Auf die Melodie kommt‘s an. Die kann, weil sie klare Ohrwurmqualität hat, jeder mitsingen, -summen oder -pfeifen.
Als ich genau das tue, während ich an dem Filmchen arbeite, werde ich von der Liebsten streng zur Ordnung gerufen: „Mach das aus! Hör auf zu singen! Solche Musik kann ja keiner aushalten!“
Doch, ich schon – aber der Troubadour gilt halt nichts in den eigenen vier Wänden.
„Man muss dagegen arbeiten, man darf sich nicht aufgeben“, sagt mir ein Freund und Genosse, und meint es in aller Freundschaft und Solidarität.
Das klingt in den Ohren eines Menschen, der sich mit dem abmüht, was bürgerliche Psychologen Depression nennen, natürlich wie Hohn, da diese Appelle für ihn zu der Welt gehören, deren absolute und ultimative Sinnlosigkeit ihn erst in den Zustand befördert hat, in dem er steckt.
Einer meiner liebsten Sprüche stammt tatsächlich von der ehemaligen Chefin der evangelischen Großsekte, Margot Kässmann (die ihren Job verlor, weil sie besoffen Auto fuhr, dabei einen Unfall baute und damit „nicht mehr tragbar“ war als Vorsitzende der EKD). Sie kommentierte das Ganze mit dem Satz:
„Man fällt niemals tiefer als in Gottes Hand“.
Das ist ein Juwel der Weisheit; man muss nicht mal gläubig sein, um die Weisheit darin zu entdecken. Nichts Menschliches sollte uns fremd sein, gerade wenn wir uns als Kommunisten bezeichnen…
In meiner Wahrnehmung wechselt sich die Präsenz abgrundtiefer Sinnlosigkeit ab mit derjenigen der schier unglaublichen Schönheit der natürlichen Welt um mich herum.
Ein simpler Spaziergang im Park lässt mich der filigranen und unerklärlichen Erhabenheit von Bäumen und Gras, der Wolken am Himmel, des Bellens der Hunde und des Gekrächzes der Krähen gewahr werden. Man muss nicht im Himmel oder nach dem Tod nach einem Gott suchen, wenn man diese überwältigende Schönheit der Erscheinungsformen rings um sich hat. Gleichzeitig ist das alles extrem zerbrechlich, vergänglich und flüchtig, und vielleicht ist es genau das, was in mir den Eindruck einzigartiger harmonischer Glorie auslöst.
Man möchte durch das Wunder dieser Welt schreiten, behutsam wie durch einen phantastischem Traum, mit dicken, weichen Pantoffeln an den Füßen, um nichts zu zerstören. Und auch, um nicht ins Nichts zu fallen, wenn sich die scheinbare Festigkeit der Welt auflöst in ihre molekularen, atomaren, sub-atomaren und Quantenstrukturen – was gefühlt in jedem Moment passieren könnte. Es gab irgendeinen theoretischen Physiker, ich glaube es war Heisenberg, der die subatomare Realität erforschte und von den gewaltigen Räumen und Distanzen zwischen Atomkernen und den sie umkreisenden Elektronen so beeindruckt war, dass er das Gefühl entwickelte, jederzeit in die Leere dazwischen fallen zu können – er schlurfte daraufhin nur noch mit dicken Filzpantoffeln durchs Haus, erzählt man sich. Jedenfalls ist es das, was bei mir von der Anekdote hängengeblieben ist.
Mir fehlt heute die Faszination, der intellektuelle Genuss, die ich früher bei solchen Geschichten und Erkenntnissen empfunden habe. Die Wahrnehmung ist direkter und nimmt keinen Umweg über den Intellekt, laienhaft ausgedrückt. Natürlich ist mir klar, dass Gefühl und Verstand nicht zu trennen sind und dass die auf Wahrnehmung beruhende Einordnung und Benennung einer Sache bereits ein intellektueller Vorgang ist.
Ich glaube, früher habe ich versucht, alle Erfahrungen in Bezug zu meinem Bedürfnis nach Erklärung und Erleuchtung zu setzen. Danach, nach dem Ziel „Höchste Erkenntnis“ bzw. „Wahrheitsfindung“, habe ich sie bewertet und absortiert; auf diese Weise wurden alle Erfahrungen und Erlebnisse (innen wie außen) zu Futter und Brennmaterial für das Streben nach Erkenntnis, nach Erleuchtung. Auf deutsch: sie wurden einem Konzept untergeordnet, und passend gemacht, wenn sie dem Konzept widersprachen. Ich hätte eher die Erfahrungen bezweifelt als das Konzept.
Und heute? Die Konzepte haben ausgedient, die Erfahrungen bleiben. Das ist häufig unangenehm und verwirrend. Wenn man von der Empfindung von galaktischer Sinn- und Aussichtslosigkeit, von bodenloser schwärzester Irrelevanz ALLER Erscheinungen und Phänomene niedergedrückt wird und keine Erklärung spiritueller, psychologischer, religiöser oder anderer konzeptioneller Art dafür hat, manifestiert sich die ganze Wucht dieses Zustandes im Gemüt. Darauf hab ich keinerlei Antwort, keinen Trick, keine Methode, keinen Rat, nichts.
Diese Empfindung scheint jedoch so etwas zu sein wie die andere Seite der Empfindung mysteriöser und kaum zu glaubender Schönheit, die sich an anderer Stelle einstellt. Möglicherweise muss man sich als Inhaber eines menschlichen Körper-Geist-Organismus daran gewöhnen, dass dies eben der Stand der Dinge, die Lage der Nation, die Conditio humana bzw. der Henkel des Bechers ist. Damit leben muss man (also ich) ja sowieso, ob man (also ich) will oder nicht.
Marxisten kämen mir jetzt vermutlich mit „Dialektik, mein Junge, Dialektik!“, Esoteriker mit dem Verweis auf das tiefe dunkle Tal, das auf dem Weg zum Licht zu durchschreiten ist. Am Ende haben sie alle recht und am allerletzten Ende sind auch das alles nur Konzepte, mit denen sich der Verstand abmüht. Oder grämt, oder frustriert, oder unterhält, je nachdem. Der Abgrund ultimativer Sinnlosigkeit lauert an jeder Ecke und hinter jedem Grashalm und umgibt einen auf einmal wie ein kalter Windhauch, der eben noch nicht da war. Und während man noch schauert und sich eventuell selbst bedauert, wird man ebenso unerwartet der gloriosen Schönheit und der zerbrechlichen Harmonie der lebendigen Natur gewahr, die man für eine SEHR kurze Weile das Privileg hat, mit ansehen zu dürfen.
Von den ersten Höhlenmalereien zu iPad Pro und Apple Pencil – die knapp fünfzigtausend Jahre, die dazwischen liegen, sind ein Wimpernschlag in der Geschichte der Spezies. Erst recht in der des Planeten, auf dem die Spezies sich entwickelt hat. Die Empfindungen des Frühmenschen, wenn er mit Ocker, Eisenoxid und Holzkohle Dinge aus seiner inneren und äußeren Erfahrungswelt auf Felswände aufbrachte, dürften nicht viel anders gewesen sein als die des homo sapiens sapiens des 21. Jahrhunderts, der dasselbe mit der Technologie von heute macht.
Lebte der Frühmensch in einer Art Urkommunismus? Gab es Eigentum an „Produktionsmitteln“? Und was sollten diese gewesen sein, außer den gemeinschaftlichen Vorräten, Behausungen usw., die die damaligen Menschen zum Überleben brauchten? Es gab keine Klassen, keinen Staat, es gab keine Produktivkräfte, die Privateigentum und damit eine Klassengesellschaft hervorbringen konnten.
In der kurzen Zeitspanne eines menschlichen Lebens ist es selten, dass das individuelle Denken die Gelegenheit ergreift, sich über den engen Rahmen der unmittelbaren (Über-)Lebensverhältnisse der Konkurrenzgesellschaft zu erheben. Der Verstand ist fast immerzu mehr damit beschäftigt, die zahlreichen Herausforderungen der Anpassung an die menschengemachten Verhältnissen zu meistern, als dass er Muße hat, die menschliche Existenz, vor allem aber die der Spezies als solche, in ihrer Entwicklung über die Jahrtausende zu betrachten. Solche Betrachtungen gelten als sinnlose Zeitverschwendung, als ergebnislose philosophische Nabelschau von Leuten, die zu viel Zeit oder zu viel Geld haben, oder am besten gleich beides. Dabei ist die Neugierde, die zu solchen Überlegungen führt, ein wesentliches Element der Spezies. Ohne sie würden wir vermutlich noch in den Bäumen sitzen oder wären schon ausgestorben.
Die humanoide Sorte Säugetier, die sich gerne als Krone der Schöpfung sieht, ist nicht der Abschluss der Evolution – weder als Spezies noch als Individuum. Warum sollte sie das auch sein? Was Jahrmillionen gedauert hat, um vom behaarten Steppenbewohner, der es mal mit dem aufrechten Gang probiert, beim internetgeprägten Zivilisationsbürger anzugelangen, soll ausgerechnet jetzt, als von der eigenen Auslöschung bedrohter „Menschenaffe mit Atombomben“ evolutionsmäßig zum Stillstand gekommen sein und den Abschluss der biologischen und mentalen Entwicklung der Art darstellen? Sowas gibt’s nicht in der Biologie und in den Naturwissenschaften. Erst recht nicht in den Gesellschaftswissenschaften, die genau die Entwicklungen und Veränderungen untersuchen, die Individuen als Kollektiv durchlaufen.
Dennoch wird – jedenfalls in dem kleiner werdenden Teil der Menschheit, der mental und ideologisch noch von der fünfhundertjährigen westlichen Dominanz bestimmt wird – in der Regel so getan, als wäre der heutige Kapitalismus der endgültige Ausdruck menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Diese Ignoranz werden zukünftige Generationen einmal mit leichtem Amüsement verwundert belächeln und sie als Ausdruck einer vor-zivilisatorischen Etappe der Menschheitsgeschichte einordnen, ähnlich wie wir heute die Stammesgruppen des Paläolithikums als Vorstufe der entwickelten technologisch Phase der Spezies betrachten.
Eines fernen oder vielleicht nicht allzu fernen Tages wird die gesellschaftliche Reproduktion der menschlichen Gesellschaften auf dem dritten Planeten nicht mehr von „zivilisierter Barbarei“, also von Privateigentum an Produktionsmitteln und der daraus resultierenden, von Konkurrenz und Ausbeutung geprägten, Überlebenskämpfe bestimmt sein.
Eines Tages wird eine regional organisierte, aber global funktionierende vernünftige Organisation des gemeinsamen Überlebens auf der begrenzten Ressource Erde den Alltag und das Zusammenleben der Spezies bestimmen. Eine geplante Ökonomie, die Raum lässt für individuelle Kreativität auch in unternehmerischer Hinsicht, wird nicht bloß utopische Träumerei weltfremder Idealisten sein, sondern Notwendigkeit und Erfordernis einer Spezies, die – wenn sie nicht den Schritt heraus aus der privatwirtschaftlich organisierten Frühphase der menschlichen Gesellschaft tut – die eigenen Überlebensgrundlagen zerstört.
Dass das kein Wunschtraum bleibt, sondern praktische Schritte in diese Richtung unternommen werden können – das ist das Anliegen der Kommunisten.