Geschichten die das Leben schrieb: Massenformierung und voller Bauch

Die Frau und ich beim Mittagessen. Ich erzähle ihr von dem „Neutrality Studies“-Podcast, den ich heute Morgen bei der Hunderunde gehört habe. Pascal Lottaz interviewt den belgischen Professor Mattias Desmet, seines Zeichens Psychologe, Statistiker und Erforscher von Totalitarismus und „Massenbildung“ – „Bildung“ hier im Sinne von Zusammenschluss, Formierung verstanden, nicht als schulische, universitäre oder sonstige Wissensvermittlung (der englische Begriff ist „mass formation“)

Meine (bei allem Respekt für die teilweise präzise und zutreffende Analyse des Professors) fundamentale Kritik an seiner zutiefst bürgerlichen Sichtweise, alles und jedes – vor allem aber soziale Phänomene – als Ausdruck der Psyche, der „menschlichen Natur“ zu begreifen und somit konsequent zu individualisieren, lasse ich beiseite und berichte der Liebsten von der Aussage, die mich am meisten fasziniert hat.

Desmet stellt nämlich die These bzw. Theorie auf, dass gerade intelligente, gut gebildete Menschen anfällig sind für totalitäre Ideen und Ideologien. Er hat das wohl auch anhand einiger Arbeiten, Studien usw. nachgewiesen. Er sagt:

„Je höher das Bildungsniveau, desto anfälliger werden Menschen für Massenbildung. Das klingt paradox. Gustave Le Bon schrieb im 19. Jahrhundert: „Je höher das Bildungsniveau, desto mehr fallenMenschen der Massenbildung zum Opfer.“ Jacques Ellul schrieb in seinem Buch „Propaganda“ dasselbe: „Je länger Menschen zur Schule gehen, desto leichter fallen sie der Propaganda anheim.“

Der Grund: Unser Bildungssystem ist eine Art unbewusster Indoktrination. Nicht weil Lehrer bewusst indoktrinieren – nein. Aber das System lehrt Menschen, nicht selbst zu denken. Es lehrt sie, alle auf dieselbe Weise zu denken, nämlich gemäß der Mainstream-Sicht auf Mensch und Welt. Bildung wird so zur psychologischen Vorbereitung, die Menschen anfällig für die Propaganda macht, die später in ihrem Leben eingesetzt wird.“

Soweit der Kontext. Wir unterhalten uns weiter über die derzeit sehr gut beobachtbare Indoktrination und Hysterie im Zuge der Hyperaufrüstung und des Krieges gegen Russland, den vor allem Deutschland federführend übernommen hat und anscheinend unbedingt demnächst selbst führen will.

Ich bemerke zwischen zwei Bissen Bio-Hähnchen an grünem Spargel: „Da führt wohl kein Weg mehr dran vorbei. Ich hoffe mittlerweile nur noch, dass es nicht zum nuklearen Schlagabtausch kommt, damit die Trümmer, in denen wir sitzen werden, wenigstens nicht verstrahlt sind…“

Die Frau, auf meinen Teller schauend, den ich mal wieder nur zu drei Vierteln leergegessen habe : „Kann ich das Stück Fleisch noch haben?“

Ich antworte: „Ja klar. Nimm. Kriegsvorbereitung, Krieg gegen Russland, Bomben und Zerstörung – egal, Hauptsache es gibt lecker zu essen!“

Sie so: „Naja, dann sterb‘ ich wenigstens satt…“

Geschichten die das Leben schrieb: Im Hundesalon

Heute musste der Hund in den Hundesalon. Zum ersten Mal in seinem jetzt neunjährigen Leben. Er stand es durch wie ein Mann, war aber extrem erleichtert, als er nach einer Stunde endlich wieder auf freier Pfote war. Sechzig Euro kostet der Spaß – ich glaube, die hätte ich (wenn‘s nach ihm gegangen wäre) lieber für Leckereien ausgeben sollen.

Geschichten die das Leben schrieb: Korrespondenz mit der Kämmerin des Regenten

Wenn Armutsrentner aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation gezwungen sind, einer Lohnarbeit nachzugehen, kann es vorkommen, dass sie den Arbeitsweg mit dem eigenen Kraftfahrzeug zurücklegen. Bekanntlich ist laut Arbeitsrecht der Hin- und Rückweg zur Arbeit nicht vom Ausbeuter zu übernehmen, sondern von dem Ausgebeuteten selber – der so auch noch dafür bezahlen muss, dass er seine Arbeitskraft dem Kapitalisten oder Dienstgeber zur Verfügung stellt..

Nun wollen es mitunter die Umstände, dass man es etwas eiliger hat, weil man vielleicht seinen Hund von dessen Unterbringungstätte abholen muss – auch dies selbstverständlich Kosten, die der Lohnarbeiter selbst zu tragen hat. Was leistet er sich dann auch so ein Haustier? So geht er arbeiten in der Gewissheit, dass er zwei von den 4,5 Stunden der Dienstzeit nur arbeitet, um die Unterbringung seines Hundes bezahlen zu können.

Kommt er dann aus irgendeinem Grunde später als geplant in den verdienten Genuss seines Feierabends – Verzögerungen an der Arbeitsstätte, Verkehrsprobleme –  , dann ist es durchaus möglich, dass er, um rechtzeitig vor Schließung der Aufbewahrungstelle seines Vierbeiner dort einzutreffen, etwas zügiger die gewohnten Wege und Straßen durchfährt. 

Wenn es dann auch noch der böse Zufall will, dass die Gemeinde oder Stadt an ausgerechnet diesen Wegen und Straßen vorübergehend jene modernen stummen Raubritter, die sogenannten Mobilen Blitzgeräte, installiert hat, mit denen arglose Pendler wegelagernd beraubt werden – dann hat der geplagte lohnarbeitende Armutsrentner die goldene Arschkarte gezogen. 

In meinem konkreten Fall sogar zwei davon, denn tatsächlich war ich dumm beziehungsweise übermüdet genug, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in dieselbe Blitzerfalle zu rasen. Wobei „rasen“ übertrieben ist, denn ich überschritt die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um vernachlässigenswerte 22 km/h.

Wie auch immer, die Stadt Neuss bestraft mich für dieses Vergehen mit zwei saftigen Bußgeldbescheiden, die sich auf zusammen 250 € belaufen, und einem „Punkt in Flensburg“. Nach einigen Telefonaten und einem E-Mail-Austausch mit den recht freundlichen, aber unerbittlichen Mitarbeiterinnen der Neusser Bußgeldstelle wurde mir gnädig gewährt, diesen Betrag in erträglichen Monatsraten abzustatten.

Der entsprechende Bescheid ging mir heute zu, ich nahm den erneuten Diebstahl an meinen kargen Überlebensressourcen ohnmächtig hin, hatte dann aber noch eine Nachfrage. In einem Anfall von Schabernack setzte ich darauf nachstehendes Schreiben auf und versendete es an die mir telefonisch bekannte Frau B. von der Bußgeldstelle. Auf deren huldvolle Antwort bin ich jetzt schon gespannt.

Re: Eurer Gnaden zu Füßen gelegt: AZ 801.16832.9-2619 und AZ 801.17452.9-2619

Edle Frau B.!

Seid gegrüßt!

Ich habe entsprechend Euren Schreiben die beiden Daueraufträge – AZ 801.16832.9-2619 und AZ 801.17452.9-2619 – angelegt. Die Bankgeschäfte der Heutigen erfolgen ja – auf mir unverständliche Weise – über lebendige Tafeln, in die man Worte und Ziffern mittels eines Buchstabenbretts hineinschreibt!

Ab 20.05.2026 fliessen also die Dukaten meines Straf-Obolus an die Raubritterkasse des Regenten. Als gesetzestreuer Untertan verstehe ich natürlich, dass im Fürstentum Novesia alle Gäule und Gespanne sich an die hoheitlich vorgegebenen Langsamkeiten zu halten haben!

Wie nun, so frage ich Euch als Kämmerin unserer Edlen Herrschaft, wäre es aber, wenn ich – wofür ich täglich bete – ein günstiger Zufall oder eine milde Gabe mich in die unverhoffte Lage versetzte, den gesamten Obolus auf einmal zahlen zu können? Ist das möglich oder bin ich nun auf den monatlichen Ablass festgelegt?

Halten zu Gnaden, dass dies ja auch die hoheitliche Kasse von lästigen Obliegenheiten wie Nachverfolgung und Kontrollen entlasten würde!

Tut kund Eure Gnade und lasst mich wissen, wie der Hohe Herrscher zu richten gedenkt.

Wisset, dass ich Euren Dienst zu schätzen weiß!

Gott befohlen!

Geschichten, die das Leben schrieb: Sie wissen es alle und trotzdem hat keiner eine Ahnung 

Heute früh in der Schlange beim Metzger.

Eine sehr rüstige, sehr elegant gekleidete alte Dame sagt, als ich mich neben sie stelle, mit einem Seufzer: „Da stehen wir schon wieder in der Schlange…“

Ich: „Ja, aber nicht wegen Mangel, sondern wegen Überfluss!“

Ich kann mir nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Wer weiß, wie lange noch?“

Sie schaut mich kurz an, um einzuschätzen, mit wem sie es hier zu tun hat, ordnet mich offensichtlich unter die Kategorie „Zurechnungsfähiger Mitbürger“ ein und sagt, erneut tief seufzend: „Ja, man kann nur hoffen, dass möglichst alles irgendwie so bleibt, wie‘s ist…“

„Das glauben Sie doch nicht wirklich, oder?“ entgegne ich ihr.

Jetzt nimmt sie mich genauer in Augenschein, guckt mir in die Augen und sagt: „Nein.“  Sie ergänzt: „Ich sag mir immer, ich bin nur froh, dass ich so alt geworden bin. Das was jetzt kommt, möchte ich nicht erleben müssen.“

Dem kann ich mich natürlich anschließen, auch wenn ich etwa zehn Jahre jünger bin als die alte Dame. Wir plaudern noch ein bisschen über die kommenden harte Zeiten und das Elend einer verrückt gewordenen Welt, bis wir an der Reihe sind und uns endlich wieder nahe liegenden und praktischen Dingen des Lebens widmen können, wie dem Einkauf das Hackfleisches und der Auswahl des Aufschnitts.

Ich verlasse den Laden mit der Bestätigung meines Eindrucks, dass die Leute ziemlich genau wissen, was los ist. Nur haben sie – wenn überhaupt – lauter falsche Erklärungen dafür.

Philosophisch-medizinische Betrachtung II: Krankheit und Ehe

Ringsherum ist jetzt der Lenz da, 
in mir drin die Influenza.
Alles tut mir weh,
vom Kopf bis in den Zeh.

Ganz oben, wo der Denkbereich,
erscheint es mir besonders weich:
dort wabert dumpfer grauer Nöbel –  
Großer Gott, was ist mir öbel!

Das Delirium wird schlimmer.
Plötzlich steht die Frau im Zimmer:
„Ich sag es dir nicht erst seit heute:
Du bist für Viren leichte Beute,

Weil du nichts isst und kaum was wiegst – 
Kein Wunder, dass du jetzt hier liegst!
Jetzt hör gefälligst auf zu flennen,
Männergrippe ist für Memmen!
Nimm mal zwei Ibuprofen,
der Hund muss gleich nach draußen gehen!“

Kann ich meinen Ohren trauen?
Aber ja, so sind die Frauen:
Mit dem Gatten geht‘s zuende – 
sie freut sich auf die Witwenrente.

Geschichten die das Leben schrieb: Alle tanzen munter in den Faschismus hinein, alle wollen auf Kreuzfahrt

Als Fernsehfeind komme ich nur selten in die Verlegenheit, die serielle Verdummung der Bevölkerung durch Propaganda, Ablenkung, Betäubung und Konsumaufforderungen mitzubekommen, aus denen das Zeug besteht, das aus den Flachbildaltaren in deutschen Wohnzimmern quillt. Wenn ich jedoch gelegentlich eine Lampe anschalten, einen Vorhang oder ein Fenster öffnen bzw. schließen will, kann es vorkommen, dass ich mich in die von meiner Liebsten dominierte Fernsehzone begebe. Dann kann es passieren, dass ich im Vorübergehen die stummen Bewegtbilder mitbekomme, die auf dem Fernsehschirm zu sehen sind. Stumm, weil die Gattin aus Rücksicht auf mich Kopfhörer benutzt, wenn sie sich der rituellen Berieselung durch staatlich gelenkte und Konzernmedien hingibt.

Heute ist wieder so ein Moment. Im ZDF läuft gerade irgendein Werbeblock zwischen zwei vorabendlichen Unfugssendungen. Aus dem Augenwinkel kriege ich zehn oder fünfzehn Sekunden mit. Es handelt sich offensichtlich um Werbung für einen Kreuzfahrtangebot namens „Bella Vita“.

Gezeigt wird ein hochhausgroßes Kreuzfahrtschiff, das in einer idyllischen Küstenlandschaft – vermutlich Mittelmeer – unterwegs ist und in den Sonnenauf- oder untergang hinein fährt. Romantische Berge, spiegelglattes Meer, bestes Wetter, die ganze Idylle eines sorgenfreien Lebens wird in einem einzigen Kameraschwenk eingefangen.

Nun kommt das Oberdeck ins Bild, wo einige Leute an großzügig verteilten Tischen sitzen. Die Kamera zoomt näher heran und zeigt uns ein junges Paar, wie die anderen abgebildeten Passagiere in ihren frühen Dreißigern, luftig und elegant in abgestimmt dezente Farbtöne gekleidet, angenehm anzuschauen und unglaublich guter Dinge.

Es handelt sich um ein oder zwei Handvoll Personen, die auf diesem Oberdeck, in der milden Luft eines sommerlichen Morgens oder frühen Abends, bei einer Tasse Kaffee oder Wein das gepflegte Nichtstun genießen. Man wundert sich, wieso auf so einem riesigen Schiff, auf so einer großen Fläche nur zehn oder zwölf Leute zu sehen sind. Die gesamte Szenerie erinnert eher an das Deck einer Luxusyacht, die ihre vermögenden Passagiere zwischen zwei Galas von A nach B bringt, als an ein Angebot für die Massen.

Die Protagonisten selber sind durchweg gut aussehend, mit dem Erscheinungsbild der seltsamen werbetypischen Mischung aus Durchschnittlichkeit und Attraktivität. Auch der Kellner, der hinzukommt, um den Passagieren zu servieren, ist aus der selben Altersgruppe, ein gut aussehender Bursche, der sich anscheinend unbändig freut, dass er diesen tollen Job ergattert hat und nun seinesgleichen zuvorkommend und mit eleganter Leichtigkeit zu Diensten sein darf.

Alle scheinen diese Kreuzfahrt, diese Szenerie und diesen Moment aufs Äußerste zu genießen. Man merkt das daran, dass sie alle von einem offenbar kaum aushaltbaren tiefen Glück erfüllt sind: sie strahlen unablässig um die Wette, werfen den Kopf zurück, die Frauen schütteln das gut gepflegte, wallende Haupthaar, jeder zeigt bei fröhlichem Lachen die perfekten Zähne, und durch die Bank sind alle dermaßen gut drauf, dass man sich als Zuschauer im Grunde gezwungen fühlt, sofort bei diesem Anbieter anzurufen und eine ähnliche Kreuzfahrt zu buchen. 

Ob die werbepsychologischen Feldstudien der Marktforscher und Marketingexperten diesem Unternehmen nahelegten, dass genau solche Bilder und Aufnahmen das Unterbewußte, die Sehnsüchte, die Wünsche der Zielgruppen ansprechen und bedienen? Alles, was ich in den wenigen Sekunden, die ich von dem Werbeclip mitbekommen habe, sehen konnte, war extrem professionell gemacht, alles entsprach den Glanzbildern aus Urlaubsprospekten, alles hatte den überall propagierten und absolut verlogenen Zuckerguß jener dümmlichen Oberflächlichkeit, die Geld für Glück und Dauergrinsen für Freude hält.

Es mag sein, das das, was in mir Brechreiz auslöst, bei anderen Leuten den Kaufimpuls bewirkt, den sich die werbetreibenden Unternehmen davon versprechen. Schließlich lautet eines der ältesten Paradigmen der Werbebranche: Wenn du ein Produkt oder eine Dienstleistung verkaufen willst, bewerbe nicht das Produkt oder die Dienstleistung, sondern appelliere an das Unterbewusstsein, sprich die Wünsche und Träume der Leute an.

Funktioniert das noch in einer Zeit des Niedergangs, des knapperen Geldes, des immer ungemütlicheren Lebens in der Vorkriegszeit? Vielleicht da erst recht. 

Die flüchtige Betrachtung solcher Werbefilmchen (und der genauere Blick auf das westliche Imperium in seinem hoffentlich finalen Stadium) versetzt mich in einen Zustand verwunderter Hoffnungslosigkeit. Nein, es vertieft diesen Zustand nur, der ja wie ein Hintergrundrauschen dieser Ära ist. Alle tanzen munter in den Faschismus hinein, alle wollen wenigstens ein Zipfelchen vom guten Leben mitkriegen, alle fordern ihr gutes Recht ein, sich umfassend verdummen und verarschen zu lassen. 

Geschichten die das Leben schrieb: Mein Hund auf CBD

Mein Hund musste heute zum Check-Up zum Tierarzt. Die Höchststrafe für ihn. Er lässt zwar brav alles über sich ergehen, führt sich aber auf, als wenn man ihn direkt zur Schlachtbank führen würde. Um seinen Stress ein bißchen zu mildern, bot ich ihm vorher einen CBD-Riegel an. Solche Dinger werden in den Futterläden als Beruhigungs-Snacks für Hunde verkauft, die von der Sylvesterknallerei gestresst sind.

Er war aber schon zu aufgeregt, um den Riegel zu essen, weil es zur ungewohnten Mittagszeit raus ging. Jedenfalls lief alles glatt, der Kamerad ist in Topform, und als wir wieder zuhause waren, ließ er sich dann endlich den Hanf-Riegel schmecken.

Was soll ich sagen: selten erschien mir der Kumpel so gechillt und gleichzeitig etwas fahrig wie auf der abendlichen Runde. Sein Radius blieb klein, dafür uferten die Untersuchungen von Markierungen anderer Hunde, Sandhaufen an Baustellen und dergleichen zu ausgiebigen Schnüffelorgien aus, die sich immer weiter in die Länge zogen und nach Abschluß direkt von neuem begonnen wurden.

Er wirkte, als sähe (bzw. rieche) er alles mit erweiterter Wahrnehmung und müsste erstmal die vielfältig intensivierten sensorischen Eindrücke verarbeiten.

Zu meiner Überraschung kam er noch 40 Minuten freiwillig mit nach Hause, während er sich sonst wie ein Löwe in die Leine wirft, um nicht die Treppenstufen zum Hauseingng mitkommen zu müssen.

Das Zeug kriegt er jetzt öfters.

Geschichten, die das Leben schrieb: ein mediales Selbstexperiment

Heute habe ich zum ersten Mal seit – gefühlt – Jahren die „Tagesthemen“ der ARD gesehen. Meine Liebste schaut sich diese oder vergleichbare „Nachrichtensendungen“ fast jeden Tag an, oft sogar mehrfach. Ich hatte seit einigen Tagen krankheitsbedingt nichts mehr essen können und verspürte heute erstmalig wieder ein bißchen Appetit, so dass ich mir ein trockenes Brot mit Olivenöl beträufelte und mich gesellig zur Frau aufs Sofa verfügen wollte.

Mit der Bemerkung „Mach mal laut, ich will auch mal ‚tagesthemen‘ gucken!“, setze ich mich zu ihr (sie guckt aus Rücksicht auf mich immer mit Kopfhörern Fernsehen). „Nee, ich mach nicht laut, dann muss ich mir deine Kommentare anhören!“ kriege ich zur Antwort. 

Dem hab ich wenig entgegenzusetzen, denn ob ich es schaffe, mir 30 Minuten die merkwürdige Mischung aus Heile Welt, Sportnachrichten, Wetterbericht und Kriegspropaganda anzusehen, die in solchen „Nachrichten“-Sendungen zusammengerührt wird, ist wirklich äußerst zweifelhaft. 

Weise und beziehungserfahren wie ich nun mal bin, trolle ich mich wieder aufs Bett und überlege, aus lauter Jux und Dollerei mir doch mal zu Gemüte zu führen, womit meine bei weitem bessere Hälfte sich Tag für Tag berieselt. Nach kurzem Nachdenken ist die Entscheidung gefallen: Ich werde es tun. Ich werde mir persönlich und eigenäugig, unter Missachtung aller Konventionen mentaler Hygiene und psychischer Balance, die „Tagesthemen“ anschauen!

Wie werde ich es verkraften? Wird ein solches Experiment meinen ohnehin angeschlagenen Gesundheitszustand nicht endgültig in lethale Bereiche versetzen? Ich bin risikofreudig genug um es dennoch zu versuchen, denn ich sage mir „Millionen von Menschen sehen sich das Zeug an und überstehen es auch irgendwie! Sei keine Memme und gib es dir! Augen auf und durch!!“

Gedacht, getan. Die ARD-App auf dem iPad hat einen „Live-TV“-Bereich, soeben hat die Sendung begonnen, ein Moderator namens Ingo Zappelphilipp oder so steht in einem grauen Anzug mit Hochwasserhosen vor einem gebogenen Riesenbildschirm und berichtet von einem Holocaust-Gedenken im Bundestag. Ich ahne Fürchterliches. Und richtig: Gezeigt wird die politische Elite der BRD, die Amtsträger und Abgeordneten, die in der Ukraine echten Faschisten zur Macht verholfen haben und deren Stellvertreterkrieg gegen Russland ausrüsten und finanzieren. Also die politische Klasse, die sich nicht daran stört, dass ukrainische Nazis mit SS- und Hakenkreuztattoos sich beim Russenmorden auf ihre historischen und ideologischen deutschen Vorbilder beziehen.

Die politischen Charaktermasken werden mit ernsten, schwerste Betroffenheit signalisierenden Gesichtsausdrücken gezeigt – und in Begleitung einer alten Dame, die als kleines Kind in einem deutschen Konzentrationslager war. Sie darf sogar im Bundestag sprechen und schildert das Grauen, dem die Insassen dieser Aufbewahrungs- und Vernichtungsstätten für Abweichler von der staatlich verordneten Ideologie ausgesetzt waren. 

So wie sie es schildert, hat es anscheinend nur Juden in den KZ gegeben und nur jüdische Menschen wurden dort getötet. Die Hunderttausende von Kommunisten, Sozialdemokraten, Humanisten, sowjetischen Soldaten und anderem unerwünschten Menschenmaterial werden nicht erwähnt. Natürlich erzählt die Frau nur über ihr eigenes persönliches Schicksal, und es ist kein historischer Vortrag von ihr zu erwarten. Ihre Rede dient aber der Bestätigung des erbärmlichen, verlogenen, offiziellen „Antifaschismus“ eines Staates, der nicht nur der direkte Nachfolger des faschistischen „Deutschen Reiches“ ist, sondern diesem unterhalb der direkten physischen Menschenvernichtung mittlerweile in einigen Bereichen zum Verwechseln ähnelt.

Vorrangig in Bezug auf den durch nichts mehr gebändigten Russenhaß, die hysterische Russophobie, die das Denken und Handeln der politischen Eliten bestimmt. Ebenso durch manche Aspekte der Repression, die staatlicherseits gegen abweichende Meinungen und Kritiker in Anschlag gebracht wird.

All dies habe ich im Hinterkopf, während ich mir das bizarre Schauspiel höchster politischer Heuchelei im Bundestag anschaue und frage mich: Glauben die sich selbst ihre so aufdringlich dargestellte Betroffenheit? Oder wissen die einfach, dass dies das Gesicht ist, das man zu machen hat, wenn mal wieder die Rede vom Holocaust ist? 

Der Fernsehbürger muss aus dieser Art Vergangenheitsbewältigung vor allem eins zum Thema Faschismus und Holocaust mitnehmen: da gab’s mal eine Vernichtung um der Vernichtung willen, ohne jeden staatlichen und politischen strategischen Willen dahinter. Es war unerklärlich und abgrundtief böse, weil der Mann mit dem Bärtchen an der Staatsspitze unerklärlich böse war. Dieses Böse lauert irgendwie immer, heute vor allem bei der AfD, aber wir haben es ein für allemal überwunden, weshalb es nie wieder vorkommen kann und darf.

Die Lebenslüge und die Ohnmacht des bürgerlichen Antifaschismus besteht ja vor allem da drin, dass kein Demokrat zugeben kann und darf, dass der Faschismus nur die härtere Variante seines geliebten Kapitalismus ist. Er möchte sich gerne in der Illusion wiegen können, dass die mildere Variante – die bürgerliche Demokratie – so etwas wie der Gegensatz zum Faschismus wäre.

Nach diesen Bericht aus dem Bundestag kommt unvermittelt und übergangslos, wie es nun mal die Art dieser Sendungen ist, ein Sportbericht über irgendeinen Handball-Wettbewerb. Es scheint eine Weltmeisterschaft zu sein, denn es geht weniger um Spielberichte, sondern um das sehr emotionale Anheizen nationaler Gefühle. Man soll sich als Zuschauer mit dem deutschen Team identifizieren, weshalb dieses ausführlich, sogar noch in seiner Umkleidekabine, in seiner Freude nach irgendeinem gewonnenen Spiel gezeigt wird. Die Milchgesichter des Handballteams werden „interviewt“ und geben den unwesentlichen Quatsch zum Besten, der von Sportlern nach solchen Spielen zu erwarten ist.

Dann folgen Bilder aus Sizilien, wo an der Südküste ein Erdrutsch über einige Kilometer mehrere Häuser in den Abgrund gerissen hat und die Leute zu tausenden ihre Wohnungen und Häuser verlassen mussten. Wir kriegen gezeigt, wie Maria und Fabrizio – ein älteres Ehepaar, dessen Haus direkt am Abgrund steht – in Begleitung der örtlichen Feuerwehr einiges an Zeug aus ihrem Häuschen in Sicherheit bringt. Solche Protagonisten als Sympathieträger dürfen anscheinend in keinem Bericht über Naturkatastrophen und dergleichen fehlen. Sie sollen wohl die Reportage menschlicher, nachvollziehbar und emotionaler machen. Ganz am Ende dieses Berichts erfährt man noch in einem Nebensatz, dass es unter den Bewohnern der Ortschaft zu Protesten kam, weil die Erdrutschgefahr seit Jahren bestanden hätte und jede Vorbereitung darauf oder Schutz dagegen von politischer Seite vernachlässigt worden sei. 

Und nun zum Wetter. Auch und selbst hier wird es sofort emotional und gefühlig. Der Moderator spricht von der weichen Schneedecke, die jeder lieben würde, weil sie selbst Innenstädte von urbanen Zentren zu magischen Orten machen würde usw.  Letztlich kriegt man dann aber doch einen einigermaßen akkuraten Wetterbericht.

Die fast 30 Minuten Tagesthemen, die ich mir jetzt angeschaut habe, hinterlassen bei mir den Eindruck, gerade ein süßliches, völlig von Zusatzstoffen und künstlichen Aromen durchzogenes Tütengericht konsumiert zu haben, das zwar den Eindruck vermittelt, man habe etwas gegessen, aber das Bedürfnis nach echter Nahrung – an Informationen, wenn man so will – überhaupt nicht stillen kann..

Irgendwo habe ich kürzlich gehört oder gelesen: „Je härter die Zeiten sind, umso weicher werden die Geschichten darüber“. Das scheint mir das Prinzip all der Fernsehsendungen zu sein, die in die Gehirne derjenigen Leute eingeträufelt werden, die sich freiwillig diesem Medium aussetzen. Es betrifft ja nicht nur die so genannten Nachrichtensendungen. Viel wirkmächtiger aufgrund ihres weichgespülten propagandistischen Storytellings sind die endlosen Fernsehfilme, die Krimis (ja, auch die) und die Unterhaltungssendungen, die tagein, tagaus, rund um die Uhr, in den staatlichen und kommerziellen Kanälen gezeigt werden.

Die Parallelrealität, die man durch den Fernseher betritt, ist eine Teletubbie-Welt bürgerlicher Behaglichkeit, in der die Schrecken einer zunehmend dystopischen imperialistischen Realität zwar nicht ganz ausgeblendet werden (das ginge auch gar nicht, angesichts der täglichen Erfahrungen, die die Leute in ihrem Lebens- und Arbeitsalltag machen). Sie werden aber eingebettet, eingehegt und weichgespült durch die ERZÄHLUNG darüber als einer fortlaufenden Geschichte im Grunde wohlgeordneter, eigentlich idealer Verhältnisse, die leider – So ist der Mensch nun mal! – immer wieder vom unerklärlich Bösen – Nazis! Trump!! Putin!!! – aufgestört und durcheinandergebracht werden.

Zum Glück aber haben zumindest wir in Deutschland verantwortungsvolle Politiker, die alle unser Bestes wollen und in deren Händen unser Wohlergehen, die wirtschaftliche Prosperität, der Frieden und im Grunde die Welt außerhalb unseres familiären Umfeldes und unserer persönlichen Ziele bestens aufgehoben ist.

Soweit mein Bericht über das Selbstexperiment „30 Minuten staatliche Nachrichtensendung“. Nach dieser Grenzerfahrung jedenfalls verspüre ich das dringende Bedürfnis nach Drogen.