Geschichten die das Leben schrieb: die Menschheit im Suppenteller

Es gibt die weitverbreitete Ansicht, dass der eigene berufliche „Erfolg“ (übersetzt als die Fähigkeit, einigermaßen normal und regelmäßig für Einkünfte zu sorgen, die einen vor Verhungern und Obdachlosigkeit bewahren) etwas über die Gesellschaft sagen würde, in der diese bescheidene Leistung erzielt wurde.

So, als ob das Zurechtkommen in den Verhältnissen, die man vorfindet – und die keineswegs für die Bedürfnisse der Lohnarbeiter eingerichtet sind – diese Verhältnisse adelt und bestätigt

Ich kenne Leute, die ihr persönliches Sich-Einrichten in der Konkurrenzgesellschaft, ihren Weg durch Schule, Ausbildung, Studium, Beruf bis hin zu möglicherweise ausreichenden Altersbezügen als einzige Erfolgsgeschichte interpretieren. Und zwar nicht mal so sehr der eigenen „Alles richtig gemacht!“-Selbstvergewisserung, sondern als ganz grundsätzliches Qualitätssiegel für den Kapitalismus, in dem ihnen das alles „gelungen“ ist.

Ich verstehe diese Leute nicht, und ich bedaure sie für ein Leben im Suppenteller, ohne je den Rand gesehen zu haben – geschweige denn, darüber hinaus.

Geschichten die das Leben schrieb: Putin und die Fußpflegerin

Heute vorm Urlaub mal zur Fußpflege (man gönnt sich ja sonst nichts). Die bodenständige rheinländische Fachfrau – Mittvierzigerin, schätze ich – kommt natürlich auf Inflation, Teuerung und allgemeine Lebensumstände zu sprechen und stoßseufzt: „Ja, der Putin, der ist wirklich krank!“

Ich stelle mich dumm und frage naiv: „Echt? Was hat der denn? Was Ernstes?“

„Ja, weiß ich nicht, ich meine im Kopf…“

Ich spiele weiter den Ahnungslosen: „Wie kommen Sie denn darauf? Und was meinen Sie damit? Ist er depressiv oder sowas?“

„Nee, das ist so ein Bauchgefühl… ich weiß auch nicht…“

„Frau B.“, sage ich, „kann es sein, dass Ihr ‚Bauchgefühl‘ eher etwas zu tun hat mit den Nachrichten, die Sie in den Zeitungen lesen und im Fernsehen gucken?“

„Ja, das stimmt… halt was man so in den Nachrichten hört. Dass der eben krank ist oder ein Verbrecher.“

Ich wage mich noch einen Schritt weiter vor: „Frau B., ich bin jetzt einfach mal neugierig. Auch weil Sie ja nicht die Einzige sind, die solche Sachen sagt. Darf ich Sie fragen, was Sie denn überhaupt über den Konflikt in der Ukraine wissen?“

„Naja, eigentlich gar nichts. Eben was man so aus den Nachrichten weiß…“

Sie ist erkennbar etwas beschämt, aber auch offen, und keineswegs darauf aus, an einer feststehenden Meinung festzuhalten. Als ich ihr – vorsichtig und in angemessener Ruhe und Wortwahl – erzähle, dass der Krieg seit 2014 in Gange ist, dass die kampfkräftigsten Verbände der ukrainischen Armee aus Nationalisten bestehen, die man eher Nazis als „Patrioten“ nennen muss, und dass die ukrainischen Truppen, ebenfalls seit 2014, gezielt die zivile Infrastruktur und die Zivilisten im Donbass angreifen, und dabei, wiederum seit 2014, massiv von der NATO unterstützt werden, wirkt sie verdutzt.

Von all dem hat sie noch nie gehört. Dabei hätte sie – wie jeder – die Möglichkeit, sich über Hintergründe, Interessengegensätze, Kriegsparteien usw. zu informieren.

Nur: wie jeder macht sie’s eben nicht und GLAUBT ihrer Obrigkeit und deren Verlautbarungsmedien.

Geschichten die das Leben schrieb: jedem sein Lebensmotto

Morgens im Bad. Ich rasiere mich, während die Frau ihren Alabasterkörper mit edel duftenden und wahrscheinlich kostspieligen Lotionen einreibt. Ich komme, während die Klinge sanft durch den Schaum gleitet, ins Philosophieren über grundsätzliche Fragen der conditio humana und rede, mehr zu mir selbst, so vor mich hin:

„Also, wenn ich es auch sonst im Leben zu nichts gebracht habe, kann ich immerhin sagen, dass ich beim Rasieren alles richtig gemacht habe. Ich hab den perfekten Schaum und den idealen Rasierer gefunden habe…

Die Frau so: „Ja, das reicht doch als Lebensweisheit!“

Das sehe ich auch so und frage jetzt sie: „Aber was wäre denn deine? Deine Lebensweisheit als Quintessenz dieses Daseins? Rasieren kann’s ja schlecht sein…“

„Nichts“, ist ihre Antwort. „Ich hab kein Lebensmotto. Ich wüßte keins. Ich weiß nur, dass ich abnehmen muss.“

Geschichten die das Leben schrieb: Es gibt noch Preisstabilität bei essentiellen Gütern des täglichen Bedarfs!

Feierabendzeit. Die Frau, die seit kurzem wieder zu 50% im Büro ihres finanzkapitalistischen Arbeitgeberkonzerns in Köln (für eine Düsseldorferin eine degoutante Zumutung) anzutreten hat, kommt entnervt von der Arbeit, schwenkt aber vergnügt einen Sechser-Karton Wein.

„Ich war noch kurz bei unserem Lieblings-Lieferanten Onkel Jacques!“ verkündet sie. Da morgen Home-Office Tag ist, kann sie sich heute Abend ein Gläschen Wein (gerne auch mehrere) genehmigen, wozu sie auch fest entschlossen ist. Ich beglückwünsche sie zu diesem hervorragenden Entschluss und erkläre meine solidarische Bereitschaft, zum Verzehr des edlen Rebensaftes einen großzügigen Anteil beizusteuern.

Währenddessen fragt sie mich, beeinflußt wohl durch Gespräche auf der Arbeit oder Input aus den allgegenwärtigen News-Screens in den Bahnhöfen des ÖPNV, nach den neuesten Entwicklungen. „Und, was gibt’s Neues?“, will sie wissen. Sie weiß, das ich eine zuverlässige Quelle für realistische Informationen bin und weiß das – auch wenn ihre Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse eine durch und durch bürgerliche ist – durchaus zu schätzen.

Ich erzähle ihr also ein bißchen von den neuesten Äußerungen des grünen Wirtschaftsministers, in denen dieser nicht stemmbare finanzielle Mehrbelastungen für 50% der Bevölkerung ankündigt, oder bei Lanz wieder mal den §24 des Energiesicherungs-Gesetzes anführt, nach dem Preissteigerungen eins zu eins an die Kunden weitergegeben werden können und beende meine kurze Zusammenfassung mit der Bemerkung „Es wird auf jeden Fall alles brutal teuer werden. Unsere Abschläge auf Gas und Strom werden nie im Leben die Mehrkosten decken. Wir können jetzt schon anfangen, Geld für die Nachzahlungen und die künftigen Mehrkosten zurückzulegen.“

Die Frau schaut eine paar Momente lang nachdenklich bis niedergeschlagen geradeaus, dann huscht ein freudiges Leuchten über ihr Gesicht und sie sagt strahlend: „Aber die Weinpreise, die sind stabil!“

Damit ist das Thema durch und der Abend geht seinem gediegen gemütlichen Ausklang entgegen.

Geschichten die das Leben schrieb: Die Welt wird von Leuten regiert, die noch nie Pilze genommen haben. Leute die Pilze genommen haben, wissen warum das ein Problem ist.

Meine Antwort auf eine entsprechende Nachfrage einer Freundin:

Ich will dir sagen, warum das aus meiner Sicht absolut und kategorisch wahr ist.

Mushrooms steht hier, denke ich, für die erweiterte Wahrnehmung, die psychedelische Drogen einem verschaffen können. Das ist zunächst mal einfach bloß faktisch: durch die Wirkung der Substanzen (LSD, Psilocybin, Meskalin, Ayahuasca….) wird der sensorische Input der Nervenzellen verstärkt. Die Menge an elektrischen Signalen, die zwischen den Synapsen ausgetauscht werden, ist um ein Vielfaches höher als normalerweise. So, als ob du bisher immer durch eine verschrammte, beschlagene Brille geschaut hättest und plötzlich SIEHST du klar und deutlich die Welt um dich rum (und in dir drin).

Und zwar siehst du sie von INNEN, in ihrer innersten Substanz, bis hinab auf die zelluläre und molekulare Ebene. Du siehst bis in die atomare Ebene hinab, blickst in die riesigen Abgründe zwischen den Elektronen und schaust zu, wie sich in dem Tanz auf der Netzhaut außen und innen alles in seine Bestandteile auflöst.

Dann erfasst dein Verstand, dass „alles“ auch DICH einschließt und die nackte Angst breitet sich in dir aus. Dir ist klar, dass dies dein Ende ist. Oder jedenfalls das Ende von dem, was du für „Ich“ hältst. Wenn du durch diesen Tunnel, durch diesen Flaschenhals durchgelangt bist (es ist nicht gesagt, dass das passiert, vielleicht endet deine Reise auch in der Klapse oder auf der Intensivstation), passiert etwas Erstaunliches:

Die Auflösung geht immer weiter, bis nichts mehr übrig ist. Gar nichts. Da IST nichts. Die Substanz von allem, die Essenz der Materie und des Immateriellen, der Kern der Wirklichkeit ist – NICHTS. Leere.

Es ist aber nicht so, dass plötzlich alles weg wäre. Du erfährst nur, dass die Realität – sogar die handfeste, konkrete, sichtbare Welt um uns herum – aus Leere besteht, die sich zu immer neuen Erscheinungen formt und wieder auseinander fällt. Allerdings kann das Auseinanderfallen mitunter Millionen Jahre dauern; manchmal aber auch nur Millisekunden. In dieser Leere, aus der alles entsteht, sind jedoch Zeitvorstellungen aufgehoben.

Außerdem pulsiert alles in einem schweigenden und erhabenen Rhythmus, der scheinbar das gesamte Universum durchzieht. Kann aber sein, dass es bloß die Dichotomie zwischen den positiven und negativen Ladungen des elektrischen Flusses in deinem Gehirn ist.

Auch Töne und Klänge bestehen aus dieser Leere, eigentlich also aus Stille, und die offensichtliche Unvereinbarkeit dieser Konzepte erscheint dir jetzt nicht als potentieller Wahnsinn, sondern als perfekter Ausdruck der Polarität der Existenz.

Dir ist, als hättest du ein magisches Königreich betreten. Aber nicht jene Kinder-Märchenwelt, die Fantasiewesen und -geschichten erfindet, um den lieben Kleinen eine unverständliche Welt verständlich zu machen (und ihnen gleich eine geeignete Moral mitzuliefern), sondern du bist in die wirkliche Welt eingetreten. Was du bisher kanntest – DAS war die Fantasiewelt, die Kinder-Märchenstunde, die Krabbelstube der Menschheit, in der Milliarden blinder Schlafwandler ihren Milliarden engstirnigen, engherzigen und kleinlichen Zielen nachgehen, geblendet von Gier und Angst und Ignoranz, ohne Kenntnis der unendlichen, pulsierenden Leere, die alles durchströmt und aus der alles besteht.

Wenn du zurückkehrst von deiner Reise hinter die Erscheinungsformen, von deinem Ausflug in die Essenz der Wirklichkeit, und anderen Menschen begegnest, kommst du dir vor wie ein Außerirdischer, der mit primitiven Formen von Intelligenz kommunizieren muss. Besonders, wenn du die Menschen siehst, die als Politiker, Kapitalisten oder sonstige Entscheider die weltlichen Angelegenheiten regeln, in dieser von ihnen als flache, eindimensionale Welt des Geschäfts und der Gewalt wahrgenommenen Wirklichkeit.

Du wünschst dir – bzw. ihnen – dass sie ebenfalls die Möglichkeit hätten, in das Herz der Dinge zu sehen. Du möchtest ihnen am liebsten „mushrooms“ oder eine andere psychedelische Droge verabreichen, damit sie aus der engen Hülle ihres begrenzten Verstandes heraustreten können – und sei es nur für ein paar Momente.

Grace Slick von Jefferson Airplane berichtet von einer Einladung ins Weiße Haus zur Zeit, als Richard Nixon US-Präsident war. Sie hatte einige LSD-Trips dabei und wartete auf eine Gelegenheit, ihm diese in ein Glas Wasser oder sonst eine Getränk zu schmuggeln; leider hat sie sich dann doch nicht getraut, weil sie um die Folgen (für sich) fürchtete. Aber sie hätte zu gerne dem Kriegshetzer und Reaktionär Nixon zu einer Reise in die Realität verholfen.

Später begegnen dir vielleicht buddhistische Quellen und du hörst von Bodhidharma, der um das Jahr 500 von Indien nach China ging und dort den (Zen-)Buddhismus verbreitete. Unter all den erstaunlichen Geschichten, die über Bodhidharma erzählt werden, stößt du eventuell auf den einen, kurzen Satz, mit dem Bodhidharma die Anfrage des chinesischen Kaisers nach der Natur der Wirklichkeit beantwortet haben soll: „Emptiness, no holiness“, und du verstehst, dass die Einsicht in diese Natur nicht von Substanzen abhängig ist.

Aber vielleicht hat Bodhidharma ja Pilze genommen.

Bodhidharma (lebte ca. 5. oder 6. Jhdt. in China)

Geschichten die das Leben schrieb: Nachmittägliche philosophische Betrachtung

Als junger Mensch hatte ich nur ein Anliegen: die höchsten Erkenntnisse und die tiefste Wahrheit zu erlangen. Mein Streben ging nach Erkenntnis, Erleuchtung, nach Begreifen und Verstehen dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Darunter wollte ich es nicht tun. Der Griff nach den Sternen (den inneren jedenfalls) führte mich geistig in die Dimensionen jenseits des Verstandes und jenseits von Zeit und Raum, was für die „Reise nach innen“ gefühlt genauso ein Aufbruch in unendliche Weiten war, als hätte ich ein überlichtschnelles Raumschiff bestiegen und mich durch ein Wurmloch in ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum begeben. Neben der eigenen Neugierde und einem anscheinend innewohnenden Erkenntnisdrang wurden Drogen und der Guru der Treibstoff dieser Suche.

Jetzt, vierzig bis fünfzig Jahre später registriere ich, wie sich der Fokus von unendlichen Weiten auf die unmittelbare Nähe verschoben hat: nicht mehr die göttliche Weisheit, sondern die menschliche Bedingtheit interessiert mich vorrangig: die praktischen, alltäglichen Beziehungen zwischen den Menschen, die Art und Weise, wie sie ihr normales Leben organisieren und miteinander umgehen. Der Guru hat mich verlassen, oder ich den Guru (in aller Freundschaft, wie ich betonen möchte), die Drogen sind geblieben, als Krankenschwestern am Bett der menschlichen Gebrechlichkeit.

Vom großen Ganzen und universaler philosophischer Ergründung bin ich gelandet beim schlichten, alltäglichen Leben. Ich will nicht sagen, dass das eine das andere ausschließt; vielleicht ergänzt es sich ja sogar. Ich weiß, dass es Leute gibt, die behaupten, nur das Anzapfen göttlicher Weisheit würde ein erquickliches Miteinander der Menschen (sie reden dann gerne gleich von der „Menschheit“) hier unten auf der Erde gewährleisten können. Das mag so sein, aber ich möchte alles Göttliche gerne beiseite lassen (zumindest verbal) und mich auf das Menschliche konzentrieren.

Da liegt ja genug im Argen, und die Freundlichkeit, die Fürsorge und das bißchen Sicherheit, das Menschen nun mal brauchen, um ein anständiges Leben führen zu können, sind bekanntlich weder im spirituellen Wolkenkuckucksheim noch im kapitalistischen Rattenrennen zu haben. Ersteres ist allerdings mit letzterem bestens vereinbar, wie ich an vielen früheren Freunden und Bekannten feststellen kann. Der endgültige Kulminationspunkt, an dem sich Sinnsuche und Geschäftemacherei vereinigen, ist der homo economicus esotericus, der Kurse wie „Denk dich reich!“, „Sei Du Selbst – Being You®“ (mit genau diesem Handelsmarken-Zeichen dahinter) und dergleichen anbietet und besucht.

Ich merke, dass ich aus- bzw. abschweife… ich wollte nur notieren, was mir gerade auffiel: die Verschiebung des Fokus, der Orientierung, der Ausrichtung meiner Aufmerksamkeit, oder meines Schwerpunktes, auf die einfachen und elementaren Umstände des Lebens in einem Körper und auf einem bewohnbaren Planeten. Diese Umstände sind zwar nicht einfach, aber sie könnten es sein. Dafür, so mein Fazit aus dieser Verlagerung meiner inneren Ausrichtung, braucht’s den Kommunismus.

Geschichten die das Leben schrieb: Nächtliche philosophische Betrachtung übers Altern

Alt werden ist so scheisse wie Haft für Verbrechen, die man nicht begangen hat. Und zwar in einem Straflager, von dem man weiß, das man es lebend nicht mehr verlässt

Die Beeinträchtigungen und Gebrechen, die sich mit fortschreitendem Verschleiß der körperlichen Hardware einstellen, lassen sich nur über eine bestimmte Zeitspanne mit Drogen aller Art wegdrücken, ignorieren, ausblenden, überspielen. Irgendwann holt es einen ein, und das doppelt und dreifach. Man kann dann natürlich doppelt und dreifach soviel Drogen nehmen. Aber siehe oben.

Hinzu kommt ein sich immer weiter ausbreitender Realismus in Hinblick auf die Nutzlosigkeit menschlichen Strebens und die Sinnlosigkeit aller Erklärungen darüber. Das muss allerdings nichts Schlechtes sein – es klärt im Gegenteil den Geist und schärft den Verstand.

Insgesamt stellt sich heraus, dass die Existenz in einem physischem Körper nur in jüngeren Jahren irgendwie erträglich ist, als man unbeeinträchtigte Gesundheit und Fitness für selbstverständlich nahm und die Welt als zu erobernden Abenteuerspielplatz ansah. „Youth is wasted on the young“, wie der Weise sagt.

Je näher man sich der Haltbarkeitsgrenze nähert, umso beschwerlicher und lästiger wird die für allerlei Fehlfunktionen und Defekte anfällige Physis, und es stellt sich die Frage, ob man es wirklich noch weitere zehn, zwanzig oder dreißig Jahre darin aushalten kann und möchte.

Geschichten die das Leben schrieb: schlagt den Putinversteher tot  

Nach der Hunderunde gönne ich mir einen Cappuccino im „Copenhagen Coffee Lab“ am Belsenplatz, nicht weit von meiner Wohnung.

Am Tresen schaut mich die Bedienung mit großen Augen an und sagt: „Wissen Sie, dass Sie in unseren Bewertungen bei Google aufgetaucht sind? Irgendjemand hat da ein Bild von Ihnen reingestellt, mit Namen und allem, und hat echt krasse Sachen dazu geschrieben. Beleidigungen extremster Art. Wir haben das gleich gelöscht, sobald wir’s gesehen haben…“

Ich bin erst mal neugierig: „Wie jetzt? Jemand hat mich hier fotografiert wie ich meinen Kaffee trinke und das Bild in die Google Rezensionen zum Coffee Lab hochgeladen?“

„Nein! Das war ein privates Foto, schwarzweiss, vielleicht aus Facebook. Der das hochgeladen hat, hat dazu geschrieben, dass der Kaffee hier gut ist, dass aber leider Leute wie Sie hierherkommen, dass sie ein Putinversteher und Russenfreund sind, dass Sie erschlagen und erschossen gehören und noch Zeug in der Art…

Ich bedanke mich für das Entfernen des Bildes und des Kommentars und bemerke zur Tresenkraft „Tja, da haben mich die ukrainischen (oder die hiesigen) Nazis wohl auf dem Kieker. Damit müssen wir wahrscheinlich vermehrt rechnen in Zukunft. Ich hoffe, die setzen Ihren Hass und ihre Nazi-Ideologie nicht auch noch bei uns in die Tat um, sonst haben wir hier auch bald ukrainische Zustände…“

Frage mich, ob ich dort noch Kaffee trinken gehen soll – andrerseits: wenn die Ukro-Nazis oder ihre hiesigen geistigen Vettern mich dort aufspüren, tun sie’s auch woanders. Ich bin offenbar zu sichtbar im Internet. Konsequenz: gleich mal die FB-Einstellungen auf standardmäßig „Nur Freunde“ zurücksetzen.

Erkenntnis aus der Episode: Faschismus – läuft!

Geschichten die das Leben schrieb: a guerra e o vinho

Während ich mit dem Hund unterwegs bin, werden die Meldungen aus dem Kriegsgebiet immer wilder. Sie künden von immer größerer Verzweiflung des US/NATO-Blocks bzw. seiner ukrainischen Marionetten. Im Geiste rekapituliere ich den gleichermaßen bizarren wie hochgefährlichen Inhalt der neuesten Entwicklungen:

Terroranschläge in Transnistrien durch ukrainische oder von ihnen gedungene Kommandos, um durch die Eröffnung einer zweiten Front russische Kräfte zu binden und vom Kampfplatz im Donbass abzuziehen (gleichzeitig will die ukrainische Militärführung wohl an ein dortiges Munitionslager rankommen, in dem gewaltige Mengen alter sowjetischer Artilleriemunition aufbewahrt werden, die die AUF gut gebrauchen könnte);

Vom ukrainischen Geheimdienst SBU geplante gezielte Tötungen von russischen Journalisten und TV-Moderatoren, in flagranti vereitelt vom russischen FSB;

Unverminderte bzw. immer umfangreichere Lieferung von schwerem Kriegsgerät an die desolate ukrainische Armee durch den kollektiven Westen; auch Deutschland ist munter dabei und will jetzt Panzer liefern – der Scholz-Spruch „Mein Hauptanliegen ist es, einen Dritten Weltkrieg zu verhindern“ ist Schnee von gestern; der Hamburger „Stürmer“ feiert und bejubelt den Kurswechsel des Regierungschefs als vernünftige und einzig senkrechte Maßnahme; der bis eben noch als schwach und zögerlich denunzierte Kanzler gilt jetzt plötzlich als ganzer Mann und starker Führer, weil er dem Kriegsgeheul der weltkriegsbereiten Edeljournaille das richtige Futter vor die Federn wirft;

Ein britischer Armeeminister schwadroniert, dass es kein Problem darstellen sollte, wenn die Ukraine Ziele in Russland angreift, ermuntert also die ukrainische Seite, den Krieg trotz der eindeutigen Warnungen Russlands („In einem solchen Fall nehmen wir die politischen Entscheidungszentren in Kiew ins Visier“) immer weiter zu eskalieren;

Die tatsächliche Lage der im Donbass eingekesselten ukrainischen Truppen ist angesichts des permanenten, unablässigen russischen Artilleriebeschusses der ukrainischen Stellungen dermaßen prekär und aussichtslos (es muß anscheinend schon Munition rationiert werden), dass die letzte und einzige Hoffnung des Kiewer Regimes darin zu besteht, weitere Länder in den Krieg hineinzuziehen – am liebsten NATO-Staaten, um so die winzige Chance zu nutzen, durch ein offizielles Eingreifen der NATO das Kriegsgeschehen doch noch zu seinen Gunsten zu wenden;

Eine 190 Jahre alte russische Eiche wurde bei der „Baum des Jahres“ Veranstaltung in Brüssel vom Wettbewerb ausgeschlossen. Warum? Muss das noch erwähnt werden?

Ebenso ein französischer Zombie-Film namens „Z“, der vom Filmfestival in Cannes ausgeschlossen wurde.

Ich sinniere also über den methodischen Wahnsinn im kollektiven Westen, über die von jetzt auf gleich funktionierende Feindbildprojektion, die den Eindruck vermittelt, als wäre mittels eines Zeitsprungs eine nahtlose Fortführung der faschistischen Propaganda der 1940er-Jahre ermöglicht worden; ich denke noch über die hemmungslose Gewalt- und Kriegsbereitschaft der westlichen Machthaber, über die galaktischen Dimensionen ihrer Lügen und ihrer Heuchelei, mit der sie ihren Weg in den Untergang rechtfertigen….

In meine pessimistischen Gedanken hinein klingelt das Telefon. Die Liebste meldet sich: „Bring doch bitte aus dem Kellerlager eine Flasche FAVZ mit hoch, wenn du zurückkommst!“

Da sie heute morgen noch von einem „diesmal aber wirklich“ weinfreiem Tag sprach, ahne ich, was es mit ihrer Bitte auf sich hat. „Hast du etwa Nachrichten geguckt?“

„Ja“, antwortet sie, „Die sind alle wahnsinnig geworden. Jetzt ist auch der Scholz umgefallen und liefert Panzer an die Ukraine… ich kann nicht glauben, dass das noch lange gut geht mit der Kriegshetze hier und immer mehr Waffen an die Ukraine liefern… Wenn wir schon demnächst den Atomkrieg hier haben, sollten wir uns jeden Tag an unserem guten Wein erfreuen…“

Man muss wissen, das der feine FAVZ nicht nur wegen seines Namens unser derzeitiger Lieblingsrotwein ist, sondern vor allem durch eine wahrhaft edle nussig-beerenhaftige säurefreie Abgerundetheit glänzt, die ihn zu einem echten Highlight für professionelle Trinker und antiimperialistische Weingourmets macht.

Oben angekommen, wird der portugiesische Edeltropfen noch auf Zimmertemperatur gebracht und sodann aus vorschriftsmäßig proletarischen Wassergläsern verkostet. Über weitere Ankündigungen drogenmäßiger Abstinenzphasen brauche ich mir wohl, angesichts der Entwicklung auf dem ukrainischen Stellvertreterkriegsschauplatz, keine Sorgen mehr machen.

Á nossa!

Geschichten die das Leben schrieb: Parallelrealitäten aus dem Fernseher

Auf dem Weg in die Küche, zwischen zwei Gläsern Wein, bekomme ich das Fernsehprogramm im WDR mit, das die Liebste konsumiert.

Irgendeine Talk-Runde. Fritz Pleitgen, Intendant des WDR, sagt gerade „…, dass ich ihn für einen Kriegsverbrecher halte….“. Er ist nicht fertig mit seinem Satz, wird aber von tosendem Applaus des Studiopublikums unterbrochen. Ich ahne, von wem die Rede sein muss. Nachdem die Claqueure sich beruhigt haben, fährt Pleitgen fort: „… der seinen friedliebenden Nachbarn, die Ukraine, einfach überfallen hat.“

Ja, das muss es sein: ich bin unerwartet in einem Paralleluniversum debiler Teletubbyhirne gelandet in dem oben unten, links rechts und weiß schwarz ist. Insbesondere aber sind Nazis Demokraten und Waffen bringen Frieden. Es ist inzwischen SO absurd, dass die gesamte „Realität“ weit krasser als in der „Matrix“ eine Simulation zu sein scheint, in der einfach alle Gesetze von Logik, Intelligenz, Rationalität und Vernunft auf den Kopf gestellt sind und der nackte Wahnsinn regiert.

Jeder Restverstand beim Medienkonsumenten soll nach Möglichkeit ausgeschaltet werden; das Kiewer Regime schreibt anscheinend direkt die Wordings für die Sendezentralen des BRD-Fernsehens und in diesem irren Medientheater ist ohnehin schon alles egal, weil der Kollektive Westen sich kollektiv selber in eine mentale Gummizelle gesperrt hat.

Ich bin nur froh, dass ich noch genügend Weinvorräte habe.