Geschichten die das Leben schrieb: DLF, russophobe grüne Hysterie und Pepe Escobar

Auf dem Heimweg von der Arbeit zögere ich kurz, ob ich das Autoradio anschalten soll (DLF ist voreingestellt), beschließe dann aber in einer Mischung aus masochistischer Erwartungshaltung und Antizipation weiterer unfreiwillig humoristischer Russophobie, mal reinzuhören. Ich könnte auch einfach einen anderen Sender einstellen und zum Beispiel unverfängliche Klassik auf WDR3 hören, aber manchmal brauche ich auch die zwiespältige „Unterhaltung“, die mir der propagandistische Geifer des „Imperiums der Lügen“ beschert. Außerdem will ich mir ja nicht nachsagen lassen, ich würde mich nur einseitig informieren – folglich muß ich auch ab und zu in die Medien der Dunklen Seite reinschauen.

Ich habe richtig antizipiert und komme diesmal schnell auf meine Kosten. Gerade eben beginnt ein Radio-Feature wie es sich der russophobste NATO-Fanboy nicht besser hätte ausdenken können: „Kampf gegen Putin – Russische Oppositionelle und die Pläne für einen Machtwechsel“.

Tatsächlich SIND es die russophobsten und bellizistischsten NATO-Fanboys und -girls, die man sich hierzulande vorstellen kann, über die hier berichtet wird: Ralf Füchs und MarieLuise Beck und ihr „Zentrum Liberale Moderne“, das (wie es der Sprecher tut) Think-Tank zu nennen arg schmeichelhaft ist für eine Staatsgeld-Abgreif-Klitsche, deren einziger Existenzzweck in der Verbreitung einer Art modernisierter Ideologie vom Russen als dem elementar und ursprünglich Bösen besteht.

Jedenfalls haben diese Klabautermänner*innen des NATO-Geisterschiffes kürzlich in Berlin eine Tagung veranstaltet, die sich ausschließlich dem Regime Change in Russland widmete. Zu diesem hehren Zweck hatte man etliche russische „Oppositionelle“ eingeladen, also Leute, die die NATO-Absicht teilen, dass nur ein Russland ohne Putin ein gutes Russland sei.

Es wird eine Weile herumgerätselt, ob die westlichen Sanktionen das Zeug haben, „Putins Unterstützer“ in den Kreisen der russischen Unternehmerschaft (die dort natürlich „Oligarchie“ heißt) so massiv um Einkünfte und Vermögen zu bringen, dass sie eventuell zu Putin-Gegnern werden; weiterhin wird ins Blaue hinein spekuliert, wie es anzustellen wäre, den Präsidenten zu stürzen; das demente US-Pendant wird lobend erwähnt wegen seiner „klaren Worte“ („ For gods sake, this man cannot remain in power“) über den russischen Gegenpart usw.

Die Tatsache, dass Exponenten der politischen Klasse Deutschlands ganz offiziell einen Kongreß veranstalten, indem nicht das Für und Wider, sondern ausschließlich das Wie und Wann eines Umsturzes, Putsches, Staatsstreiches in Russland erörtert wird, fällt weder den Ausrichtern (denen schon gleich nicht) noch den Journalisten des DLF auf, die Inhalt und Zweck der Tagung teilen. Man redet bzw. berichtet über die Umsturzoptionen wie über verschiedene Wege, ein Menü zuzubereiten – die Mahlzeit selbst steht außer Frage.

Der schiere Aberwitz, die Absurdität dieser ideologischen Kläffer amüsiert mich immer mehr; sie gleichen Kötern, die zu blöd sind um zu merken, dass sie gegen den Wind pissen und sich anschließend wundern, warum ihnen ihr eigener Urin ins Gesicht weht. Allerdings sind selbst Hunde nicht so dumm wie die grünen Bellizisten und die Handvoll russischer Liberaler, die das Ehepaar Füchs/Beck als Kronzeugen einer „Opposition“ gegen Putin nach Berlin geladen haben. (Dabei ist unbestritten, dass es eine Opposition gibt in der Russischen Förderation; allerdings unterstützt auch die Opposition, die diesen Namen verdient – namentlich die kommunistischen Parteien, voran die KPRF – den Militäreinsatz zur Demilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine.)

Mein Vergnügen an der Selbstentblößung der hysterischen Russlandhasser aus dem Füchs/Beck-Umfeld steigert sich noch, als der Sprecher als Conclusio verliest, dass der ganze Zinnober vorerst ziemlich folgenlos geblieben wäre, denn „Putin sitzt ziemlich fest im Sattel“.

Mittlerweile fühle ich mich an absurdes Theater erinnert und an das, was Pepe Escobar und andere nicht-eingebette Analysten und Autoren schreiben: dass der kollektive Westen vielleicht den Informationskrieg gewinnen mag, nicht aber die wirkliche Auseinandersetzung zwischen der kollabierenden US/NATO-dominierten Weltordnung und der neuen, jetzt entstehenden multipolaren Weltordnung mit China, Russland, Indien plus dem gesamten globalen Süden, also drei Vierteln der Erdbevölkerung.

Die virtuelle Realität, die die westlichen Politiker, Medien, Think-Tanks und Strategen sich und ihrem Publikum vorerzählen, ist eine selbst-referentielle Filterblase, die spätestens mit dem Ende der Dollar-Vorherrschaft platzt. Passend dazu stoße ich, kaum zuhause angekommen, auf einen aktuellen Beitrag des schlauen brasilianischen Experten für geopolitische Fragen:

 

Die neue, ressourcenbasierte Weltreservewährung

(von Pepe Escobar, Erschienen auf SCF)

Eine neue Realität entsteht: Die unipolare Welt gehört unwiderruflich der Vergangenheit an, eine multipolare nimmt Gestalt an

Es war ein beeindruckender Anblick. Dmitri Medwedew, ehemaliger russischer Präsident, reueloser Atlantiker und derzeitiger stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates, entschied sich für eine völlig unkonventionelle Äußerung, die dem Kampfstil von Herrn Khinzal in nichts nachstand und in ganz NATO-Stan für spürbares Entsetzen und Erstaunen sorgte.

Medwedew sagte, die “höllischen” westlichen Sanktionen hätten Russland nicht nur nicht lahmgelegt, sondern kämen stattdessen “wie ein Bumerang in den Westen zurück”. Das Vertrauen in die Reservewährungen schwinde “wie der Morgennebel”, und die Abkehr von US-Dollar und Euro sei nicht mehr unrealistisch: “Die Ära der Regionalwährungen wird kommen”.

Schließlich, so fügte er hinzu, “werden sie, ob sie wollen oder nicht, eine neue Finanzordnung aushandeln müssen (…) Und die entscheidende Stimme wird dann bei den Ländern liegen, die eine starke und fortschrittliche Wirtschaft, gesunde öffentliche Finanzen und ein zuverlässiges Währungssystem haben.

Medwedew gab seine prägnante Analyse noch vor dem „D-Day” weiter – wie die von Präsident Putin festgelegte Frist an diesem Donnerstag, nach der Zahlungen für russisches Gas von “unfreundlichen Nationen” nur noch in Rubel akzeptiert werden sollen.

Die G7 hatten vorhersehbar eine (kollektive) Pose eingenommen: Wir werden nicht zahlen. Mit “wir” sind die 4 Länder gemeint, die keine großen russischen Gasimporteure sind. “Wir”, das ist das Lügenimperium, das die Regeln diktiert. Die drei Länder, die in arge Bedrängnis geraten werden, sind nicht nur große Importeure, sondern auch Verlierer des Zweiten Weltkriegs – Deutschland, Italien und Japan, die de facto immer noch besetzte Gebiete sind. Die Geschichte hat die Angewohnheit, perverse Streiche zu spielen.

Die Leugnung hielt nicht lange an. Deutschland war das erste Land, das zerbrach – noch bevor Industrielle von der Ruhr bis nach Bayern eine Massenrevolte inszenierten. Scholz, der mickrige Kanzler, rief Putin an, der ihm das Offensichtliche erklären musste: Die Zahlungen werden in Rubel umgerechnet, weil die EU die russischen Devisenreserven eingefroren hat – ein krasser Verstoß gegen das Völkerrecht.

Mit taoistischer Geduld äußerte Putin auch die Hoffnung, dass dies keine Verschlechterung der Vertragsbedingungen für die europäischen Importeure bedeuten würde. Russische und deutsche Experten sollten sich zusammensetzen und die neuen Bedingungen besprechen.

Moskau arbeitet an einer Reihe von Dokumenten, die das neue Abkommen definieren. Im Wesentlichen heißt es darin: keine Rubel, kein Gas. Verträge werden null und nichtig, wenn man das Vertrauen missbraucht. Die USA und die EU haben mit einseitigen Sanktionen rechtlich bindende Vereinbarungen gebrochen und obendrein die Devisenreserven eines – atomaren – G20-Landes beschlagnahmt.

Durch die einseitigen Sanktionen sind Dollar und Euro für Russland wertlos geworden. Mit Hysterie ist es nicht getan: Die Angelegenheit wird gelöst werden – aber zu Russlands Bedingungen. Punkt. Das Außenministerium hatte bereits davor gewarnt, dass die Weigerung, das Gas in Rubel zu bezahlen, zu einer ernsten globalen Krise mit Zahlungsausfällen und einer Reihe von Insolvenzen auf globaler Ebene führen würde, zu einer höllischen Kettenreaktion von blockierten Transaktionen, dem Einfrieren von Sicherheiten und der Schließung von Kreditlinien.

Was als nächstes passieren wird, ist teilweise vorhersehbar. Die EU-Unternehmen werden das neue Regelwerk erhalten. Sie werden Zeit haben, die Dokumente zu prüfen und eine Entscheidung zu treffen. Diejenigen, die “Nein” sagen, werden automatisch von direkten russischen Gaslieferungen ausgeschlossen – einschließlich aller politisch-wirtschaftlichen Konsequenzen.

Natürlich wird es einige Kompromisse geben. So werden einige EU-Länder akzeptieren, Rubel zu verwenden und ihre Gaseinkäufe zu erhöhen, damit sie den Überschuss an ihre Nachbarn weiterverkaufen und einen Gewinn erzielen können. Und einige werden vielleicht auch beschließen, Gas an den Energiebörsen zu kaufen.

Russland stellt also niemandem ein Ultimatum. Die ganze Sache wird Zeit brauchen – ein schleichender Prozess. Auch mit einigen Nebenschauplätzen. Die Duma erwägt die Ausweitung der Zahlung in Rubel auf andere wichtige Produkte – wie Öl, Metalle, Holz, Weizen. Das wird von der kollektiven Unersättlichkeit der EU-Chihuahuas abhängen. Jeder weiß, dass ihre ununterbrochene Hysterie zu einer kolossalen Unterbrechung der Lieferketten im Westen führen kann.

Bye bye Oligarchen

Während die atlantischen herrschenden Klassen völlig durchgedreht sind, aber immer noch darauf bedacht sind, bis zum letzten Europäer zu kämpfen, um jeden verbleibenden, greifbaren Reichtum der EU abzuschöpfen, bleibt Russland gelassen. Moskau war sogar recht nachsichtig und drohte damit, im Frühjahr kein Gas mehr zu liefern, stattdessen aber im Winter.

Die russische Zentralbank hat die Deviseneinnahmen aller großen Exporteure verstaatlicht. Es gab keinen Zahlungsausfall. Der Rubel steigt weiter – und ist jetzt wieder ungefähr auf dem gleichen Stand wie vor der Operation Z. Russland ist nach wie vor Selbstversorger, was Lebensmittel angeht. Die amerikanische Hysterie über das “isolierte” Russland ist lächerlich. Alle wichtigen Akteure in Eurasien – ganz zu schweigen von den anderen vier BRICS-Staaten und praktisch dem gesamten globalen Süden – haben Russland nicht verteufelt und/oder mit Sanktionen belegt.

Als zusätzlicher Bonus ist der wohl letzte einflussreiche Oligarch in Moskau, Anatoli Tschubais, verschwunden. Nennen Sie es einen weiteren bedeutsamen historischen Trick: Die westliche Sanktionshysterie hat die russische Oligarchie – Putins Lieblingsprojekt seit 2000 – de facto zerlegt. Das bedeutet die Stärkung des russischen Staates und die Konsolidierung der russischen Gesellschaft.

Noch liegen nicht alle Fakten vor, aber man kann davon ausgehen, dass sich Putin nach jahrelanger sorgfältiger Abwägung dazu entschlossen hat, wirklich aufs Ganze zu gehen und dem Westen das Genick zu brechen – wobei er diese Dreierkonstellation (bevorstehender Blitzkrieg im Donbass, US-Biowaffenlabors, ukrainische Arbeiten an Atomwaffen) als casus belli nutzte.

Das Einfrieren der Devisenreserven musste vorhersehbar sein, vor allem weil die russische Zentralbank ihre Reserven an US-Staatsanleihen seit November letzten Jahres aufgestockt hat. Außerdem besteht die ernsthafte Möglichkeit, dass Moskau auf “geheime” Offshore-Devisenreserven zugreifen kann – eine komplexe Matrix, die mit Hilfe chinesischer Insider aufgebaut wurde.

Die plötzliche Umstellung von Dollar/Euro auf Rubel war knallhartes geoökonomisches Judo auf olympischem Niveau. Putin verleitete den kollektiven Westen dazu, seine wahnwitzige Hysterie als Sanktionsangriff zu entfesseln – und wendete sie mit einem einzigen, schnellen Schachzug gegen den Gegner.

Und nun versuchen wir alle, die vielen synchronen, spielverändernden Entwicklungen zu verarbeiten, die auf die Bewaffnung mit Dollarwerten folgen: der Rupien-Rubel mit Indien, der saudische Petroyuan, die von russischen Banken ausgegebenen Mir-UnionPay-Karten, die russisch-iranische SWIFT-Alternative, das EAEU-China-Projekt eines unabhängigen Währungs-/Finanzsystems.

Ganz zu schweigen von dem großen Coup der russischen Zentralbank, 1 Gramm Gold an 5.000 Rubel zu koppeln, die bereits bei 60 Dollar liegen, Tendenz steigend.

In Verbindung mit No Rubles No Gas haben wir es hier mit einer de facto an Gold gekoppelten Energie zu tun. Die Chihuahuas in der EU und die japanische Kolonie müssen eine Menge Rubel in Gold kaufen oder eine Menge Gold kaufen, um ihr Gas zu bekommen. Und es kommt noch besser. Russland könnte den Rubel in naher Zukunft wieder an Gold koppeln. Er könnte auf 2.000 Rubel, 1.000 Rubel oder sogar 500 Rubel für ein Gramm Gold steigen.

Zeit, souverän zu sein

Der Heilige Gral in den sich entwickelnden Diskussionen über eine multipolare Welt war seit den BRICS-Gipfeln in den 2000er Jahren, an denen Putin, Hu Jintao und Lula teilnahmen, immer die Frage, wie die Dollar-Hegemonie umgangen werden kann. Die Lösung liegt nun vor den Augen des gesamten globalen Südens, als gutartige Erscheinung mit dem Lächeln einer Grinsekatze: der goldene Rubel, oder Rubel, der durch Öl, Gas, Mineralien und Rohstoffexporte gestützt wird.

Die russische Zentralbank praktiziert im Gegensatz zur Fed kein QE und exportiert keine toxische Inflation in den Rest des Planeten. Die russische Marine sichert nicht nur alle russischen Seelinien, sondern russische Atom-U-Boote sind in der Lage, überall auf dem Planeten unangekündigt aufzutauchen.

Russland ist bei der Umsetzung des Konzepts der “kontinentalen Seemacht” bereits weit, weit voraus. Im Dezember 2015 kam es im syrischen Kriegsgebiet zu einem strategischen Umbruch. Die im Schwarzen Meer stationierte U-Boot-Division 4 ist der Star der Show.

Russische Marineflotten können nun Kalibr-Raketen in einem Raum einsetzen, der Osteuropa, Westasien und Zentralasien umfasst. Das Kaspische Meer und das Schwarze Meer, die durch den Don-Wolga-Kanal miteinander verbunden sind, bieten einen Manövrierraum, der mit dem östlichen Mittelmeer und dem Persischen Golf zusammengenommen vergleichbar ist. 6.000 km lang. Und man braucht nicht einmal Zugang zu warmen Gewässern.

Das deckt rund 30 Nationen ab: die traditionelle russische Einflusssphäre, die historischen Grenzen des russischen Reiches und die aktuellen politischen und energiewirtschaftlichen Rivalitäten.

Kein Wunder, dass der Beltway durchdreht.

Russland garantiert die Schifffahrt durch Asien, die Arktis und Europa, in Verbindung mit dem eurasischen Eisenbahnnetz BRI.

Und zu guter Letzt: Legen Sie sich nicht mit einem Atombären an.

Das ist es, worum es in der Machtpolitik des harten Kerns geht. Medwedew hat nicht geprahlt, als er sagte, die Ära einer einheitlichen Reservewährung sei vorbei. Das Aufkommen einer ressourcenbasierten globalen Reservewährung bedeutet, kurz gesagt, dass 13 % des Planeten die anderen 87 % nicht mehr beherrschen werden.

Es ist eine Neuauflage von NATOstan vs. Eurasien. Kalter Krieg 2.0, 3.0, 4.0 und sogar 5.0. Es spielt keine Rolle. Alle früheren Nationen der Blockfreien Bewegung (NAM) erkennen, aus welcher Richtung die geopolitischen und geoökonomischen Winde wehen: Die Zeit, ihre wirkliche Souveränität zu behaupten, ist gekommen, während die “regelbasierte internationale Ordnung” ins Gras beißt.

Willkommen in der Geburtsstunde des neuen Weltsystems. Außenminister Sergej Lawrow hätte es in China nach einem Treffen mit mehreren Amtskollegen aus ganz Eurasien nicht besser ausdrücken können:

“Es entsteht eine neue Realität: Die unipolare Welt gehört unwiderruflich der Vergangenheit an, eine multipolare Welt nimmt Gestalt an. Das ist ein objektiver Prozess. Er ist unaufhaltsam. In dieser Realität wird mehr als eine Macht „regieren” – es wird notwendig sein, zwischen allen Schlüsselstaaten zu verhandeln, die heute einen entscheidenden Einfluss auf die Weltwirtschaft und -politik haben. Gleichzeitig sorgen diese Länder, die sich ihrer besonderen Situation bewusst sind, für die Einhaltung der Grundprinzipien der UN-Charta, einschließlich des grundlegenden Prinzips der souveränen Gleichheit der Staaten. Niemand auf dieser Erde sollte als unbedeutender Akteur betrachtet werden. Alle sind gleich und souverän.“

Geschichten die das Leben schrieb: Rainy Day Philosophy

Eine Straßenbahn fährt über eine Brücke, im Hintergrund sieht man eine ganze Stadt, in deren vielfältiger Infrastruktur Hunderttausende von Menschen ihr Leben leben und irgendwie über die Runden zu kommen versuchen.

Verkehrswege, Energieversorgung, Produktion der Gebrauchsgüter, Handel und Warenaustausch…. Alles ist beherrschbar, organisierbar, mit den natürlichen und menschlichen Ressourcen des Planeten locker zu bewerkstelligen.

Aber: es reicht (anscheinend) nicht für alle, es gibt krasseste Unterschiede zwischen arm und reich, Haben und Nicht(s)haben, sowohl national wie global. Schon das normale Leben ist gekennzeichnet von Konkurrenz, Gegeneinander und Gewalt; im Lroeg wird das Ganze auf die Spitze getrieben und der nackte Zweck der staatlichen Veranstaltung tritt offen zutage: Herrschaft.

Herrschaft derjenigen, die von dem in Geld gemessenen Reichtum HABEN – und damit Macht haben über die Reproduktion der Gesellschaft. Herrschaft über die, die das nicht haben und nie haben werden.

Diese Spezies ist in einem primitiven, barbarischen Zustand. Ihre kollektive Organisation beruht auf Oben und Unten, auf Besitz gegen Besitzlosigkeit, auf Eigentum gegen Eiegntumslosigkeit, und legt die gesamte Gesellschaft auf eine immerwährende Konkurrenz aller gegen alle fest.

Wäre ich ein Alien, wünschte ich mich immer öfter zurück auf meinen Heimatplaneten. Nach Lage der Dinge ist dies hier aber mein Heimatplanet; ihn in den Händen einer globalen Gewaltkonkurremz um Geld und Eigentum zu sehen, ist so schmerzhaft, dass es schwer fällt, eine minimale geistige Gesundheit aufrechtzuerhalten.

Zum Glück habe ich einen Hund.

Geschichten die das Leben schrieb: Atomkriegsvorräte die noch vor dem Krieg leer sind

Nach umfangreichen Bevorratungsaktionen insbesondere beim Weinhändler unseres Vertrauens fühlen die Liebste und ich uns gerüstet für die Wechselfälle dieser ungemütlichen Zeiten. Im Keller lagern vier oder fünf Kartons mit jeweils sechs Flaschen Rotwein, auch das Küchenregal ist prall gefüllt mit verschiedenen Flaschen des edlen Rebensaftes.

Allerdings mit dem falschen, jedenfalls nicht mit dem Lieblingswein der Frau. Sie bevorzugt einen französischen Wein aus dem Languedoc mit reichlich Restsüße; obendrein „eine so ungewöhnliche wie spannende Cuvée aus Marselan und Alicante Bouschet, die schon mit ihrer tiefroten Farbe zu beeindrucken weiß. Das Bouquet mit reifen roten Beeren und würzigen Kräutern ist ebenso animierend wie der herrlich kräftig-fruchtige Geschmack und der saftige Nachhall.“

Dem ist wenig hinzuzufügen, außer dass der besagte Tropfen namens „Les Ormières“ nur noch im Keller lagert, statt griffbereit oben in der Küche zur Verfügung zu stehen. Ich werde in den Keller geschickt, um Nachschub des Languedoc-Weines zu holen, „am besten gleich einen ganzen Karton!“. Als Quartiersmeister und Bevorratungsexperte unserer privaten Volksrepublik bin ich eher zögerlich, was den unkontrollierten Verbrauch unsrer Notstandsvorräte betrifft, zumal im Küchenregal etliche andere ebenso trinkbare Weine liegen.

Meine Bedenken werden allerdings übergangen; die Liebste besteht auf genau diesem Wein.

Ich schleppe also einen Karton „Les Ormières“ hochin den dritten Stock und verteile die Flaschen im Weinregal. „Das Zeug ist ja wirklich lecker, da gebe ich dir recht“., wende ich mich an meine trinkfeste Lebenspartnerin. „Dann sollten wir auf jeden Fall, so als Grundstock unserer Atomkriegsbevorratung, noch mehr davon einlagern!“

Die Frau lacht und meint: „Ach, bis zum Atomkrieg hab ich das leer getrunken…!“

Geschichten die das Leben schrieb: Die Abschlagsrechnung des Gas-Versorgers

Die Frau kehrt frisch frisiert von ihrem Edel-Coiffeur zurück und hat sich zum Zwecke der Bezahlung vorher mit Frischgeld aus dem Bankautomaten eingedeckt. Bei dieser Gelegenheit hat sie gleich ihre aktuellen Kontoauszüge gezogen.

„Weißt du was wir jetzt fürs Gas bezahlen? 128 Euro im Monat statt 78!! Die drehen ja wohl alle völlig durch!“

Sie ist natürlich gewahr, dass angesichts der grandiosen Idee der NATO-Mächte, zur Erledigung Russlands einen Wirtschaftskrieg gegen diesen unbotmäßigen Staat zu führen, nicht nur das Gas brutal teuer werden würde.

Jetzt, wo es praktisch, nämlich am Geldbeutel spürbar, wird, ist sie erst recht wütend über „den ganzen Wahnsinn dieser Politiker“. Dank meiner erfolgreichen Aufklärungsarbeit ist die Liebste zum Glück immun gegen die allgegenwärtige berechnende russophobe Hetze und die verlogenen Erklärungen der demokratischen Machthaber, warum man in Zukunft für die Freiheit hungern und frieren müsse.

Trotzdem ärgert sie sich über die Mehrkosten, die bedeuten, dass wir uns an anderer Stelle werden einschränken müssen – am Ende an der Stelle, wo es WIRKLICH wehtut, nämlich der Versorgung mit legalen Drogen!

„Eine einzige Scheisse ist das doch…“, flucht sie vor sich hin, während ich mir nicht verkneifen kann, sie stellvertretend für die Rest-Bevölkerung auf eine Kleinigkeit hinzuweisen, die gerne übersehen wird:

„Tja, was soll ich dazu sagen… Ihr wollt doch alle im Kapitalismus leben! Da gehört eben nicht nur Krieg und Imperialismus dazu, sondern vor allem, dass alle Kosten für die Herrschaft des Kapitals auf die normalen Leute abgewälzt werden. Wir zahlen für deren Kriege! Man könnte der Geschichte doch jetzt zum Beispiel mal entnehmen, dass wir alle mit unserer gesamten Lebensführung abhängige Geiseln der Kalkulation der Herrschenden sind.…“

Die Frau will aber keine antikapitalistischen Tiraden hören, sondern richtet ihr Augenmerk auf die praktischen Details der Angelegenheit. Ihr Blick fällt auf das gut bestückte Weinregal und erleichtert seufzt sie: „Na, wir haben ja zum Glück Vorräte…“

Geschichten die das Leben schrieb: Russenhass gegen Hunde?

Bei der Lektüre diverser Auswüchse russophober Hysterie an der Heimatfront teile ich der Frau das eine oder andere Highlight dieser Zeugnisse moderner Feindbildkultur mit, u.a. die Meldung, dass einige Supermärkte wohl beschlossen haben, russischen Wodka aus ihren Regalen zu nehmen.

Die Frau so: „Nee, komm. Is Karneval, oder?“

Ich: „Nein, ehrlich, das ist keine Satire. Die machen das echt! Demnächst gibt’s dann wahrscheinlich kein ‚Russisch Brot‘ mehr…“

Die Liebste schüttelt fassungslos den Kopf. Sie „interessiert sich nicht für Politik“, hat aber natürlich mitgekriegt, dass die Volksgemeinschaft auf allen Kanälen auf Hass gegen den neuen alten Hauptfeind eingeschworen wird.

„Du hältst dann aber auch die Klappe und sagst nichts über Russland, ok?“, gibt sie mir zu bedenken.

„Naja…“, ist meine Antwort, „ich schau halt, was ich wo sagen kann. Ich will ja nicht unnötig aufs Maul kriegen…“

„Nein“, beschwört sie mich, „wenn die jetzt alle durchdrehen und du was Falsches sagst, lassen die das am Ende an unserem Hund aus! Solche Idioten sind doch so primitiv, die lassen das immer an den Schwächsten aus…“

Ich bin einerseits gerührt über ihre Sorge, andrerseits amüsiert darüber, das diese Sorge mehr dem Hund als mir gilt. Jedenfalls verspreche ich, keine unnötigen Risiken bei Meinungsäußerungen einzugehen.

Es ist nicht wirklich vergleichbar – noch können wir hier und anderswo, bei entsprechender Vorsicht, einigermaßen unbehelligt Gegenstandpunkte vertreten – aber das letzte Mal, wo sich ein Mitglied meiner Familie Gedanken in diese Richtung machen musste, war 1938. Das war mein Großvater, der erst in den Gestapo-Kellern im Hamburger Stadthaus und dann im „Strafbatallion 999“ Bekanntschaft machte mit der zupackenden Art, mit der Bürgern mit abweichenden Ansichten die Russenfreundlichkeit ausgetrieben wurde.

https://nachrichtend.com/supermaerkte-haben-den-verkauf-von-wodka-aus-russland-verboten/?fbclid=IwAR2jVn6-oCNMaXKKgFJj3o6zvfthaCoDegefmO7jk0Kla7SibbWQPeSY2oY

Geschichten die das Leben schrieb: Das verschwundene Ladekabel und Sex im Alter

Die Frau so (in Schubladen herumwühlend): „Hast du mein Ladekabel genommen?“

Ich (unschuldig wie immer): “Nee. Wie kommst du denn da drauf?”

Die Frau (kennt mich): “Haha. Das machst du doch ständig.”
Da ich die Möglichkeit nicht ausschließen will und kann, dass unter Umständen winzige Außerirdische nachts ihr Ladekabel in meiner Tasche haben verschwinden lassen – was schon mal vorgekommen ist – stehe ich auf und helfe ihr suchen.

Es stellt sich heraus, dass das Ladekabel ordnungsgemäß in der dafür vorgesehenen Schublade liegt, allerdings UNTER einem anderen Ladegerät. Von jeder Schuldzuweisungsmöglichkeit befreit, reiche ich meiner Liebsten das benötigte Objekt. Sie muss lachen und merkt an: “Ja, aber du HÄTTEST es gut gewesen sein können!”

Mir fällt darauf nichts ein als “Ich könnte DIR mal wieder MEIN Ladekabel reinstecken..” und gebe ihr ein Küßchen. Jetzt müssen wir beide lachen.

“Tja”, ergänze ich, “zu mehr als zotigen Anspielungen reicht`s halt nicht mehr in unserem Alter…”

Die Frau so, unentmutigt: “Ja wieso, immerhin!”

Geschichten die das Leben schrieb: Deine Frau, deine Frau, die hat immer recht

Ich scrolle gerade durch meinen FB-Feed und lande bei einem Beitrag von Wolfgang Mueller, der gewohnt informativ und kenntnisreich einen verdienten Genossen und Kämpfer – den “Mann, der Krakau vor der Zerstörung rettete” – beschreibt.

Die Frau kommt hereingeschwebt und fragt (offensichtlich in völliger Fehlinterpretation meiner sitzenden Position): “Schatzi, hast du keine Langeweile?”

“Ich hab nie Langeweile”, ist meine korrekte Antwort, “ich hab immer was zu lesen oder zu daddeln oder zu zeichnen…”

Ich nehme einen Anlauf, ihr die Werthaltigkeit meiner intellektuellen Beschäftigungsformen näher zu bringen und führe aus: “Jetzt gerade lese ich zum Beispiel einen Beitrag über den Soundso, der dasunddas gemacht hat. Der ist sogar 103 Jahre alt geworden, nach einem abenteuerlichen und gefährlichem Leben. Was man nie vergessen darf: Ohne solche Leute und deren Einsatz unter unglaublichen Opfern gegen die deutschen Faschisten würden wir hier alle mit Hakenkreuzbinden am Arm rumlaufen…”

Die Frau so, mit blitzschneller Auffassungsgabe: “Erzähl nicht. Du wärst doch schon längst tot, als Kommunist.”

Und da hat sie vermutlich mal wieder recht.

Geschichten, die das Leben schrieb: Entscheidung am Nachmittag

Ich sitze unschuldig in meiner Ecke und zeichne an einem Kleinauftrag, als die Frau entschlossenen Schrittes den Raum betritt.

Sie stürmt auf mich zu, bedeutet mir mit einem Handwinken, meine Kopfhörer abzusetzen und verkündet:

„Ich hab mir was überlegt!“

„Ach ja?“ ist meine matte Antwort, leicht indigniert über die Störung meines kreativen Nachmittags.

„Ja. Ich schmeiß dich raus!“

Ich schwanke zwischen verdutzt und erheitert, denn ein paar Sekunden schafft sie es, ernst zu bleiben und in dieser Zeit grase ich mein Gedächtnis ab nach etwaigen Zuwiderhandlungen gegen die eisernen Haushaltsgesetze absolut klinischer Sauberkeit und Ordnung, gegen die ich alle naslang verstoße.

Inzwischen grinst die Liebste aber über beide Backen und kündigt mir an: „Ich hab doch noch Würstchen, ich mach eine Linsensuppe für‘s Wochenende!“

Das ist natürlich eine gute Nachricht, gewissermaßen die Neuigkeit, auf die ich gewartet habe und ich signalisiere höchstes Interesse durch die kompetente und ressourcenbewusste Frage, ob wir denn noch Linsen in der Vorratsschublade hätten.

Meine Präferenz für ein anständiges indisches Dal anstelle einer gutbürgerlichen deutschen Linsensuppe mit Würstchen behalte ich für mich, denn hier würde ich bei der Chefköchin unserer privaten Volksrepublik auf Granit beißen, zumal die Würstchen offensichtlich weg müssen und auch „noch Kartoffeln da sind“, wie ich unterrichtet werde.

Ich sage zu allem Ja und Amen, die Gattin verzieht sich im Anschluß an ihre Erfolgsmeldung in ihr Home Office und ich kann wieder meine aktuelle Lieblings-Playlist „Best of Cool Jazz“ hören und weiter zeichnen.

Geschichten die das Leben schrieb: Am Brotstand auf dem Wochenmarkt

Der dienstfreie Tag ist heute kein faules Rumgammeln, Chillen und am iPad daddeln, sondern muss nach Ansicht der Frau für allerlei nützliche Tätigkeiten rund um den Haushalt genutzt werden. Durch MICH, versteht sich.

Als erfahrener Praktiker der Lebensführung weiss ich, dass Widerrede so zwecklos ist wie das Aufbegehren gegen eine Assimilierung durch die Borg und füge mich in mein Schicksal.

Ein professioneller Reinigungseinsatz im Treppenhaus mit kirschbedufteten Bodenwischtüchern soll als erstes meinen guten Willen demonstrieren und wird – zwar nicht anerkennend, aber immerhin ohne Optimierungsvorschläge – akzeptiert.

Als nächstes ist ein Außeneinsatz zur Besorgung diverser Lebensmittel fällig. Nach dem Supermarkt um die Ecke wandle ich zum donnerstäglichen Wochenmarkt und stelle mich in die kurze Schlange vorm Bio-Bäcker, den ich schon wegen der wohl extra für mich angefertigten „Schlaumeier“-Brötchen schätze. Ich wähle irgendein Brot aus, als mein Blick auf eine verlockende Verheißung in der Auslage fällt: ein flaches süßes Teil, nicht unähnlich einem Hamburger Franzbrötchen, aber rechteckig und deutlich größer leuchtet mir entgegen und lässt schon beim Hinschauen erkennen, dass es sich um nichts anderes als ein leckeres Blätterteig-Marzipan-Teilchen in Übergröße handelt!

„Was ist denn das da?“ frage ich die Verkäuferin, da kein Preisschild mit einer Bezeichnung zu sehen ist, und deute auf das Teilchen. „Das ist unser Super-Striezel!” verkündet sie stolz wie ein Mutter über ihr Neugeborenes, „Das ist Blätterteig mit Marzipan, Schokolade und Rosinen – wirklich SEHR LECKER!“

„Nehme ich!“, antworte ich, während mir schon das Wasser im Munde zusammenläuft und die Bäckersfrau das Preisschild umdreht, so dass ich den Preis lesen kann. Mir stockt der Atem. „Entschuldigung“, sage ich, „ich muss was an den Augen haben; ich meine, da vorne eine SECHS gesehen zu haben…?“ Tatsächlich steht 6,40 EURO auf dem Etikett.

Die Verkäuferin ist aber um keine Antwort verlegen: „Ja, was meinen Sie denn, wie teuer die Zutaten mittlerweile sind?! Marzipan, Teig, Energie.. das kostet alles richtig viel mehr als früher!“

„Ja, was meinen SIE denn, wie wenig die Löhne mit der Preissteigerung mithalten?“ versuche ich eine schwache Gegenrede, aber auch damit blitze ich bei ihr ab: „Ja, das ist ein anderes Thema…“ gibt sie realistisch zu bedenken. Inzwischen bin ich aber schon auf die Entfernung rettungslos der Aussicht verfallen, gleich ein köstliches süßes Marzipan-Teil zu essen und stoße hervor: „Scheiss drauf, dann geben Sie’s mir halt, in Gottes Namen…“



„In Gottes Namen geben Ihnen GAR NICHTS!“, ist die überraschende Antwort. „Aus DEM Kinderschänder-Verein trete ich aus, ich hab morgen Termin. Die kriegen keinen Pfennig mehr von mir!“ Erfreut über die kirchenfeindliche Einstellung meiner Gesprächspartnerin will ich noch ein bißchen Öl ins Feuer gießen: „Ach, Sie sind bei den Katholiken? Ja, die haben derzeit echt schlechte Karten…“

„Schlechte Karten?“ empört sich die Bäckerin, „Das sind alles Perverse und Lügner, das ist wirklich das Letzte, was die sich leisten…“

Jetzt mischt sich eine wartende Kundin ein: „Aber wirklich! Richtig widerlich! Zum Glück bin ich evangelisch…“ Damit kann sie aber bei der zu allem entschlossenen Bäckerin nicht landen. „Die sind auch nicht besser!!“ ruft sie. „Ich hab´s dicke. Ich brauche keinen Gott um meine Brötchen zu backen, die können mir alle mal gestohlen bleiben!“

Die entstehende religionskritische Diskussion der beiden, in die sich noch weitere Kunden einmischen (alle mit dem Tenor „Kirche ist scheisse und jetzt reicht´s wirklich mit Lüge, Heuchelei und Missbrauch“) verfolge ich im Weggehen noch mit halbem Ohr und freue mich auf meinen Super-Striezel. Zu recht, denn – wie sich herausstellt – ist das leckere Stück tatsächlich jeden Cent der 6,40 EURO wert.

Geschichten die das Leben schrieb: das Alter und der Wein

 Die Frau ist kürzlich, anlässlich eines hohen zweistelligen und auch noch runden Geburtstages, schwer ins Grübeln gekommen. Während ich selber in asiatischer Abgeklärtheit die Weisheit Buddhas verinnerlicht habe, nach der im menschlichen Leben generell Leid, speziell aber Alter, Krankheit und Tod zu erwarten ist, hadert meine Herzdame mit dem unabwendbaren Alterungsprozess.

Seit ihrem runden Geburtstag sieht sie sich – obwohl sie etwa 20 Jahre jünger aussieht als gleichaltrige Frauen, kerngesund und rundum eine äußerst attraktive Erscheinung ist – quasi mit einem Bein wenn nicht im Grab, dann aber fast im Rollstuhl oder im Pflegeheim stehen bzw. sitzen und liegen.

Heute lag im Briefkasten mal wieder die monatliche Infoschrift des Weinhändlers unseres Vertrauens, in welcher dieser seine aktuellen Erzeugnisse und Angebote bewirbt und die zu normalen Zeiten Gegenstand ausgiebigen Studiums und anschließender Kaufentscheidungen ist. Scheinbar sind die normalen Zeiten aber jetzt vorbei, denn die Frau läßt sich wie folgt vernehmen, während sie den Werbebrief ungeöffnet in den Papiermüll befördert:

„Mit dem Wein ist jetzt vorbei. Man muß wenigstens gesund leben, wenn man schon alt wird und anfängt, alt auszusehen. Das ist vielleicht eine Scheisse…“

Da ich aber nun mal Praktiker dialektischer Lebensführung bin, gebe ich ihr zu bedenken: „Ja, aber wenn man Wein trinkt, sieht man’s nicht so…“

Da muss sie lachen und räumt ein: „Wo du recht hast, hast du recht!“

Ich genieße diesen seltenen Moment unwidersprochener Meinungsäußerung und beschließe, dass das Werbeheftchen außerhalb des Papiermülls doch besser aufgehoben ist.