„Spiegel“-Online Schlagzeile am Abend, nachdem bereits tagsüber gleich die ersten VIER Hauptmeldungen die Bosheit des Feindes im Osten ausgelotet hatten

Jetzt hat die Hamburger NATO-Gazette in ihrem stürmerischen Drang nach Regime Change im Kreml einen weiteren Schurkenstaat ins Boot geholt, nämlich die im Grunde noch gefährlichere, weil erstens erfolgreichere und zweitens auch noch kommunistische, „Autokratie“ bzw. „Diktatur“ in China.

Die fällt zwar nicht so unmittelbar in deutsche Zuständigkeit wie der alte Feind in der europäischen Nachbarschaft, muß aber natürlich durch eine höchst eigene „Indo-Pazifische Strategie“ der deutschen EU-Führungsmacht ebenfalls eingehegt werden. Dass die Freie Presse in Form ihrer Qualitätsmedien da nicht abseits stehen kann und will versteht sich von selbst.

Die richtige Sprachregelung ist schon gefunden: dort unten, beim Chinamann, herrscht natürlich ein „Regime“ (dass dort einfach bloß regiert wird wie bei uns, kann schon deswegen nicht sein, weil der Chinese seinen Staatsladen entgegen unseren Werten kommunistisch aufgezogen hat).

Wie es „Regime“ nun mal an sich haben, wird dort – regimetypisch – natürlich gelogen und Propaganda betrieben, dass sich die Balken biegen. Nicht nur das – sogar AUSLANDSpropaganda betreibt das gelbe Schlitzauge, versucht also frecherweise, SEINE Sicht der Welt auch außerhalb seines Reiches zu verbreiten, also schon wieder etwas, was wir im Leben nicht machen würden – unsere „Deutsche Welle“, unser DLF, unsere Goethe-Institute und staatlichen Medien verbreiten bekanntlich ausschließlich neutrale, sachliche und unparteiische Informationen, wenn sie dem heimischen und auswärtigen Publikum erklären, wie feindlich Russen und Chinesen dem Wertewesten gesonnen sind.

Dummerweise ist die kommunistische Supermacht inzwischen so erfolgreich, dass wir gar nicht umhin können, die sagenhaften Geschäftsmöglichkeiten zu nutzen, die sich unserer freien Unternehmerschaft dort unten bieten – das darf und kann unsere Leitmedien aber nicht davon abhalten, die Wahrheit über die grundsätzlich fiesen Machenschaften der furchtbaren Machthaber dort aufzudecken.

Und hier kriegt das Hamburger Fachblatt für die Ermittlung der Gelben und Roten Gefahr ganz elegant die ideologische Kurve, indem es die beiden Superschurkenstaaten in einen gemeinsamen Sack steckt, „Regime”, “Lüge“ und „Propaganda“ drauf stempelt und kräftig mit den Dachlatten westlich-imperialer Chuzpe und Selbstgerechtigkeit auf diesen schönen Popanz einprügelt.

Die liberale wertewestliche Leserschaft, gewöhnt an den lügenden, betrügenden Iwan, erfährt zu ihrem Entsetzen, dass eben dieser Lügen-Russe dem noch hinterfotzigerem Chinesen als Blaupause der eigenen Lügengeschichten dient, was der klare Beweis für doppelte, wenn nicht mehrfach potenzierte Bosheit und Gefährlichkeit dieser beiden Feinde des freien Westens ist.

Wer jetzt noch Zweifel an der berechtigten Warnung besorgter Blätter wie „Spiegel online“ vor der Gefahr aus dem Osten hegt, wird mit dem ultimativen Beleg für wirklich finsterste Absichten und Motive konfrontiert; einem Etikett, das den so Etikettierten schlichtweg aus dem Kreis der zivilisierten Menschen und Nationen ausschließt: die „Propaganda“ dieser zwei „Regime“ bedient nämlich – Achtung, Gänsehaut!“ – VERSCHWÖRUNGSNARRATIVE!

Somit ist evident, dass hier nur ein Fall von unbedingt abzuwehrender und zu bekämpfender Täuschung und Irreführung vorliegen kann, dem unsere eigene Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe sowie unsere generell tugendhafte Informationspolitik nur dann erfolgreich die Wahrheit entgegensetzen kann, wenn hinter der unbestreitbaren Überlegenheit unserer freien westlichen Lebensweise eine ebenso unbestreitbare (und vor allem unschlagbare) Militärmacht steht.

Den zuständigen Weltordnungspolitikern genau dies immer wieder in Erinnerung zu rufen und sie anzuspornen, in ihren Anstrengungen zur Einhegung der russisch-chinesischen Gefahr nicht nachzulassen und dabei alle, wirklich ALLE Mittel und Möglichkeiten (natürlich bei fortdauernden Geschäftsgang) in Betracht zu ziehen: darin sehen freiheitliche Journalisten ihre Aufgabe.

Der „Spiegel“ ist auch hier federführend.

Domenico Losurdo: Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Kapitel 7: Das Stalinbild zwischen Geschichte und Mythologie

„Die zunächst von Trotzki und später von Chruschtschow gelieferte karikaturistische Darstellung Stalins genießt im Ganzen keinen guten Ruf mehr.

Aus den Forschungen bedeutender Historiker, die nicht der Nachsicht mit dem “Personenkult” verdächtigt werden können, geht heute das Bild Stalins als eines Politikers hervor, der aufsteigt und sich an der Spitze der UdSSR durchsetzt, weil er “all seine Mitstreiter um ein Vielfaches überragte“, was die Einsicht in das Funktionieren des sowjetischen Systems betraf; ein Führer von „außergewöhnlichen politischem Talent“ und „enorm begabt“;

ein Staatsmann, der die russische Nation vor der Dezimierung und Versklavung rettete, zu der das Dritte Reich sie bestimmt hatte, und das nicht nur dank seiner umsichtigen militärischen Strategie, sondern auch dank seiner meisterhaften „Kriegsreden“, manchmal wirkliche „Bravourstücke“, die es in tragischen und entscheidenden Augenblicken fertig brachten, den nationalen Widerstand anzuspornen; eine Persönlichkeit, der es auch auf theoretischer Ebene nicht an Begabung fehlte, wie es unter anderem der „Scharfsinn“, mit der er die nationale Frage in der Abhandlung von 1913 behandelt und die „positive Wirkung“ seines „Beitrags“ über die Linguistik bewiesen.

Gewiss wird gleichzeitig und mit Recht betont, dass diese Anerkennung kein freisprechendes moralisches Urteil sei, doch es stellt sich heraus, dass die *Geheimrede* vollkommen unzuverlässig ist. Es gibt darin kein Detail, das heute nicht beanstandet würde. Man denke an den Bericht über den angeblichen psychologischen Zusammenbruch Stalins in den ersten Tagen nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa: nach der schon zitierten Analyse zweier russischer Historiker (eindeutig antistalinistischer Orientierung) handelt es sich um eine „Episode“, die „vollkommen erfunden“ sei und die – so hakt ein französischer Historiker nach – in vollem Widerspruch zu den Zeugnissen und Dokumenten stehe, die nach und nach auftauchen.

Auch was die so genannte Verschwörung der Ärzte betrifft: „Chruschtschow verdrehte grob und vorsätzlich die Tatsachen“.

Es stimmt, „mit der Wahrheit hat er sich nicht weniger Freiheiten heraus genommen“. Die gemachte Beobachtung hinsichtlich der „Kriegsführung Stalins“ hat allgemeinen Wert: „Um die Wahrheit zu begreifen, muß man sowohl über die westlichen Polemiken des Kalten Krieges als auch über die Umstände der Entstalinisierung in der Sowjetunion hinaus blicken“.“

(Domenico Losurdo: Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Kapitel 7: Das Stalinbild zwischen Geschichte und Mythologie)

Moderne Logik

DORT: Jeder Fehler, Irrtum, Mißstand im realen Sozialismus spricht grundsätzlich gegen den Sozialismus.

Fazit des bürgerlichen Verstandes angesichts realsozialistischer Versorgungsmängel, Reisebeschränkungen und fehlender Freiheit für den berühmten Unternehmergeist:

System untauglich, entspricht nicht der Menschennatur, funktioniert nicht!

HIER: Fehler, Mißstände, Kriege, Hunger, Verelendung, Naturzerstörung im Kapitalismus sprechen keinesfalls gegen das System Kapitalismus, sondern sind ein zwar bedauerlicher aber unvermeidlicher Ausrutscher, vermutlich wegen schlechter Einzelmenschen mit „zu viel“ statt der angemessen marktwirtschaftlichen Gier (-> siehe Unternehmergeist, der).

Fazit des bürgerlichen Verstandes angesichts monumentaler Leichenberge aus drei Jahrhunderten Kapitalismus und heutiger Höllenfahrt in ein Leben auf einem teilweise unbewohnbaren Planeten: System super, und wo nicht super garantiert durch Wählen der richtigen Politiker verbesserbar. Auf jeden Fall aber nichts anderes möglich, Kapitalismus Endstadium der Geschichte, ist leider menschliche Natur.

Heute mal zu McDonalds?

Das Verblödungsdatum steht an: Vollzug des Anschlusses der DDR als freudige Einheitsfeier, aber die Verdammung des Unrechtsstaates lässt an Schärfe noch zu wünschen übrig

Wer beim Autofahren standardmäßig WDR3 hört (der einzige Nicht-Dudelfunk mit einer gediegenen Auswahl an klassischer, elektronischer und Jazz-Musik) kommt dann aber auch nicht um die zwischen die Musik gestreuten Textbeiträge und Interviews herum. Heute morgen ein Gespräch mit Ines Geipel, früher Sportlerin in der DDR, heutzutage Professorin im Westen. Die Dame, offensichtlich ein professionelles Opfer, beschwert sich darüber, dass die „drei Millionen Opfer” der DDR zu wenig oder keine Beachtung mehr finden würden im öffentlichen Diskurs des neuen, nun schon 30-jährigen Großdeutschlands. Der beflissene Moderator erklärt gleich, um welche Art Opfer es sich bei dieser sagenhaften Zahl handelt: Häftlinge in den Gefängnissen, im GULAG (!), Opfer von Zwangsadoptionen und Zwangsdoping… Man wundert sich bei soviel Opfertum, dass nicht gleich eine Zahl von 17 Millionen herausgekommen ist, denn waren nicht schon die kleinen in den Kinderkrippen irgendwie Opfer?

Frau Geipel beklagt dann noch die Einstellung „der Ostdeutschen“, dass die Stasi immerhin keinen Holocaust veranstaltet hätte und demnach „nicht alles nur schlecht“ gewesen sei – sogar die jüngere Generation im Annektionsgebiet sei derartig lax im Umgang mit der Vergangenheit des Unrechtsstaates!

Jedenfalls ist die schwer opferbesessene Professorin nun erst richtig in Fahrt gekommen; als nächstes lamentiert sie über das Versäumnis der „Diktatur“ da drüben, den Holocaust und „die erste deutsche Diktatur“ aufgearbeitet zu haben. Nicht nur nicht aufgearbeitet, verschwiegen hätten die DDR-Machthaber dieses dunkle Kapitel. Wie es überhaupt Zeit wäre, „beide Diktaturen“ in einen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen und der Jugend von heute zu vermitteln, „was ein Jugendwerkhof“ war.

Normalerweise wechsle ich bei solch debilem antikommunistischer Unfug schnell den Sender; diesmal jedoch höre ich bis zum Schluss zu, weil ich das Gefühl habe, die akademische Hetzerin gibt den Duktus vor, nach dem gerade zum 30. Jahrestag der vollendeten Konterrevolution die offizielle Geschichte des Anschlusses und der Blick auf die DDR-Geschichte zu erfolgen hat.

Jedem Nachlassen in der Dämonisierung, Delegitimierung und beim Niedermachen des ersten Sozialismusversuches auf deutschem Boden soll entschieden begegnet werden, nämlich durch noch mehr Umdefinition der Geschichte im Sinne der kapitalistischen Sieger des Kalten Krieges, durch unermüdliche Lügen über „Opfer“ der „SED-Diktatur“ (Lügen, die Lügen bleiben, auch wenn es in der DDR unbestritten kritikwürdige bürokratische Gemeinheiten und Fehler gab).

Ich deute die absurde Horrorerzählung der Frau als gutes Zeichen – dafür, dass der Bedarf nach ideologischer Aufrüstung und Verstärkung der anti-sozialistischen Propaganda der bürgerlichen Herrschaft größer wird. Dass sich dafür allemal genügend Intellektuelle und gutdosierte Akademiker finden, die sich diese Märchen als höchst eigene Meinung zugute halten, ist eh keine Frage.

Noch JEDE Herrschaftsform hat gerade IHRE Herrschaft als vernünftig, der menschlichen Natur entsprechend, alternativlos und unumstößlich betrachtet

Ist doch komisch:

Noch JEDE Herrschaftsform hat gerade IHRE Herrschaft als vernünftig, der menschlichen Natur entsprechend, alternativlos und unumstößlich betrachtet.

Jedes bisherige Gesellschaftssystem (mit Ausnahme des Sozialismus) hat sich als Endzustand der menschlichen Gesellschaft verkauft, den man vernünftigerweise nicht abzuschaffen hat.

„Wie, du bist gegen Sklavenarbeit? Wer soll denn dann die Felder bestellen und die Hausarbeit machen? Noch so ein Spruch und ich verkaufe dich auf dem Sklavenmarkt am nächsten Kalendae!

„Was bitte? Die Leibeigenschaft abschaffen?? Gott der Herr hat die Menschen in Oben und Unten geschieden und das bleibt auch so!“

„Die freiheitliche Demokratie ist die beste Form menschlichen Zusammenlebens. Man kann sie vielleicht hier und da ein wenig verbessern, denn zugegebenermaßen ist nicht alles perfekt. Aber alles andere wäre TOTALITARISMUS! Und wohin der führt – neben der völlig undenkbaren beschneidung der Freiheit des Eigentums – haben ja die Unrechtstaaten des Ostblocks gezeigt!!“

Gedanken beim Hören des „Kyrie Eleison“ der H-Moll-Messe von Bach

Leute fragen sich und andere rhetorisch, wie auf einer so schönen Welt soviel Elend und Gewalt existieren kann; sie wollen wissen, wie Gott das zulassen kann. Nicht wenige kommen zu dem Schluss, dass all das Schreckliche auf der Welt der beste Beweis ist, dass Gott nicht existiert …

Ich sehe es umgekehrt (und den Gott lass ich lieber ganz beiseite):

Wie in einer so brutalen Welt ein solches Ausmaß an überirdischer Erhabenheit und Schönheit entstehen kann, DAS ist das wahre Wunder.

Ob das ein Beweis für irgendwas ist? Wenn, dann für die Größe und Grenzenlosigkeit des menschlichen Geistes.

Eure Masken sind unsichtbar: Wenn man in den Ameisenhaufen piekst

In irgendeinem der vielen aufgeregten Threads der maskenverweigernden Freiheitshelden wies ich auf den Blödsinn hin, mit einer Bundesadler-Deutschlandfahne, also dem Symbol des deutschen Imperialismus, für irgendwelche Rechte oder Freiheiten zu demonstrieren.

Der wurbürgerlich empörte Shitstorm blieb nicht aus.

Nachstehende Sammelantwort konnte ich mir aber auch nicht verkneifen:

Es wird immer besonders putzig, wenn Untertanen sich für Freiheitskämpfer halten.

Bei den Klügeren der Mitlesenden entschuldige ich mich für die etwas schlichte Art meines kleinen Experiments, mit ein, zwei Bemerkungen in den Ameisenhaufen der Selbstwichtigkeit der „Böse Masken müssen weg!“-Freiheitskrakeeler gestochen zu haben.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, die (erwartbaren) Reaktionen wutbürgerlicher Aufgeregtheit und wichtigtuerischer Empörung zu provozieren und zu beobachten (die übrigens deutlich Auskunft darüber geben, WAS von der „Kritik“ dieser Leute an ihrer Obrigkeit zu halten ist, nämlich nichts: Kritik, die ein Grundeinverständnis mit dem Umstand, im Kapitalismus BEHERRSCHT zu werden und MITZUMACHEN beinhaltet und sich lediglich gegen ein paar den individuellen Konsum einschränkende Infektionsschutzmaßnahmen wendet, ist gar keine, jedenfalls keine taugliche).

Den Aufgeregten hier muss ich sagen:

Ihr habt’s nicht anders verdient, als dass man sich im Rahmen eines kleinen sozialen Experiments über euch amüsiert und euch als das kenntlich macht, was ihr seid:

Funktionierende Untertanen mit dem marktwirtschaftsüblichen Knall, euch selbst so wichtig zu nehmen, dass euch eure eingebildete Konsum-, Feier- und Geschäftemachereifreiheit über den halbherzigen, nur Kapital und Staat retten wollenden Gesundheitsschutzmaßnahmen eurer Obrigkeit steht.

Eure Masken sind unsichtbar, sie sind die Masken des Mitmachens bei gleichzeitig lautem Geplärre, dass man irgendwie dagegen ist und sowieso alles für eine Verschwörung böser Mächte hält.

Eure Masken sind euer Egoismus und Eure Selbstwichtigkeit, mit der ihr euch und andere einem Infektionsrisiko aussetzt, weil ihr die WIRKLICHE Einschränkung eurer Freiheit durch Lohnarbeit, Ausbeutung und durch eure lebenslange Indienstnahme für die Interessen der herrschenden Klasse nicht kennen wollt, aber euer bißchen Unbehagen übers Masken tragen zum Kriterium eurer Zustimmung zum Handeln eurer ansonsten unangezweifelten Obrigkeit macht.

 

Erfolgsmenschen und Profibettler

Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen in diesem merkwürdigen Leben gehört das Betreiben anthropologischer Feldstudien unter der terrestrischen humanoiden Population. Dazu muss ich keinerlei Aufwand treiben, sondern bloß Augen und Ohren offenhalten.

Die bizarre Absurdität menschlichen Strebens und Verhaltens offenbart sich in fast jeder Handlung und Interaktion dieser Spezies.

Heute, letzte Runde mit dem Hund, beim Öffenen der Haustür auf die Straße:

Auf dem Parkplatz direkt vor dem Haus und unmittelbar gegenüber dem Hauseingang, keine 2m von mir entfernt, steht ein weißes Porsche-Cabriolet mit heruntergelassenem Verdeck. Drinnen sitzt ein weißbehemdeter Mittdreißiger mit Spiegelsonnenbrille und telefoniert über die Freisprechanlage seines Luxusfahrzeuges. Der Sound ist so laut eingestellt, dass wirklich jeder im Umkreis von 50m die Konversation mitkriegt; ein Umstand, der dem Porschefahrer sichtlich gefällt: er strahlt über beide Backen und versucht dabei, möglichst cool auszusehen. Sein Gesprächspartner lässt sich derweil lang und breit über Bankgeschäfte oder irgendwelche finanziellen Kniffe und Tricks aus.

Ich stehe mit meinem Hund einige Augenblicke lang da und schaue mir den Erfolgsmenschen an, dessen Bedürfnis, seine erfolgreiche Wichtigkeit der Umwelt mitzuteilen, wohl sehr groß ist. Dann frage ich ihn, ob er etwas lauter stellen kann, da ich einige Details der Unterhaltung nicht mitbekommen hätte.

Er grinst, keineswegs peinlich berührt oder schuldbewußt, dreht aber leiser und lässt das automatische Verdeck des Wagens hochfahren.

Die anschließende Hunderunde führt mich durchs Oberkasseler Neubaugebiet mit seiner Fußgängerzonen-Ladenzeile. Vorm REWE kniet ein osteuropäisch aussehender Profi-Bettler und hält den Herauskommenden stumm seine umgedrehte Schirmmütze entgegen. Er kniet so, dass er etwa ein Viertel des Eingangs blockiert, so dass er nicht nur auf jeden Fall bemerkt wird, sondern man ihm ausweichen muß. Die ganze Haltung, die ganze Person ein einziger Appell an das schlechte Gewissen der konsumkräftigeren Marktkunden, eine stumme Aufforderung, dieses Gewissen zu entlasten, indem man sich mit einer milden Gabe Ablaß erkauft.

Gleichzeitig allerdings geht von dem Bettler – ein gesund wirkender Mann desselben Alters wie der Porschefahrer von vorhin – eine aufdringliche Mitleidsheischerei aus, die einer subtilen Nötigung nahekommt; ich meine ihr anmerken zu können, dass Haltung, Outfit (ärmlich, aber nicht schmutzig) und das kniende Beharrungsvermögen die Geschäftsgrundlage dieses Mannes ist, so wie Geld-, Kredit- und Spekulationsgeschäfte diejenige des Porschefahres.

In beiden manifestiert sich dasselbe Ego, einmal wichtigtuerisch und prahlerisch, und einmal demütig und bescheiden. Der Macher und das Opfer. Das offensichtliche und das subtile Ego. ERFOLG wollen sie beide, in ihrem jeweiligen Geschäftsbereichen. Wären sie in den jeweils anderen sozialen Umständen der Klassengesellschaft sozialisiert worden, würde vielleicht der Bettler den Porsche fahren und der Businessangeber vorm Supermarkt betteln.

Beide scheinen mir Täter und Opfer zugleich zu sein, nämlich der Klassengesellschaft und der ihr eigenen Freiheit, sich ganz demokratisch einen Dreck um ein Verständnis ihrer Mechanismen und Prinzipien zu scheren, um sich ausschließlich ums Zurechtkommen in ihr kümmern zu können.

So wie Ameisen, die die Welt ihres Hügels für Anfang und Ende des Universums halten und auch halten MÜSSEN, wenn sie als Ameise überleben wollen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen

„Soziale Distanz“ bestand für mich in letzter Zeit vor allem in der Entwöhnung von der ständigen Online-Aktivität in Sozialen Medien. Nach einigen Wochen digitaler Entgiftung erscheint mir Facebook nach wie vor als Irrenhaus, das immer lauter und irrer wird. Ganz und gar war die Entwöhnung allerdings nicht; ab und zu hab ich mal reingeschaut. Was ich sah, bestätigte meinen Entschluss, mich vorerst von diesem Marktplatz der Meinungen fernzuhalten.

Die Welt dreht sich auch ohne Facebook weiter; sie dreht sich auch weiter, ohne dass ausgerechnet ich meinen Senf zu jeder politischen oder sonstigen Wurst gebe, die in der virtuellen Öffentlichkeit der Filterblase gebraten bzw. ausgeschieden wird.

Abgeschreckt hatte mich vor einigen Wochen die zunehmende Hysterie und Irrationalität in meiner Timeline. Selbst Leute, die ich im Allgemeinen für zurechnungsfähig halte, werden angesichts der gegenwärtigen Pandemie offenbar reihenweise nicht nur zu Experten aller möglichen wissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen, sondern geben ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe der rechthaberischen Missioniererei ab.

Am erstaunlichsten finde ich die Zeitgenossen, denen am leichenträchtigen Funktionieren des ganz normalen kapitalistischen Geschäftsganges nie und nimmer etwas auffällt; denen die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wie Überwachungsstaat, Aufrüstung, Kriege und Kriegsvorbereitung, Hetze gegen Rußland und China, Verarmung und Ausbeutung allesamt und ganz grundsätzlich am Arsch vorbei gehen, solange sie (die besagten Zeitgenossen) in ihrer Nische ein Geld verdienen können.

Kaum sollen sie aber mal eine Zeitlang zur Eindämmung einer Pandemie eine Atemschutzmaske aufsetzen und sich von den lieben Mit-Untertanen etwas entfernt halten, werden dieselben Zeitgenossen zu Rebellen und Revolutionären (oder halten sich dafür), weil sie plötzlich an den staatlichen Maßnahmen lauter Freiheitseinschränkungen und Eingriffe in ihr höchst individuelles Meinen und Konsumieren entdecken.

Die Lautstärke, mit denen diese Freiheitshelden ihre „Freiheit“ zu verteidigen wähnen, steht nicht nur in auffallendem Gegensatz zu ihrem sonstigen Schweigen, wenn es um den freiheitlichen Normalbetrieb ihres geliebten (mitunter auch kritisierten) Kapitalismus geht – der unterwirft sie nämlich ebenfalls lauter Zwängen, zuallererst dem des Geldverdienenmüssens mit all seiner Ungemütlichkeit der Einsortierung der Klassengesellschaft in Arbeit und Reichtum, in Besitzende und Lohnarbeiter, in Leute, die sich das Leben leisten können und solche, die das nicht oder nur unter beständigen Härten und Nöten hinkriegen.

Sie macht auch deutlich, was für die jetzt so Empörten „FREIHEIT“ ist:

der normale Geschäftsbetrieb der Kapitalakkumulation, von dessen Zwängen und Schäden sie aber nichts wissen wollen. Dass diese schöne Freiheit DAS Herrschaftsinstrument derjenigen Interessen ist, die in einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nun mal das Sagen haben, will ihnen weder im bürgerlichen Normalbetrieb noch im pandemiebedingten Lockdown auffallen – zumal sie ja ohnehin glauben, dass Demokratie keine Herrschaftsform, sondern reine Volksbeglückung ist, da man ja wählen darf. Schon der Hinweis auf Machtausübung und Herrschaftsinstrumentarium, die hierbei in dem Wörtchen „darf“ enthalten sind, entgeht einem freiheitlichen Bürger in der Regel.

Als Beschäftigter in einer Pflegeeinrichtung erlebe ich seit ca. 6 Wochen, welche Schneise die Corona-Pandemie in die Risikogruppe schlägt. Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern sich mit jeder neuen Regelung, die dem Schutz der Bewohner dienen sollen – und es wohl auch tun, wenn man die Situation in Ländern wie Italien oder USA in Betracht zieht. Das Virus und/oder die Maßnahmen zu dessen Eindämmung fahren wie ein Schwert in die Risikogruppe in den Pflegeheimen. Sofern nicht daran gestorben wird, werden die Lebensbedingungen der Bewohner auf eine Weise eingeschränkt, die von immer mehr alten Menschen kaum noch ausgehalten werden.

Nicht nur, dass keinerlei Besuche von außen mehr möglich sind (weder Verwandte, noch Friseur, Fußpflege, Unterhaltungskünstler usw.), auch innerhalb der Einrichtung selber werden die Bewohner, aber auch die Mitarbeiter, auf die Wohnbereiche beschränkt und selbst diese noch einmal in Untergruppen aufgeteilt. Die Begründung dafür ist die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten, sofern es zu einer Ansteckung kommt.

Obendrein wird jeder, der außerhalb des Geländes unterwegs war – egal ob Arztbesuch oder eine Runde um den Block – zu einer zweiwöchigen Isolation auf sein Zimmer verbannt. Mehr als einmal habe ich in den vergangenen Wochen weinende Alte vor mir gehabt, die die Situation kaum ertragen und darunter leiden, ihre Kinder, Enkel usw. nicht zu sehen.

Für die Mitarbeiter gilt inzwischen Maskenpflicht bei allen Tätigkeiten. Wer eine ganze Schicht über einen Atemschutz tragen muß, kann nur den Kopf schütteln über Maulhelden, die wegen einer einigermaßen sinnvollen Vorschrift, nämlich im ÖPNV und in Geschäften Atemschutzmasken oder -schals zu benutzen, einen Radau machen, als ob die Diktatur ausgebrochen wäre.

Ja, sie IST ausgebrochen, aber von jeher als conditio sine qua non der kapitalistischen Herrschaft: als Diktatur der Bourgeoisie, die Freiheit als Herrschaftsinstrument ihrer Macht über die Reproduktion der Gesellschaft schätzt und einsetzt. Und deren Staat diese Freiheit eben bei Bedarf auch mal einschränkt, wenn es die Aufrechterhaltung dieser Herrschaftsform zu erfordern scheint.

Man muss kein Regierungsanhänger oder Fan der bürgerlichen Staatsmacht sein, um die Maßnahmen zur Begrenzung der Infektionswege weitgehend nachzuvollziehen. Dass ein kapitalistischer Staat- zumal einer von der Wucht und dem imperialistischen Anspruch der BRD – die Gelegenheit nicht verstreichen lässt, um auch aus dieser Krise „gestärkt hervorzugehen“, wie es die Regierung verkündet, und deswegen gleich noch mal die ohnehin laufende Umverteilung von unten nach oben sowie die Überwachung und Einschränkung bürgerlicher Rechte ein paar Umdrehungen weiter schraubt: das sollte nicht überraschen.

Wie gesagt habe ich gelegentlich doch mal in die Facebook-Timeline reingeschaut. So schnell wie ich bei den hysterischen Besserwissern und Freiheitsaposteln weiter gescrollt habe, so lange bin ich verharrt bei den – nicht so zahlreichen, aber durchaus vorhandenen – Beiträgen, die sozusagen die Weltvernunft widerspiegeln. Bei letzteren handelt es sich ausnahmslos um solche, die die derzeitige Situation in den Zusammenhang stellen mit dem umfassenden Anschlag der herrschenden Klasse auf die Lebensbedingungen und ideologische Gesundheit der lohnabhängigen Klasse, der schon vor der Pandemie epidemisch war.

Als Quelle einer für medizinische Laien wie mich vernünftig erscheinenden Einschätzung der Pandemie haben sich für mich die Veröffentlichungen von Prof. Paul R. Vogt in der „Mitteländischen Zeitung“ erwiesen:

https://www.mittellaendische.ch/2020/04/20/covid-19-update-von-prof-paul-r-vogt

Ebenso die Beiträge „Pandemie I“ bis „Pandemie V“ des GEGENSTANDPUNKT, die politische Einordnung der Pandemie betreffend:

https://de.gegenstandpunkt.com

An answer to a friend who claims that the solution to mankind’s problems is “our primitive consciousness” and that “we should listen to people of higher consciousness”

N., you are just relocating ordinary submissiveness to authority to a “spiritual” level.

First of all, there’s no “we” (I am reminded of Osho, who used to say something like “there’s no humanity, only individual human beings”).

There are, however, different and antagonistic interests und purposes within a class society.

I know that you “spiritual” people hate to swallow this, but when all your talk of esotericism and “higher consciousness” is stripped naked, there’s nothing there to answer the simple, ordinary human beings who struggle to make a living in a world of abundant resources.

It is NOT because they don’t listen to some Gurus higher consciousness that living on a paradisiacal planet is a living hell for too many fellow human beings (and animals).

It is because they are being used for the enrichment of the ruling class, forced under the rule of wage labour and capitalist growth, in short: exploited.

No secrets around this.

Instead of belly-gazing and speculating about “primitive” and “higher” consciousness I’d rather recommand the consciousness of toppling an economic system which by its very principle (unlimited growth at the expense of the dispossessed classes) cannot supply a decent living for the majority of people.

THAT’s the consciousness which can be used for the creation of a planned economy controlled by the producers, where no esoteric ballyhoo is needed.