Oh, die Sorgen der kapitalistischen Ethikspezialisten um sachgerechtes Abwägen zwischen dem notwendigen Wirtschaftswachstum und den dabei in Normalzeiten schon nicht zu knapp, jetzt aber gehäuft anfallenden Leichen!
Wie exquisit die Problemstellung, wie allseitig der das Für und Wider balancierende Gedankengang der ideellen Hüter unserer alternativlosen Ordnung!
Die Lage in den Pflegeeinrichtungen ist momentan nicht einfach für die Bewohner (von den Mitarbeitern will ich gar nicht erst sprechen). Natürlich sehen alle die Nachrichten und wissen von den drastischen Einschränkungen; am meisten spüren sie es aber durch das Zutrittsverbot für Externe. Keine Angehörigen und Freunde mehr zu Besuch, keine Physiotherapeuten, keine Fußpflege, keine Friseurin, keine Auftritte von Musik- oder Tanzgruppen, kein Hospizdienst, keine Betreuer, keine Ehrenamtlichen.
Die Orientierten unter den Bewohnern fügen sich in die Situation; von manch einem hört man „Da haben wir schon schlimmere Zeiten mitgemacht!“ und Ähnliches. Mal sehen, wie das in ein paar Wochen sein wird.
Für die Dementen ist die Lage schwieriger. Sie verstehen nicht (oder kaum), warum jetzt plötzlich keiner mehr kommt. Dabei brauchen gerade die dementen Bewohner das am meisten.
Da eine meine wenigen Gaben in diesem Leben neben einem ausgeprägten sozialen Hau darin besteht, kleine Kritzeleien anzufertigen, nutze ich diese bei fast jedem Angebot, das ich im Rahmen des Sozialen Dienstes der Einrichtung durchzuführen habe. In Zeitungsrunden oder sonstigen Gruppenangeboten für die Orientierteren unter meinen Leuten ist das Coronavirus-Thema natürlich unvermeidlich. Hier wird nicht in die Tiefe gegangen, sondern einfach und anschaulich informiert, was die Maßnahmen der Regierung bedeuten (Bild 1).
Anders in der „Tagesgruppe Demenz“. Die neun leicht und mittelschwer demenzkranken Menschen hier können mit faktischen Informationen zu aktuellen Entwicklungen wenig anfangen. Am besten kommen Geschichten und Lieder an, und zumindest für die Zeit unseres Zusammenseins von Morgens bis Mittags will ich meiner Truppe gar nicht erst mit den Schauergeschichten der pandemischen Realität außerhalb der Einrichtungsmauern kommen.
Wir beschließen nach dem Frühstück, auf den Tischen Papier auszurollen und ein gemeinschaftliches Frühlingsbild zu malen. Von acht anwesenden Gruppenteilnehmern machen sieben auch mehr oder weniger engagiert mit, manche mit erkennbaren Abbildungen von Dingen wie Blumen, Bergen, Wolken, Sonne usw.., für andere ist alleine die Handhabung eines Stiftes schon Herausforderung und Leistung zugleich.
Frau H. malt mit Begeisterung kantige Strukturen, die Lageplänen oder Konstruktionszeichnungen ähneln und fragt mehrfach verwundert: „Was ist das denn jetzt? Ich weiß gar nicht, was das sein soll!“
Frau C. hält mit Erstaunen über sich selbst einen Stift in der Hand und beginnt, sachte und ohne viel Druck mit dem Farbauftrag. Sie malt da, wo ihre Hand hinreicht, und da sie im Rollstuhl sitzt, ist das die Tischkante. Nach fünf Minuten in denen ich mich anderen zuwende, sehe ich Frau C. wie sie immer noch malt und malt, mittlerweile aber auf der Armlehne ihres Rollstuhles. Noch eine Weile später malt sie mit denselben sanften, gleichmäßigen Strichen in der Luft.
Frau K., die beim Sprechen mit jedem Wort eines Satzes leiser und langsamer wird und die noch vor Ende des Satzes vergessen hat, was sie sagen will, malt ein paar winzig kleine Musterungen auf das Papier vor ihr. Sie gerät aber wohl mit dem Malen in eine ähnlich zeitlupenmäßige Verlangsamung wie mit dem Sprechen, ihre Hand wird immer langsamer, die Striche kürzer und schließlich bleibt die Hand auf dem Papier liegen wie eine Spieluhr, deren Antriebsmechanismus sich erschöpft hat.
Sie beobachtet das Geschehen aber interessiert, und so setze ich mich zu ihr. Wir erfinden eine kleine Frühlingsgeschichte, nämlich die von Rudi der Raupe, die ein frisches grünes Blatt gefunden hat und jetzt ihren Mordshunger stillen will. Da kommt von der anderen Seite Anton die Waldameise heran, ein ausgesprochen fieser Vertreter seiner Gattung, und will Rudi das Blatt streitig machen. Frau K. ist erfreut und lacht über den sympathischen Rauperich, aber auch etwas erschreckt über die gemeine Ameise. (Bilder 2 und 3)
Ende vom Lied: alle kriegen was ab, keiner kommt zu kurz, der Gerechtigkeit im Wald und auf der Welt ist mal wieder Genüge getan und alle sind bester Laune, als wir mit unserem großen gemeinsamen Frühlingsbild als Tischdecke den Mittagstisch eindecken.
Nach dem Online-Gottesdienst winkt der Einrichtungsleiter mich und ein paar Pflege-Kollegen zu sich und zeigt uns den soeben eingetroffenen Erlaß der Bezirksregierung an die Pflegeheime im Rhein-Kreis Neuss: ab sofort vollständige Zugangssperre, Ausnahmen nur noch für ärztliches Personal. Verwandte dürfen nur noch bei akuten Sterbenfällen und dann nur unter Aufsicht hinein. Der Grund, so führt das Schreiben aus, ist die laxe Handhabung der bisherigen Regelung (Besucher-Zutritt für eine Stunde, nur auf dem Zimmer, nur mit Registrierung) durch die Einrichtungen im Kreis. Dadurch sei es in einem der Heime zu einer Masseninfektion gekommen; ähnliche Fälle wolle man mit der neuen Regelung vermeiden.
Auch hier also wieder derselbe Auslöser für weitreichende staatliche Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten: die menschliche Dummheit. Zumindest dient die Ignoranz und Borniertheit vieler Zeitgenossen als willkommener Vorwand für drastische Einschränkungen bis hin zur Ausgangssperre.
Der Einrichtungsleiter drückt seine Befürchtung aus, dass uns bzw. der Einrichtung das Schlimmste noch bevorsteht, da bis vor Kurzen mannigfache Ansteckungsmöglichkeiten bestanden haben, hausintern nach wie vor bestehen und durch die lange Inkubationszeit noch gar nicht absehbar ist, wer sich alles angesteckt haben könnte.
Die Einrichtung selber hat zwei Quarantäne-Fälle, der Soziale Dienst der Einrichtung besteht mittlerweile nur noch aus mir, da vier Kollegen erkrankt sind (an Grippe, angeblich/hoffentlich bloß). Wir versuchen, einen Minimalbetrieb für die jetzt schon vom Lagerkoller befallen Bewohner aufrecht zu erhalten und hoffen, dass wir die nächste Zeit irgendwie gut überstehen.
Auf dem Rückweg von der Arbeit fahre ich einen Umweg, um dem Geheimtipp einer Kollegin nachzugehen, nach dem in einem NORMA-Markt in einem bestimmten Neusser Stadtviertel noch Toilettenppier käuflich zu erwerben sei. Im Radio höre ich eine Meldung, die zum oben Ausgeführten passt wie Arsch auf Eimer: eine psychologische Studie hat gezeigt, das die Leute umso mehr horten (vor allem Klopapier), je uninformierter sie sind.
Im Klartext: je dümmer, desto scheiße. Ach ja: auch im NORMA gab’s kein Klopapier.
Das virologisches Fachmagazin aus Hamburg bejubelt in einem Meinungsbeitrag die Merkel-Ansprache an die BRD-Insassen und eklärt „Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht vom Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung“ zum wichtigsten Satz der Rede.
Damit das auch von jedem verstanden wird, klärt der „Spiegel“ seine Leser über einen Sachverhalt, der verständigen Demokraten ohnehin geläufig ist, aber wegen der leider auch bei einigen Europäern zu konstatierenden propagandistischen Erfolge des Chinamannes nochmal bekräftigt gehört:
Virus in Demokratien = nicht so schlimm, weil Wissenschaft nicht unterdrückt und Presse frei ist!!
Eben die letzten zwei, drei Minuten der Merkel-Ansprache an die Nation gehört. Ich weiß ja nicht, was die Frau vorher gesagt hat – das, WAS ich gehört habe, hat mich ziemlich sprachlos gemacht. Sprachlos nicht wegen des belanglosen, pfaffenhaftem Beschwörens der Volksgemeinschaft, die nun zusammenstehen müsse und dergleichen Politikersprech mehr, das man gewohnt ist von den regierenden Nationalisten.
Sprachlos gemacht hat mich der Tonfall, die Sprechmelodie, das aufgesetzte beruhigen-wollende Salbadern dieser Machtpolitikern: sie spricht zu ihren Untertanen wie eine Pflege- oder Betreuungskraft zu schweren Fällen von Demenz. Oder wie eine Kindergärtnerin zu ihren Vorschulhosenscheissern.
Offensichtlich hält diese Herrscherin ihr Volk für durchweg debil, unmündig und begriffsstutzig – und deshalb einer Ansprache bedürftig, die mit langsamen, kindgerechten Gemeinplätzen die Gemüter beruhigt und alle schön schlafen läßt.
Mag sein, dass ich beruflich vorbelastet bin. In der Arbeit mit dementen Menschen nennt man das Eingehen auf ihre dementiell veränderte Welt, das Bestätigen ihrer orientierungslosen Verlorenheit in einer zunehmend fragmentierten subjektiven Wirklichkeit, „Validation“ – eine zugewandte Kommunikationstechnik, die dem Gegenüber nicht Widerspruch (auch bei eindeutigen nicht in der „normalen“ Realität fundierten oder Wahnvorstellungen) zumutet, sondern es dort „abholt“, wo es sich befindet.
Dieser Technik bedient sich Merkel in ihrer Ansprache an die Beherrschten.
Je mehr man über den Umgang der Staaten mit der Corona-Krise liest und hört, umso deutlicher wird:
Der „Wertewesten“ reduziert sich in der Krise auf nationalen Egoismus, Offenlegung der maroden und kaputtprivatisierten Gesundheitssysteme, Hilfen für das Kapital bei gleichzeitiger „Privatisierung“ der Shutdown-Auswirkungen für die Bevölkerung, und eine generelle „Rette sich wer kann“-Mentalität auf staatlicher und privater Ebene (bei paralleler floskelhafter Beschwörung des „Zusammenhalts“, der „Gemeinsamkeit“ und anderer Sprechblasen, mit denen die nationale Arbeitsmannschaft aufs Durchhalten und Funktionieren eingenordet werden soll, klar).
Praktische Solidarität und wirkliche Hilfe kommt von den medial Verfemten der imperialistischen Weltordnung:
Kuba, Venezuela und vor allem China.
Jeder der will kann es sehen: der Westen ist im Arsch, die EU ist am Ende, während der Sozialismus in der Lage ist, angemessen auf eine Krise dieser Dimension zu reagieren.
Die Frau räumt die Spielsachen des Hundes auf, die dieser im Wohnzimmer verteilt hat. Anschließend baut sie sich vorm Sofa auf, meiner heutigen Kommandozentrale für die Steuerung von Informationsbeschaffung, Netflix und AirPlay.
„So, das Hündchen ist versorgt. Und was macht das Herrchen?“, fragt sie.
Ich verlagere mich in eine minimal aufrechtere Position ohne die zahllosen Fernbedienungen und Endgeräte außer Reichweite zu schieben und erkundige mich unschuldig: „Wolltest du mir nicht einen Tee kochen?“
Tatsächlich hatte meine Herzdame mir genau dieses Angebot vor geraumer Zeit gemacht. Inzwischen scheint sie das Verwöhnprogramm aber etwas herunterfahren zu wollen und entgegnet: „Du führst hier ein ganz schönes Pascha-Leben!“
„Naja“, erwidere ich halbwegs schlagfertig, „ich liege ja auch auf einem Pascha-Sofa…“
In punkto Schlagfertigkeit hält die Frau aber locker mit, denn ihre Replik lautet.
„Achja? Soll ich vielleicht auch noch ein bißchen nacktputzen?“