Ich sitze mit dem Hund auf einer Bank vorm REWE im Oberkassel Neubaugebiet und warte auf die Liebste, die noch ein paar Dinge im Supermarkt einkauft.
Ein etwa 30-40jähriger Mann mit Krücke stochert in den Papierkörben nach Pfandflaschen. Um zu sehen, ob sich das Rumstochern lohnt, leuchtet er in der beginnenden Dunkelheit in das Innere der Papierkörbe hinein – mit der Taschenlampenfunktion seines Smartphones.
Der eigenartige Kontrast berührt und fasziniert mich: die modernste Konsumentenelektronik kann von der gesellschaftlichen Produktionsweise zur Verfügung gestellt werden – aber nur zur technologischen Verzierung von Verhältnissen, die dieselben sind wie vor 100 oder 200 Jahren: Die Reichen werden reicher, die Armen bleiben arm und werden immer ärmer.
Leute suchen im Abfall nach Verwertbarem, weil sie sich sonst ein Überleben in dieser Gesellschaft nicht leisten können.
Die Frau kommt mit ihrer Beute beladen heraus und wir ziehen heimwärts, einen mehr am Schnüffeln als am Weitergehen interessierten Hund im Schlepptau. Sie räsoniert über die Teuerung und berichtet, dass sie für ein bißchen Brot, Getränke und ein paar Würstchen schon wieder knapp 50 Euro losgeworden ist und drückt mir die Einkaufstasche in die Hand.
Ich erzähle von der Begegnung (besser Beobachtung) bei den Abfallbehältern und füge an. „Wir haben uns in den letzten 25 Jahren ziemlich dran gewöhnt…“
„Woran?“, kommt die Gegenfrage, „An die Smartphones?“
„Nein, an Leute, die in Papierkörben nach Flaschen suchen müssen…“
Mitte der 1990er Jahre wurden die Mobiltelefone als Konsumelektronik für die Massen eingeführt, keine zehn Jahre später machten die Hartz4-Gesetze aus Arbeitslosigkeit staatlich verordnete und betreute Armut unter verschärften Bedingungen.
Ich vermute, in 10-15 Jahren laufen die Flaschensammler mit VR-Brillen durch die Fußgängerpassagen, aber an ihrer Armut wird sich nichts geändert haben.
Erinnert mich an ein fiktives PC-Game, das ich mal konzipiert habe: Bottle Collect Challenge!
Die Frau, die seit einiger Zeit und zu ihrem großen Verdruss wieder 50% ihres Vollzeitjobs in den Büros ihres finanzkapitalistischen Arbeitgebers verbringen muss, sitzt im Homeoffice vor ihrem Monitor.
Nach einem „Video Call“ mit einer Kollegin vor Ort stürmt sie in einer Mischung aus Ärger und Amüsement aus dem Arbeitszimmer und konstatiert: „Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf!“
Ich erfahre, dass der Versicherungskonzern, für den sie arbeitet, beschlossen hat, die Temperaturen in den Großraumbüros auf 19 Grad abzusenken und den Mitarbeitern empfiehlt, sich mit wärmerer Kleidung gegen die Temperaturabsenkung zu wappnen. Auch das Warmwasser werde büroweit abgestellt. Die Mitarbeiter sollten sich hinfort die Hände mit kaltem Wasser einfach länger waschen, wegen der Hygiene. Die 50%ige Anwesenheitspflicht dagegen werde nicht angetastet.
Meine Liebste schwankt zwischen Empörung und trotziger Entschlossenheit: „Mir war das jetzt schon immer zu kalt dort! Wenn die das noch kälter machen, bin ich eben dauerkrank. Ich glaub’ es hackt!“
Ich bin natürlich voll solidarisch und sinniere, wieviele Büroangestellte wohl ähnliche Überlegungen anstellen. Wahrscheinlich wird es zusätzlich zu den absehbaren Firmenpleiten und der generellen Deindustrialisierung eine Menge Lohnabhängiger geben, die auf die neuen (kälteren) Umstände mit erhöhtem Krankenstand reagieren oder vorsichtshalber der Arbeit lieber gleich fernbleiben.
Der Konzern, der seinen Mitarbeitern diese Sparmaßnahme verordnet, appelliert an die Einsicht der Belegschaft und die „Solidarität“ – mit WAS, sagt er natürlich nicht. Dass all diese Maßnahmen erforderlich sind, weil der Staat – dessen ultima ratio, die optimale Verwendung und Vermehrung von Kapital, insbesondere von finanzkapitalistischen Konzernen und institutionellen Großanlegern wie dem Arbeitgeber meiner Liebsten geteilt wird – beschlossen hat, Krieg zu führen, und auch noch gegen ausgerechnet das Land, das ihm bisher zuverlässig, billig und langfristig Gas geliefert hat: das darf natürlich nicht erwähnt werden.
„Wir“ sind in einer Notlage, in die „uns“ mal wieder unerklärliche, schicksalhafte Umstände geführt haben, an denen aber im Zweifel auf jeden Fall der Russe schuld ist; noch genauer: ein einzelner Russe, der „Putin“. So lernen Bürger in der Demokratie, ganz demokratisch und freiheitlich aufs Denken zu verzichten und sich so an die Verhältnisse anzupassen, wie es ein gelehriger Marktwirtschaftsuntertan eben gelernt hat: stillhalten, sich einschränken, irgendwie über die Runden kommen, weil man gegen höhere Mächte nichts machen kann.
Spätere Zeiten und kommende Generationen werden, wenn sie zurückblicken auf die 2020er Jahre und die Entwicklung der westlichen Gesellschaften (speziell Deutschlands), Parallelen zu ziehen wissen mit den 1930er Jahren. Demokraten sind überzeugt, ihre Herrschaftsform hätte mit ihren faschistischen Vorgängern nichts zu tun und wäre – wegen Freiheit und Toleranz und so – quasi das genaue Gegenteil von der offensichtlichen und rohen Diktatur der deutschen Regierung, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts zwölf Jahre lang Deutschland regierte.
Das ist allerdings eine Täuschung. Nur weil die heutige Staatsform ohne Gestapo und KZs auskommt, heißt das noch lange nicht, dass sie auf ziemlich konsequente Unterdrückung abweichender Meinungen verzichtet. Mit dem Beginn des offenen Krieges gegen Russland durch die ukrainischen NATO-Stellvertreter werden auch in den demokratischen Gesellschaften die Zügel straffer angezogen:
Abschaltung unliebsamer Medien, Zensur, Verbot von Meinungsäußerungen, die dem staatlich verordneten Narrativ widersprechen; umfassende Gleichschaltung der öffentlichen Meinung durch staatliche und private Medien; Verfolgung von Dissidenten durch mediale, berufliche und private Ausgrenzung (gerne aber auch durch empfindliche Geldstrafen, möglich gemacht durch eilends eingeführte Gesetzesänderungen) – das Instrumentarium staatlicher Kontrolle ist vielleicht nicht so sichtbar brutal wie das der Regierung des staatlichen Vorgängers der BRD, dafür aber auch nicht so primitiv und grob.
Im Gegenteil, die demokratische Gedankenpolizei verlässt sich zu einem Großteil auf die freiwillige Mitarbeit der Bürger selbst, die in der Transparenz der sozialen Medien fein säuberlich nach Gegnern und Befürwortern der staatlich erwünschten Meinungen geschieden werden können (wobei letztere sich gleich noch als Hilfsgedankenpolizisten für die Staatszwecke nützlich zu machen verstehen, indem sie verbotene Meinungsäußerungen melden).
All das ist, soweit es die Mehrheitsmedien betrifft, eingebettet in ein Klima blanken Hasses, einer erschreckenden und umfassenden Feindseligkeit nicht nur gegen den zum Feind erklärten Staat (mal wieder derselbe wie zu Zeiten des Reichskanzlers 1933-45), sondern auch gegen die Bürger des Feindstaates, gegen alles, was wirtschaftlich, sozial und kulturell mit dem Feindstaat zu tun hat. Auch offener Rassismus ist wieder salonfähig, was man schnell merkt, wenn man die heute dämonisierte und entmenschlichte Ethnie – Russen – durch die seinerzeit so klassifizierte – Juden – ersetzt.
Um zum Ursprungsgedanken zurückzukehren: die Umformung der heutigen demokratischen Gesellschaft entspricht in den Methoden nur teilweise, in der Zielsetzung aber zu 100%, der der Umformung des seinerzeitigen Deutschen Reiches in den 1930er Jahren: eine Transformation in ein autoritäres, zutiefst manipulatives Gemeinwesen, das nach innen und außen aufrüstet, das die Volksgemeinschaft auf den Kampf gegen einen externen Feind einschwört und dabei nicht vergißt, dass auch der innere Feind – Dissidenten mit abweichenden Standpunkten – im Visier und unter Kontrolle bleibt. Nebenher verlangen beide Staaten, Deutsches Reich wie BRD, von der Bevölkerung Opfer – und das nicht zu knapp – für den Endsieg.
Eine zukünftige Zeit wird die Ähnlichkeiten, aber auch die Unterschiede der Methoden sehen; vor allem aber wird sie (hoffentlich) die grundlegende IDENTITÄT sehen, mit der der deutsche Imperialismus fast hundert Jahre später erneut für seine Ziele mobilisiert und dabei, ganz wie damals, mit Leichtigkeit einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich bringt.
Nach einer kurzen grippalen Infektion geht es mir am dritten Tag wieder bestens und ich hole auf Bitten der Frau Wein aus dem Keller mit den Atomkriegsvorräten (wir sind der Meinung, dass wir an der nuklearen Katastrophe nah genug dran sind, um ohne Bedenken die Vorräte zu plündern). Gemeinsam leeren wir im Laufe des Abends zwei der dickwandigen Flaschen mit dem Etikett von Paul Mas, das Luxus, önologische Qualität und französisches Savoir-Vivre signalisiert.
In bester Stimmung und müde vom Wein gehen wir gegen Mitternacht zu Bett und schlafen schnell ein. Keine zwei Stunden später bin ich mit Kopf- und Gliederschmerzen wach, zudem meldet sich ein fieses Kratzen im Hals und eine generelle infektmäßige Kaputtheit zurück. Ich verfluche meinen leichtsinnigen Alkoholkonsum und verbringe die nächsten paar Stunden in der Küche, mit heißem Tee, Gaben von Zink und Vitamin C und allerlei anderen Mittelchen, die mir in die Hände fallen. Gegen 5:30 bin ich endlich müde und erschöpft genug, um erneut ins Bett zu kriechen und einzuschlafen.
Am nächsten Morgen berichte ich der Liebsten von meinen nächtlichen Abenteuern und schwöre, die Finger vom Rebensaft zu lassen, solange ich gesundheitlich angeschlagen bin. Damit stoße ich auf vollstes Verständnis meiner opferbereiten Gattin. „Wir machen heute alkoholfreien Tag! Und morgen auch! Wir lassen das ganz sein mit dem Alkohol, ich muss sowieso abnehmen… Nie wieder Alkohol!“ ist von ihr zu hören.
Ich muss lachen, denn diese Sprüche hab ich von ihr schon oft gehört. „Lach nicht! Ich meine es ernst!“ sagt sie. „Das glaubst du wohl nicht – aber ich hab die Disziplin dazu!“
Dazu sage ich lieber gar nichts, obwohl noch Einiges in Richtung Abnehmen, Gesundheit, Geld sparen und Kosten minimieren nachkommt.
Den Tag über verbringe ich in halbkrankem Zustand, obwohl ich mich zwinge, mit dem Hund raus und sogar einkaufen zu gehen. Gegen Abend bin ich etwas besser dran, aber spürbar angeschlagen und noch nicht wieder fit. Die letzte Runde mit dem Hund muss also die Frau gehen.
Als sie wiederkommt, hält sie mit größter Selbstverständlichkeit eine Flasche ausgerechnet des teuersten Rotweins aus dem Kellervorrat in der Hand. Sie strahlt mich an, denn sie weiß schon, was jetzt kommt. „Ach nee. War wieder alles nur Ankündigung und heiße Luft heute morgen? Nie wieder Alkohol? Alkoholfreier Tag?“ kann ich mir nicht verkneifen zu kommentieren.
Das läßt meine undogmatisch flexible Gattin völlig unberührt. „Du kennst mich doch!“ grinst sie mich an. „Du solltest auch ein Gläschen trinken, gerade mit deiner Erkältung – da schläfst du besser!“
„Also, ich bleib‘ dabei“, antworte ich. „Kein Glas Wein heute. Auf mich musst du verzichten.“
„Macht nichts, die Flasche krieg‘ ich auch allein leer“, flötet meine drogenerfahrene Liebste und rauscht ab in die Küche, um sich schon mal ein Glas des edlen „Il Pumo Doro“, ein Primitivo aus Salento, zu genehmigen. Ich sitze auf dem Bett mit meinem Becher heißer Zink + Vitamin C und tröste mich, dass das Getränk immerhin eine ähnliche Farbe wie der Wein hat.
Ich sitze am Schreibtisch vor dem Arbeitsplatzrechner und mausklicke irgendwas vor mich hin. Die Liebste kommt mit einer Tasse Kaffee für mich herbeigeschwebt und fragt: “Was machst du da eigentlich die ganze Zeit?”
“Och, dies und das… gerade bastel ich an meiner eigenen Website rum…” gebe ich zur Antwort.
Das genügt ihr, aber dann fällt ihr Blick auf die Schreibtischoberfläche im Bereich der Maus und ihre Miene verdüstert sich.
“Was hast du denn DA schon wieder gemacht?!”, fragt sie, erkennbar am Ende ihrer Kräfte über ein weiteres Vorkommnis häuslicher Verlotterung und Verwahrlosung. Tatsächlich befinden sich auf der unregelmäßig gemusterten Schreibtischoberfläche diverse Flecken, die ich bisher für eigenwillige Teile der Holzmaserung gehalten hatte.
Ich beschliesse, in die Offensive zu gehen und erkläre ihr die Sachlage: “Das ist die Musterung, mein Schatz. So ist das Holz …” antworte ich und versuche, meiner Stimme die solide Kompetenz eines Holzfachmannes oder Tischlers zu geben. Zum Beweis reibe ich ein bißchen mit dem Fingernagel an den Flecken rum.
Das hätte ich nicht tun sollen. Leider erweist sich aufgrund dieses Vorganges, dass es sich mitnichten um die Maserung des Holzes handelt, sondern um irgendwelche (wahrscheinlich Kaffee-) Flecken, die ursprünglich NICHT zu Holz oder Schreibtisch gehören.
Ich gebe mich ahnungslos. “Also, das ist ja echt ein Ding, dass die einem das so liefern! Das waren besimmt die Möbelpacker, oder die Tischler beim Herstellungsprozess…”, versuche ich, den Hals aus der Schlinge zu ziehen.
Damit kann ich meine nicht nur bei der häuslichen Sauberkeit, sondern auch psychologisch allseitig beschlagene Gattin natürlich nicht beeindrucken. Sie hat sich inzwischen mit einem Schwammtuch bewaffnet und entfernt die Flecken. Ein Grinsen kann sie sich aber über meine Ausrede nicht verkneifen. “Also, wenn du fürs Scheisse erzählen bezahlt werden würdest, dann wären wir Milliardäre!”, kriege ich zu hören.
“Mein Schatz, ich WERDE fürs Scheisse reden bezahlt. Was meinst du, was ich da im Pflegeheim ständig mache? Leider nur für Niedriglohn…”
Nach einer gut sechsstündigen Fahrt über relativ volle Autobahnen – ich, als Profi-Kraftfahrer, bin wie immer der Fahrer vom Dienst – kommen wir am frühen Abend im heimischen (jedenfalls für meine Liebste, ein Düsseldorfer Blondchen par excellence) Oberkassel an.
Tatsächlich finde ich einen Parkplatz nur 20m von unserer Wohnung entfernt, wochenends eine Seltenheit in unserem dekadenten Trendviertel, in dem sich Sonntags abends um diese Zeit die örtliche, ergänzt um die rechtsrheinische, Wannabe-Szene trifft und ihr Besserverdieneneinkommen verprasst als gäb’s kein Morgen.
Ich mache mich ans Leeren des Autos vom Gepäck und schleppe nach und nach zwei schwere Koffer sowie diverse Beutel, Taschen und Einzelteile die drei Stockwerke zu unserer Dachwohnung hoch, während die Frau mit zwei Hundedecken und zwei Kissen die Treppe hochtänzelt. In der Wohnung beginnt sie mit Auspacken, Sachen verstauen, Vorräte sichten und allerlei häuslichen Tätigkeiten.
Während ich schweißgebadet die Treppen hoch und runter ächze, stelle ich mit jedem Gang, nach dem ich oben wieder ankomme, fest, dass die Gattin eine immer finsterere Miene zur Schau trägt. Über ihrem Kopf hängt eine unsichtbare Gewitterwolke von schwärzester Färbung.
Schließlich ist alles hochgeschafft und ich mache mich ebenfalls ans Auspacken und Wegräumen. Dabei kann man allerdings allerlei falsch machen, wie ich sofort erfahren muss, als ich ein Bekleidungsstück aus dem Koffer nehme und dabei die vorschriftsmäßige Faltung einer Unterhose oder Bluse durcheinander bringe. Von seitwärts zischt mich die Liebste an, ob ich nicht aufpassen könne und wieso ich ihr „alles durcheinander bringen“ würde. Scheinbar ist ihr eine Laus von der Größe einer jungen Katze über die Leber gelaufen.
Als nächstes vernehme ich aus Richtung Wäschekorb empörte Beschwerden über meine verantwortungslosen Haltung, zu oft zu wenig getragene Klamotten in den Waschzyklus zu geben: „Das hab ich doch vor zwei Tagen erst frisch aus der Wäsche geholt! Wieso musst du das schon wieder waschen? Du hast doch echt einen Knall mit deiner Wascherei..!“
Erstaunt bringe ich mich aus der Schusslinie, schon ahnend, dass ich für ihren Ärger nur der Blitzableiter, nicht aber die Ursache bin. Als weiser Mann, gestählt im Tosen der Partnerschaftsstürme und erfüllt von Mitgefühl für alle lebenden Wesen, weiß ich, dass sie früher oder später mit der Sprache rausrückt und mich über den Grund ihrer üblen Laune in Kenntnis setzt.
Ich setze mich in eine Ecke und schaue ihr beim Koffer auspacken zu. Nach einer Weile presst sie zwischen den Zähnen hervor: „Ich hätte mich nicht nicht wiegen dürfen!!“. Meine im Gegensatz zur krass übergewichtigen Mehrheit der Bevölkerung normalgewichtige bis schlanke Liebste nämlich hat sich im Urlaub, wo wir zum Entsetzen meiner körperfettbewußten Gattin auffällig viele krankhaft verfettete Mitmenschen beobachten konnten, vier Wochen lang der wahnhaften Obsession enthalten, ein paar mal am Tag auf die Waage zu steigen um etwaige zusätzliche oder fehlende Gramm Körpermasse zu kontrollieren (was jedoch einfach daran lag; dass es in der Ferienwohnung keine Waage gab). Zusätzlich aß sie einfach, worauf sie Hunger hatte und in den Mengen, die sie wollte – eine lasterhafte Freiheit, die sie sich sonst so gut wie nie erlaubt.
Jetzt gilt es, Contenance zu bewahren, das Lachen zu unterdrücken und am besten gar nichts zu sagen. Oder jedenfalls nur das Richtige, wozu ich sogleich die Gelegenheit erhalte: „Ich hab fast zwei Kilo zugenommen!! Seh ich dick aus?! Sei ehrlich!“. Ich weiß natürlich, was die – in diesem Fall wahrheitsgemäße – Antwort zu sein hat: „Auf keinen Fall, mein Schatz! Du siehst klasse aus, du hast gesunde Farbe und bist keinesfalls dick!“
Die Frau ist noch nicht überzeugt. „Ab morgen“, verkündet sie jetzt entschlossen, „ab morgen ist hier Schmalhans Küchenmeister! Jetzt wird abgenommen bis der Arzt kommt!!“. Ich schweige vorsichtshalber zu dieser Ankündigung. Ich ahne nämlich, was jetzt kommt. Und richtig, unmittelbar anschließend und quasi als Fazit der entschlossenen Maßnahmen, die ab morgen greifen werden, zeigt meine keinem guten Essen und keinem guten Tropfen abgeneigte Liebste, dass sie Dogmatismus und freudloser Selbstkasteiung abhold ist.
„Aber heute gönnen wir uns noch mal einen Manz, oder? Schließlich müssen wir ja die Rückkehr nach Hause feiern! Ich geh mal zur Bank und hol Geld, und besorg uns am Kiosk zwei Flaschen Grauburgunder!“
„That’s my girl!“, denke ich und freue mich schon auf das genauso konsequente Schmalhans-Regime, das „ab morgen“ in der Küche regiert.
Ich sitze mit der Liebsten in der Küche der Ferienwohnung, draußen weht ein heftiger Wind von mindestens Windstärke 8, und wir hören uns bei einem Glas Rosé eine Weile das neueste Video Update von Alex Christophorou (The Duran) an.
Für meine apolitische Gattin das erste Mal; eigentlich hatte ich das Video aufgerufen und wollte schon auf Kopfhörer umstellen, als die Frau erschien – aber sie wollte heute mal selber reinhören. Wir hören eine Weile zu, erfahren die gruseligen Details einer „Fighting the Inner Enemy“-Rede, die der demente US-Präsident vor einer dystopischen Kulisse, die direkt aus einem Horror- oder Satanistenfilm entlehnt scheint, vom Teleprompter abliest: blutrot-schwarze Deko, Marines im Hintergrund, man ist an „Star Wars“ erinnert, wenn Emperor Palpatine die Klon-Armeen gegen die Rebellen einschwört.
Wie in Deutschland und der ganzen EU, wird auch in den USA angesichts des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuell-kulturellen Niederganges des westlichen Imperiums verstärkt an der Gleichschaltung der öffentlichen Meinung und an einer Feindbildpflege gearbeitet, die faschistisch zu nennen übertrieben ist: jedwede Äußerung, die die offizielle Regierungsversion zur Ukraine, zum Sanktions- und Wirtschaftskrieg gegen Russland, zur Agenda der Globalisten und Neo-Konservativen anzweifelt, jeder Dissens vom Kriegskurs NATO-Machthaber, wird reflexhaft und kategorisch als „pro-Putin“, „russische Desinformation“, Verschwörungstheorie“, „Querdenker“, Rechts!“ und „Nazis!“ gedisst.
Weiterhin erfahren wir einiges über den hollywoodreifen Stunt des Kiewer Regimes, ein Kommandounternehmen von 70 Soldaten in Schlauchbooten über ein Wasserreservoir in die Nähe des AKW Saporoschja zu schicken, um dieses genau zum Zeitpunkt des Besuchs der IAEA-Inspektoren zu kapern. Dummerweise waren die russischen Bewacher des AKW wohl im Bilde und vernichteten die ukrainischen Desperados. Echo dieser wahnwitzigen Aktion in den westlichen Medien: nichts. Schweigen. Keinerlei Erwähnung.
Nach etwa 20 Minuten sagt meine Liebste: „Pause?“
Ich klicke auf das „Stop“-Icon und nippe am Weinglas. Die Grau stützt derweil den Kopf auf die Hände und verharrt eine ganze Weile im dieser Haltung. Dann bricht es aus ihr raus:
„Ich bin entsetzt. Ich bin fassungslos! Über die Regierung, über diese Gesellschaft, über diese Baerbock, diesen Habeck oder über diese Zuchtstute da in Brüssel, die uns das alles einbrocken.“
„Das wird so zusammenkrachen alles. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich nicht mehr jung bin. Als junger Mensch – da kann man doch eigentlich nur auswandern. Wenn ich dreißig wäre, würde ich auswandern. Nach Russland. Da ist man jung genug, da kann man auch Russisch lernen. Aber hier zu bleiben, in diesem Land, mit diesen Politiker und mit den ganzen Vollidioten, die das auch noch unterstützen, das geht doch eigentlich gar nicht.“
Da kann ich ihr nur zustimmen. Wäre ich 30 oder 40 Jahre jünger, wäre ein Neubeginn in Russland durchaus eine Option. Lieber noch China, aber Chinesisch zu lernen traue ich mir nicht zu, und Russisch kann ich wenigstens ein bißchen. Andrerseits könnte man ja auch in Deutschland dafür sorgen – oder sich wenigstens dafür einsetzen – dass die Verhältnisse, die immer nur zum Schaden der lohnarbeitenden Leute sind, sich ändern.
Die Frau jedenfalls hat die Faxen dicke und bemerkt abschließend:
„Ich hätte nie gedacht, dass ein System so korrupt sein kann.
Da kann man sich nur noch einen ansaufen. Mach mal den Rotwein auf.“
Gelegentlich fragt mich meine dezidiert unpolitische und allen ideologischen Konzepten abholde Gattin nach den neuesten Entwicklungen auf dem Feld des grassierenden Wahnsinns, den wir „Politik“ zu nennen gewohnt sind. Sie erwartet dann eine äußerst kompakte, verdichtete Kurzfassung der wesentlichen Tendenzen und Entwicklungen, deren Vortrag zudem faktisch, nüchtern und wertungsfrei sein sollte – eine gute Übung für mich, mich zu einer knappen und sachlichen Bestandsaufnahme politischer Ereignisse zu zwingen, statt bei Adam und Eva anzufangen und bei Marx, Engels, Lenin und Stalin noch lange nicht aufzuhören.
Natürlich hat auch meine politikferne Liebste in ihrem bisher wohlgeordneten Dasein als Teil der akademischen Mittelschicht bemerkt, dass alles immer teurer wird, demnächst brutalstmögliche Preissteigerungen bei Energiekosten ins Haus stehen und dass das alles irgendwie mit dem Krieg in der Ukraine, vor allem aber mit DEM RUSSEN und ganz besonders dem Oberrussen, einem gewissen „PUTIN“, zu tun haben soll.
Heute setze ich sie also kurz ins Bild über die Meldungen aus der Ukraine, über beginnende Proteste in der ganzen BRD gegen die Regierungspolitik, und lese ihr die Passagen aus einem Auftritt der deutschen Außenministerin vor, in der diese sich der Ukraine und deren Krieg verpflichtet zeigt, egal was ihre deutschen Wähler dazu meinen.
Als kleine meinungsgefärbte Zugabe meinerseits erlaube ich mir den Nachsatz: „Ich glaube, die fühlen sich alle ein bißchen zu sicher. Die denken sich, wir sind 2021 gewählt worden, wir haben jetzt bis 2025 Zeit ohne dass uns jemand an den Karren fahren kann… ich hoffe nur, es kommt anders!“
An dieser Stelle lässt sich meine ideologie-, theorie- und politikabstinente Frau mit einem Statement vernehmen, das ich in dieser Weise noch nie von ihr vernommen habe
„Warte mal ab. Heute haben wir den 1. September. Ich geb‘ denen bis zum 1. November, dann sind die alle weg. Und wenn die dann alle zusammenprügeln wollen, die demonstrieren, dann viel Spaß. Wenn’s dann zu Demonstrationen kommt, da geh ich mit.“
Spricht‘s, und widmet sich wieder ihrer Urlaubslektüre, während ich aus dem begeisterten Staunen gar nicht mehr heraus komme. Das wird jedenfalls ein heißer Herbst.
Mein Leben nimmt eine radikal neue Wendung, die allerdings auf bewährte Familientraditonen zurückgreift:
Schon der älteste, ca. 1770 dokumentarisch nachgewiesene Vorfahre, ein Peter Strathus, übte den Beruf des Schiffszimmermannes aus.
Auch erinnere ich mich gut an meinen Großonkel Schorsch, ebenfalls Schiffszimmerman, der uns in unserer Kindheit ab und zu in unserem Hamburger Unterschichts-Mietshaus besuchte. Er hatte immer einen riesigen Seesack dabei, und Hände groß wie Bratpfannen, und sein eigentümliches Platt verstanden wir Kinder kaum.
Mangels handwerklichen Talents kann ich leider nicht in die Fußstapfen von Vorfahr und Großonkel treten, doch auch mich verschlägt es nun in die Seefahrt:
Mit dem Erwerb der „Fisherman‘s cap“ der Traditionsfirma Fiebig wird man – so ist es Brauch an der Küste – automatisch Leichtmatrose auf einem Fischkutter. Morgen früh um 4:00 sollen wir in See stechen, um vor der dänischen Küste den Ostsee-Dorsch zu fangen. Werde ich es schaffen, so früh aufzustehen? Wird der Wecker klingeln? Habe ich überhaupt einen mit?
Fragen, die nur das Fisch-Orakel beantworten kann, bei dem die Gräten eines Seehechts rückwärts abgezählt werden. Endet man mit einer ungeraden Zahl, darf man im Bett bleiben, ist die Zahl gerade, gilt: „Raus aus den Federn und hinaus auf See!“.
Dann heißt es für die Fischersfrau, die Tränen zurückhaltend am Fenster zu stehen und „Junge, komm bald wieder“ zu summen.
Die Frau so (fährt sich mit der Hand durch die Haare): „Boah ich hab echt ne dicke Mähne.. nicht mehr so spiddelige Haare wie früher! Vielleicht gibt’s ab 60 einen Bonus!“
Ich: „Von wem? Vom lieben Gott? Vom Leben?“
Die Frau (überzeugt): „Ja, man kriegt schöne Haare. Man wird zwar dicker, kriegt Hüftspeck, aber dafür schöne Haare!“