Geschichten aus dem Pflegeheim: Drei Aquarelle meiner Schützlinge aus der Kunst- und Kreativrunde

Die ersten beiden von Herrn H., dessen starke Demenz ihn nicht daran hindert (ihn vielleicht erst dazu befähigt), einen ausgiebigen sinnlichen Genuss aus der Haptik von Wasser, Farben und Papier zu ziehen. Oft verbringt er bis zu einer halben Stunde mit nur einer Farbe an einem Fleck des Aquarellpapiers. Manchmal auch auf der darunter liegenden Pappe, was für ihn keinen Unterschied macht. Er ist glücklich über die Farbigkeit der Farben und scheint den „Geschmack“ und die „Sattheit“ eines Farbtons zu fühlen.

Das dritte Bild ist von dem 71-jährigem Herrn K., der in seiner mentalen Entwicklung etwa auf dem Stand eines Siebenjährigen steckengeblieben ist. Zusätzlich ist er sprach- und körperbehindert und scheint jetzt auch eine dementielle Veränderung zu erfahren. Er ist der fröhlichste in unserer Runde, begrüßt stets jeden mit Handschlag und produziert 5 Bilder, während die anderen noch ihre Pinsel sortieren.

Heute machte er sich eine Tüte Gummibärchen auf, die ihm aufs Blatt purzelten. Als ich ihn fragte, ob er die Gummibärchen essen oder sie in sein Bild integrieren wollte, sagte er sofort „Ins Bild!“.

Gesagt, getan, und mit etwas Kleber haben wir nun das erste Gummibärchenbild der Runde (es gibt schon ein Kaffeebild einer Dame, die den Pinsel immer in die Kaffeetasse statt in den Wasserbecher tunkte).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Uhrentest und Juckreiz

Meine Neugierde und Faszination mit den Funktionsweisen des menschlichen Geistes erfährt durch den täglichen Umgang mit dementiell veränderten Menschen eine Vertiefung und Erweiterung, die mich selber manchmal überrascht.

In all dem kommt nie der Humor zu kurz, weil gerade Demente neben Musik und Bildsprache sehr empfänglich für Humor sind.

Heute mussten wir bei zwei Teilnehmerinnen unserer “Tagesgruppe Demenz” den “Uhrentest” durchführen. Dabei wird der Person eine Uhr ohne Ziffernblatt und Zeiger vorgelegt, auf der die Zahlen eingetragen und eine bestimmte Uhrzeit mit den Zeigern markiert werden soll.

Frau K., die mir schon immer schlauer vorkam als sie in der Gruppe tat, löste die Aufgabe problemlos und schnell.

Danach war unsere “Demenzkönigin” Frau S. dran. Diese kleine, gutmütige Frau aus Westpommern hat in den letzten paar Monaten mehr und mehr inneren Boden unter den Füßen verloren und wirkt in der Welt ihrer dementiellen Isolierung oft wie Alice im Wunderland, allerdings ohne ein Kaninchen, das sie aus dem Bau führen könnte. Zudem macht sie das innere Erleben der zunehmenden Fragmentierung ihrer Wahrnehmungen und Erinnerungen manchmal aggressiv. Sie wird dadurch zur Gefahr für sich und andere und erhält deshalb seit einiger Zeit starke Psychopharmaka.

Als ich mit dem Uhrentest zu Frau S. komme und ihr in sehr einfachen Worten erkläre, worum es geht (ich nehme sogar die Wanduhr unseres Gruppenraumes ab und zeige ihr, wie eine Uhr normalerweise aussieht), schaut sie mich mit großen Augen an. Um es nicht zu kompliziert für sie zu machen, frage ich sie, ob sie mir zeigen kann, wo die Uhrzeiger stehen, wenn es zwölf Uhr ist.

“Nein, das kann ich nicht”, antwortet Frau S. und schüttelt den Kopf. “Ich war doch nicht dabei!”, fügt sie an, und wirkt wie jemand, der einem Schulbuben Selbstverständliches erklären muss.

Ich belasse es bei dem Versuch und denke mir, dass sie gar nicht so unrecht hat. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Einteilung und Messung des Zeitablaufes sind Konzepte, die (abgesehen von den frühen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die auch bei schwerer Demenz nie ganz verblassen) für Frau S. keine Bedeutung mehr haben.

Frau K. hat sich indessen lautstark und fordernd immer wieder über einen Juckreiz an der Hüfte beschwert. Glaubt man ihrem Wehklagen, steht sie kurz vor dem Exitus. “Warum hilft mir den keiner?!” jammert sie und beklagt ausgiebig das fiese Jucken. Den naheliegenden Vorschlag, sich doch mal an der Stelle zu kratzen, tut sie ab: “Das hilft nicht”, wehklagt sie. “Kratz du mich mal, Liebchen!” (Liebchen sind bei ihr alle Pflege- und Betreuungskräfte).

Ich tue ihr den Gefallen, weil ich weiß, dass sonst erst mal für 20 Minuten Juckalarm in der Gruppe ist und keiner zur Ruhe kommt.

Damit hat mich Frau K. allerdings auch auf eine Idee gebracht und schon haben wir ein Thema für die anstehende “Bunte Runde”: die verschiedenen Arten von körperlichen Beschwerden und Schmerzen – ein Thema, das allen GruppenteilnehmerInnen bestens vertraut ist.

Schon ist ein Blatt des Flipcharts vollgemalt und die Runde debattiert, welche Schmerzen die lästigsten sind. Auch Frau K. beteiligt sich mit Leidenschaft an der Debatte – der Juckreiz ist vergessen – und stimmt wie die Mehrheit der Anwesenden der Ansicht zu, dass der schlimmste Schmerz doch der Herzschmerz sei.

An die Rassisten und Hetzer

RT berichtet über die Eröffnung des bayerischen Abschiebezentrums. Ein Blick in die Kommentare erzeugt sofortigen Brechreiz über die tatsächlich AUSSCHLIESSLICHE Hetze, Feindseligkeit und Vernichtungsphantasien der Kommentatoren gegen die Protestierenden gegen diese Einrichtung.

Ich kann mich nicht zurückhalten und kotz mich auch mal aus:

Hey, Rassisten und Überfremdungsschißhasen!

Schon mal überlegt, eure Feindseligkeit und „Haut bloß ab!“-Parolen zur Abwechslung mal an DEN RICHTIGEN auszulassen?

Zum Beispiel an eurer Obrigkeit (ja, das ist die Verwaltung eures feinen Kapitalstandortes, die Regierung der BRD und ihre Politik für die, die das Geld haben und denen die Unternehmen gehören; diejenigen, die Afrika und den Nahen Osten mit ihrer Wirtschaftspolitik und ihren Kriegen zu den Elends- und Kriegsgebieten gemacht haben, aus denen die Leute jetzt abhauen).

Die braucht ca. 12,5 Mrd. Euro pro Jahr für 1 Mio Flüchtlinge. Hört sich viel an?

Dann passt mal auf, werte blaubraune Volksgenossen:

Durch die Steuerflucht der Reichen und Konzerne gehen Staat und Steuerzahlern etwa 100 (hundert) Mrd. Euro jährlich verloren (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung)

Und dieselben Reichen und Konzerne samt ihren politischen Standortverwaltern, die ihr so gerne wählt (ja, ihr vaterländischen Vollpfosten, eure AfD gehört auch dazu, die will euren schönen Kapitalismus nämlich nur völkisch durchsortieren und ansonsten den Unternehmen bei der dann ganz deutschnationalen Ausbeuterei alle Hindernisse aus dem Weg räumen) sind es übrigens auch, die euch als willige aufgehetzte Fremdenfeinde brauchen, damit ihr euch nicht fragt, WEM es eigentlich nützt, massenhaft Konkurrenz um Arbeit und Wohnungen ins Land zu holen, die den Arbeitslohn billiger und die Mieten teurer macht. Wem es nützt, wenn die Unterklassen sich gegenseitig anfeinden und die Köpfe einschlagen.

Ach, solange ihr davon profitiert, weil ihr ein paar Brosamen von der kapitalistischen Tafel abkriegt, juckt euch das nicht?

Und jetzt, wo eure Herrschaft die Daumenschrauben anzieht, euch immer ärmer machen und euch, wenn ihr nicht spurt, unter das Hartz4-Regime zwingt;

jetzt, wo die Herren aus den Unternehmerverbänden der Massenmigration aus den Ländern, die sie selber durch ihr Profitstreben und ihre Rohstoffkriege ruiniert haben, das Wort reden, weil sie willige und billige Arbeitskräfte brauchen;

jetzt richtet ihr eure Gegnerschaft IMMER noch nicht gegen die, die euch das alles einbrocken, sondern lasst eure ganze beschissene Überlebensangst an den armen Säuen aus, die genauso wie ihr Opfer desselben kapitalistischen Berechnung seid?

Ja? Hab ich mir gedacht.

Dann hetzt doch munter weiter und wundert euch aber bitte nicht, wenn ihr in eurem zukünftigen blaubraunen Deutschland ganz ohne Flüchtlinge und „Asylanten“ immer noch als brave Untertanen und Lohnsklaven auf Gedeih und Verderb davon abhängig seid, dass ein Unternehmen eure Dienste braucht, um den Reichtum seiner Shareholder zu mehren.

Und wenn ihr dann in der Schlange im Jobcenter steht und nur noch deutsch gesprochen wird und lauter Arier um euch rum auf ihren Aufruf warten, könnt ihr richtig stolz auf eure Glanzleistung sein, ein paar Konkurrenten vertrieben zu haben und ansonsten weiter als fügsame Untertanen zu funktionieren.“

 

Die Banken so: Weniger als Fünfzig Euro? Nicht mit uns!

Der Geldautomat meldet mir beim Versuch der Barabhebung, dass meine„Karte ungültig“ sei.

Die freundliche Dame in der Hotline der Bank erklärt mir auf Nachfrage: „Sie haben versucht, 20 Euro abzuheben. Sie müssen mindestens 50 Euro abheben, weniger geht nicht mehr. Darauf haben sich die Banken geeinigt.“

„Mit mir haben die sich nicht geeinigt“, liegt mir auf der Zunge, aber ich will die Servicekraft nicht unnötigerweise verwirren.

„Niedrigere Beträge sind nur noch verfügbar, wenn man weniger als 50 Euro auf dem Konto hat“, fügt die Bankdame noch hinzu. Kein Problem bei meinen Einkommensverhältnissen, denke ich im Stillen und bedanke mich für die Auskunft.

Immerhin ist meine Karte nicht ungültig, sondern mein gewünschter Geldbetrag verweist mich per Auszahlungsverweigerung auf meinen Status als armer Schlucker, der sich noch nicht mal einen Fünfziger ziehen kann. Wahrscheinlich muss ich im Grunde dankbar sein, überhaupt noch das Privileg eines Bankkontos zu bekommen.

Die Bevölkerung wird immer ärmer und muss mit immer weniger zurechtkommen, teilt sich das wenige Geld entsprechend knapp ein – aber die Geldinstitute dieser besten aller Welten setzen den Mindest-Auszahlungsbetrag mal eben auf mehr als das Doppelte hoch und zeigen damit die ganze institutionelle Verachtung für die ärmeren und unteren Klassen, bei denen ein Fünfziger u.U. schon das Wochenbudget zum Überleben ist.

Erinnert an den fälschlicherweise Marie Antoinette zugeschriebenen Satz, dass die Armen, wenn sie kein Brot hätten, doch Kuchen essen sollten.

„Ihr Versager wollt bloß zwanzig Euro ziehen? Davon kann man doch nix kaufen – nehmt bitte FÜNFZIG!“

Von den Schönheiten der Marktwirtschaft

Kollegin, examinierte Pflegekraft, wechselt von der Pflege in die Betreuung, weil ihr Rücken nach 30 Jahren im Unternehmen (Diakonie) nicht mehr mitmacht.

Statt um die Betten, die Medikamente, die Hygiene und die Ausscheidungen der Heimbewohner kümmert sie sich jetzt um die kulturelle und soziale Betreuung der Leute.

Auf dem monatlichen Lohnzettel macht sich das mit 500 (Fünfhundert) Euro weniger bemerkbar, da sie von Lohngruppe 10 nach Lohngruppe 2 runtergestuft wird. Damit erhält sie immer noch etwa 150 Euro mehr als die anderen Betreuungskräfte im Sozialen Dienst der Einrichtung, weil es dem allerchristlichsten Arbeitgeber per Gesetz untersagt ist, Arbeitskräfte um mehr als acht Lohngruppen runterzustufen.

„Gewollt hätten sie schon“, so die Kollegin (nämlich sie in die niedrigste Lohngruppe 1 einzusortieren), „aber sie dürfen halt nicht…“

Nach über 30 Jahren beim selben „Arbeitgeber“ in der Pflege tätig, im Dauerdienst den Rücken kaputt gearbeitet, hat sie jetzt noch weitere 15 Jahre für lausigen Niedriglohn vor sich.

Im Foyer und in den Fluren der Einrichtung hängen die Losungsplakate mit der christlichen Botschaft:

„Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus, 25/40)

#niedriglohnistausbeutungpur
#frommeheuchelei
#pflegeundbetreuungbesserbezahlen

Vorkriegszeit, Faschisierung, Einheitsfront

Mein Gefühl ist, dass wir nicht nur in einer Vorkriegszeit leben, sondern auch in einer Gesellschaft, die teils schleichend und unmerklich, teils offen und sichtbar in Richtung Faschismus gleitet. Nicht der alte Braunhemd- und Hakenkreuzfaschismus. Sondern der moderne, freiheitlich-demokratische, völlig legale und mit rechtsstaatlichem Prozedere institutionalisierte Faschismus.

Dagegen müssen alle Leute, die die menschliche Verrohung des Neoliberalismus, die ganze brutale Verachtung der sozial Benachteiligten des bürgerlichen Staates in der Krise (ausgedrückt z.B. durch das Hartz4-Regime) wahrnehmen können, gemeinsam opponieren und wenigsten an dieser Stelle den Vormarsch der kapitalistischen Unmenschlichkeit stoppen. Und wenn’s geht umkehren.

Dabei können wir – sofern wir uns als Kommunisten empfinden – nicht die sozialistische Rechtgläubigkeit der Bündnispartner einfordern oder voraussetzen.

Das heißt aber ja nicht, dass man nicht bei jeder Gelegenheit die Klassengegensätze und die Eigentumsfrage thematisiert, denke ich.

Ich meine es ernst: ich denke, wir befinden uns in einem antifaschistischen Abwehrkampf und brauchen eine Einheitsfront aller linken, humanistischen, im guten Sinne demokratischen Kräfte gegen den Rollback zur gnadenlos brutalen Version der Kapitalherrschaft.

In meiner Familie gab es vor 1933 dieselben Diskussionen zwischen den sozialdemokratisch und den kommunistisch orientierten Antifaschisten (Großvater und Großonkel). Ergebnis: der eine landete in Gestapo-Haft und im Strafbataillon 999 (der Sozialdemokrat), der andere tauchte nach Frankreich ab und schloss sich dort der Résistance an.

Beide überlebten, zum Glück.

Was ich sagen will: in einer solchen geschichtlichen Situation haben wir keine Zeit für ideologische Streitereien und Rechthabereien sondern sollten alle Menschen guten Willens sammeln, um Bürger- und Arbeiterrechte zu verteidigen und zumindest die Voraussetzungen für Klassenkampf unter bürgerlich-demokratischen Bedingungen zu erhalten.

Auf den Hund gekommen: Begegnungen in der Klassengesellschaft

Begegnung 1

Vorm Gemüsestand auf dem Wochenmarkt liegt ein mittelgroßer, langhaariger Hund am Boden und beobachtet die Umgebung. Seine Halterin, Typ feine Dame, ist ins Gespräch mit der Verkäuferin vertieft. Die Dame gehört erkennbar zu der in diesem Viertel überproportional ansässigen wohlhabenden Oberschicht: Edelklamotten, Echtschmuck, 800-Euro-Stiefelettchen, nur ganz dezent gesichtsoperiert.

Mein anarchistisches Gute-Laune-Hündchen (an der Leine) zerrt freudig zu dem Langhaarhund, in der Hoffnung, einen Kumpel aufgetan zu haben. Dieser will aber nicht in seiner Ruhe gestört werden, knurrt grimmig und stellt mit einem kurzen Beller die Machtverhältnisse klar.

Ich ziehe meinen Hund von dem anderen weg .

Die feine Dame hat den Vorfall registriert, mustert mich und Hündchen kurz und bemerkt dann so eiskalt wie herablassend: “Das macht man ja auch nicht!”

Ich (verdutzt): “Wie bitte?”

Feine Dame (nun sichtlich indigniert, dass man ihr Widerworte gibt): “Man geht nicht zu einem Hund, der so da liegt.”

Ich überlege kurz, ob ich mich auf eine Diskussion mit der Dame einlassen will, beschliesse dann aber, ihrer gehobenen gesellschaftlichen Einsortierung Tribut zu zollen und antworte mit einer leichten Verbeugung und den Worten: “Oh, vielen Dank für die Belehrung, Euer Durchlaucht!”

Begegnung 2

Mit Hündchen unterwegs zum Hunde-Schnickschnackladen des Viertels, wo ich eine Leine reparieren lassen will. Mein vierbeiniger Kumpel kennt den Weg und zerrt mich zielstrebig in Richtung seines Lieblingsladens.

Wir sind noch etwa 30 Meter entfernt, als vor dem Laden ein Porsche in eine freie Parkbucht einbiegt. Es entsteigt eine Dame mit einem zotteligen Kleinhund, die Hundehalterin auch hier mit Kleidung und Schmuck im vermutlich fünfstelligen Bereich behängt.

Im Laden selber lässt sie sich ausführlich über die Kauknochen beraten, da ihr Zottelhund “so Probleme mit Straußenknochen hat, das hat er noch vom Züchter; die machen ihm den Hals kaputt”. Schließlich kauft sie für ein paar Euro irgendwelche Pferdesehnen.

Beim  Rausgehen fällt ihr eine frische Pieselspur innen neben der Eingangstür auf. Einer der beiden Hunde muss also gerade dort hingepinkelt haben.

Die Dame verzieht ihr Gesicht, rümpft die Augenbrauen und sagt: “Oh! Da hat ihr Hund wohl gerade hingemacht. Das macht man aber GAR nicht!”

Ich hab zwar nicht gesehen, WER da hingemacht hat (und es ist mir auch herzlich egal), aber weil mir hier schon wieder eine Bourgeois-Ziege erklären will, was “man” macht und was nicht, antworte ich wahrheitsgemäß:

“Tja. Das machen Hunde nunmal gelegentlich.”

Sie daraufhin: “MEINER nicht!”

Ich (schon leicht genervt): “Selbstverständlich nicht, gnä´Frau. Ihrer hat ja die hohe Hundeschule genossen.”

Sie (zieht beleidigt ab): “Auf Wiedersehen”.

Die Ladenkraft lacht, bringt mir eine Papierrolle und Hygienespray und in 5 Sekunden ist das kleine Malheur beseitigt.

Nationale Katastrophe: Niederlage in WM-Auftaktspiel

Nach verlorenen Turnierspielen der BRD-Auswahl schaue ich gerne mal bei der völkischen Presse rein, um die Schmach fürs nationale Gemüt von allen Seiten auszukosten. Besonders das Springer-Hetzblatt „Bild“ tut sich da hervor, in der Regel mit dem „Bild“-typisch unappetitlichen Rangewanze an die von „Bild“ mitgezüchtete rabiate Volksseele.

Dieses Schundblatt kombiniert gerne die Artikulation des kollektiven Frustgefühle einer auch beim Fußball weltmachtmäßig anspruchsvollen Nation mit ultimativen „Jetzt erst recht!“- und „Arsch zusammenkneifen und ab in die Schützengräben!“-Appellen an die Versager, die es gewagt haben, Deutschlands Ehre auf dem Fussballfeld zu beflecken.

Und richtig, ich werde gleich fündig:

Schon die Balkenüberschrift des Frontberichts aus Moskau klärt auf, dass es jetzt um nichts anderes als Sein oder Nichtsein geht:

„DARUM geht es jetzt schon ums WM-Überleben“, wird der deutsche Fernseh-Landser von seiner gedruckten Wochenschau informiert.

Ein paar Absätze weiter unten erfährt man dann, welch unglaublichen Mangel an Ernsthaftigkeit sich manche der deutschen Truppenteile erlauben: da nimmt doch tatsächlich einer der jungen Fußballer kurz nach dem vergeigten Spiel ein Selfie mit einem Fan auf, statt in Sack und Asche gehüllt sofortiges Medizinballtraining aufzunehmen, damit WIR beim nächsten Spiel wenigstens dem Schweden zeigen können, wo die Glocken hängen.

Urteilsverkündung der nationalen Sportpropagandastelle der „Bild“-Zeitung: Peinlich!

Julian Brandt kann sozusagen froh sein, der Todesstrafe wegen Zersetzung entgangen zu sein.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Lohnsklaventum – Es geht immer noch ein bißchen billiger

In einem Pflegeheim gibt es drei Säulen, drei Professionen, die den Betrieb aufrecht halten: Pflege, Sozialer Dienst/Betreuung, Hauswirtschaft.

In dem Heim, in dem ich (im Sozialen Dienst) tätig bin, wird der Küchendienst auf den Wohnbereichen von FSJlern erledigt (17 – 18jährige, die ein „Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, das Äquivalent zu den früheren Zivildienstleistenden).

Grund: die Servicekräfte aus dem Hauswirtschaftsbereich wurden Arbeitgeber-intern in eine GmbH ausgegliedert, wodurch man Ihnen leider den Mindestlohn zahlen muss. Um diese Unzumutbarkeit für einen kostenbewussten Arbeitgeber zu vermeiden, werden die Jugendlichen in ihrem FSJ für die Hauswirtschaft vernutzt. Da wird, ganz marktwirtschaftlich, eben auch vom konfessionellen Arbeitgeber auf die „betriebswirtschaftliche Rentabilität“ bzw. „Wirtschaftlichkeit“ des eigenen sozialen Ladens geachtet

Diese Art von Ausnutzung jugendlich-freiwilliger Billigarbeitskäfte spricht sich anscheinend in der Region rum; bisher liegen jedenfalls KEINE Bewerbungen für die Neubesetzung der FSJ-Stellen vor.

Das bedeutet, dass der Soziale Dienst des Pflegeheims für hauswirtschaftlichen Aufgaben wie Küchendienst herangezogen wird (falls sich nicht noch ein paar gutwillige Teenager einfinden, die ihr Soziales Jahr auf diese Weise verbringen möchten), da die Planstellen für Servicekräfte in der Hauswirtschaft alle schon belegt sind.

Die Betreuung der alten Menschen im Heim bleibt dadurch natürlich teilweise auf der Strecke, aber das Primat der betriebswirtschaftlichen Rechnungslegung ist gewahrt – und darauf kommt’s schließlich an, auch beim allerchristlichsten Arbeitgeber.