Meine Liebste, ansonsten eher dem seichten Vorabend-Fernsehprogramm, “Tatort”-Folgen und der Perfektionierung von Haushalt und Küche zugetan, hat sich vor der Mediathek niedergelassen und eine höchst umsturzverdächtige Konserve vom NDR aufgerufen.
Während ich am Rechner sitze und mit halbem Ohr hinhöre, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen. “Was guckst DU denn da??” frage ich überrascht. “‘Wie endet der Kapitalismus?’ – Hauptsache er ENDET überhaupt!” kann ich mir nicht verkneifen zu bemerken.
“Das will ich jetzt mal sehen! Das ist interessant!” erhalte ich zur Antwort. Meine Gattin ist allerdings aufs Empörteste sensibilisert, seit sie vor ein paar Tagen eine Reportage über den Wohnungsmarkt sah, in dem zahlreiche Normalverdiener vorgestellt wurden, die aufgrund der marktwirtschaftsüblichen Immobilienspekulation sich die Miete nicht mehr leisten können.
Seit geraumer Zeit beobachte ich eine zunehmend kritischere Einstellung meiner Herzdame zu allerlei Phänomenen, die – wie schlaue Kommunisten wie ich natürlich wissen – ihre Ursache im Ausbeutersystem und der imperialistischen Barbarei haben. Allerdings halte ich mich mit Einflußnahme so gut ich kann zurück und versuche, wenn (zu meiner Freude) doch mal das Gespräch auf politökonomische und gesellschaftstheoretische Themen kommt, so sachlich und faktisch wie möglich zu argumentieren.
Gerade meine Frau ist eine hervorragende Trainingspartnerin für solide und nüchterne kommunistische Überzeugungsarbeit ohne Missionierungseifer und emotionale Agitation. Sie ist von Persönlichkeitsstruktur und Herkunft typisches Kind westdeutscher Wohlstandsverhältnisse. Beruflich ist sie, als studierte Betriebswirtin, seit Jahrzehnten bei einem finanzkapitalistischen Konzern beschäftigt, hat also einen ziemlich nüchternen Blick auf finanzielle und ökonomische Dinge.
Wenn sogar jemand wie sie anlässlich der anstehenden Bundestagswahlen verkündet, dass sie obwohl sie eigentlich nicht wählen wollte, “diesmal die Kommunisten” wählt, kann ich mir das ein wenig auch als eigenes Verdienst anrechnen, da ich aus meinen politischen Sympathien (ebenso wie aus meiner Meinung zu bürgerlichen Wahlen, btw) kein Hehl mache – andrerseits sind die Verhältnisse anscheinend mittlerweile so, das viele Leute von selbst drauf kommen, dass Kapitalismus eben schon als Kind scheisse war.
Vorläufig hat mein Schatz aber andere Probleme mit der politischen Weiterbildung: da die Mediathek übers Internet auf den Fernsehschirm gelangt und heute wohl die Verbindung etwas instabil ist, fällt zu ihrer Verärgerung immer wieder mal der Videostream aus. Scheinbar immer an ähnlichen Stellen, jedenfalls höre ich sie fluchen:
“Immer wenn ich höre, dass die Reichen noch reicher werden, fällt das Internet aus! Vielleicht soll ich gar nicht wissen, dass die Reichen noch reicher werden…”
Freiheit als Herrschaftsform bedeutet neben und vor allem anderem, dass aus allem und jedem ein Geschäft gemacht werden kann – sofern sich zahlungsfähige Nachfrage danach findet. Für die „CRIME“-Hefte der Zeitschrift „Stern“, die hier einen ganzen Drehständer in der Bahnhofsbuchhandlung einnimmt, scheint das der Fall zu sein.
Kenner- und genießerisch zelebrieren Dutzende von Ausgaben die ganze spannende Welt des Verbrechens – von den „13 schlimmsten Serienmördern aller Zeiten“ bis zu Einzelausgaben besonders fieser Meuchelmörder und Kapitalverbrecher.
Dass diese wichtige Freiheit, nämlich das lesende Publikum mit den gesetzübertreterischen Gruselgeschichten aus der kapitalistischen Wirklichkeit zu unterhalten, eine ganz essentielle ist, wird unterstrichen durch die nebenan platzierten Hefte über geschichtliche Gestalten und Politiker: der Name des schwarzweißen Schnurrbartträgers, den jeder kennt (auch wenn hier ein vergleichsweise sympathisches Jugendfoto des „Stählernen“ als Titelbild ausgewählt wurde), wird in kyrillisch anmutenden Buchstaben geschrieben, darunter das entscheidende Stichwort „Tyrann“.
DIESER Bursche, so viel weiß jeder Insasse unserer freiheitlichen Demokratie, war garantiert KEIN Befürworter solcher wesentlichen Freiheiten wie derjenigen, mit den Opfern und Verbrechern des wunderbaren wertewestlichen Freiheitsladens ein anständiges Geschäft zu machen; sowieso und im Grunde genommen – so schließt sich der Kreis – war der Mann ja selber ein Verbrecher, wie man ausweislich der beachtlichen Anzahl von Toten während seiner Regierungszeit schon in der Schule gelernt hat.
Dass die gewaltige Mehrzahl dieser Leichenberge dem Mann und seinem Land von außen aufgezwungen wurden und das Resultat der seinerzeitigen Versuche war, das bolschewistischer Rußland zur wertewestlichen FREIHEIT zu bekehren, spricht wiederum nicht für ihn und sein Tyrannentum, sondern belegt nur die tyrannische Natur des sowjetischen Anführers und seines menschen- und sittenwidrigen Unrechtsystems: all die Opfer hätte er seinem Land schließlich durch freiwilligen Rücktritt und Selbstaufgabe seiner sozialistischen Tyrannei ersparen können!
Gottseidank hat ja letztendlich unser Mann in Moskau, Michael Friedensheld Gorbatschow, diesen Job erledigt und das gesamte Reich des Bösen in unsere regelbasierten Weltordnung von Freiheit und Geschäft überführt. Deswegen ist so ein bißchen Grusel über Stalin und andere Verbrecher ganz angebracht, vor allem wenn es in Zeiten branchenüblicher Schwierigkeiten des Verlagswesens etwas zusätzliche Auflage und Umsätze bringt.
Eine Gruppe älterer Herrschaften, alles Männer, im Alter zwischen 60 und 70 (peinlicherweise also meine Altersgruppe) nimmt im ICE von Hamburg nach Düsseldorf Platz. Die grau- bis weißhaarigen leger gekleideten Jungsenioren beginnen die Fahrt gleich mit dem Entleeren der mitgebrachten Kühltaschen und widmen sich quasi ab sofort, kaum dass der Zug anrollt, ihrem offensichtlichen Reisezweck: mit einer Menge kühlen Bieren hart daran zu arbeiten, so viel „Spaß“ wie möglich zu haben.
Ich ahne, was mir in diesem Abteil bevorsteht und verschwinde unter meinen Kopfhörern. Trotzdem dringen immer wieder die lauten Sprachfetzen der Rentnergruppe an mein Ohr, vor allem aber das noch lautere, völlig aufgesetzte und künstliche Lachen, mit dem sie jede launige Bemerkung eines der ihren quittieren.
Sie steigern sich immer mehr in ihre todernste Bereitschaft hinein, unter allen Umständen eine „gute Zeit“ haben zu wollen und erinnern mich damit an die Teenagergruppen, die sich in der Öffentlichkeit genauso laut, indezent und auffällig aufführen. Im Gegensatz zu den älteren Männern drei Sitzreihen vor mir haben Teenager allerdings die beste denkbare Entschuldigung für derart fremdschämintensives Verhalten: ihre Jugend.
Bislang war ich froh, dem Teenager- und Best-Ager-Alter glücklich entronnen zu sein; jetzt sehe ich, dass der Fortschritt der Jahre keineswegs Garantie für Dezenz und edle Haltung als Ausdruck gereifter Gelassenheit ist.
Morgens erscheint meine äußerst attraktive Gattin frisch gebadet, duftend und aufs Anmutigste bekleidet in der Küche und strahlt mich an.
Ich umarme sie und und bringe meine überwältigende Zufriedenheit mit ihrer Gesamterscheinung zum Ausdruck indem ich ihr spaßeshalber zuraune: „Du siehst toll aus! Schade dass wir keinen Sex mehr haben!“
In Wahrheit lässt unser diesbezügliches Treiben nichts zu wünschen übrig, auch wenn wir uns altersbedingt nicht mehr – wie vor dreißig Jahren, als wir uns kennenlernten – mehrmals am Tag der sexuellen Gymnastik unterziehen.
„Ach, Kay….“, seufzt sie gespielt resigniert.
Ich nehme den Ball auf und ergänze ihren angefangenen Satz: „Ach Kay, du bist doch jetzt in dem Alter, wo das nicht mehr gebraucht wird…“
Die Liebste muß grinsen und antwortet: „Gebraucht wird das schon. Aber das muß man sich VERDIENEN!“
Damit weiß ich jetzt, dass ich heute besonders guten Willen bei allen haushaltstypischen Tätigkeiten zeigen muss.
Auf dem Heimweg von der letzten Hunderunde. Die Frau und ich sprechen über ihre Verwandtschaft, die zu großen Teilen aus begüterten Bourgeois besteht.
Neffen und Nichten meiner Frau blicken einer privilegierten Zukunft entgegen, in der sie als phänotypische Bourgeoiszöglinge bereits jetzt durch entsprechende Ausbildung, Förderung und Studiengänge auf die anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet werden, später einmal nicht nur den Lebensstandard, sondern vor allem die Lebenseinstellung ihrer Eltern aufrecht zu halten und fortzuführen.
Es handelt sich dabei um Jugendliche und junge Erwachsene, die noch nie im Leben irgendeine Not oder Knappheit kannten; deren Sorgen vornehmlich darin bestehen, wo man Urlaub macht oder ob man sich die Louis-Vuitton-Tasche nicht doch zugunsten eines Chanel-Kleidchens verkneift und ob es nicht langsam Zeit ist, sich über die Vermehrung des in der Familie ohnehin vorhandenen Vermögens Gedanken zu machen.
„Das sind eben typische Vertreter ihr Klasse“, sinniere ich. „Die sind mit ihrem Lebensstil und ihrem Klassenbewusstsein groß geworden und kennen nichts anderes…“
„Die werden sich noch umgucken“, wirft die Frau ein.
Ich bin überrascht. Treten da etwa bislang unentdeckte sozialrevolutionäre Züge bei meiner Liebsten zutage? Ganz so meinte sie’s aber nicht:
„Na, mit der Klimaveränderung und der Kriegsgefahr… weiß doch keiner, ob die überhaupt noch Zeit haben, ihr Geld auszugeben. Geld werden die natürlich immer haben. Das ist alles schon eingetütet und in die Wege geleitet. Der P. (Jüngster Sohn ihrer Schwester) setzt sich ins gemachte Nest (die private Augenklinik seines Vaters), die beiden Mädchen studieren ja schon Medizin und werden niemals Mangel leiden, wenn sie sich nicht völlig dämlich anstellen…“
„Oder wenn sich die Mehrheit der Leute besinnt und beschließt, die Zustände zu beenden, in denen die Armut der einen den Reichtum der anderen bedingt…“, werfe ich ein.
Meine Herzdame ist aber noch am Kontemplieren: „Nimm mich zum Beispiel. Ich hab keine reichen Eltern, ich hab eine Lehre gemacht und dann studiert und hab’s trotzdem zu nichts gebracht, also kein Eigentum, kein Haus, kein Vermögen oder sowas…. Die haben von vornherein alles und müssen sich nie Gedanken über Geld machen…“
„Tja, du bist vielleicht einkommensmäßig in der unteren Mittelschicht angesiedelt, aber eben immer noch lohnabhängig, also auf Gedeih und Verderb von der Kalkulation anderer mit deiner Arbeitskraft abhängig“, ergänze ich. Ich komme langsam in Fahrt:
„Das Üble an dieser Gesellschaft ist ja, dass alle wissen, was für ein Elend ihrem bißchen Erfolg zugrunde liegt. Jeder weiß , dass nur ein paar Wenige auf Kosten der Mehrheit alles besitzen und sich bereichern. Aber selbst die Ärmsten wollen lieber zu den paar Reichen gehören, als dass sie sich dazu entschließen, ein anständiges Leben für ALLE herzustellen…“
„Ja“, ergänzt die Frau, „wie die Fettaugen auf der Suppe.“
„Genau. Die Suppe stinkt und ist ziemlich unbekömmlich, aber Demokratie-Insassen sind lieber Fettaugen auf einer fauligen Suppe als das sie die Brühe auskippen und eine nahrhafte Suppe kochen, von der alle satt werden…“
Kurzes Schweigen, ehe die Liebste zum Himmel schaut und sagt: „Also, ich hab heute Lust auf ein Glas Rotwein; was ist mit dir..?“
Angesichts dieses klaren Signals, dass die sozialpolitischen und allgemein ökonomischen Erörterungen jetzt beendet sind, nicke ich zustimmend und bestätige, dass auch ich ein Glas Rotwein durchaus zu schätzen wisse.
Im Ostseebad Schönberger Strand existiert noch heute die alte Tradition einer Fischerei-Spielart, von der Außenstehende, insbesondere außenstehende Landratten, noch nie gehört haben:
Die Quallenfischerei.
Das schwer zu erlernende Handwerk wird nicht vom Vater auf den Sohn, sondern stets generationsüberspringend vom Urgroßvater auf den Urenkel vererbt – mit ein Grund, warum es lange ausgestorben schien. Schwer zu erlernen und zu beherrschen ist die Kunst des Quallenfischens schon deshalb, weil die glibberigen Ostseequallen (die nicht mit den stramm festkörperhaften Muskelquallen der Nordsee oder erst recht den gepanzerten Raubquallen um Island zu verwechseln sind) mit normalen Fischernetzen nicht zu erbeuten sind.
Nein, man muß hier auf das Geschick und die Erfindungsgabe des norddeutschen Menschenschlages zurückgreifen, um zu einem erfolgreichen Quallenfischer zu werden. Und das tut der norddeutsche Mensch: Urfischer Hein Moinsen, der mythologische Gottseibeiuns der Quallenfischer, wusste was er tat, als er – so die Sage – nach einem nächtlichen Gelage morgens früh um 4:00 seinen Kahn bestieg und auf die schimmernde Ostsee hinausfuhr.
Beseelt vom herben Landbier und etlichen Lagen Köhm brachte er einen großen Eimer an der Backbordseite des Bootes an. Sodann tauchte er eine Hand in das salzige Element, wedelte diese in langsamem, gleichmäßigem Rhytmus hin und her und sang spontan diese Verse:
„Qualle, Quällchen, schönes Glibbern! Lass mich hier nicht lange dibbern*, Kommt herbei, ihr kleinen Schleimer, springt in meinen Qualleneimer!“
Was die Quallen dann auch taten. Lag es am norddeutschen Singsang des Urfischers? An seiner Verbindung mit den Elementen oder seiner Trinkfestigkeit? Bis heute jedenfalls ist nicht jeder zum Quallenfischer geeignet; auch manch Einheimischer kann im Wasser wedeln und die Quallenbeschwörungsverse singen bis die Flut kommt und keine Qualle springt in seinen Eimer.
Ist der Eimer aber voll und die Beute an Land gebracht, weiß nur die Quallenfischersfrau um das Geheimnis der schmackhaften Quallensuppe, die man hier im Norden auch „die Bouillabaisse des kleinen Mannes“ nennen würde, wenn man Französisch könnte.
*norddeutsch für „meckern, jammern, drängeln“
(Bilder: Einer der letzten Quallenfischer macht seinen Kutter klar und sticht in See)
Die Frau so (studiert die Wetter-App): “Also morgen und übermorgen, da werden wir unseren Arsch nur in die Sonne hängen! Da ist keine Wolke am Himmel!“
Ich (erschrocken, heimlich Pläne schmiedend für stundenlanges iPad-Daddeln in abgedunkelten Räumen, aber Zustimmung signalisierend): „Da gibt’s kein Pardon bei der Sonnung!“
Nachdem ich dem dringenden Ausschlafbedürfnis der Liebsten stattgegeben habe und die erste Runde mit dem Hund alleine gegangen bin, setze ich mich wieder an den Rechner.
Ein bezahlter Grafik-Job wartet, und in der kommenden Arbeitswoche wird kaum Zeit sein für Design- und Programmierarbeiten. Die Frau verbringt derweil ausgiebig Zeit in Bad und Ankleidezimmer, erscheint aber nach einer Weile ausgeruht und tiefenentspannt, mit noch nassen Haaren und nach edlen Bodylotions duftend, im Wohnzimmer, in dem ich vor mich hin mausklicke.
„Ich könnte noch einen Kaffee gebrauchen!“, rufe ich ihr zu, den Blick hochkonzentriert auf den Monitor gerichtet.
„Nee, ich kann jetzt nicht“, kommt zur Antwort.
Jetzt blicke ich doch mal hoch. „Wie jetzt? Du kannst nicht mal eben Wasser aufsetzen und einen Kaffee machen? Ich bin hier am ARBEITEN, falls dir das entgangen ist..“
Die Gattin: „Ich muss meine Fingerchen machen. Ich arbeite an meiner äußeren Erscheinung!“
Spricht‘s und setzt sich hin, um mit einer Nagelfeile an der äußeren Erscheinung ihrer Fingernägel zu arbeiten. Für mich als passionierten Nägelkauer ist das schwer nachvollziehbar und so begebe ich mich selber in die Küche um für Kaffeenachschub zu sorgen.
Sie kriegt natürlich als erste eine Tasse frischen Kaffees ab – Ehrensache.
Ich sitze an meinem Rechner im Wohnzimmer, weil das Arbeitszimmer nun schon seit Monaten der Home Office Arbeitsplatz der Frau ist. So bin ich gezwungen, mit halbem Ohr das Fernsehprogramm mitzuverfolgen, das eine entspannungswillige Gattin an diesem müden Nachmittag eingeschaltet hat.
Im Fernsehen läuft ein Bericht über Schulen; es geht wohl um eine Lehrerin, die tolle neue Unterrichtsmethoden einsetzt. Am Beispiel ihrer Klasse und des gerade durchgenommen DDR-Projektes wird gezeigt, wie das funktioniert:
In Rollenspielen sollen sich die Schüler in die damalige Zeit und ihre Protagonisten hineinversetzen: sie spielen eine Woche lang DDR.
Warum’s da geht, ist sofort klar: „Die Schüler erfahren die Unfreiheit, als sie nicht ausreisen können“, verkündet der Sprecher unheilvoll. Dann wird gezeigt, wie der Staatsratsvorsitzende gewählt wird (etwa 12 Schüler sollen das Politbüro darstellen): „Die Wahl ist eine Farce, es gibt nur einen Kandidaten – Diktatur anschaulich gemacht!“
Die Kamera zeigt eine Gruppe Schüler, die lautstark „Freiheit! Freiheit!“ schreien, der Sprecher erläutert: „Wie zu DDR-Zeiten gehören auch im Rollenspiel viele zur Opposition. Der Unterricht: eine lebendige Art der Geschichtsvermittlung!“
Mittlerweile ist mir von der geballten Ladung antikommunistischer Desinformationshetze derartig schlecht geworden, dass ich in einem Anfall von Übellaunigkeit vor mich hin fluche und lautstark über die Indoktrinationsleistung des staatlichen Fernsehens ablästere.
Da die Frau sich gerade zum Rauchen in die Küche verzogen hat, ergreife ich die Gelegenheit und drücke den Mute-Button, um mir das Geseire nicht länger anhören zu müssen. Bei ihrer Rückkehr ist die Gattin, der die Existenz eines Stummschaltknopfes bisher unbekannt war, irritiert und beschwert sich über meinen Eingriff.
Für sie war die Sendung eine ganz normale Nachmittagsreportage, die sie wegen der gezeigten „innovativen Unterrichtsmethoden“ sogar noch einigermaßen interessant fand.
Ich versuche ihr zu beschreiben, was mich daran stört: „Als ob die DDR aus lauter bösartiger Unterdrückung und Unfreiheit bestand… Warum haben die staatlichen Medien es 30 Jahre nach dem Anschluß immer noch nötig, den ersten Sozialismusversuch auf deutschem Boden auf Deubel komm raus zu dämonisieren und zu delegitimieren? Im Subtext sagen sie doch nur eines: Kommt ja nie wieder auf den Gedanken, irgendeine andere Gesellschaftsordnung als Kapitalismus zu wagen! Alles andere führt zu STASIMAUERSTACHELDRAHT und UNFREIHEITUNDUNTERDRÜCKUNG!
Das sind die paar Stichworte, bei denen dem westlich konditionierten Bürger der antikommunistische Sabber aus dem Maul tropft wie Pawlows Hund beim Erklingen des Glöckchens!“
Die Liebste will das so genau aber garnicht wissen und verlangt von mir kategorisch, den Ton wieder anzustellen. Ich tue ihr den Gefallen und verziehe mich unter ein Paar Kopfhörer.
Bei der abendlichen Hunderunde ist das Vorkommnis erneut Thema. Ich entschuldige mich für mein wütendes Gezeter über ein Fernsehprogramm und räume ein, das ich ihr gegenüber mich manchmal benehme als wäre ich alleine oder unter kommunistischen Freunden.
„Du bist aber auch immer identifiziert mit diesem DDR-Kram“, kriege ich zu hören; „Und das stimmte doch auch, was die da gesagt haben, oder? Es gab doch die Stasi…!“
„Mein lieber Schatz, wenn man etwas verteidigt, heißt das noch lange nicht, dass man 100% mit allem übereinstimmt, was das zu Verteidigende ausmacht“, hole ich aus.
„Mir geht es darum, dass ein völlig einseitiges, gefärbtes Geschichtsbild vermittelt wird, das nicht auf Fakten beruht sondern auf einer ideologischen Vorgabe, nämlich der Deligimierung JEDES Sozialismusversuches. Außerdem wird das auch in wissenschaftlicher, historischer Sicht der Sache nicht gerecht, weil die positiven Aspekte der DDR grundsätzlich nur als zu vernachlässigende, zufällige Nebeneffekte einer grundsätzlich bösen Sache dargestellt werden, während bei uns auch die schlimmsten Massaker und übelsten strukturellen Gewaltverhältnisse immer nur als leider unvermeidliche Begleiterscheinungen des grundguten Freiheitundmarktwirtschafts-Paradieses verbucht werden…“
Die Gattin hört zu und nickt. „Also, dass man von beiden Seiten das Positive übernehmen sollte, das finde ich auch..“
Damit ist das Thema für sie erledigt und sie widmet sich elementareren Beobachtungen und Analysen, wie der auffälligen Anhäufung von dicken Menschen vor dem Eiscafé, an dem wir gerade vorbeigehen.
Dank meiner altersbedingten Weisheit vermeide ich die Falle, mich an dieser Stelle auf das Glatteis einer Diskussion zu begeben; die würde nur als rechthaberisches, besserwisserisches oder belehrendes Nachhaken aufgenommen werden. Meine Liebste ist nämlich insofern die ideale Gesprächspartnerin, als sie in ihrer politischen Konditionierung ziemlich genau dem bürgerlichen westdeutschen Standard entspricht, allerdings dem, der von sich gerne feststellt, dass er völlig unpolitisch sei.
Gerade Kommunisten sollten vermeiden, als besserwisserische Schlaumeier aufzutreten, die den Unwissenden ihre Weisheiten um die Ohren hauen. Sie sollten im Gegenteil jedes Gespräch so führen, dass das Gegenüber die Begriffe und Argumente versteht, sich ernst genommen und nicht bevormundet fühlt.
„Weißt du, ich rede manchmal mit dir – oder eigentlich eher vor mich hin – als ob ich mit meinem Freund R. in einer Kommunistenkneipe sitzen würde“, sage ich ihr. „Dabei weiß ich, dass du einen ganz anderen Hintergrund hast; sorry also, wenn ich dir zu viel zumute oder mich über Sachen aufrege, die dich garnicht interessieren…“
„Oh ja, das kannst euch echt mal besser mit deinem Freund R. diskutieren. Da könnt ihr euch gegenseitig voll labern. Das ist nicht meine Welt.“
„Und ob das deine Welt ist, mein Schatz, du willst bloß nichts davon wissen…“ beginne ich – breche aber sofort ab, schon um nicht meine eigene Einsicht von soeben, nach der solche Gespräche keinesfalls auch nur den Schatten eines missionarischen oder besserwisserischen Anfluges haben sollten, Lügen zu strafen.
Wir statten noch dem lokalen Bio-Supermarkt einen Besuch ab, um eine Flasche Wein zu erstehen und sind nach einer Stunde wieder zuhause. Ein, zwei Gläser später kommt meine Herzdame ins Sinnieren:
„Morgen ist schon der 18. April… unsere Lebenszeit rast dahin…“
„Das fällt dir in letzter Zeit öfters auf..“ entgegne ich, in der vagen Hoffnung auf eine philosophische Ergründung der letzten Dinge.
Die Antwort meiner stets praktisch denkenden Liebsten: „Nee, ich denke, wir sollten mal langsam unsere Beerdigungen planen“
Nachdem letzte Woche eine übereifrige Bankmitarbeiterin der Frau den Schrecken ihres Lebens eingejagt hatte, indem sie wegen der heiratsbedingten Namensänderung eine enge Frist zur Rückzahlung des Dispos setzte und die Sperrung des Kontos ankündigte, geht die Geschichte der kapitalismuskompatiblen Geldbeschaffungsmaßnahmen in die zweite Runde.
Die Frau hat einen Termin bei einer anderen Bank, wo sie ebenfalls ein Konto unterhält und einen Kredit am Laufen hat. Dort hatte man ihr vor längerer Zeit einen Termin anberaumt, bei dem ihr mal wieder ein NEUER Kredit angedreht werden soll, diesmal mit unschlagbar guten Zinsen, womit der alte abgelöst und irgendwie alles gut bzw. noch viel besser, jedenfalls optimal vorteilhaft für sie und damit für unsere gesamthafte Finanzlage werden würde. Wie gesagt gehört die Frau aufgrund ihres beamtenähnlich soliden jahrzehntelangen Jobs bei ein und demselben Versicherungskonzern zur Kernzielgruppe sämtlicher Kreditverleiher dieser kapitalistischen Welt.
Diesmal nimmt sie den Termin wahr, weil einer der unvorhersehbaren Wechselfälle des Lohnarbeiterlebens dringend den Zugriff auf über die kumulierten Arbeitslöhne hinausgehendes Geld nötig macht. Das AUTO ist mal wieder in der Vertragswerkstatt, der Flux-Kompensator (oder so ähnlich; ich glaube: NOX-Sensor) muss ausgetauscht werden und somit haben auch wir mal wieder unser winziges Scherflein von knapp 1.000 Euro zur 800 Millionen Euro Dividende beizusteuern, die alleine dieses Jahr in die Taschen bzw. auf die Konten von Susanne von Kladden und Stefan Quandt fließt.
Zudem macht der Zustand der Lese- und Seh-Hilfsmittel der Frau dringend neue Kontaktlinsen und eine neue Brille erforderlich, so daß auch hier irgendwie Geld zu manifestieren ist, um den Ansprüchen eines hochkonzentrierten Bildschirmjobs in der Finanzbranche gerecht zu werden – Ansprüche, die der „Arbeitgeber“ stellt, für deren kostenmäßige Auswirkungen auf Gesundheit und Sehkraft aber natürlich der „Arbeitnehmer“ zuständig ist.
Es herrscht also eine gewisse Dringlichkeit, frisches Geld herbeizuschaffen, so daß sich mit Lenin die Frage stellt: „Was tun?“. Ein Umschuldungskredit, der zu besseren Konditionen den alten ablöst, käme da ganz gelegen.
Als die Frau von dem Termin zurückkehrt – bemerkenswert spät – hat sie tatsächlich ein weiteres Darlehen bekommen, allerdings als Aufstockung des bestehenden und zu 11,5% Zinsen statt der versprochenen 7,5%. Das liegt daran, wie sie den Bankmenschen zitiert, dass ihr Scoring sich durch die heiratsbedingte Namensänderung „dramatisch verschlechtert“ hätte. Alles ganz normal, so jener; würde man z.B. von Düsseldorf nach Duisburg ziehen, würde das auch sofort ein drastisch negatives Scoring nach sich ziehen.
Mir kommen die kritischen Stimmen in den Sinn, die das chinesische Social Scoring System als Verwirklichung schlimmster dystopischer Fantasien brandmarken und garnicht genug Hetze und Häme über die dortige Staatsmacht ausschütten können wegen so einer teuflischen Erfindung.
Das deutsche Scoringsystem, das gar kein „soziales“ sein soll wie das chinesische, ist – passend zu einem kapitalistischen Big Player – rein finanziell gedacht und soll die Kreditwürdigkeit des Individuums erfassen. Ist diese ungenügend oder gar überhaupt nicht vorhanden, hat das für den Betreffenden die Konsequenz, dass sein Zugang zu Geld stark eingeschränkt ist. Das kommt in dieser Gesellschaft, in einem Staat, in dem Geldverdienen die conditio sind qua non jeder Lebensäußerung ist, de facto einem Ausschluss von vielen Angeboten und Möglichkeiten des Lebens und Zurechtkommenmüssens gleich – entspricht also auf jeden Fall auch einem sozialen Scoring.
Auch das chinesische SCS soll eine Kreditwürdigkeitsprüfung möglich machen. Die gab es in China bislang nämlich nicht. Es ist darüber hinaus aber vor allem als Instrument der Erziehung der Bürger zu rechtstreuen Mitgliedern im Sinne gesellschaftlicher Harmonie gedacht und sieht allerlei Vorteile und Vergünstigungen vor, wenn man sich an die Regeln hält, nicht beschummelt und betrügt, dem Staat keine Steuern schuldig bleibt und sich im Sinne des Sozialismus chinesischer Prägung als guter Bürger verhält.
In der Coronavirus-Krise nutzt die Regierung Chinas z.B. „Scoring-Systeme, um Bewohner zur Einhaltung von Quarantänevorschriften zu motivieren und Verstöße zu sanktionieren. So verteilt die Provinz Zhucheng (Shandong) sogenannte Shunde-Punkte. Für freiwillige Hilfe und das Befolgen der Isolationsmaßnahmen erhalten Bewohner zwischen 3 und 100 Punkten. Minuspunkte bekommt, wer gegen die Maßnahmen verstößt oder falsche Informationen über Netzwerke wie WeChat verbreitet. Die Shunde-Punkte fließen allerdings nicht in den staatlichen SCS-Score ein und sollen laut der Politik- und Wirtschaftsanalysten von Trivium China nicht in der landesweiten NCISP-Datenbank gespeichert werden.“
Jedenfalls scheint eine Kritik an China ziemlich scheinheilig, wenn man selber mit dem Kreditscoring der bankmäßigen Bonitätsprüfung ein durchschlagendes Instrument sozialer Kontrolle hat, mit dem die Bürger in „anständig“ und „unzuverlässig“ oder „schlimmer Finger“ eingeteilt und Kraft der allmächtigen Herrschaft des Geldes effektiv von entschiedenen Bedingungen der sozialen Teilnahme ausgeschlossen werden.
Soweit mein Sinnieren; die Frau allerdings ist entschlossen, die Sache von der positiven Seite zu sehen. Ihre Verspätung hatte einzig den Grund, dass sie im Gefühl der neu erschlossenen Geldquelle erstmal die lokale „Schöner-Schnickschnack“-Händlerin aufsuchte, um dort diversen schönen Schnickschnack einzukaufen. Auch ein Besuch bei der Boutique vor der Haustüre verzögerte ihre Ankunft um einiges; dort nämlich sprang bereits seit geraumer Zeit ihr ein Kleidungsstück ins Auge, noch dessen Preis sie sich, mit dem Wissen um Frischgeldquellen im Hinterkopf, unbedingt erkundigen musste. Zum Glück konnte sie sich an dieser Stelle beherrschen, denn der Preis des besagten Kleidungsstückes belief sich in etwa auf den des Flux-Kompensators, der im Motor des Autos ersetzt werden musste.
Kurzum, die Gattin ist bester Dinge, und auf dem gemeinsamen abendlichen Gang mit dem Hund seufzt sie so erleichtert wie zufrieden: „Es ist doch auch schön, einfach mal Geld ausgeben zu können!“ Wer könnte das nicht nachvollziehen! Dumm nur, dass die Weisheit, die ich vor Jahren auf der Geldschale am Tresen eines Weimarer Einzelhändlers las, so unbestreitbar wahr ist: „Das meiste Geld gibt man beim Bezahlen aus!“
Zum chinesische SCS gibt es zwei lesenswerte Artikel: