Neuss! Das Elend an der Erft! Neuss! Die Stadt, die jeden nervt, der im Schrank noch alle Tassen, hat und nicht vollendet blöde ist und es nicht fassen kann, dass dieser Ort der Öde überhaupt sich „Stadt“ benennt!
Neuss, das nur Misere kennt! Ein Ort, so langweilig und grässlich, dessen Innenstadt so hässlich, dass ein Laden nach dem andern sich entscheidet abzuwandern und der hier verblieb‘ne Rest gezwungen ist, beim Schützenfest – misslingt‘s ihm, vorher wegzulaufen – drei Tage lang sich zu besaufen.
Neuss, du weißt, ich spreche wahr. “Ich grüße dich, Novesia!“
Direkt bei mir um die Ecke liegt der Belsenplatz, ein Verkehrsknotenpunkt in Oberkassel, an dem Busse und Straßenbahn aus allen Richtungen halten, sich umschauen und auf Fahrgäste warten, um anschließend weiterzufahren nach Neuss, Krefeld, rüber in die Innenstadt oder in andere unbekannte, rätselhafte und seltsame Gefilde.
Wenn man in die falsche – manche sagen „in die richtige“ – Straßenbahn einsteigt, gerät man gelegentlich in eine Art Zeitdilatation, die einen in eine parallel Realität befördert, wo sich Häuser bewegen, Menschen fliegen und generell Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen.
Wer das Glück hat, Zeuge dieser erstaunlichen Begebenheiten zu werden, darf sich als Gesegneter des Daseins bezeichnen. Aber er kann’s auch lassen und wieder nach Hause gehen.
Ein Plakat, das einem derzeit in Düsseldorf häufig begegnet. Es bewirbt ein Benefizkonzert, das wohl alle Jahre wieder veranstaltet wird. Interessant in diesem Zusammenhang ist weniger die Veranstaltung selber als der Slogan des Veranstaltungsortes, der renommierten Düsseldorfer Tonhalle: „Einfach fühlen“ soll man das Dargebotene, was immer das auch gerade ist.
Und das scheint mir symptomatisch für den gesamten gefühligen Zeitgeist, der sich freiwillig vom Denken, erst recht vom Nachdenken, verabschiedet hat, um ganz im Hier und Jetzt, im Moment, im Genuss des Augenblicks aufzugehen (im Grunde einer Losung von Esoterikern und sonstig spirituell Bewegten).
„Einfach fühlen“ – das Leben ist hart genug! Die Zumutungen, die von allem Seiten auf einen einstürmen, multiplizieren sich ständig, es wird immer schwieriger über die Runden zu kommen. Krieg liegt in der Luft und gerade hier wird von Staat und Regierung gefordert, das Denken einzustellen und sich ganz aufs Gefühl, nämlich die Moral, zu verlassen. Wie die geht, buchstabiert einem die Regierung vor: „Der Russe ist böse und darum brauchen wir Krieg.“
Das sollen wir „einfachfühlen“. Leider – aus Regierungssicht – tun das immer noch viel zu wenige Deutsche, wodurch es an der geforderten Kriegsbereitschaft mangelt. Dem abzuhelfen, haben Staat, Kapital und Nation die botmäßigen und willfährigen Medien eingespannt, bzw.. diese kommen freiwillig und mit (Geschütz-)Feuereifer herbei geeilt, um die Bundesbürger entsprechend zu bearbeiten.
„Einfach fühlen“, dann wird’s schon mit dem Endsieg.
Als Wohnstandort ist Oberkassel äußerst beliebt, da es hier viele der in Düsseldorf begehrten großen Altbauwohnungen gibt und der Stadtteil zugleich eine gute und gehobene Infrastruktur bietet. Die in Rheinlage liegenden Wohnungen bieten zum Teil schöne Ausblicke auf die Düsseldorfer Skyline und gehören zu den teuersten Wohnlagen der Landeshauptstadt. Oberkassel hat, wie das benachbarte Niederkassel, einen hohen Anteil an japanischen Einwohnern. Die Japaner machen in dem Stadtteil mit 23,5 % die mit Abstand größte Ausländergruppe aus. Die starke, auch internationale Nachfrage nach Oberkasseler Wohnimmobilien führte in den letzten Jahrzehnten zu einem starken Preisanstieg mit einhergehender Gentrifizierung. Dies führte dazu, dass Oberkasseler Immobilien nicht nur zu den teuersten in Düsseldorf, sondern teilweise auch zu den teuersten Immobilien Deutschlands zählen. (Wikipedia)
Als ich in Weimar lebte, dachte ich, ich hätte meinen endgültigen Platz in Deutschland gefunden. Den ersten, der mich auf gewisse Weise mit dem Aufenthalt und dem Leben in Deutschland versöhnt. Erstens weil das Territorium der DDR auch Jahrzehnte nach der Annektion sehr viele mentale Vibrationen der vier Jahrzehnte Sozialismus aufwies, hauptsächlich natürlich in den Interaktionen mit den Arbeitskollegen und Leuten, die von dort stammten.
Zweitens auch, weil die Dichotomie des deutschen Daseins nirgendwo so deutlich zu Tage zu treten scheint wie ausgerechnet in Weimar, der Stadt Goethes, Schillers, Herders, Bachs und all der anderen Geistesgrößen und Künstler, die noch heute das kaum kriegsversehrte Städtchen zu einem lebendigen Museum der höchsten Gipfel des Denkens und der Kunst machen. Auf der anderen Seite das direkt vor den Toren der Stadt, auf der Rückseite vom Ettersberg, gelegene Konzentrationslager Buchenwald. Man hat hier sozusagen die höchsten Höhen und die tiefsten Höllen der menschlichen Erfahrung beieinander. Und zwar dicht beieinander.
In Düsseldorf ist das anders. Hier ist alles Oberfläche, alles Schein, alles Glitzer und Tand, allerdings im linksrheinischen Stadtteil Oberkassel veredelt und mit der Patina behaglicher Bürgerlichkeit versehen, ausgestrahlt von den eleganten, schönen Altbauten, wo kein Haus wie das andere aussieht, wo man sich nicht sattsehen kann an der gepflegten, kreativen und abwechslungsreichen Bürgerarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die Höllenbereiche, die Abgründe der conditio humana lauern hier nicht so offensichtlich gleich um die Ecke. Sie werden nicht quasi auf dem Silbertablett präsentiert wie in Weimar/Buchenwald, sondern verbergen sich hinter der schnöselig-routinierten Abgeklärtheit der Wohlstandsbürger, der betuchten und gutverdienenden Einwohner dieses Stadtteils, in ihrem Gehabe, in den flüchtigen Gesprächsfetzen, die man beim Einkaufen oder Spazierengehen aufschnappt, in den Hipster-Läden, in den die Young Urban Professionals ihr reichlich bemessenes Spielgeld verplempern, in den vollen Restaurants – überall spürt man, gerade jetzt, im beschleunigten Niedergang der kapitalistischen Reichtumsproduktion, den Tanz auf den Vulkan, der hier stattfindet.
Man schaut mit dem Röntgenblick historisch-materialistischer Bildung (sowie der Kenntnis der aktuellen politökonomischen Verhältnisse) in die Abgründe von Ausbeutung, Gewalt und Verlogenheit, die den Reichtum der wirklich Reichen und die immer noch stattlichen Brosamen für die gehobene Mittelklasse und die Erfüllungsgehilfen der Bourgeois-Eliten möglich machen, und man merkt die Fadenscheinigkeit dieses Zustandes, den die Wohlstandsscheuklappen der Oberkasseler ihren Trägern als „Normalität“ suggerieren.
Man spürt allenthalben, in den zunehmend gereizten Reaktionen auf Kleinigkeiten, in Gesprächen und im Stimmungsklima auf Straßen und Plätzen, dass Leute, die etwas zu verlieren haben – und davon gibt’s hier im Viertel mehr als anderswo – schnell ihre bürgerliche Contenance verlieren, wenn‘s ans Eingemachte geht. Das Eingemachte sind die Vermögenswerte, der Einkommenszufluss, die ganze gehobene und bequeme Situation von „Besserverdienern“, deren Welt wenig zu tun hat mit dem immer härter werdenden Daseinskampf der übrigen lohnarbeitenden Klasse. Technisch gesehen ist auch die Mehrheit der Bewohner Oberkassels der Kategorie „Lohnarbeit“ zuzurechnen, minus den Anteil an Freiberuflen, Selbständigen und Unternehmern, die es hier ebenfalls überdurchschnittlich häufig gibt. Nur heißt der Lohn bei ihnen „Gehalt“ und beläuft sich auf ein Vielfaches der Bezüge einer Verkäuferin, einer Pflegekraft oder eines Kellners.
Die Mehrheit dieser Zeitgenossen wird jeden Angriff auf ihr „Eingemachtes“ als Anschlag auf ein als selbstverständliches empfundenes Privileg wahrnehmen und ihren Status mit Zähnen und Klauen zu verteidigen suchen. Bzw. diejenigen politischen Kräfte unterstützen und ermächtigen, die die Kontinuität dieses schönen Lebens versprechen.
Der Film „The Big Lebowski“ (1998) von den Coen Brothers hat im Laufe der Zeit nicht nur Kult-Status erlangt, sondern eine Religion gestiftet, die den herkömmlichen Sekten in nichts nachsteht – ja, sie meiner Ansicht nach weit übertrifft:
„Dudeismus ist eine satirische Weltanschauung, die auf der Filmfigur “The Dude” aus dem Film The Big Lebowski basiert und eine entspannte, fatalistisch-entspannte Lebensweise propagiert. Inspiriert vom chinesischen Taoismus und den Gedanken Epikurs, fordert der Dudeismus dazu auf, “es leicht zu nehmen” (Take it easy) und sich dem Fluss des Lebens hinzugeben. Die Bewegung wurde 2005 gegründet und hat eine weltweite Gemeinschaft von registrierten Anhängern, die sich selbst als “Dudisten” bezeichnen. (…)
Ob Dudeismus als vollwertige Religion anzusehen ist, ist ungeklärt.Es gibt derzeit über 800.000 Benutzer, die sich auf der Dudeismus-Website als „Priesterinnen und Priester“ (offizielle Anhänger) registriert haben (…).
Die zentrale Schrift ist The Tao Dude Ching / The Dude De Ching (2009), in dem das Tao Te Ching mit Dialogen und Handlungssträngen aus dem Film The Big Lebowski verbunden wird.Es finden auch regelmäßige Treffen von Anhängern des Dudeismus (Dude / Lebowski Fests) statt.
Seit 2018 besteht die Website „Abide University“ mit dem Ziel, „vernünftige und pragmatische Ansätze zum guten Leben“ zu erarbeiten.“
Das hört sich insgesamt so solide an, dass auch ich mich ab sofort zum Dudeismus bekenne, natürlich in seiner kommunistischen Variante.
Anlässlich des Welttages des Hundes, der am heutigen 10. Oktober begangen wird (keine Ahnung, wer sich das wieder ausgedacht hat), begab ich mich mit meinem treuen Vierbeiner in die Düsseldorfer Innenstadt, um dort an einer Demonstration gegen Leinenpflicht und für mehr Tierliebe teilzunehmen. Oder so etwas ähnlichem. Die genauen Losungen und Parolen der Demo gingen irgendwie im Gebell der zahlreichen Tölen und Köter unter.
Das erstaunliche war jedoch der klaftertiefe Schlund, der sich inmitten der Düsseldorfer Einkaufspassage in der Innenstadt auftat und in den die Passanten reihenweise hineinstolperten und -stürzten. Am Grund des Schlunds standen von hämisch grinsenden Teufeln gewartete Kessel für die Unglücklichen, in denen die Gefallenen zu einer Art Hirsebrei verkocht wurden, der anschließend an grotesk muskulöse Höllenhunde verfüttert wurde. Scheinbar hatten also auch die Dämonen der Hölle ihren eigenen „Welttag des Hundes“.
Am Merkwürdigsten war allerdings die völlige Ignoranz der Wochenendeinkäufer und Spaziergänger, die allesamt gar nicht bemerkten, welche Gefahr da direkt vor ihren Augen lauerte und sie zu verschlucken drohte. Sie gingen alle ihren verschiedenen Geschäftigkeiten nach und selbst wenn einer von ihnen in den Höllenschlund fiel, registrierte es niemand und alles lief weiter wie gewohnt.
Zu Glück hatte mir irgendjemand ein Glas exzellenten Rotweines gereicht, so daß ich mir das Treiben einigermaßen entspannt anschauen konnte, ohne selbst Gefahr zu laufen, in diesen Schlund zu fallen. Mein Hund zerrte an der Leine und wollte erkennbar weg von dieser merkwürdigen Szenerie, die für seinen Hundeverstand eindeutig zu absurd und ungewohnt war, um sie in seiner gewohnten Weltordnung unterbringen zu können. Da es ja nun mal „Welttag des Hundes“ war und es keinen „free re-fill“ des bemerkenswert edlen Tropfens gab, beschloss ich, mit der U75 nach Hause zu fahren und das Gesehene zu vergessen.
Die „ICH OASE (selbst.bewusst.sein)“ macht demnächst dicht, wie man von einer Nachbars-Geschäftsfrau erfahren kann – trotzdem scheint mir Name und Slogan dieses Unternehmens nicht nur symptomatisch, sondern sozusagen (arche-)typisch zu sein für den Zeitgeist und die kapitalismusübliche Verblödung der Leute zu willigen, selbst-optimierenden Deppen eines auf die Spitze getriebenen Pseudo-Individualismus, der aus den Teilnehmern der Konkurrenzgesellschaft genau die funktionierenden Rädchen macht, die es braucht um die Barbarei des sterbenden Imperialismus weiter betreiben zu können.
ICH, ICH, ICH – radikale Selbstbezogenheit, als Individualismus mißverstandene Selbstwichtigkeit und Befindlichkeitsbeweihräucherung, die sich mit ein paar Meditations- oder Entspannungsübungen ganz entspannt dem Hier und Jetzt kapitalistischer Realitäten entkommen wähnt.
Bleibt zu hoffen, das der ganze kapitalistische Schwindel genauso zugrunde geht wie sein lokales Eso-Business namens „ICH OASE“ (sic!)