Geschichten die das Leben schrieb: Verrückte aller Länder, vereinigt euch!

Zwei Reden, zwei Präsidenten, zwei Welten:

Während der russische Präsident in Moskau, vor der Bundesversammlung der Russischen Föderation eine in würdigem und maßvollen Tonfall vorgetragene, mit Fakten und Detailwissen über die ökonomische, kulturelle und soziale Entwicklung des Landes gespickte Rede hält, hört man vom US-Präsidenten in der Warschauer Burg eine Ansprache, die – die Kenntnis des demenzbedingten Geisteszustandes des Mannes vorausgesetzt – in ihrer Substanzlosigkeit und Inhaltsleere nicht überrascht.

Auffällig ist sie eher dadurch, dass sie neben den üblichen Sprechblasen und Versatzstücken aus dem Zettelkasten der Neocon-Propaganda (im wesentlich: „wir sind die Guten, der Feind hingegen das Böse schlechthin“) eine erstaunliche Menge an beleidigenden und herabsetzenden Bemerkungen über den russischen Präsidenten enthält, dessen strategisches und psychologisches Denken der US-Präsident (oder die Leute, die seinen Teleprompter füttern) andrerseits erkannt und durchschaut haben will.

Die undiplomatische, primitive und faktenfreie Respektlosigkeit Bidens kontrastiert nicht nur mit der Tatsache, dass Putin in seiner Rede vor der Föderativen Versammlung keinen einzigen westlichen Führer beim Namen nennt, sondern vor allem damit, dass der senile Biden seinen vor dem Warschauer Showauftritt erfolgten Kurzbesuch in Kiew überhaupt nur antreten konnte, weil derselbe Putin, über den er auf so unangemessene und despektierliche Weise beleidigend herzieht, es ihm erlaubt hat.

Insgesamt zeigt die Biden-Rede, insgesamt zeigt vor allem auch deren Rezeption in den westlichen Medien, in welchem himalayaesken Ausmaß die seltsame Mischung aus Verrohung, Verdummung und gänzlicher Inhaltsleere, mit der der demokratische NATO-Faschismus die westlichen Gesellschaften in Wagenburgen der Feindbildpflege umgewandelt hat, bereits den öffentlichen Diskurs bestimmt. Es wird überhaupt nicht mehr der Versuch gemacht, einen Ausgleich der strategischen Interessen der USA mit denen Russlands zu suchen (zugebenermaßen auch schwierig, wenn das eigene strategische Ziel die Eliminierung des Gegners ist), die Tür zu Gesprächen wenigstens nicht zuzuschlagen oder den Konflikt perspektivisch durch Verhandlingen mit der Gegenseite zu lösen. Es wird nur noch agitiert, emotionalisiert und ein Feindbild beschworen, das in seiner grotesken Überzeichnungen und Verzerrung die Intelligenz jedes Beobachters mit einem IQ oberhalb der Teppichhöhe aufs Schärfste beleidigt.

Möglicherweise ist das aber auch alles, wozu der demenzkranke Achtzigjährige im Weißen Haus noch fähig ist. Ein früher für die Begutachtung des Gesundheitszustandes der Amtsinhaber zuständiger Mediziner soll gesagt haben, dass Biden überhaupt nicht mehr in der Lage ist, komplexere Zusammenhänge zu erfassen, strategische Überlegungen anzustellen oder kohärente Reden zu halten (und das, obwohl er alles, wirklich alles, vom Teleprompter abliest – weshalb seine Umgebung ständig in Angst und Schrecken lebt, dass er von Manuskript abweichen und frei reden könnte).

Gleichwohl werden seine beschämenden und inkohärenten Äußerungen von westlichen Medien kolportiert wie die Offenbarungen eines Messias; es wird in einem Umfang berichtet, der umgekehrt proportional zum Inhalt des Gesagten ist.

Es fällt schwer, angesichts der in bitterer Entschlossenheit von Politik und Medien vorgetragenen Sprachhülsen – von der „Demokratie“, die angeblich in der Ukraine verteidigt wird, vom „Diktator“ und „Autokraten“ Putin, von der Entscheidungsschlacht zwischen „Demokratie und Autokratie“, als die die westlichen Propagandisten den Angriff des Imperiums der Lügen auf Russland vermarkten – ernst zu bleiben.

Noch schwerer fällt es (mir), angesichts all dessen nicht das Gefühl zu kriegen, den Verstand zu verlieren. Wenn alle Welt um dich herum, oder der Großteil davon, dem Wahnsinn huldigt bzw. so tut, als ob es diesen Wahnsinn gar nicht gäbe, drängt sich dem Einzelnen, der nicht vom allgemeinen Irrsinn befallen ist, leicht der Eindruck auf, dass vielleicht nicht all die vielen anderen verrückt (geworden) sind, sondern er selber der Verrückte ist.

Dann sei es so. Ich erkläre hiermit, dass ich in einer Welt, in der die Bidens, Barbocks, Scholzens und Selenskijs die Kriterien der „Normalität“ sind, lieber der Verrückte bin. Wenn Millionen Mitbürger und Zeitgenossen nichts anderes zu tun haben, als sich mit ihrem bißchen Zurechtkommen unter immer ungemütlicheren Umständen abzumühen; wenn jeder sich dabei, ohne innezuhalten oder aufzublicken, von seiner Herrschaft in den Abgrund schicken läßt und das alles für normal hält – dann bin ich lieber verrückt. Zumal ich weiß, dass es noch ein paar andere Verrückte da draußen gibt.

Verrückte aller Länder, vereinigt euch!

Geschichten die das Leben schrieb: sechs Tage Delirium, offiziell genehmigt

Die schlecht bezahlte Lohnarbeitskraft im REWE setzt sich im Matrosenkostüm ihre ganze Schicht über an die Kasse, „weil Karneval ist“. Eine ihrer Hauptaufgaben als Kassiererin in diesen Tagen: die Identitätsnachweise (die echten diesmal, nicht irgendwelche eingebildeten sexuellen Vorlieben oder Abwege der Persönlichkeitsfindung) der Jugendlichen prüfen, die in Horden in die Supermärkte strömen. Ihr Ziel: soviel Alkohol wie möglich zu kaufen, um sich so voll wie möglich zu saufen.

Das scheint tatsächlich der eigentliche Inhalt der „tollen Tage“ für die erbittert feiernde Jugend zu sein: in allen möglichen Verkleidungen – die Jungs bevorzugt im Ganzkörper-Tierkostüm, die Mädchen meist in lustigen Röckchen und mit auf Katze, Zombie oder Teufelchen geschminkten Gesichtern – im öffentlichen Raum soviel Alkohol wie irgend geht zu trinken. Während und nach diesem Vorgang ist es oberste Pflicht, im Pulk so lautstark wie möglich auf das eigene adoleszente Vorhandensein aufmerksam zu machen.

Dankbar, im Zeitraum von Altweiber bis Faschingsdienstag für dieses Vorhaben generelle soziale Genehmigung und Absolution erhalten zu haben, versuchen sich hunderte oder tausende von Jugendlichen in ernsthaftem Komasaufen – der Erfolg sind die von morgens um zehn bis spät in die Nacht heulenden Sirenen der Rettungswagen, die die Schnapsleichen einsammeln müssen.

Anschließend machen die massenhaft herumliegenden Müllhaufen und Scherben von zerschmissenen Bier- und Weinflaschen die Hundespaziergänge zu einem Slalomlauf und den Anblick der Straßen und Bürgersteige des Viertels zu einem der traurigeren Art.

Ja, der Karneval gehört zum Rheinland wie die Pickel zur Teenager-Haut.

Geschichten die das Leben schrieb: Hütt es ons alles ejal, mir fiere Karneval

Mein Tablet meldet mir kritischen Batteriestand und Ich gehe ins Wohnzimmer, um es dort aufzuladen. Die Frau sitzt auf dem Sofa und schaut ausnahmsweise mal nicht Fernsehen, sondern liest ein Buch, weshalb es angenehm still ist. „Ich hab mein iPad leer gedaddelt!“, gebe ich ihr den Grund meines Auftauchen bekannt. Sie schaut auf und fragt: „Und, was hast du Neues erfahren?“

Ich gebe ihr einen kurzen Zwischenstandsbericht über die Lage, diesmal mit Fokus auf der Geschichte, die eigentlich auf jeder Titelseite, in jeder Nachrichtensendung, jeder Talkshow, im „Presse-Club“, „Brennpunkten“ usw. diskutiert werden müsste: den Akt staatlichen Terrorismus, den die USA, unterstützt von Norwegen, an der deutschen Energie-Infrastruktur mittels Sprengung der NordStream Pipelines durchgeführt haben. Eigentlich. Bekanntlich herrscht weitgehendes Schweigen im Medienwalde, und die derzeitige Nachrichtenlage wird bestimmt von UFOs, die auf einmal überall auftauchen und von den NATO-Luftraumschützern abgeschossen werden müssen – ein Schelm, wer „Ablenkungsmanöver“ dabei denkt.

Die Frau hört interessiert zu und meint: „Also eins verstehe ich nicht: das müsste doch ein gefundenes Fressen für jede Opposition sein! Warum hört man da nichts? Wieso bleiben die stumm?“

„Wenn die ‚Opposition‘ noch transatlantischer ist als die Regierung – was soll man da erwarten?“, versuche ich eine Erklärung.

Ich räsoniere noch ein bißchen weiter: „In einer normale Welt wäre so ein Vorgang – eine Regierung lässt sich von den eigenen Verbündeten die lebenswichtige Infrastruktur wegbomben, weiß davon und schweigt dazu – mindestens eine Absetzung der Regierung wert. Sowas ist im Grunde Hochverrat, Landesverrat.. jedenfalls nichts, was sich mit dem Amtseid selbst einer bürgerlichen Regierung vereinbaren lässt…“

„Das interessiert keinen, Kay“, stellt die Liebste mit definitivem Gestus fest. Sie denkt kurz nach und kommt dann mit der ultimativen Begründung für diese Einschätzung: „Außerdem haben wir KARNEVAL!“

Da hat sie natürlich recht. An Karneval könnte Deutschland offiziell in den Krieg eintreten und die ersten Zirkons und Iskanders in Berlin einschlagen – in Köln und Düsseldorf würden die Jecken trotzdem feiern. DIESE Auszeit vom Leben unter den immer ungemütlicheren Umständen des bundesdeutschen Freiheitsladens will sich hier keiner nehmen oder verderben lassen.

Nicht umsonst heisst es im bekanntesten Düsseldorfer Karnevalslied: „Die Sterne funkele, mir Düsseldorfer schunkele, hütt es ons alles ejal, mir fiere Karneval!“

Geschichten die das Leben schrieb: Der Charme des Verfalls ist gar keiner, sondern Bote des bevorstehenden Untergangs

Ein ausgedehnter Spaziergang durchs Wohnviertel und die angrenzenden Parkanlagen bringt mich in Kontakt mit dem Grad an Vermüllung und Achtlosigkeit, der einem überall begegnet. Selbst in einem Oberschichtsviertel wie Oberkassel liegen in auffallender Menge Flaschenscherben, Essensverpackungen, Masken, und jedweder sonstiger Müll herum. Ist die Stadtreinigung im Streik? Kommen die nur noch einmal die Woche? Ist sowieso schon alles egal?

Es scheint so, als ob sehr viele Zeitgenossen sämtliche Utensilien, alles Material, was nicht mehr gebraucht wird, unter sich fallen lassen, ohne Achtung und ohne Respekt für Umgebung und andere Leute, die sich den Dreck dann angucken müssen. Und – sofern sie Hundehalter sind – auch noch aufzupassen haben, dass der Vierbeiner nicht in die Scherben tritt.

Auf gewisse Weise ist ein solches Verhalten natürlich sehr passend zum Credo des kapitalistischen Menschenbildes des homo oeconomicus, der eben nur das tut (und tun MUSS, wenn er Erfolg in der Konkurrenz haben will!) was seinem eigenen unmittelbaren Vorteil dient.

Ich wende mich an die Liebste: „Sag mal, kriege ich jetzt das Alter-Mann-Meckersyndrom und maule über etwas, was ich früher gar nicht wahrgenommen habe, oder ist das in den letzten Jahren tatsächlich so deutlich mehr geworden mit dem Müll, der hier überall rumliegt?“

Die Frau, im Gegensatz zu mir nicht erst seit fünf, sondern seit 35 Jahren im Viertel wohnhaft, überlegt kurz und antwortet: „Nee, das stimmt schon. Ich würde sagen, seit Corona hat das so zugenommen. Das ist schon auffällig.“

Wir unterhalten uns über den schleichenden, aber sichtbaren Verfall in unserem vergleichsweise wohlhabenden Stadtteil. Neben einer Menge Bau- und Renovierungstätigkeit an der vierteltypischen Altbausubstanz (ganze Altbauten werden entmietet und kernsaniert, um sie in hochpreisige Eigentumswohnungen für die nach wie vor zahlungsfähige Oberschicht umzuwandeln) springen einem überall Geschäftschließungen und leere Läden ins Auge.

Selbst der große Bio-Supermarkt im Neubaugebiet, Anlaufstelle der grünen Jungmütter mit ihren Lastenfahrädern, musste schließen – der Umsatz ließ aus Sicht der Geschäftsleitung an diesem Standort nicht mehr genug Profit übrig, um die Ladenmiete von monatlich 20.000,00 Euro zu stemmen.

Was nachkommt, sind in der Regel Filialen und Franchises von bundes- oder NRW-weit tätigen Ketten, manchmal auch extrem hochpreisige Modegeschäfte, die ihr Glück in diesem immer noch überdurchschnittlich kaufkraftstarken Viertel versuchen.

Insgesamt komme ich mir bei diesen Rundgängen (und generell in diesem Leben) mehr und mehr vor wie jemand, dem ein gut geschminkter und parfümierter Adliger begegnet, der trotz etwas in die Jahre gekommener Klamotten noch recht ansehnlich aussieht – aber nur von weitem. Kommt man näher, sieht man die Pestbeulen und die offenen Geschwüre unter der Schminke, und der Gestank von Fäulnis dringt einem in die Nase. Als ob es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich dies alles – dann endgültig für jeden sichtbar und erkennbar – in Richtung Kollaps, Untergang und Tod bewegt.

Und das ist genau das Ende, das ich diesem Gesellschaftssystem, diesem Kapitalismus wünsche und gönne – auch wenn mir vor den Begleiterscheinungen dieser Entwicklung für die lohnarbeitende Klasse gruselt.

Geschichten die das Leben schrieb: Newsflash von der Kapitalfront

Während ich nach Mittagschlaf und ausgiebigen Hunderunden meiner täglichen Informationsrecherche nachgehe, sitzt die Frau dank eines Streiks bei der Rheinbahn statt in ihrem Kölner Großraumbüro am heimischen Home Office Arbeitsplatz, um allerdings genau dasselbe wie im Gebäude ihres finanzkapitalistischen Arbeitgebers zu machen: mit ihrer Tätigkeit für die Vermehrung von Umsatz und Gewinn des Unternehmens und seiner Aktionäre zu sorgen.

Normalerweise sitze ich unter Kopfhörern und schaue bzw. höre mir diverse News aus allen möglichen Quellen an (die meisten von ihnen verlinke ich hier regelmäßig), schon um mit dem ausländischen Gebrabbel nicht die konzentrierte Prozeßsteuerung (oder was immer meine betriebswirtschaftlich tätige Liebste dort treibt) im Arbeitszimmer zu stören. Die Frau ist nämlich gegen die Weltsprache Nummer Eins ein bißchen allergisch, obwohl sie sie aus Jobgründen öfters sprechen muss.

In einer Kaffeepause höre ich allerdings aus dem Arbeitszimmer Englisch; eine Männerstimme mit schweizerischem Akzent trägt etwas vor, was mit Geschäft und Gewinn und der großartigen „Performance“ des tollen Unternehmens zu tun hat, für das er spricht. Die Frau sitzt aufmerksam zuhörend vor dem Bildschirm. Ich trete näher und schaue mir an, wer da so erfolgsbesoffen und wichtigtuerisch, aber gleichzeitig seriös bis zur Langweiligkeit, daherpalavert.

„Größter Profit seit 2007“ steht auf dem Screen über dem Videofenster mit dem Sprecher.

„Ist das euer Oberchef?“ frage ich. „Ja“, ist die Antwort. Es handelt sich um den Vorstand der internationalen finanzkapitalistischen Gruppe, in deren Diensten meine Liebste seit Jahrzehnten steht. Sie grinst und macht mit Daumen und Zeigefinger das Geldzählen-Zeichen: „Das gibt fettes Extrageld! Wir kriegen ja alle eine Bonuszahlung bei entsprechendem Unternehmensgewinn…“

Mir wäre eine Gesellschaft ohne diese kleinen Bestechungen der Lohnarbeiter zwar lieber, aber auch ich freue mich natürlich über die Aussicht auf Extrageld zur Bewältigung eines immer teureren und schwieriger zu bewältigenden Alltags. Nach dieser guten Nachricht jedenfalls sieht auch mein praktische und bodenständige Gattin keine Veranlassung mehr, weiter auf Posten zu bleiben. Sie beendet ihren Home Office Arbeitstag zufrieden, um sich ebenfalls den Nachrichten zu widmen, in ihrem Fall aber diejenigen, die dem staatlichen Fernsehen zu entnehmen sind. “Für die anderen hab ich ja dich!“ bekomme ich zu hören, wenn ich gelegentlich mal nachfrage, warum sie sich das antut.

Da hat sie auch wieder recht.

Geschichten die das Leben schrieb: wie Unpolitische politisch werden

Als ich von der Arbeit nach Hause kommen, empfängt mich die Frau, kaum dass ich Mantel und Tasche abgelegt habe, mit einer Kurzzusammenfassung ihres neben dem Home Office erledigten nachmittäglichen Fernsehkonsums, der in der Regel aus Mediathek-Krimis oder Prominenten-und-Klatsch-Fornmaten besteht. Heute nicht:

“Also, ich hab mir auf Phoenix mal diese Bundestagsdebatte angesehen. Die EINZIGEN, die noch irgendwas Vernünftiges sagen zum Krieg und all dem Zeug, ist die AfD. Und so ein fraktionsloser Abgeordneter, der auch gesagt hat, dass man diesen ganzen Wahnsinn stoppen muss. Dem haben sie gleich das Wort abgeschnitten und gefragt, ob ihm Putin die Rede geschrieben hätte…”

Ich schaue erstaunt meine eigentlich jeder politischen Diskussion abholde Gattin an und wundere mich über soviel Aufmerksamkeit für Dinge, die sie sonst eher langweilen oder abstoßen. Und sie ist noch nicht fertig:

“Das ist so deprimierend… Jeder, der nicht für den Krieg ist und für Waffenlieferungen, wird als Putinfreund bezeichnet. Das soll Meinungsfreiheit sein? Eine richtige Debatte ist überhaupt nicht möglich, alle sind kriegsbesessen und haben ihr Feindbild festzementiert. Der Schlimmste ist übrigens dieser Merz von der CDU… Es ist alles nur noch deprimierend!”

Ich gebe ihr recht und beschließe, diese grundsätzlich korrekte Wahrnehmung bei nächster Gelegenheit durch passende Gegeninformationen zu unterstützen.

Wenn fundamental unpolitische Personen wie meine Liebste schon darauf kommen, dass kriegslüsterne Verbrecher dieses Land regieren und jegliche abweichende Meinung aus dem öffentlichen Diskurs ausgegrenzt und diskreditiert wird, ist vielleicht noch nicht alles verloren, was die Opposition gegen die rotgelbgrüne Faschisierung und das Unternehmen Barbarossa 2.0 betrifft.

Geschichten die das Leben schrieb: Weltkriegsnews und Weinfragen

Auf dem Abendspaziergang mit dem Hund sprechen die Frau und ich über eine Nachrichtensendung, die sie gerade im WDR gesehen hat. Es ging mal wieder um den Krieg in der Ukraine und um das Bestreben der westlichen Sponsoren des Krieges, ihrer ukrainischen Stellvertreterarmee immer mehr und weitere Kriegswaffen zu liefern. Inzwischen stehen Kampfpanzer und Kampfflugzeuge und andere schöne Gerätschaften aus dem Arsenal der NATO zur Debatte; in den Mainstream-Nachrichten werden solche Dinge ausschließlich parteiisch aus ukrainischer Sicht vermeldet und immer ein ohnehin vorhandenes Einverständnis des Zuschauers mit der NATO-Version der Ereignisse vorausgesetzt.

Ich erwähne das kürzlichen Statement des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, der auf den Irrsinn hinwies, einer Nuklearmacht eine militärische Niederlage zufügen zu wollen. Wörtlich sagt Medwedew: „Die drohende Niederlage einer Atommacht in einem konventionellen Krieg kann den Ausbruch eines Atomkriegs provozieren. Die Atommächte haben die großen Konflikte, von denen ihr Schicksal abhängt, nicht verloren.

Aber das sollte jedem klar sein. Sogar einem westlichen Politiker, der sich wenigstens eine Spur von Intelligenz bewahrt hat.“

Meine in ihrer Selbsteinschätzung und ganzen Lebenshaltung „unpolitische“ Gattin seufzt tief auf und bemerkt: „Wenn ich sowas höre, möchte ich sofort wieder eine Flasche Wein aufmachen. Das ist so schrecklich und deprimierend, diese ganzen Nachrichten…“

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass der heutige Tag unser selbsterklärter drogenfreier Tag ist, damit wir einen alternierenden Rhythmus von einem Abend mit und dem nächsten Abend ohne Wein einhalten. Diese hehre Vorhaben wird nun von meiner Liebsten infrage gestellt. Sie führt weiter aus: „ich verstehe diese Leute nicht, die so etwas planen und machen! Ich verstehe überhaupt die ganze Welt nicht mehr!“

„Hast du sie denn vorher verstanden?“ frage ich, auf einen ausführlicheren Austausch über weltanschauliche und politische Fragen spekulierend.

„Vorher hat es mich nicht interessiert!“ erhalte ich zur Antwort. „Ich versuche erst seit ich sechzig bin, die Welt zu verstehen. Aber ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe die Leute nicht, die darüber jammern, dass alles so teuer ist und dann zwei- oder dreimal im Jahr in Urlaub fahren!“

Dieser abrupte Schwenk zu den Sorgen der bessergestellten Mittelschichtsangestellten aus ihrem beruflichen Umfeld zeigt mir, dass das Fenster zu einer substantiellen Diskussion imperialistischer Geopolitik schon wieder verschlossen ist und dass meine Herzdame in ihrer typischen Art und Weise bei den ganz bodenständigen und elementaren Fragen gelandet ist, die in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis diskutiert werden: reicht das Nettoeinkommen für die zahlreichen Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens, an die ich mich als Mitglied der gehobenen Mittelschicht gewöhnt habe oder muß ich mich am Ende gar irgendwo einschränken?

Sämtliche politischen Fragen, inklusive der Frage von Krieg und Frieden, werden ausschließlich unter diesem Aspekt betrachtet und bewertet, und die politische Präferenz ihrer Klasse liegt dort, wo ihr ein möglichst störungsfreies „Weiter so“ dieses komfortablen Daseins versprochen wird.

Ich seufze ebenfalls, aber mehr innerlich, und beschließe, an dieser Stelle keine weiteren Agitprop-Anstrengungen zu unternehmen und als Diskussionspunkt nur noch einen einzigen aufrechtzuerhalten: den nach der Frage „Weißwein oder Rotwein“.

Geschichten die das Leben schrieb: Auffahrunfall

Etwas übermüdet und ausgelaugt (Frühdienst meiner wegen Armutsrente nötigen Lohnarbeit) einer netten Dame von hinten aufgefahren – Auto ziemlich kaputt, aber fahrtüchtig. Komme jedoch dank meiner übervorsichtigen und massiv vorsorgeaffinen Liebsten, die sogar dieses 14 Jahre alte Auto noch vollkaskoversichert, mit 300 Euro Selbstbeteiligung für den Eigenschaden davon.

Die Unfallbeteiligte, eine Mitbürgerin mit türkischen oder arabischen Wurzeln, war durch das Schleudertrauma so schockiert und nahezu hysterisch, dass sie nur noch schluchzen und zittern konnte. Ich musste sie erstmal beruhigen und ihr das Fahrzeug an den Straßenrand fahren. Sie wurde dann vom RTW abtransportiert und ihre beiden flugs herbeigerufenen Söhne kümmerten sich um ihr Auto.

Als ich mich nochmals bei der Familie und der Dame entschuldigte und bedauerte, sie bei dem Auffahrunfall verletzt zu haben, zeigten sich die zwei äußerlich ziemlich ausländisch wirkenden Jungs von ihrer nettesten Seite, boten mir Zigaretten an und sagten Sachen wie „Komm, kein Stress, ist gut, dass nicht mehr passiert ist“ und „Alles korrekt, kannst ja nichts dafür..“

Ich bin sicher, dass ich im Falle einer biodeutschen Sippe als Unfallgegner ganz andere Sachen zu hören bekommen hätte.

Die den Unfall aufnehmenden Ordnungshüter, junge Leute um die Dreißig, waren übrigens zwei ausnehmend höfliche und freundliche Zeitgenossen. Alles in allem, trotz des leider eingetretenen Personenschadens bei der Dame im Auto vor mir, eine beinahe erfreuliche Begebenheit, die ein bißchen Hoffnung aufkeimen lässt in Bezug auf einen zivilisierten und freundlichen Umgang miteinander auch in Notsituationen.

Geschichten die das Leben schrieb: Alarm im Wohnzimmer

Zurückgekehrt von der letzten Runde mit dem Hund entledigen die Frau und ich uns unserer mehrstufigen Schichten winterlicher Bekleidung, versorgen den Hund und begeben uns ins geräumige Wohnzimmer, um verschiedenen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen. Diese bestehen, in meinem Fall, aus Musik hören, Zeichnen und mich im Internet amüsieren, im Falle der Liebsten in der Einnahme einer zentralen Sofa-Position, diverse Fernbedienungen zur Hand, im endlosen Bemühen, die Mediatheken leerzugucken.

Diesmal scheint ihre Auswahl bereits auf eine Sendung oder Übertragung gefallen zu sein. „Ich guck dann mal schön meine Sendung weiter!“, verkündet sie, auch um mir klar zu signalisieren, dass der Platz vor dem monumentalen Bildschirm auf jeden Fall vergeben ist.

Das ficht mich nicht an, da ich sowieso lieber in meiner Ecke sitze und bei guter Musik zeichne und surfe. Bevor ich allerdings die Kopfhörer aufgesetzt habe und mir eine geeignete Playlist aufrufen kann, dringt der Ton der Fernsehsendung ungefiltert an mein Ohr.

Klangfarbe und Intonation ist die eines professionellen Spaßmachers, heutzutage „Comedian“ genannt, der seine einstudierten Witzchen mit möglichst wirksamer Lacheffektivität beim Publikum platzieren will. Das scheint ihm auch zu gelingen: „Was sollen wir nun aber machen, wenn Putin seine Raketen auf UNS schießt?“ fragt der Hofnarr scheinheilig, wie selbstverständlich unterstellend, dass das Publikum ohnehin soweit NATOisiert ist, dass es umstandslos „Putin“ erstens als Chiffre für alles Böse auf der Welt übersetzt und zweitens deswegen natürlich nicht weiter darüber aufgeklärt werden muss, dass dieser iwanesische Erzschurke, wenn ihm danach ist, einfach mal Deutschland bombardiert statt die Ukraine.

Die Antwort auf die selbstgestellte Frage des Possenreißers ist mir entfallen, aber sie geht in die Richtung „Unsere Truppe ist ein Memmenhaufen, der gar nicht richtig zu- bzw. zurückschlagen kann, Ausrüstung und Material kaputt oder fehlt! Alles Bruch bei der Truppe! Politik versagt, indem sie unserer Wehr nicht genügend Kriegsmaterial an die Hand gibt!“.

Haha, klatsch-klatsch, das Publikum versteht, was gemeint ist und applaudiert dem als Spaß verkleidetem Vorwurf an die Verantwortlichen, zu wenig Kriegsbereitschaft zu finanzieren. Was zwar überhaupt nicht stimmt – schließlich hat der deutsche Imperialismus gerade ein gigantisches Aufrüstungspaket von 100 Mrd. Euro geschnürt, um nach eigener Aussage die führende Militärmacht Europas zu werden – aber Hofnarren im Schließmuskel der Herrschenden erfüllen ihre humortherapeutische Zäpfchenfunktion gerne durch das mentale und verbale Einrennen offener Türen.

Jedenfalls wende ich mich der Frau zu und raunze sie einigermaßen bissig an „Was ist das denn für eine Scheisse? Der Russe will uns mal wieder bombardieren und unsere Truppe ist nicht schlagkräftig genug oder was erzählt der Möchtergernwitzbold da? Mach das bitte aus oder stell es leise!“

Damit mache ich keine Pluspunkte bei ihr, im Gegenteil: “Spinnst du?! Ich will das gucken! Weißt du eigentlich, wie das nervt, wenn ich was gucke und du quatscht ständig dazwischen? Ich guck das jetzt und du hältst die Schnauze!“

Das sitzt, denn natürlich hat sie recht – ihre Programmwahl geht mich nichts an, zumal ich sowieso vorhatte, den Rest des Abends unter Kopfhörern zu verbringen. Ich werfe erst ihr einen (so hoffe ich) vernichtenden Blick zu und schaue dann in Richtung Fernseher, wobei ich den „Comedian“ sowie die Einblendung „Nuhr 2022“ sehen muss.

Das Entsetzen verleiht mir wieder die Sprache: „Achduscheisse, Dieter Nuhr..“, bringe ich hervor. „Dann wundert mich gar nichts mehr. Das Humorzäpfchen im Rektum der Herrschenden! Aber wenn du demnächst dann Rosamunde Pilcher guckst, warne mich bitte vorher, das ist nämlich die nächste Stufe…“

Meine Liebste bleibt ungerührt und ignoriert mich erstmal. Inzwischen habe ich mir Kopfhörer übergestreift und verdränge den Nuhr-Müll mit lauter Rockmusik. Nach einer Weile erhebt sich die Gattin – die Sendung scheint vorbei zu sein – und verschwindet in der Küche. Nach kurzer Zeit erscheint sie mit zwei Gläsern Wein, gibt mir einen Kuss und flötet: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“

Ich bin versöhnt und beschließe, nie wieder ihre Fernsehgewohnheiten und Programmentscheidungen zu bekritteln.

Geschichten die das Leben schrieb: Wir wollen den Totalen Krieg (jedenfalls in der Ukraine)!

Ich sitze in einer Ecke des Wohnzimmers und lese oder zeichne irgendwelches Zeug. Am anderen Ende lungert die Frau auf dem Sofa und läßt sich von den dahin plätschernden und immergleich intonierten Fernsehstimmen einer Talkrunde auf Phoenix in den Schlaf labern – sie schaltet diese Sendungen oft nur deswegen ein, weil sie „so schön dabei einschlafen kann“.

Das ist tatsächlich auch das einzige, was einem bleibt (außer um- oder abschalten), denn WAS da gesagt wird, ist so fürchterlich, dass es zumindest mich um jeden Schlaf bringen würde. Es geht mal wieder um die Ukraine, bzw. laut offizieller Sprachregelung, den „russischen Angriffskrieg in der Ukraine“ und die Teilnehmer beantworten gerade die besorgte Frage des Moderators, was „die Menschen in der Ukraine“ jetzt am dringendsten bräuchten.

Was brauchen Menschen in einem Land, das gerade von seinem neo-nazistischen Regime in einem aussichtslosen Stellvertreterkrieg verheizt wird? Was brauchen Menschen in einer zusammengebrochenen Ökonomie, einem kollabierten Elektrizitätsnetz, weitgehend ohne Strom, Wasser und Heizung im kalten Winter? Frieden zum Beispiel?

Weit gefehlt. Dieser geplagte Menschenschlag braucht vor allem eins: WAFFEN! Die Talkshowgäste sind sich einig: das dringlichste Bedürfnis „der Menschen in der Ukraine“ sind Waffen, und zwar ganz viel davon und a.s.a.p.! Der Moderator wendet sich an eine Dame in der Runde: Frau Sowieso, Sie waren kürzlich noch in der Ukraine und können mit den Menschen dort sprechen. Was ist deren Meinung, was sagen die Menschen dort, was sie als erstes brauchen?“

Die Dame zögert keine Sekunde mit ihrem authentischen First-Hand-Bericht: „Ja, das ist natürlich ganz eindeutig; bei allen Entbehrungen, die diese Menschen mitmachen müssen, ist doch ein gemeinsamer Nenner, dass jetzt dringend Waffen gebraucht werden..“

Wen die Waffenfetischistin vor Ort in Kiew befragt hat, wird nicht verraten. Für sie und die Runde steht fest, dass nur Waffen, noch mehr Waffen, und das möglichst zackig, den Frieden in unserem ukrainischen Protektorat schaffen können. Die übrigen Diskussionsteilnehmer sekundieren ihr: Ja, auf jeden Fall Waffen! Das ist das erste und wichtigste. Bevor über irgend etwas anderes überhaupt zu reden ist, muß die reibungslose und großzügige Versorgung mit Waffen gewährleistet sein!

Die Begeisterung für Krieg und noch mehr Krieg steht ihnen ins bürgerlich-vernünftige Gesicht geschrieben; sie orgasmieren innerlich ob der einmaligen Gelegenheit, sich ganz legal und offiziell der von der offiziellen Regierungs- und Medienmeinung nicht nur bestätigten, sondern GEFORDERTEN Kriegsbegeisterung hinzugeben.

Der kranke Zynismus ihres Rufes nach mehr Waffen, noch mehr Waffen, mehr Krieg, mehr toten Russen verwandelt sich für sie in ein Gebot humanitärer Verantwortung für UNSERE Werte, die schließlich da hinten in der Ukraine gegen den Russen verteidigt werden. Schon wieder verteidigen Nazis unsere europäischen Werte gegen den Russen, und noch nicht einmal das fällt den wackeren Talkrunden-Demokaten auf.

Der Sportpalast ist die Wohnstube, und das „Wollt ihr den totalen Krieg“ des Reichspropagandaministers ist zum sachlich erörterten Austausch geworden, wie der Feind im Osten am besten zu besiegen ist. Das Resultat ist dasselbe: totaler Krieg. Das offizielle und mediale Deutschland will ihn, jedenfalls solange Ukrainer ihn kämpfen. Da darf einfach nicht nachgegeben werden, da muß um jeden Preis bis zum Endsieg gekämpft werden. Dass es dazu massenhaft Waffen braucht, gebietet schon der bürgerliche Sachverstand.

Wie vor achtzig Jahren verschwenden die totalen Krieger keinen Gedanken daran, wie er enden könnte. Wie er enden WIRD. Sie wissen sich auf der Seite der überlegenen Macht; wenn schon nicht militärisch, dann eben immerhin wertemäßig.

Während ich mich angesichts des gerade Gehörten mal wieder verstärkt wie ein Alien in einer primitiven und barbarischen Welt von Irren fühle, ist die Frau darüber sanft eingedöst.