Fünf Minuten öffentlich-rechtliches Fernsehen und ich bin überwältigt von soviel Volksgemeinschaft und Heldentum.
Ein Land, das sowieso schon zu den Besten der Welt gehört, wächst in der Krise zusammenhaltsmäßig über sich hinaus, steht astrein da und hat im Grunde trotz kleinerer Engpässe alles voll im Griff. Natürlich dank seiner entschlossen zupackenden Politiker, die in dieser Stunde der Not keine Parteien mehr kennen, sondern nur noch die deutsche Wirtschaft, also uns alle, die wir von deren Wachstum abhängig sind.
Am schönsten aber die vielen Beispiele aufrechter Volksgenossen, die vorbildlich die nationale Gemeinschaft mit Initiative, Tatkraft, Selbstlosigkeit und Hilfsangeboten aller Art bereichern. Man möchte Schluchzen vor Rührung über derart zahlreiche Beispiele patriotischer Größe und Opferbereitschaft.
Die öffentlich-rechtliche Erbauungssendung erreicht schier kirchenfunkmäßige Dimensionen, als am Beispiel eines Krankenhauses das deutsche Gesundheitssystem besichtigt wird, und außer sauberen Fluren, leeren Betten und wunderbar beruhigenden Zahlenbeispielen („nur 100 von 10.000 freien Intensivstationsbetten mit Corona-Patienten belegt!!“) nur die wahrhaft makellose Güte der nationalen Rundum-Versorgung des Volkskörpers gefeiert wird.
All diese guten Nachrichten leuchten auch dem stets dienstbereiten und gehorsamen Volk schwer ein; es honoriert sie medial vermittelte Qualität seiner Wirtschaft und Infrastruktur und die einsame Klasse der politischen Macher, die erstere kommandieren, mit satten Zustimmungsraten.
Am Ende dieser paar Minuten Qualitätsmedienkonsum widerstehe ich gerade noch so dem Impuls, stramm zu stehen und in den Ruf „Ein Volk, eine Regierung, ein Virus!!“ auszubrechen.
Eben die letzten zwei, drei Minuten der Merkel-Ansprache an die Nation gehört. Ich weiß ja nicht, was die Frau vorher gesagt hat – das, WAS ich gehört habe, hat mich ziemlich sprachlos gemacht. Sprachlos nicht wegen des belanglosen, pfaffenhaftem Beschwörens der Volksgemeinschaft, die nun zusammenstehen müsse und dergleichen Politikersprech mehr, das man gewohnt ist von den regierenden Nationalisten.
Sprachlos gemacht hat mich der Tonfall, die Sprechmelodie, das aufgesetzte beruhigen-wollende Salbadern dieser Machtpolitikern: sie spricht zu ihren Untertanen wie eine Pflege- oder Betreuungskraft zu schweren Fällen von Demenz. Oder wie eine Kindergärtnerin zu ihren Vorschulhosenscheissern.
Offensichtlich hält diese Herrscherin ihr Volk für durchweg debil, unmündig und begriffsstutzig – und deshalb einer Ansprache bedürftig, die mit langsamen, kindgerechten Gemeinplätzen die Gemüter beruhigt und alle schön schlafen läßt.
Mag sein, dass ich beruflich vorbelastet bin. In der Arbeit mit dementen Menschen nennt man das Eingehen auf ihre dementiell veränderte Welt, das Bestätigen ihrer orientierungslosen Verlorenheit in einer zunehmend fragmentierten subjektiven Wirklichkeit, „Validation“ – eine zugewandte Kommunikationstechnik, die dem Gegenüber nicht Widerspruch (auch bei eindeutigen nicht in der „normalen“ Realität fundierten oder Wahnvorstellungen) zumutet, sondern es dort „abholt“, wo es sich befindet.
Dieser Technik bedient sich Merkel in ihrer Ansprache an die Beherrschten.
Feindwort bei Leuten, die sich für ideologiefrei halten. Keine Ideologie zu haben, unideologisch an die Sachen heranzugehen, ist ihre Ideologie. Ideologen sind nur die anderen – und die sind durch diesen Zustand bereits so abqualifiziert, dass man sich jede Erörterung der Inhalte ihrer Ideologie im Grunde ersparen kann.
Dass das Wort bloß „Ideenlehre“ bedeutet und einfach die Ausstattung mit Anschauungen, Werten usw. bezeichnet, die sich ein Verstand im Laufe seines Daseins unter dem Einfluß seiner Umwelt und seiner Erfahrungen so zurechtlegt, ist unseren ideologiefreien Ideologen zu einfach – für sie ist „Ideologe!“ ein Kampfbegriff, der den begrenzten geistigen Horizont des so Benannten kennzeichnen soll.
Die Ideologie, derzufolge Kapitalismus die natürliche Ordnung des Menschen und seiner Wolfsnatur sein soll und als solche auch noch gleich den alternativlosen Endzustand der menschlichen Geschichte darstellt, weist empört die Unterstellung zurück, Ideologie zu sein: gerade sie nimmt sich ja die Freiheit, die Welt unideologisch anzuschauen, ohne die Scheuklappen einer bestimmten Ideologie – und kommt so frei und vorurteilslos zu dem Schluss, dass nur die kapitalistische Ordnung der Welt dem freien, nicht von einer Ideologie eingezwängten Bürger gemäß ist.
So hat sich das bürgerliche Gemüt ganz ideologiefrei zu der Erkenntnis vorgearbeitet, dass es in dieser wunderbaren Welt der (Ideologie-)Freiheit bestens aufgehoben ist und singt, frei wie ein Vögelchen, das Lied der Freiheit noch, während die Käfigbesitzer schon im Kochbuch blättern.
Diese Umweltsau- und Böllerverbotsaufregermeldungen wirken auf mich wie eine weitere Sau, die durch das (Soziale-)Mediendorf getrieben wird. Jeder kann seinen ehrlich empörten oder locker abwinkenden Senf dazugeben.
Die wenigsten bemerken die ideologische Gesamt-Orchestrierung des Ganzen, die eine bestimmte Sichtweise ins Recht setzen will; und zwar die, die im selbstgerechten Brustton der Weltretter ein „Houlier-than-thou“, ein Besserwissertum im Namen der guten Sache proklamiert.
Es gleicht einer Rekrutierung von genügend Dummen (und zwar solchen, die sich für schlau halten, weil sie „aufgeklärte Bürger“ sind) durch die Medienmacher und ihrer politischen und wirtschaftlichen Auftraggeber. Eine Rekrutierung für den ältesten aller kapitalistischen Zwecke: stramm stehen für den Erfolg der nationalen Kapitalvermehrung in den Händen derer, die sich „die Wirtschaft“ nennen, und die alle anderen von ihrem Erfolg abhängig machen.
Jetzt haben sie bemerkt, das ein versauter Planet letzten Endes zu hohe Kosten verursacht und ihre Kapitalakkumulation in Zukunft am besten mit „Green Deal“ und massenhaftem Investment in emissionsfreie bzw. erneuerbare Energien zu realisieren ist. Dafür braucht man ein gelehriges demokratisches Volk, dass sich seinen eigenen Schaden einleuchten lässt, wenn’s denn um die Rettung der Welt geht und „jeder seine Beitrag leisten kann (Subtext: und muß)“.
Denn dass die normale Bevölkerung den Schaden hat, indem sie die anfallenden Summen in Form von CO2-Steuern und diversen Abstrichen am Lebensstandard zu zahlen hat (und nicht etwa diejenigen, in deren Besitztum das gesamte Produktionsinventar ist, mit dem neben nützlichem und überflüssigem Zeug in nie gekanntem Maße Umwelt und Gesundheit von Mensch, Vieh und Fauna ruiniert wird) – das steht in dieser Gesellschaftsordnung von vornherein fest.
Das Schöne für die herrschenden Ideologen der jetzt demnächst aber garantiert ökomässig vorbildlichen Reichtumsvermehrung ist, das ihr eigennütziger Schmarrn als höchst gerechtes Menschheitsanliegen daherkommt und sich in den Köpfen der Leute bereits als dicke Nebelwand vor jede freie Sicht auf den immer notwendigeren Klassenkampf gelegt hat.
Manchmal überlege ich mir – nein, ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich nichts wüsste von all dem, was täglich und grundsätzlich an Informationen aus der sozialen Realität auf mich einstürmt. Wenn ich so täte, als existierten die barbarischen Verhältnisse nicht, die zum Nachteil der Leute (jedenfalls derjenigen, deren Lebensunterhalt in den Berechnungen der Kapitaleigentümer als Kostenfaktor auftaucht) jedem Insassen der Marktwirtschaft als Sachzwänge gegenübertreten.
Offensichtlich kriegen recht viele Zeitgenossen das bestens hin; die Mehrzahl von ihnen, wenn ich mich so umschaue.
Ich könnte doch von jetzt auf gleich so tun, als lebte ich in der besten aller Welten. Ich könnte aufhören, Zeitungen zu lesen (kommunistische zumal), Fernsehen zu schauen (außer unterhaltsame Filme dann und wann); ich könnte die ganze Beschäftigung mit Hintergründen und Erklärungen für den Wahnsinn der Welt, das Interesse an Erkenntnissen und Erklärungen der politische Ökonomie drangeben und ein friedliches, selbstgenügsames Leben in der bürgerlichen Filterblase führen.
Dank der staatlich besiegelten Partnerschaft mit der besten Frau der Welt, mit der ich Bett, Wohnstatt und Kosten des Lebens teile, könnte ich ein von größeren Sorgen unberührtes Leben am unteren Rand der Mittelschicht führen; ein Leben in einer komfortablen Altbauwohnung im besten Viertel der Landeshauptstadt, mit ausreichend Geld für die monatlichen Fixkosten und – wenn nichts kaputt geht (Auto, Waschmaschine oder so) – alle zwei Jahre vielleicht sogar in Urlaub fahren.
Statt mich jedesmal von neuem aufzuregen über die immer dreisteren Sauereien der herrschenden Klasse könnte ich einfach sagen „Politik? Interessiert mich nicht!“ und mich damit von einer Menge innerer Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit befreien.
Anstelle des Wunsches nach Abschaffung der Verhältnisse, die zum Schaden von Leuten wie mir, also der lohnabhängigen Mehrheit der Bevölkerung, eingerichtet sind, könnte ich den Wunsch nach komfortablerer EINRICHTUNG in diesen Verhältnissen kultivieren und mir damit eine Art seelisches Valium verpassen, mit dem es sich bestimmt reibungsfreier leben läßt. Kurzum: ich könnte die blaue Pille nehmen und vergessen, dass ich jemals andere Verhältnisse als die bestehenden angestrebt habe.
Aber ich kann’s nicht (mehr). Leider hab ich schon die rote Pille geschluckt. Und die besteht aus ein paar Erklärungen der gesellschaftlichen Reproduktion namens Kapitalismus, die zu Argumenten FÜR ein anständiges Leben für alle werden. Der Wirkstoff in der roten Pille besteht aus der Einsicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse von Menschen gemacht werden und keine Naturgesetze sind.
Auf dem Weg zur Arbeit höre ich im Autoradio meistens WDR3, den Kultursender des WDR. Neben in der Regel gut ausgewählter (meist klassischer) und kommentierter Musik wird man von diesem aus GEZ-Zahlungen finanzierten Radiosender allerdings unter dem Stichwort „kulturelle Information“ mit einer gehörigen Portion der staatsoffiziellen Sichtweise auf die Welt versorgt.
Heute klinke ich mich bei Fahrtantritt in einen Gesprächsbeitrag ein, der das mobile lateinamerikanische Poesiefestival „Latinale“ in Berlin und Osnabrück kommentiert, das gerade zu Ende ging. Der Sprecher redet in gönnerhafter Herablassung über die Qualität der dort dargebotenen Poesie. Eine der Poetinnen, so erfährt man, hätte gesagt, sie müsse beim Vortragen ihrer Gedichte tanzen. Der Kommentator: „Tatsächlich schwang sie dann beim Lesen ihre Hüften – besser wurden ihre Verse dadurch allerdings nicht.“
Auch die anderen Dichter von da unten kommen beim westlichen Kulturscharfrichter schlecht weg: „Hilflose Wortwiederholungen hier, exzessive Länge der Gedichte dort – als Besucher der Latinale konnte man schon den Wunsch entwickeln, manch ein Gedicht vom überflüssigen Wortballast zu befreien.“
Zuerst denke ich, hier würden Reaktionen neo-kolonialer Hybris zitiert, merke aber schnell, dass der Beitrag sich ganz ernsthaft die Pose des europäischen Kultur- und Sittenwächters anmaßt, verbunden mit dem Richteramt über die Güte des dortigen künstlerischen Schaffens.
Damit ist es aber noch nicht genug. Zu richtiger Fahrt läuft der Kommentator erst auf, als es um die seiner Ansicht nach unzulässige politische Ausrichtung und Einmischung der auf der Latinale vertretenen Künstler und Kuratoren geht. Eine Künstlerin: „Seit 1973 sind wir vom neoliberalen Wirtschaftsmodell eingezwängt worden, und in diesen Tagen ist die Zwangsjacke zerplatzt. Den Frauen ist es gelungen, sich zu befreien und den Staat als ihren Hauptunterdrücker auszumachen.“
Damit hat sie eindeutig die Geschmacksgrenze des kulturellen Sittenwächters überschritten, der sich jetzt zur ganzen Höhe seiner Mainstream-Arroganz emporschwingt und die aufmüpfige Latina radiokommentatorisch und westlich-paternalistisch zur Besinnung und Ordnung ruft: „Der chilenische Staat als Hauptunterdrücker der Frauen?? Da durfte man sich als Zuhörer schon wundern“, lässt der Sprecher mit bemüht ironischem Unterton seine Zuhörer wissen.
Danach wird im Originalton eine Moderatorin zitiert, die ein paar richtige Sätze sagt zum Aufstand der lateinamerikanischen Völker gegen die neoliberalen Regimes der Region und die brutale Herrschaft, die in Ländern wie Chile und Bolivien gegen die Bevölkerung exekutiert wird. Sie benennt diese Zustände korrekt als Folgen von Imperialismus und Kolonialismus.
Auch hier wird der Kommentar seinem Klassenauftrag gerecht und kanzelt solche Anwandlungen ab: „Soll ein Beispiel dafür etwa auch der durch die Proteste in Bolivien herbeigeführte Rücktritt von Präsident Morales sein?… Etwas komplexer, als sich das manche Vertreter der Post-Kolonialismus-Forschung und Gender Studies wünschen ist die Welt dann leider oder zum Glück doch.“
Zum Schluss lässt er die geneigte Zuhörerschaft noch wissen, dass die einzig taugliche Poesie auf der „Latinale“ – Überraschung! – die unpolitische gewesen sei, nämlich ein Gedicht über das Aussterben des Patios (typische Innhöfe z.B. in Kolumbien).
Man spürt förmlich, wie sich der Autor mental gemütlich in seinen Club-Sessel zurücklehnt, eine Zigarre anzündet und sich virtuell selber auf die Schulter dafür klopft, wie gut er es diesen schwarzhaarigen revoluzzenden Latino-Kulturbanausen mal wieder gezeigt hat.
Auf der einen Seite Aufrüstung, annähernde Verdoppelung des Militärhaushalts („2 % Ziel“), immer freches und anspruchsvolleres Auftreten im imperialistischen Hauen und Stechen bei der Weltaufteilung.
Auf der anderen Seite – nach innen – eine immer rücksichtslosere Verarmung der Bevölkerung (Hartz4-Entrechtung der Aussortierten, Niedriglöhne die zum Leben nicht reichen, Arbeiten bis ins Grab), Verhökern der öffentlichen Infrastruktur und Dienstleistungen an die privaten Geier um den Preis des Wegfalls vieler essentiellen Leistungen (flächendeckende Ausdünnung der Kliniklandschaft, Post demnächst nicht mehr montags usw.).
Wie kann man den komplementären Zusammenhang dieser beiden Entwicklungen NICHT sehen? Wie kann man die Augen und den Verstand davor verschließen, dass die herrschende Klasse mit voller Kraft Staat und Volk in Dienst nimmt für den nationalen Erfolg (heutzutage übersetzt in „Deutschland kann nur mit Europa erfolgreich sein!“) in der imperialistischen Konkurrenz?
Dass die Opfer, die die Bauern in diesem äußerst leichenträchtigen Schachspiel zu erbringen haben, dass also die Ausbeutung der in ihren kompletten Lebens- und Daseinsplänen von der Kalkulation der Kapitalbesitzer Abhängigen, ausdrücklich auch den Übergang einschließt vom Verheizen im Dienst an fremdem Reichtum in Fabriken und Büros zum Verheizen der menschlichen Manövriermasse auf den zukünftigen Schlachtfeldern?
Diesen Sachverhalt machen die herrschenden Eliten ihren Untertanen gerade deutlich, und ihre Medien und Clacqueure stehen Gewehr bei Fuß zur geneigten Unterstützung bereit.
Beim Einkaufen im Düsseldorfer High-End-Stadtteil Oberkassel.
Vorm Rewe sitzt heute die “rechtmäßige” Inhaberin des Bettler- und Obdachlosenzeitungsverkäufer-Platzes, eine biodeutsche Arbeiterin, die sich nach eigener Aussage in 45 Jahren Akkordarbeit die Knochen ruiniert hat. Sie sitzt auf einem sehr guten mobilen behindertengerechten Elektromobilroller, ihr Hündchen in eine Decke eingepackt im Fussbereich des Gefährtes, und verkauft die Düsseldorfer Obdachlosenzeitung “Fifty-Fifty”.
Ihre Standplatzkonkurrentin, eine etwa gleichaltrige Frau aus Tschechien, hat sich angesichts der unbestreitbaren Platzhirschrechte der E-Mobilrollerfahrerin zwanzig Meter weiter in Richtung der Marktbuden vor der St. Antonius-Kirche verzogen.
Ich begrüße die eindeutig gesundheitlich beeinträchtigte Zeitungsverkäuferin mit einem scherzhaften “Na, wieder die Konkurrenz vom angestammten Platz verscheucht?”.
Daraufhin erklärt sie mir erst mal die Sachlage, jedenfalls aus ihrer Sicht:
“Die weiss genau, dass das hier mein Platz ist! Die kommt ja auch gerade aus dem Urlaub… Hab ich doch gesehen, wie die sie hier gerade abgesetzt haben… Die hat übrigens eine Eigentumswohnung in Neuss: ist kein Wunder, dass die hier bettelt und nicht in Neuss…” usw.
Das mit dem Urlaub kann ich schon mal anhand eigener Anschauung widerlegen, da die Tschechin seit Wochen und Monaten jeden Tag vorm Rewe zu sehen ist (ausser ihre deutsche Konkurrentin taucht auf). Daher erscheinen mir auch die anderen Behauptungen eher auf Gerüchten, Neid und übler Nachrede zu beruhen und ich frage die “Fifty-Fifty”-Verkäuferin, woher sie das wisse. Die Antwort bleibt aus, dafür klärt mich die Elektrorollstuhlfahrerin über ein paar Gepflogenheiten ihres Gewerbes auf, die die tschechische Konkurrentin tatsächlich nicht einhält, wie z.B. Leute ansprechen.
Grundregel der Zeitungsverkäufer ist nämlich , die Leute nicht anzusprechen. “Fifty-Fifty”-Verkäufer haben sich mit dem Blatt einfach nur hinzustellen und auf aktive Ansprache durch interessierte Käufer zu warten. Sie tragen einen Ausweis sichtbar bei sich, der sie als berechtigte Zeitungsverkäufer kennzeichnet. Dieser Ausweis, so erfahre ich von meiner Gesprächspartnern, wird natürlich gern gefälscht. Die tschechische Konkurrentin hat allerdings, im Gegensatz zu den rumänischen Wettbewerbern, die ebenfalls bei Rewe (allerdings am Hinterausgang) und gegenüber vor der Post, auf Kundschaft warten, einen echten “Fifty-Fifty”-Ausweis. “Den benutzt die aber nicht, das Zeitungsverkaufen bringt der nicht genügend ein”, informiert mich meine Gesprächspartnerin. Es folgt noch eine Tirade von Anschuldigungen und Unterstellungen über die anderen Deklassierten, vorzugsweise aus anderen EU-Staaten, die sich aus ihrer Sicht hier alle unberechtigterweise in den Konkurrenzkampf um Almosen begeben und – sofern sie jung genug sind – sowieso “lieber arbeiten gehen sollten”
Mein Einwand, dass Lohnarbeit heutzutage nicht so einfach verfügbar sei, kontert sie marktwirtschaftlich adäquat mit der finalen Bemerkung: “Wer arbeiten will, findet auch eine Arbeit!”
Dass das auf sie selbst schon altersbedingt nicht mehr zutrifft, ist mir klar, aber wie um mich auf die rechte Spur zu bringen, schickt sie noch hinterher “Ich hab mein Leben lang gearbeitet, 45 Jahre, jetzt hab ich die Knochen kaputt und kann hier ‘Fifty-Fifty’ verkaufe…”
Ich verabschiede mich und gehe meiner Wege, dabei über die Verhältnisse sinnierend, in denen selbst die Verarschten und Deklassierten sich gegenseitig nicht die Butter aufs Brot gönnen.
Nachdem ich mehr mit halbem Ohr das lobpreisende Rauschen im Medienwald mitbekommen hatte und nachdem in den letzten Tagen hier in FB sich einige Freunde austauschten über dieses mit Preisen überschüttete angeblich “authentische”, “differenziert betrachtende”, “objektive DDR-Geschichtsaufarbeitung betreibende” Werk, war ich – als ich den Film bei Netflix entdeckte – neugierig genug, mal reinzuschauen.
Die Einstiegsszene zeigt einen zerknirschten Protagonisten, ehemals MfS-Mitarbeiter, NACH der Konterrevolution, zu Besuch bei einem Bekannten, über den er zu DDR-Zeiten Informationen an das MfS gab.
Die dramatische Rollenverteilung ist klar und wird von Filmemachern und -finanziers auch beim Publikum vorausgesetzt: MfS-Mitarbeiter (“Stasi-Spitzel”) sind das Letzte schlechthin; die moralische Verurteilung ist schon gar nicht mehr nötig, weil ohnehin in der bloßen Tatsache der Kooperation mit dieser Behörde begründet, wodurch sich ganz grundsätzlich auch 40 Jahre Wühltätigkeit, Sabotage, wirtschaftliche Erpressung, Terror und Subversion gegen den sozialistischen Staat (also all das, wogegen eine Behörde wie das MfS nötig war) noch im Nachhinein rechtfertigt, denn dadurch wurde ja schließlich dem erzbösen Gegner der Garaus gemacht. Und das hat der – wie der Film wieder mal zu beweisen hat – mehr als verdient.
Jedenfalls war ich bereits nach etwa 5 Minuten soweit, dass ich lieber abschalten wollte, da ich kein Bedarf an einem weiteren anti-sozialistischen Propagandaschinken habe – wie subtil und “authentisch” er auch daherkommt (und subtil war da eigentlich gar nichts).
Ich schaute dann aber doch noch eine gute halbe Stunde weiter ein Machwerk an, dass mit guten Schauspielern eine Idee bebildert, an deren massenwirksamer Perfektionierung die Staatsmacht des Eroberers seit nunmehr dreissig Jahren unermüdlich arbeitet: die Verdammung des Sozialismusversuches in dem Teil Deutschlands, der nach dem Weltkrieg Ernst machte mit dem antifaschistisch-demokratischen Neubeginn und eine Gesellschaft errichten wollte und errichtete, die Ausbeutung und Krieg ein Ende setzte und den Leuten die grundlegenden Menschenrechte auf Arbeit, Wohnung, Bildung und Erholung und vor allem: Frieden garantierte.
Dass so eine Gesellschaft sich die Feindschaft des Weltimperialismus und speziell des um seine östlichen Pfründe gebrachten BRD-Kapitals zuzog, muss nicht extra erwähnt werden.
Dass diese sehr konkrete und sehr tödliche Feindschaft eine äußerst wachsame Verteidigung nötig machte und der sozialistische Staat für die Sicherheit seiner Existenz (die die Sicherheit der Arbeiterklasse war, eben NICHT wieder zu lebenden Anhängseln eines profitablen Kapitalstandortes zu werden) ein ganzes MINISTERIUM schuf, muss angesichts der geschichtslosen, absichtlich herbeigeführten Massenhypnose des Anti-Kommunismus scheinbar immer wieder erklärt werden.
Ich würde gerne einen Film über die deutsche Geschichte sehen, der den propagandamedial inszenierten Gleichklang “DDR = Stasi = böse + darum Kapitalismus das einzig Senkrechte” auflöst und seinen Ex-MfS-Mitarbeiter sagen lässt:
“Ja! Ich war beim MfS, weil ich dazu beitragen wollte, dass die Freiheit von Ausbeutung, Not und Krieg, die unser Sozialismus garantierte, geschützt wird. Geschützt vor denen, die Kriege führen, die Leute hungern lassen, die Arbeit für den Reichtum anderer als Almosen vergeben, für das man dankbar zu sein hat… All das wollte ich meinem Volk ersparen und einer Truppe angehören, die sich als Schild und Schwert derjenigen Partei versteht, unter deren Führung der Sozialismus gegen die Todfeindschaft des Imperialismus aufgebaut wurde. Dass das nicht geklappt hat, finde ich selber scheisse. Ebenso finde ich scheisse, dass Überheblichkeit, Schikane und Bürokratismus bei uns eingerissen ist und so viele Karrieristen und Ja-Sager in Partei und MfS mitmischten. Trotzdem lagen und liegen wir in der Sache richtig und kein Eroberer, kein BRD-Funktionär, kein Wendehals und kein Apostel der Freiheit westlicher Weltbeherrschung kann sich auf den moralischen Richterstuhl setzen und mit seinen bluttriefenden Fingern auf unsere bescheidenen Versuche zeigen, uns ihn und seinesgleichen vom Halse zu halten.”
DAS würde ich wie gesagt gerne einmal im Kino sehen. Aber dafür gäb’s natürlich keine Filmförderung.
Der Bruder meines Großvaters war ein sympathischer, humorvoller Mann. Er sprach französisch, konnte gut Gitarre spielen und hatte reichlich Geschichten auf Lager. Als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen, ging er nach Frankreich und schloß sich dort der Résistance an.
Eine Geschichte, an die ich mich erinnere, geht so: als die Gestapo im besetzten Frankreich in dem Ort erschien, wo mein Onkel (in Wahrheit mein Großonkel, aber wir nannten ihn nur “Onkel W.”) untergetaucht war und nach deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern suchte, wurde auch er kontrolliert. Er sprach zu dem Zeitpunkt allerdings schon so gutes Französisch, dass er als Franzose durchging und so der Verhaftung entging.
Mein Onkel hatte einen Makel: er war Kommunist. Was genau das war, wurde uns Kindern nicht erklärt, aber es wurde gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand kolportiert, quasi als wichtige, wenn nicht entscheidende Zusatzinformation zu der Person Onkel W.
Für mich hatte er dadurch immer ein unsichtbares Hologramm über sich schweben, in dem abwechselnd Stalin, Ulbricht, Mauer & Stacheldraht und arme, graue, unterdrückte Menschen auftauchten, die alle nach Freiheit lechzten (allerdings wußte ich genauso wenig, was “Freiheit” war; außer das sie – die Freiheit – “bei uns” auf jeden Fall herrschte und von Kommunisten aus reiner Bösartigkeit abgeschafft werden sollte).
All das brachte ich nicht mit dem sympathischen, großzügigen, humorvollen Onkel zusammen, zumal er obendrein ein Eigenheim in einem Hamburger Vorort besaß. Und das passte nun GAR NICHT zusammen mit dem, was ich über den Kommunismus wusste. Wollten denn die Kommunisten nicht allen alles wegnehmen und das Eigentum abschaffen? Was mir auch nicht klar war: wieso kämpften die Kommunisten gegen die Nazis, wenn doch Kommunismus und Nationalsozialismus das Gleiche und beide darauf aus waren, die Menschen zu unterdrücken, einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben?
So richtig erklärt wurde das nie; Familienkonsens war allerdings, dass die Kommunisten (jedenfalls in Gestalt von Onkel W.) insofern besser sind als die Nazis, als sie diese abgelehnt und bekämpft haben. Ganz so, wie die WIRKLICHEN Widerstandskämpfer, die Sozialdemokraten, zu denen mein heldenhafter Großvater mütterlicherseits gehörte, der dafür in Gestapo-Haft und im Strafbatallion 999 büßen musste.
Unter der Hand schwang in den (seltenen) familiären Gesprächen über dieses Thema immer mit: Beide, Sozialdemokraten und Kommunisten, haben Widerstand geleistet, aber den Kommunisten haftet der Makel an, dass sie ja im Grunde totalitär sind, eine Diktatur anstreben und überhaupt gegen “die Freiheit” sind.
Leider ergab sich selten ein Besuch beim Onkel; er schwebte zwar wie ein roter Satellit im Orbit der Familie, hatte aber wenig Kontakt zu den Enkelkindern seines Bruders. Sein Nimbus als Kommunist hatte für mich gleichzeitig eine gefährliche und faszinierende Aura. Durch den Wegzug aus Hamburg (zu dem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt) verlor sich der Kontakt ganz. Ein paar Jahre später starb er und anschließend erfuhren wir, dass er jedem von uns 10.000 DM vererbt hatte. Einfach so. ———– Ich glaube, heute bin ich für meine Verwandtschaft “der kommunistische Onkel”. Leider hab ich außer ein paar Zeichnungen nichts zu vererben, aber das wird von Kommunisten ja auch nicht erwartet.