Nachdem ich morgens (Frühschicht!) nach dem Weckerklingeln auf Autopilot durch Küche (Kaffeemaschine!) und Bad (Dusche!) geschlafwandelt bin, erscheint auch die Frau – deutlicher wacher als ich – auf der Bildfläche.
Sie inspiziert meine Hinterlassenschaft im Bad und ist alsbald mit vorwurfsvollen Frageton zu vernehmen: „Sagmal, hast du alles runtergeschmissen oder hat der Hund auf die Matte gepisst?!“
In meinem verschlafenen Kopf bin ich zunächst ratlos. „Wie ´runtergeschmisssenˋ? Was meinst du?“
„Ja, das Wasser! Hier ist alles nass! Die ganze Matte ist nass!“
Ich muss erst mal verdauen, dass man Wasser ´runterschmeißenˋ kann und raffe mich zu einem lahmen „Nö..“ auf.
Die Liebste kommt mir aber sofort auf die Schliche und konstatiert: „Du steigst immer mit NASSEN FÜSSEN von der Dusche auf die Matte!“
„Ich dachte, das wäre der Sinn von Badezimmermatten..“ entgegne ich. Damit habe ich offensichtlich argumentativ und logisch ins Schwarze getroffen, den jetzt kommt keine Antwort mehr. Ich schlussfolgere, dass – ähnlich wie bei der Küche – meine Gattin am liebsten hätte, dass Spuren menschlicher Aktivität von vornherein unterbleiben.
Auf dem Weg zur Arbeit höre ich ein Interview mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD im DLF. Thema ist die Corona-Lage und die Maßnahmen dagegen bzw. die Kritik der AfD an diesen.
Der AfD-Mann spricht einigermaßen sachlich und sagt auch einige zutreffende Sachen; u.a. weist er darauf hin, dass im letzten Jahr tausende von Intensivpflege-Betten abgebaut worden sind oder dass die Grundprobleme des Gesundheitswesens wie Überlastung der Pflegenden usw. überhaupt nicht adressiert werden von den Politikern, die sich auf die Ungeimpften einschießen.
Der Interviewer dagegen fragt aggressiv, unterbricht immer wieder und benutzt einen Gesprächsstil, der geprägt ist von Unterstellungen, Fang- und Suggestivfragen sowie einer herablassenden, gänzlich unprofessionellen Art. Man merkt ihm an, dass er sich hier im vollen Recht des Besitzers der einzigen Wahrheit stellvertretend für die demokratische Mehrheitsgesellschaft an dem AfD-Mann als Paria der Parteienlandschaft abarbeitet.
Sein Interviewverhalten geht so weit, dass er berechnend zynische Fragen stellt, die die Covid-Erkrankung eines ungeimpften sächsischen AfD-Parlamentariers zum Thema haben – erkennbar, um den Interviewpartner aufs Glatteis zu führen.
Erstaunlicherweise macht sich hier eine Umkehrung des Narrativs bemerkbar, den die Qualitätsmedien in Bezug auf die AfD verbreiten: Polemik und Hetze vom DLF-Journalisten, Fakten und Bemühen um Sachlichkeit auf Seiten des AfD-Mannes.
Der DLF-Mitarbeiter (ich mag ihn kaum „Journalist“ nennen) würde vermutlich keinem Politiker anderer Parteien derart rotzfrech und provokativ in die Parade fahren und ihn von vornherein als abzukanzelnden Lügner behandeln. Im Gegenteil, sollte dieser DLF-Mensch Politiker der Ampelparteien oder der CDU interviewen, bin ich sicher, dass er die übliche devote Gesprächsführung beherzigen würde, die Journalisten zu Stichwortgebern für die Sprechblasen der Interviewpartner macht.
Nur bei der AfD werden die Mitläufer der herrschenden Meinung mutig und trauen sich – im Gefühl auf der Seite des Stärkeren, der Mehrheit zu stehen – die Frechheiten, die sie sich bei den übrigen bürgerlichen Parteien nicht verkneifen müssen (weil sie ohnehin dieselbe Weltsicht teilen wir die Vertreter ihrer Obrigkeit), sondern die ihnen bei diesen gar nicht erst in den Sinn kommen.
Dass die protofaschistische bürgerliche Partei AfD auf diese Weise bei vielen Bürgern völlig unverdient in den Ruf einer ernstzunehmenden Oppositionskraft kommt, ist der Kollateralschaden solcher Hofberichterstattung.
Die Frau unterbricht ihren Home Office Vormittag für eine Runde Oberflächen und Fußböden putzen. Sie ist bester Dinge und scheint die Haushaltsarbeit als Entspannung von ihrer zwar hochqualifizierten aber drögen Lohnarbeit (Zahlenkolonnen, Exceltabellen, Assekuranz-Fachchinesisch) zu benötigen.
Fröhlich trällert sie vor sich hin: “PUTZ DICH GLÜCKLICH!!”
Ich sitze mit dem iPad auf dem Bett (meine offizielle Lagerstätte wegen grippalen Infektes) und fertige ein paar Illustrationen an für die Düsseldorfer DKP, die ihre Flyer zur Unterstützung des Arbeitskampfes im Pflegebereich ein bißchen aufpeppen will.
Die Frau so, nachdem sie sieht, was ich zeichne und nachgefragt hat, für wen das ist: „Und alles mal wieder umsonst, oder?“
Ich so: „Ja klar. Wer soll mich denn dafür bezahlen? Die Kollegen, die streiken, um ein paar Euro mehr am Monatsende, einen besseren Personalschlüssel usw. zu haben? Du kannst Fragen stellen…. Ich unterstütze gerne mit meinen überschaubaren Talenten den Kampf der Kollegen für anständige Arbeitsbedingungen.“
Das beeindruckt die Liebste wenig: „Du solltest lieber mal im Haushalt deine Talente einbringen und deine Frau unterstützen statt die Kommunisten!“
Nur gut, dass ich keinerlei Talent zur Hausarbeit habe.
Hungrig von der Arbeit heimgekehrt, organisiere ich mir in der Küche die Zutaten fürs Abendbrot und bereite mir einen Teller allerleckerster „Bütterchen“, wie der Rheinländer sagt.
Nebenher fahre ich den Rechner hoch – als Niedriglöhner brauche ich die Einnahmen aus diversen kleinen Web- und Grafik-Nebenjobs, die ich nach und neben der regulären Lohnarbeit auf die Reihe zu kriegen versuche.
Als ich in die Küche zurückkomme, hat sich die Frau neben der Spüle aufgebaut und betrachtet mißbilligend meinen Abendbrotteller. Ihr kritischer Blick wandert vom Teller zur Spüle und wieder zurück. Sie sagt kein Wort. Allerdings ist ihr in unsichtbarer Leuchtschrift „Kannst du deine Krümel nicht wegmachen?!“ auf die Stirn tätowiert.
Im Geiste hat sie wahrscheinlich schon die genaue Anzahl der Krümel bestimmt und den Aufwand berechnet, den deren Beseitigung kosten würde – MICH, nicht sie, denn laut ihrer küchenhygienischen Perfektionistenphilosophie ist es erstens ein Leichtes, jedwede Küchenaktivität zu vollziehen ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, wobei zweitens diese Aufgabe nicht nur unmittelbar NACH irgendwelchen Koch-, Spül- oder Brotschmiervorgängen zu erledigen ist, sondern PARALLEL zu den Tätigkeiten, zu deren Erledigung man sich in die Küche begibt.
Ich fühle, dass ich jetzt mal etwas Grundsätzliches loswerden muss und erkläre: „Hast du eigentlich auch noch irgendwelche menschlichen Regungen in dir? Ist dir klar, dass dies eine KÜCHE ist, in der Menschen normalerweise sich um ihre Nahrungszubereitung kümmern und zu diesem Zweck mitunter Brote schneiden, die aufgrund ihrer Beschaffenheit dann auch mal KRÜMELN können? Manchmal hab ich das Gefühl, du nimmst mich nicht nicht als Mensch wahr, sondern bloß als Störfaktor, der Dreck verursacht!…“
Weit entfernt davon, sich von diesem leicht pathetischen Plädoyer beeindrucken zu lassen, antwortet die Gattin zuckersüß: „Hm, das trifft aber leider zu. Du hast dich selber sehr gut beschrieben. Du BIST nun mal ein dreckverursachender Störfaktor!“
Zum Glück verrät mir ihr Grinsen, dass sie damit gut leben kann und jedenfalls momentan und gnadenhalber bereit ist, sich auf meine überschaubare Kompetenz beim Aufräumen der Küche zu verlassen.
Ich komme aus einer Familie der Arbeiterklasse, deren vorletzter Sproß (mein Vater) einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg in die ersten Vorhöfe der Oberschicht hinlegte: vom Dekorateurs-Lehrling brachte er es zum Vorstandsvorsitzenden eines Versicherungsunternehmens. Damit konnte er im Laufe der Zeit seiner Familie ein gutes Leben in materieller Sicherheit gewährleisten.
Seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen vergaß er trotzdem nie. Er war zwar überzeugter Anhänger des Kapitalismus, wollte diesen aber „gerecht“ und „sozial ausgewogen“ wissen. Bis zur Rente blieb er SPD-Mitglied. Mit der Kanzlerschaft Schröders und der „Agenda 2010“ allerdings reichte es ihm; er trat aus der SPD aus („Das ist nicht mehr meine Partei!“) und war in seinen letzten Lebensjahren ATTAC-Mitglied.
In meiner Kindheit, als mein Vater seinen „Weg nach oben“ begann, war unsere soziale Lage für mich noch deutlich spürbar: Wohnsituation, städtisch gesponserte Ferienspiele und Sozialtickets für kinderreiche Familien, vor allem aber die liebevollen, doch eher bescheidenen Verhältnisse der Großeltern machten deutlich, welcher Klasse wir angehörten. Sie machten es deutlich, ohne dass es meinem kindlichen Verstand bewusst war. Es war einfach so. Ich erinnere mich an gelegentliche Besuche bei Schulkameraden aus „besseren Verhältnissen“, die z.B. in Eigenheimen wohnten: dass so wenig Leute soviel Platz bewohnen konnten und dies alles ihnen gehörte – statt wie wir mit 7 Leuten in einer engen Mietwohnung zu leben – war für mich ein tiefgreifender Eindruck.
Meine Jugend bis zur Volljährigkeit verbrachte ich dann in dem sorglosen Wohlstand einer Mittelschichtsfamilie. Auslandsreisen, Gymnasium, Abitur, Studium usw. waren möglich; Geld war vorhanden und wurde – jedenfalls bei entsprechender Gegenleistung in Form von schulischen und universitären Leistungen – auch gerne gegeben. Auch sonst ließ sich mein Vater nicht lumpen und half allen seinen Kindern mit Geld aus, wenn es mal knapp war.
Durch allerlei Umstände und einen höchst wechselvollen Lebensweg landete ich dann doch wieder bei den proletarischen Familienwurzeln und muss seit ca 2010 mit verschiedenen Niedriglohnjobs über die Runden kommen. Ich konnte jahrelang praktisch erfahren, was Armut bedeutet, was es heisst, am Monatsende gerade genug Geld für Miete und nicht verschiebbare Zahlungen zu haben.
Ich musste oft aus Geldmangel im Pflegeheim (meinem Arbeitsplatz) mitessen, da zuhause keine warme Mahlzeit drin war. Ausgaben über 50 EURO stellten mich vor Probleme. Die Angst, dass Waschmaschine oder Auto kaputt gehen oder eine Reparatur benötigen könnten, begleitete mich ständig. Offizielle Schreiben, die ja in der Regel meist Rechnungen und Mahnungen sind, öffnete ich nur mit Grausen. Das Auto musste ich schliesslich abschaffen, weil ich es mir nicht mehr leisten konnte – zum Glück war der Arbeitsplatz In der Nähe.
Die 10 – 15 Euro, die ich Sonntags rituell im Weimarer „Caféladen“ auszugeben pflegte, waren Gegenstand sorgfältiger Planung und Berechnung. Als ich meine Wochenstunden von 30 auf 35 erhöhte, um etwas mehr Geld übrig zu haben, wurde mir prompt das Wohngeld gestrichen, da ich mit mehr Wochenarbeitszeit oberhalb irgendwelcher Bemessungsgrenzen lag. Urlaub war ein Wort, das ich zwar kannte, aber das für mich lohnarbeitsfreie Zeit zuhause bedeutete.
Kurzum, Schmalhans war Küchenmeister und jeder Euro musste centweise mehrfach umgedreht werden.
Mittlerweile lebe ich, dank einer gut verdienenden Gattin und nach Umzug in die Alt-BRD, ein Mittelschichtsleben wie meinen Eltern nach erfolgtem sozialen Aufstieg. Autoreparaturen und Anschaffungen von Haushalts- oder IT-Geräten sind (zwar nicht andauernd, aber bei Bedarf) möglich, Urlaub ist kein Problem und Ausgaben unter 100 Euro kann man einfach so mal eben machen, ohne lange zu überlegen. Selbst die derzeitige Teuerung auf allen Gebieten, die absehbaren massiv erhöhten Energiekosten usw. lassen sich mit unserem soliden kumulierten Familieneinkommen vergleichsweise locker wegstecken.
Und das bringt mich zum Kern des Pudels bzw. zur Butter bei den Fischen: es ist ein Riesenunterschied, ob man genügend Geld übrig hat für die diversen kleinen Kosten des Lebens im Kapitalismus (inklusive Dinge, die man sich einfach nur kauft, weil man Spaß dran hat; inklusive „soziale Teilhabe“ wie Konzerte, kulturelle Veranstaltungen usw.) oder ob man all das nicht kann, weil das Reich der Freiheit nur den Niedriglohnsektor oder das Hartz4-Regime für einen vorgesehen hat.
Die Gemeinheit, Menschen in Armut leben zu lassen, indem man sie schlecht bezahlt; indem man sie von elenden staatlichen Transferleistungen zu leben zwingt; indem man ihnen auferlegt, dass ihr (Über-)Leben vollständig eine abhängigen Konstituente der Berechnungen anderer (nämlich von Staat und Kapital) ist: das ist ein recht widerlicher Zug dieses allseits gepriesenen Freiheitsladens.
Armut macht nämlich krank. Ich erinnere mich gut an den permanenten Stress, ob das Geld ausreicht, wo ich einsparen muss usw. Die Unterströmung dieser Daueranspannung ist armen Leuten ein fester Begleiter. Sowas geht über kurz oder lang auf die Gesundheit. Laut Statisten werden Arme schneller krank und sterben früher.
Darum ist das so eklig. Nicht, weil „das doch gar nicht nötig wäre in einem so reichen Land wie unserem“, sondern WEIL es nötig ist, um diesen Kapitalismus erfolgreich zu machen. Armut ist nicht das Zeichen, dass der Kapitalismus versagt, sondern im Gegenteil der Beleg dafür, WIE GUT er funktioniert. Ohne Armut kein Reichtum, ohne Verarmung der Leute keine Akkumulation von Geld und Kapital auf der Seite derjenigen, deren Einkommensquelle die Arbeit anderer ist.
DARUM gehört der Dreckskapitalismus abgeschafft. Nicht „gerechter“ gestaltet. „Gerechtigkeit“ ist was für Leute, die das, was sie „Ungerechtigkeit“ nennen als conditio sine qua non der Gesellschaft akzeptiert haben und nun ein bißchen Wohltätigkeit für die „sozial Schwachen“ spendiert haben möchten. Die Forderung nach „Gerechtigkeit“ ist Bittstellertum, Adressat ist die Obrigkeit.
Nachsatz: wer immer mir jetzt kommt mit „Jeder ist doch seines Glückes Schmied!“ und „Das hat sich doch jeder selbst ausgesucht; man kann doch einen Beruf ergreifen, in dem man viel bzw. genug Geld verdient!“, der wird zur Stunde seines Abschieds aus dieser Welt stantepede in die schlimmste aller Höllen befördert, die neoliberale Poesiealbumssprüche-Hölle.
Dort werden die Delinquenten in riesige Fässer voller Erfolgsmenschen-Achselschweiß getaucht und müssen sich tagein-tagaus Christian Lindner- und Annalena Baerbock-Reden anhören. Wenn sie aus den Fässern auftauchen zum Luftschnappen, kriegen sie von jeweils einem Dutzend freigesetzter Arbeiter, Niedriglöhner und Erwerbsloser eine Abreibung nach Maß verpaßt (deren blaue Flecken vor dem nächsten Tauchgang sofort wieder verschwinden).
In der Parallelrealität dieses Strafplaneten häufen sich die bizarren Zeichen und Hinweise auf den grundlegend absurden Zustand der Spezies: innerhalb von nur 30 Minuten stoße ich auf die hier abgebildeten Nummernschildbeschriftungen.
Die erste wirft berechtigte Fragen auf nach dem Substanzengenuß des Autohändlers oder der Werkstatt; vor allem möchte man natürlich wissen, wofür das „vn“ hinter dem imperativen „kiffe“ steht: „viel neues (Hasch)“? „Veredeltes Nepali-Grass“? „verdammt nochmal!“?
Eine kurze Google-Recherche fördert eine ominöse „Kiffe V&N GmbH“ zutage, laut Selbstauskuft sogar Teil einer „V&N Gruppe“; offensichtlich ein Dealer, der in großem Stil Cannabis nach Deutschland importiert und sich als Fassade eine gutbürgerliche Tarnexistenz als Autohändler gewählt hat.
Während ich noch am Grübeln bin über die Chuzpe dieser Rauschgiftmafia, sich einfach mal so über Nummernschildbeschriftungen bekannt zu machen, trete ich vor Schreck fast auf die Bremse, als mir die nächste kryptische Inschrift unterm Nummernschild des vor mir fahrenden Autos ins Auge und ins Großhirn dringt: “Auto-Birne“!?!
Könnte das ein Alias der Kifferklitsche von soeben sein? Sozusagen eine Allegorie auf die AUTOnome Entgrenzung der bekifften BIRNE?
Oder sollte es sich etwa um ein Nebenerwerbs-Business des „Kanzlers der Einheit“ handeln, eine subtil-ironische Rache des späten Helmut Kohl an den TITANIC-Autoren, die ihm auf ewig den Spitznamen „Birne“ angehängt haben
Zum Glück habe ich es nur noch wenige hundert Meter bis nach Hause. Nachdenklich und verwirrt suche ich mir einen Parkplatz und bin froh, dass die Fahrt beendet ist, denn mittlerweile frage ich mich angesichts der mehrdimensionalen Implikationen all dieser doppelbödigen Botschaften, ob ich selber bekifft bin.
Da ich jedoch gerade von der Arbeit komme, kann ich einen entsprechenden Drogenkonsum ziemlich eindeutig ausschließen. Oder?
Nach einem wieder mal erlesenem Mittagsmahl, aufs Professionellste erstellt und angerichtet von der Liebsten – als Meister-Hobbyköchin eine Kategorie für sich – mache ich mich in satter Zufriedenheit, und um haushaltsmäßig guten Willen zu demonstrieren, ans Abräumen.
„Die Pfanne nur in die Spüle! Kein Spüli rein! Lass nur Wasser reinlaufen, den Rest mach ich nachher!“ ertönt es leicht alarmiert in meinem Rücken, während ich mit den benutzten Küchengerätschaften hantierte.
Die Hi-End-Edelstahlpfanne, de facto eine Mischung aus Pfanne und Topf, mit weltraumtauglicher Nanobeschichtung versehen und von der Gattin für einen Preis erstanden, bei dem mir schwindlig wurde, ist nämlich das zentrale Kultobjekt ihrer Küchenreligion; es wird von ihr verehrt wie ein Sakralgegenstand und gehütet wie ein rohes Ei. Laien wie ich dürfen sich dieser heiligen Kulinarikhardware nur mit Ehrfurcht und unter Einhaltung größter Behutsamkeit nähern.
„Weiss ich doch“, antworte ich mit lässiger Selbstverständlichkeit, „ich kenn‘ doch die eisernen Küchenregeln, die hier gelten… auch wenn ich es nicht immer schaffe, sie einzuhalten!“
Die Frau so (im Ton definitiver Faktizität): „Nie.“
Ich komme vormittags vom Einkaufen nach Hause. Die Frau, im Homeoffice, sitzt am Schreibtsch und lauscht – einer Ansprache? Einem Vortrag? Einer Wahlkampfrede?
Die Stimme aus dem PC klingt wie ein Berufspolitiker, der – wichtig, wichtig – irgendwelche bedeutsamen Ankündigungen an die Untertanen macht, jedenfalls an Leute, die in irgendeiner Weise von ihm bzw. seinen Beschlüssen abhängig sind.
Beim Auspacken dringen Wortfetzen aus dem Arbeitszimmer an mein Ohr:
„Wir haben die Digitalisierung der Arbeitswelt hinter uns gebracht… Partnerschaft… um im Privatkundengeschäft zu wachsen, im Gewerbekundengeschäft zu wachsen… wachsen…. wachsen…. wachsen.. Nachhaltigkeit… klimaneutral zu werden, in einigen Bereichen sogar klima-positiv zu werden… wachsen… wachsen… wachsen… Wachstumsquote… Kommasieben… wachsen… nachhaltig… Erfolg… gemeinsam… großes Potential… das Wachstum…“
Ich ahne, wer hier so unglaublich aufmerksamkeits- und gleichzeitig gehorsamsheischend daherschwallt, frage aber trotzdem mal nach: „Hörst du dir hier Politikerreden an oder was ist das für ein wichtigtuerisches Gesülze?“
Die Frau macht eine abwinkende Handbewegung.
„Vorstand!“, ist ihr einziger Kommentar. Der Redner ist also der Vorstandsvorsitzende ihres finanzkapitalistischen Arbeitgeberkonzerns. Sie steht auf, macht mit der Hand die Schnatternder-Schnabel-Geste und gesellt sich zu mir in die Küche.
„Müsst ihr euch das anhören?“, will ich wissen.
„Ja. Das ist die Strategiekonferenz. Ganz ehrlich: das ist sowas von peinlich… ich lass das nebenher laufen.“
Der schiere Irrsinn der Ansprache dieses Führungsbourgeois lässt mich einerseits froh sein, dass ich mittlerweile das Alter und die meditative Gelassenheit erreicht habe, wo ich nicht mehr fürchte, an dem Irrsinn der Welt selber irre zu werden.
Andrerseits zeigen die Floskeln und Sprechblasen dieses unternehmerischen Lieblingsbürgers eines anständig akkumulierenden Kapitalstandortes, wie hervorragend WACHSTUM sich mit einem modernen grünen Kapitalismus mit Klimaneutralität – sogar Klimapositivität! – und „Nachhaltigkeit“ vereinbaren läßt.
WAS da wächst, nämlich bestimmt nicht die Löhne und Gehälter derjenigen, die die Befehle aus den Konzernzentralen auszuführen haben, muß man überhaupt nicht wissen. Das magische Wort WACHSTUM hat zu reichen als conditio sine qua non einer Ordnung, die längst keinerlei Rechtfertigung mehr benötigt.
Der Imperialismus mag Mensch, Tier, Natur, Umwelt und den gesamten Planeten als Brennstoff der kapitalistischen Bereicherung verheizen – es ist egal, jeder hat die Gültigkeit des irrationalen Götzen WACHSTUM verinnerlicht und versteht, dass damit nicht ein Wachstum seines eigenes beschränkten finanziellen Spielraums aus der Einkommensquelle Lohnarbeit gemeint ist, sondern das Wachstum derjenigen Werte, auf die es wirklich ankommt: das in Geld gemessene, als Kapital fungierende Vermögen, das in den Umsätzen und Gewinnen der Konzerne, der Unternehmen und der Superreichen erzeugt wird.
Das zu kapieren und hinnehmen zu müssen, daran kann man schon irre werden. Oder Kommunist.