Geschichten aus dem Pflegeheim: Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

Interessant für alle, die mit dementen Menschen arbeiten.

Der neue Expertenstandard („Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“) ist eine Art verbindliche Richtlinie zur Qualitätssicherung, die die Pflege und Betreuung von dementen Menschen bundesweit auf eine wissenschaftlich fundierte und an die Bedürfnisse der Betroffenen angepaßte Grundlage stellen soll.

Was in dem Werk drinsteht, bedeutet – theoretisch – nichts weniger als einen Paradigmenwechsel: weg von einer durchführungs-orientierten, hin zu einer person-zentrierten Pflege und Betreuung.

Demenz wird nicht mehr als medizinisches Problem betrachtet, sondern als Frage der Beziehungsgestaltung.

Soweit die Theorie.

Das Ganze liest sich teilweise hochgelehrt und kompliziert und wird in dieser Form von keinem in dem Berufsfeld tätigen Kollegen verstanden. In meiner Einrichtung bin/war ich vermutlich der einzige, der das Werk durchgelesen hat.

Das Problem ist, dass die durchaus positive und humane Vision dieses Expertenstandards das ziemlich exakte Gegenteil der Realität in den Pflegeeinrichtungen ist. Die Arbeitskräfte in diesem Berufsfeld müssen mit immer zu niedrigem Personalschlüssel, Arbeitsverdichtung, Niedriglohn (soweit es die Betreuung betrifft), ausufernder Bürokratie und Dokumentationswahn, und ständigem Geldmangel an allen Ecken und Enden zurechtkommen – wo da die Zeit und die Bereitschaft zu der von dem Expertenstandard geforderten Umorientierung zu Empathie, Beziehungsgestaltung, Zugewandtheit usw. herkommen soll, bleibt das Geheimnis der wohlmeinenden Verfasser des Werkes.

Wie Michael Schneider in seinem Vortrag (als Audio auf der Website eingebunden – Branchenkollegen kann ich nur empfehlen, sich das anzuhören) sagt:

„In einem auf Maximalgewinn getrimmten System kann das große Geld nur da verdient werden, wo am Personal gespart wird; also wird es dort verdient“

https://alzheimer.ch/de/wissen/bildung/magazin-detail/613/der-expertenstandard-koennte-als-satire-durchgehen

Umweltsau, Böllerverbot und Klassenkampf

Diese Umweltsau- und Böllerverbotsaufregermeldungen wirken auf mich wie eine weitere Sau, die durch das (Soziale-)Mediendorf getrieben wird. Jeder kann seinen ehrlich empörten oder locker abwinkenden Senf dazugeben.

Die wenigsten bemerken die ideologische Gesamt-Orchestrierung des Ganzen, die eine bestimmte Sichtweise ins Recht setzen will; und zwar die, die im selbstgerechten Brustton der Weltretter ein „Houlier-than-thou“, ein Besserwissertum im Namen der guten Sache proklamiert.

Es gleicht einer Rekrutierung von genügend Dummen (und zwar solchen, die sich für schlau halten, weil sie „aufgeklärte Bürger“ sind) durch die Medienmacher und ihrer politischen und wirtschaftlichen Auftraggeber. Eine Rekrutierung für den ältesten aller kapitalistischen Zwecke: stramm stehen für den Erfolg der nationalen Kapitalvermehrung in den Händen derer, die sich „die Wirtschaft“ nennen, und die alle anderen von ihrem Erfolg abhängig machen.

Jetzt haben sie bemerkt, das ein versauter Planet letzten Endes zu hohe Kosten verursacht und ihre Kapitalakkumulation in Zukunft am besten mit „Green Deal“ und massenhaftem Investment in emissionsfreie bzw. erneuerbare Energien zu realisieren ist. Dafür braucht man ein gelehriges demokratisches Volk, dass sich seinen eigenen Schaden einleuchten lässt, wenn’s denn um die Rettung der Welt geht und „jeder seine Beitrag leisten kann (Subtext: und muß)“.

Denn dass die normale Bevölkerung den Schaden hat, indem sie die anfallenden Summen in Form von CO2-Steuern und diversen Abstrichen am Lebensstandard zu zahlen hat (und nicht etwa diejenigen, in deren Besitztum das gesamte Produktionsinventar ist, mit dem neben nützlichem und überflüssigem Zeug in nie gekanntem Maße Umwelt und Gesundheit von Mensch, Vieh und Fauna ruiniert wird) – das steht in dieser Gesellschaftsordnung von vornherein fest.

Das Schöne für die herrschenden Ideologen der jetzt demnächst aber garantiert ökomässig vorbildlichen Reichtumsvermehrung ist, das ihr eigennütziger Schmarrn als höchst gerechtes Menschheitsanliegen daherkommt und sich in den Köpfen der Leute bereits als dicke Nebelwand vor jede freie Sicht auf den immer notwendigeren Klassenkampf gelegt hat.

Beknackte Weihnachtswünscherei

Scheisse, jetzt fängt wieder diese beknackte Weihnachtswünscherei an. Sogar Leute, denen man das Vorhandensein aller Latten am mentalen Zaun unterstellt hat, werden plötzlich sentimental und denken, sie müssten die Mitmenschen anlässlich irgendeines christlichen Feiertags mit guten Wünschen eindecken, zu denen sie sich sonst höchstens anlässlich eines Krankenhausbesuches aufraffen.

Bitte verschont mich mit dieser rituellen Konzession an den Massengeschmack, werte Facebookfreunde, sonst gibt’s dieses Jahr kein Geschenk.

Die blaue Pille

Manchmal überlege ich mir – nein, ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich nichts wüsste von all dem, was täglich und grundsätzlich an Informationen aus der sozialen Realität auf mich einstürmt. Wenn ich so täte, als existierten die barbarischen Verhältnisse nicht, die zum Nachteil der Leute (jedenfalls derjenigen, deren Lebensunterhalt in den Berechnungen der Kapitaleigentümer als Kostenfaktor auftaucht) jedem Insassen der Marktwirtschaft als Sachzwänge gegenübertreten.

Offensichtlich kriegen recht viele Zeitgenossen das bestens hin; die Mehrzahl von ihnen, wenn ich mich so umschaue.

Ich könnte doch von jetzt auf gleich so tun, als lebte ich in der besten aller Welten. Ich könnte aufhören, Zeitungen zu lesen (kommunistische zumal), Fernsehen zu schauen (außer unterhaltsame Filme dann und wann); ich könnte die ganze Beschäftigung mit Hintergründen und Erklärungen für den Wahnsinn der Welt, das Interesse an Erkenntnissen und Erklärungen der politische Ökonomie drangeben und ein friedliches, selbstgenügsames Leben in der bürgerlichen Filterblase führen.

Dank der staatlich besiegelten Partnerschaft mit der besten Frau der Welt, mit der ich Bett, Wohnstatt und Kosten des Lebens teile, könnte ich ein von größeren Sorgen unberührtes Leben am unteren Rand der Mittelschicht führen; ein Leben in einer komfortablen Altbauwohnung im besten Viertel der Landeshauptstadt, mit ausreichend Geld für die monatlichen Fixkosten und – wenn nichts kaputt geht (Auto, Waschmaschine oder so) – alle zwei Jahre vielleicht sogar in Urlaub fahren.

Statt mich jedesmal von neuem aufzuregen über die immer dreisteren Sauereien der herrschenden Klasse könnte ich einfach sagen „Politik? Interessiert mich nicht!“ und mich damit von einer Menge innerer Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit befreien.

Anstelle des Wunsches nach Abschaffung der Verhältnisse, die zum Schaden von Leuten wie mir, also der lohnabhängigen Mehrheit der Bevölkerung, eingerichtet sind, könnte ich den Wunsch nach komfortablerer EINRICHTUNG in diesen Verhältnissen kultivieren und mir damit eine Art seelisches Valium verpassen, mit dem es sich bestimmt reibungsfreier leben läßt. Kurzum: ich könnte die blaue Pille nehmen und vergessen, dass ich jemals andere Verhältnisse als die bestehenden angestrebt habe.

Aber ich kann’s nicht (mehr). Leider hab ich schon die rote Pille geschluckt. Und die besteht aus ein paar Erklärungen der gesellschaftlichen Reproduktion namens Kapitalismus, die zu Argumenten FÜR ein anständiges Leben für alle werden. Der Wirkstoff in der roten Pille besteht aus der Einsicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse von Menschen gemacht werden und keine Naturgesetze sind.

Die neue deutsche Sprache der Macht kann sogar hebräisch

Super! Die dreihundert Soldaten jüdischen Glaubens kriegen von der Kriegsministerin gleich zehn Militärseelsorger spendiert!

Jetzt kann nichts mehr schiefgehen mit dem diesmal ganz freiheitlich-demokratischen Expansionsdrang des deutschen Imperialismus: wo auf Hebräisch gebetet wird, kann es ja gar keinen Anti-Semitismus wie beim letzten Mal geben, sondern nur bunt-tolerante, garantiert pluralistische Durchsetzung deutscher Interessen in der EU, an der Ostfront und weltweit. Das dann aber knallhart, schließlich lernt man ja gerade wieder „die Sprache der Macht“.

Forscher ratlos

Screenshot

Der „Spiegel“, das Fachblatt für Soziologie und Volkskunde, macht sich Gedanken über den Niedergang der Lebenserwartung im Mutterland von Freiheitundmarktwirtschaft.

Dort sterben die Leute immer früher, nehmen Drogen wie nichts Gutes, selbstmorden sich massenhaft aus dem Reich der Freiheit, das zu bewohnen sie das Glück haben – lauter schwer erklärbare Rätsel also, deren Ergründung den einschlägigen Forschern viel Gelegenheit zum Grübeln und wissenschaftlichen Arbeiten gibt.

Dass die schwerbewaffnete US-„Zivilgesellschaft“ sich zu erheblichen Teilen nicht bewährt im Konkurrenzkampf um ALLES in der besten aller Welten; dass sie diesen gar nicht als lauter Chancen und Gelegenheiten nimmt, sondern an seiner unerbittlichen Absortierung des Menschenmaterials in kapitalverwertungstauglich oder nicht irre wird: das ist dann gleich schon wieder ein individuelles Problem, dessen sich eine andere Gruppe Forscher annehmen darf und wird.

In weiteren Meldungen:

*** Rätselhaftes Massensterben in Schlachthöfen: Forscher ergründen Todesfälle unter Schweinen und Rindern ***

*** Merkwürdige Fallsucht von Dingen Richtung Boden: Forscher perplex über Schwerkraftphänomen ***

*** Während es in vielen Ländern häufig regnet, bleibt in Sahara und Gobi im dritten Jahr in Folge der Regen aus: Forscher ratlos ***

Praktische Lebensberatung vom Finanz-Fachblatt aus Hamburg

Endlich wieder praktische Lebensberatung vom Finanz-Fachblatt aus Hamburg. Das hat nämlich festgestellt, dass das Geldproblem vieler Leute nicht daran liegt, dass sie zu wenig davon HABEN (weil sie z.B. das Pech haben, (Niedrig-)Lohnarbeiter zu sein).

Nein, sie können einfach nicht mit der wertvollen Ressource Geld UMGEHEN! Da die Natur diesen Rohstoff nun mal ungleichmäßig verteilt (wie beim Regen oder Sonnenschein), müssen die Minderbemittelten nur lernen, mit dem bisschen was sie haben, AUSZUKOMMEN!!

Sie „tun sich schwer im Umgang mit Geld“, weiß der Experte – und wer kennt es nicht: man möchte ja so gerne kameradschaftlich, vorurteilsfrei und tolerant sein, wenn’s ans Bezahlen geht, nur um dann doch wieder zu Hadern mit dem (Nicht-)Loslassen-können, der Anhänglichkeit an die bunten Scheinchen und der Angst vor Enttäuschung und Trennungsschmerz.

Menschlich-allzumenschliche Problemlagen also, und dafür gibt’s natürlich Ratschläge vom Geldpsychologen, der weiß: „das kann man ändern“!

Praktischerweise ist der Beitrag hinter der „Spiegel+“ Paywall versteckt, aber in diesem Fall fällt es gar nicht „schwer“, die weiteren Folgen dieser wunderschönen Lebenshilfe-Serie zu erraten:

*** So lernen Sie, Ihrem Chef zu gehorchen ***

*** Warum denn immer satt zu essen? Fasten ist das neue Schlemmen! ***

*** Wenn’s für die Miete nicht reicht: So lernen Sie, wie man die besten Plätze unter der Brücke erkennt und sichert***

Bolivia, Morales

Evo Morales wird offiziell von der bürgerlichen Hofpresse zum „Machthaber“ heruntergestuft – in diesen Kreisen die Bezeichnung für diejenigen Regierungschefs, die sich den imperialen Interessen des Wertewestens in irgendeiner Weise entgegenstellen.

Indem sie zum Beispiel auf unserem Lithium oder Öl sitzen; Bodenschätze, die zufällig in der Erde des dummerweise von ihnen regierten Territoriums liegen, die aber natürlich bloß deswegen nicht unserem strategischen Zugriff entzogen werden dürfen.

Die Bezeichnung „Machthaber“, andrerseits, verbietet sich selbstverständlich z.B. für Regierende wie den chilenischen Millionär-wird-Präsident Piñera oder den brasilianischen Faschisten Bolsonaro, die in UNSEREM Auftrag und Interesse für den reibungslosen Verlauf von Geschäft und Gewalt sorgen.

So nimmt alles seinen korrekten Lauf und das Gute daran ist, dass bei der Vermittlung dieser Fakten jeder Journalist im Reich der Freiheit ganz genau weiß, was er wie zu schreiben hat, damit die Botschaft auch ankommt beim Publikum, welches aus sentimentalem Gerechtigkeitswahn mitunter nicht verstehen will, wie vorzüglich demokratisch und wachstumsfördernd die Affairen der Welt geordnet sind.

Kapitalismus als Religion

Die Anbetung des Privateigentums ist die ultima ratio dieses Kultes und als solche zum unerbittlichen Sachzwang des Überlebens gemacht worden.

Die Priester und das Fußvolk dieses Glaubens sprechen gerne von dem Fortschritt und unermesslichen Reichtums, den ihr Bekenntnis einem fiktiven Subjekt namens „der Menschheit“ gebracht hätte, schweigen aber über das sehr messbare Elend bei Millionen konkreter Menschen, das der Preis dieses Reichtums ist.

Die Preisgabe von Würde und die Versklavung an das sakrosankte Credo des Privateigentums wird in den heiligen Schriften dieser Religion – den Verfassungen, Gesetzestexten und volkswirtschaftlichen Lehrbüchern – als Freiheit und Menschenwürde gepredigt.

Inzwischen ist die Erniedrigung des kollektiven und individuellen Bewusstseins durch den Kult des Privateigentums so weit gediehen, dass bis auf wenige Ausnahmen nicht nur die gesamte Welt seinem Diktat unterworfen ist, sondern reiche Individuen von Würdenträgern (Standortpolitiker, Hofschreiber, Sachverständige) der kapitalistischen Religion servil und devot umworben werden, wenn und damit sie geruhen, die Mehrung ihres Privateigentums in einer bestimmten Region stattfinden zu lassen.