Christliches Jahresendfest

Es menschelt allenthalben.

Im oberschichtsverseuchten Gentrifizierungscluster Düsseldorf-Oberkassel laufen mit Nobelladentüten beladene Besserverdiener nach Hause und freuen sich auf fünf freie Tage am Stück.

Mehr Leute als gewöhnlich bleiben bei den selbst hier vereinzelt zu besichtigenden menschlichen Abfallprodukten der Konkurrenzgesellschaft stehen, kramen in ihren Geldbörsen und zeigen sich ungewohnt spendabel.

So wie die Fastnacht im ursprünglichen Sinne ein Ventil für die im Jahresverlauf aufgestaute und unterdrückte Kritik an Macht und Moral war, das Dampf abließ und damit für das seelische Gleichgewicht der Subjekte feudaler Herrschaft wichtig war, ist wohl die Weihnachtszeit ein benötigtes Korrektiv für den modernen demokratischen Untertanen.

Wer sich das ganze Jahr lang im freiheitlichen Rattenrennen ums Bestehen und Überleben im marktwirtschaftlichen Haifischbecken abmüht, der braucht scheinbar als Ausgleich das gute Gefühl, mal nicht aus berechnender Anpassung, ellenbogenmäßigem Durchsetzungsgekraftmeiere und karriereförderlichen Wegbeißinstinkten, also der erforderlichen Grundausstattung des freien Marktteilnehmers, zu handeln, sondern will wenigstens einmal so tun, als gäbe es den ganzen modernen Kapitalismus gar nicht und als zählten ganz andere Werte in dieser Welt.

Wenn sich das dann auch noch, vermittels des Haupt-Festes des hiesigen organisierten Aberglaubens, deckt mit einer gleichermaßen familiären wie konsumberauschten Auszeit vom Alltag, steht dem so verzweifelt wie erfolglos herbeigesehnten „richtigen Leben im falschen“ nichts mehr im Wege.

„Spieglein, Spieglein mit dem Rücken zur Wand, wer ist das größte Fake News Blatt im Land?”

Das Fake-News-Magazin „Spiegel“ tut es schon wieder:

Eben noch reumütig Besserung gelobt, weil ein In-House Fake News Produzent enttarnt wurde, der es mit der „Spiegel“-üblichen Faktenerfindung zugunsten der NATO-Kriegsziele ein wenig übertrieben hatte – schon wird die nächste ausgedachte Gruselgeschichte im selben Stil (einer Mischung aus NATO-PR, Meinungsartikel und Lügen) ins Blatt gehoben.

Thema mal wieder der syrische Präsident, der trotz aller Bemühungen der imperialistischen Mächte und ihrer Hofpresse einfach nicht ins Gras beißen oder wenigstens abtreten will. Diesmal sind seine Kinder das Ziel der Stänkereien des Hamburger Sudelblattes:

dass sich hinter deren „netten Gesichtern“ einfach nur eine „schreckliche Familie“ verbergen kann, ist dem ehemaligen Nachrichtenmagazin glasklar.

Ebenso wie der Fake Fact, dass „Assad Syrien ins Chaos gestürzt hat“ – dass das syrische „Chaos“ ein von außen, nämlich vom Westen, seinen Armeen und seinen Söldnern, geführter Krieg ist, der wegen der geostrategischen und energiepolitischen Agenda der NATO-Mächte geführt wird, braucht da nicht zu interessieren.

Offensichtlich hat die Ankündigung des US-Präsidenten, seine Truppen aus Syrien zurückzuziehen, den militärisch-industriellen Komplex, die einschlägigen transatlantischen Think-Tanks und die angeschlossene freiheitlich-demokratische Presse in helle Aufregung versetzt und die journalistischen Zäpfchen im Rektum des westlichen Kriegsbündnisses beim „Spiegel“ sehen sich in der Pflicht, vor solchen voreiligen Rückzügen mit Hinweis um das erwiesene Umtermenschtum des Bösen Diktators („Spannt sogar die eigenen Kinder zu seinen Gunsten ein und die sehen perfiderweise dabei auch noch nett aus!“) zu warnen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Weihnachtsfeier

Dritte Wohnbereichs-Weihnachtsfeier in dieser Woche. Der große Speisesaal ist festlich geschmückt und gefüllt mit Bewohnern, Angehörigen und Heim-Personal. Heute hält ein katholischer Pfarrer die Andacht und salbadert affektiert und auf Wirkung bedacht seine auswendig gelernt wirkenden frommen Sprechblasen daher.

“Gott ist Mensch geworden, das Wort ist Fleisch geworden, der Erlöser ist geboren” usw. Wenn es überhaupt einen vielleicht allegorischen, symbolischen oder subtilen Sinn hinter dem christlichen Wunder- und Märchenglauben geben sollte: dieser Kirchenvertreter hat ihn jedenfalls nicht erfaßt, so platt, dahergeleiert und leblos kommt seine Rede daher.

Zum Glück habe ich meine dementen und hochbetagten Schützlinge, die mich wieder mal aus einer Situation quälender Fremdscham befreien.
Ein paar Tische entfernt von mir sitzt die 103-jährige Frau H., der der Auftrieb ohnehin zu viel ist und die mitten in die salbungsvolle Andacht hinein immer wieder mit einem lauten “Schäbig!” zu vernehmen ist, abwechselnd mit Geräuschen, die keine Verbalisierungen sind sondern sich wie ein Knarzen oder Zischen anhören. Vermutlich ist ihr unbequem – sie hält alles was außerhalb ihres Zimmers stattfindet höchstens eine halbe Stunde aus – und hat irgendeine Beschwerde über ihre Sitzgelegenheit, die Lautstärke um sie herum oder das Essen. Mir egal, ich genieße die professionell maskierte betretene Miene des Gottesmannes und grinse mir einen.

Auch die gediegen demente Frau P. lässt mich nicht im Stich. Da ihre Hörgeräte nur nach dem Zufallsprinzip funktionieren, versteht sie sowieso nur Bruchteile des Gesprochenen, fingert an ihren Hörgeräten rum und redet in der extrahohen Lautstärke von schwerhörigen Leuten mit ihrer Tochter.

Leider ist letztere, wie die übrige umgebende Normalgesellschaft, beflissen bemüht, mit “Psst!” und Zeigefinger-vor-den-Mund-halten die Störer zum Schweigen zu bringen, so dass mein Unterhaltungserlebnis geschmälert (wenn auch nicht ganz unterbunden) wird.

 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsfeier vom Wohnbereich 2. Der Pfarrer der nebenan gelegenen Kirche stellt mithilfe von indoktrinierten Kindergartenkindern „die Weihnachtsgeschichte“ nach und „erklärt“ sie.

Die volldemente Frau M., nachdem sie sich das eine Weile angesehen und zugehört hat, schüttelt den Kopf und wendet sich an die neben ihr sitzende FSJlerin:

„Woher kommt der Kerl und was redet der für einen Unsinn?!“

#religioten
#dementabernichtdoof
#makesmyday

Die gelbe Gefahr – vom “Spiegel” sogar in Güterzügen entdeckt!

Zu schön, wie der imperialistischen Presse (die sich in vorauseilendem Gehorsam die Sorgen ihrer Herrschaft beim Weltordnen zu eigen macht) inzwischen der Arsch auf Grundeis geht, wenn’s um China geht.

Und selten dämlich, wie stümperhaft sie das umsetzt.

Nach Russland (wegen „Putin“ und dem russischen Untermenschen als solchem, der ja bekanntlich aus seiner Untermenschennatur heraus stets auf Krieg und Eroberung aus ist) gerät jetzt die VR China verstärkt in den Fokus der demokratischen Qualitätsmedien.

Und dort wird eine Bedrohung noch immenseren Ausmaßes dingfest gemacht: der Chines‘ hat nämlich nicht nur Millionen (kommunistisch gehirngewaschene, klaro) Soldaten unter Waffen und ein modernes, schlagkräftiges Militär zu seiner Verfügung, sondern obendrein – und DAS macht die gelbe Gefahr erst richtig gefährlich „für uns“ – ist er auf dem Weg, zur führenden Weltwirtschaftsmacht zu werden, die der westlichen Konkurrenz in jeder Hinsicht zeigt, wo’s lang geht.

Folglich kann alles, was der unheimliche Gegner anstellt (DASS es sich um einen Gegner, wenn nicht FEIND, handelt ist ohne Nachdenken klar: beim Russen und Chinesen gelten selbstredend die sonstigen freiheitlich-demokratischen Beschwörungen von Partnern oder gar Freunden nicht, die westliche kapitalistische Staaten für sich und ihresgleichen reserviert haben), selbst seine Bemühungen, die eigene ökonomische Aktivität gegen die hämische Hetze der feindseligen Weltordnungsmächte in ein positiveren Licht zu rücken, nur PROPAGANDA sein.

Da ist sich das Hamburger Qualitätsmedium mit dem ökonomischen Durchblick sicher, weiß aber gleichzeitig, dass diese perfide Masche des Schlitzaugendiktators im Freien Westen nur bedingt verfängt, wie die SPON-Autorin in den Wald pfeift:

„Dabei sind die Leser westlicher Medien generell eher skeptisch gegenüber chinesischen Selbstbelobigungen: “In Frankreich, Deutschland und Großbritannien ist es sehr schwierig für die KP, das Chinabild zu dominieren”, sagt Benner. “Hier gibt es viele unabhängige Stimmen. Thinktanks, Forscher und die meisten Journalisten berichten sehr kritisch und differenziert über China.” Nichtsdestotrotz versuche Peking auch hierzulande, Journalisten und Wissenschaftler zu überzeugen, eine “positive Chinageschichte” zu erzählen, wie es Präsident Xi Jinping beim letzten Volkskongress als Ziel ausgegeben hat.“

Neben dem offensichtlichen Selbstlob herrschaftskompatibler Lohnschreiber ist an dieser etwas verzweifelten Beschwörung der Wirksamkeit westlicher Propaganda vor allem eins auffällig: die Selbstverständlichkeit, mit der westliche Kalte-Kriegs-Ideologiefabriken und Elitendenken-Multiplikatoren-Foren (die sogenannten „Think-Tanks“) zu den“Forschern“ und „Journalisten“ gezählt werden, die „ein differenziertes“ (also anti-kommunistisches, im westlichen Sinne „China-kritisches“) Bild der kommenden Weltmacht Nummer Eins aus dem Osten verbreiten.

Die Selbstgefälligkeit von Schreibern und Medien, wie sie in diesem Propaganda-Beitrag des SPON zum Vorschein kommt (der die „Propaganda“ selbstverständlich nur beim Anderen sieht, man selbst ist ja – siehe oben – Verkünder eines „differenzierten China-Bildes“), ist allerdings genau das, weshalb sich massenhaft denkende Zeitgenossen von den bürgerlichen Medien und besonders ehemaligen Qualitätsorganen wie dem „Spiegel“ abwenden.

Das Hamburger Fachblatt für verständnisvolle Pöbelbetreuung macht sich Gedanken über die französischen Wutbürger…

… die „ausgerechnet ihren klugen, aufgeschlossenen Präsidenten Macron auf den Mond schießen“ wollen.

Dass die Klugheit des Präsidenten darin besteht, eine Karriere als Elitenzögling und Handpuppe des Finanzkapitals hinzulegen und auftragsgemäß zu “liefern“, indem er den neoliberalen Umbau des französischen Kapitalismus organisiert – das muss nicht diskutiert werden von Kommentatoren, die ohnehin meinen, dass dem Volk am besten damit gedient sei, wenn für den Reichtum der Elite („Nur WACHSTUM schafft Arbeitsplätze!“) das Überleben der für diesen Reichtum dienstverpflichteten Normalbürger immer knapper und ungemütlicher gemacht wird.

Auch das Märchen von der „Ökosteuer“, mit dem die neueste Steuererhöhung für die Massen verkauft wurde, ist dem „Spiegel“-Kommentatoren so unhinterfragt geläufig, dass es seinem mitdenkendem Untertanenverstand nicht anders als „grundvernünftig“ erscheinen kann.

Vive les gilets jaunes!

Die Forderungen der „gilets jaunes“ beeindrucken mich. So wie der ganze Protest gegen die neoliberale Ausbeuterei und finanzkapitalistische Mega-Verarsche mich beeindruckt, mit der Zehntausende oder Hunderttausende Franzosen sich endlich gegen ihre Blutsauger wehren.

Mindestlohn 1.300 Euro, Maximallohn 15.000 Euro, Mindestrente 1.200 Euro: na klar! Den Reichen wegnehmen, die Konzerne und das Finanzkapital an die Kandare nehmen und besteuern, die Aufrüstung stoppen – schon ist die Kohle da, die allen ein einigermaßen anständiges Leben ermöglicht.

Rente mit 60, für hart Arbeitende mit 55:

Das ist sowas von dringend nötig! Ich will nicht bis 67 arbeiten, ich bin jetzt schon kaputt von meinem 30-Stunden-Lohnarbeitsjob plus unzählige weitere Stunden pro Woche, um Monat für Monat das nötige Geld zum Überleben aufzutreiben.

Ich hasse das bourgeoise Pack, das seinen Reichtum aus der Lebenskraft und der Gesundheit der Leute presst. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass das Ausbeutergesindel samt ihren Politikern von mir aus an der Laterne oder auf der Guillotine enden kann, wenn dafür endlich ALLEN Bürgern ein Leben in Würde, mit anständig bezahlter Arbeit und einer ausreichenden Rente ermöglicht wird.

Die herrschende Klasse, die unser ganzes Leben bestimmt und die uneingeschränkte Mehrung ihres privaten Reichtums als „Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft“ verkauft, während sie in Wahrheit schlicht die Massen ausplündert und mit der Arroganz feudaler Blutsauger auf die Unterschichten herabblickt, hat fertig.

Ihr elender Dreckskapitalismus schafft nicht mal mehr das eigene verlogene Versprechen einzuhalten, nach dem dieses angeblich alternativlose System doch das bestmögliche wäre, weil es mehr Wohlstand für alle schaffen würde als jede andere Ordnung, und dass alle sozialistischen Versuche doch gescheitert seien – NEIN, sind sie nicht!

Der Wohlstand, den der Kapitalismus schafft, ist für die Reichen und die paar Idioten, die als lohnabhängige aber wohlbestallte Angehörige einer schwindenden Mittelschicht noch kommod über die Runden kommen – das übrige, untere Drittel der Gesellschaft (und das wird größer und größer) hat lauter gute Gründe, sich der oligarchischen Elitendemokratie zu widersetzen und DEREN normalen Ablauf von Geschäft und Gewalt so massiv zu stören und zu behindern, dass seine Stimme endlich nicht nur gehört wird sondern die Ansagen macht, wie die Gesellschaft einzurichten ist.

So, Wutrede zuende, ich geh jetzt Kaffee kochen.

Vive les gilets jaunes!

Erwerbsarmut, Diebstahl, Zeitungsschlagzeilen: Alles in Butter in der Freien Welt

Bild so: „Armut immer schlimmer! Auch wer arbeitet ist arm!“

Express so: „Bettler immer schlimmer!“

Ich so: „Könnte das eine wohl mit dem anderen zu tun haben?“

Kapitalismus samt Insassen unisono:
„Nö, alles Schicksal, jeder seines Glückes Schmied, der Fleißige hat Erfolg, Leistung lohnt sich, Armut leider Naturgesetz wie Regen und Schnee.“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Keiner da, drinnen wie draußen

Auf dem Gang vor seinem Zimmer treffe ich Herrn J.

Er sitzt in seinem Rollstuhl und versucht, das Namensschild mit seinem Vor- und Nachnamen zu lesen, das neben der Tür befestigt ist. Er winkt mich heran: „Können Sie mir mal helfen? Ich muss nachsehen, ob der zuhause ist…“

Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob er mich jetzt veräppeln will, aber der tägliche Umgang mit dementen Menschen hat mich eins gelehrt: die Auflösung des Ich-Bewusstseins, von spirituellen Suchern im Rahmen meistens östlicher Weisheitslehren angestrebt, passiert bei Dementen oft krankheitsbedingt und ist volatil und situationsbedingt, für die Betroffenen oft verwirrend und verstörend.

Ich öffne also die Zimmertür, schaue hinein und rufe Herrn J. zu. „Keiner da!“

Diese Information nimmt er zur Kenntnis, denkt kurz nach und erklärt mir dann: „Ich war doch die letzten beiden Tage zu Hause, in der Eifel, in meinem Heimatort bei Gerolstein. Da muss ich mich ja jetzt zurückmelden, damit ich wieder eingetragen bin.“

Dieser Logik kann ich mich nicht entziehen, versuche es aber zunächst mit einer „normalen“ Antwort:

„Herr J., Sie sind doch jetzt hier. Sieht ja jeder und weiß auch jeder. Damit ist alles in Ordnung!“

Das genügt Herrn J. allerdings nicht; er will sich unbedingt „zurück melden“, „registrieren“, seine Rückkehr offiziell bestätigen lassen.

„Ok“, gehe ich auf ihn ein, „warten Sie bitte hier, ich gehe vor und trage Sie in das Anwesenheits-Register ein!“ Ein solches habe ich soeben erfunden, gehe den Gang hoch, verschwinde kurz im Schwesternzimmer und kehre dann zu Herrn J. zurück mit der guten Nachricht, dass er jetzt wieder offiziell eingetragen ist.

Herr J. lächelt zufrieden, lässt sich von mir in sein Zimmer schieben und wirkt rundum zufrieden, dass nun wieder alles seine Ordnung hat.

Geschichten aus dem Pflegeheim: sediertes Lamento

Frau M. aus der „Tagesgruppe Demenz“ ist nach einem Sturz, bei dem sie sich den Arm brach, schlecht beieinander und klagt immer wieder über Schmerzen (einer OP haben ihre Töchter nicht zugestimmt, aus Angst, dass die Mutter nicht mehr aus der Narkose aufwacht).

So wehklagt und lamentiert Frau M. fast unablässig über ihr schweres Los, wobei sie in einen melodiösen, aber monotonen Singsang verfällt, der durch ihren rumäniendeutschen Akzent noch besondere Eindringlichkeit gewinnt.

Demente Menschen empfinden in ihrer orientierungslosen Bedrängnis (gerade, wenn sie in psychisch angespannte Situationen geraten) oftmals die unverständliche, nicht mehr durchschaubare Umwelt als Quell des Übels und Ort vielfältiger Boshaftigkeiten. Insbesondere vermuten sie bei jedem verlegten Gegenstand, bei jeder Desorientiertheit bei der Lokalisierung irgendwelcher Dinge, diebische Aktivitäten und rufen in ihrer Hilflosigkeit nach Polizei, Strafe und Vergeltung.

Bei Frau M. fällt alles in eins: ihr Sturz, der gebrochene Arm, die folgende nahezu komplette Desorientiertheit kann ihr dementer Verstand sich nur so erklären, dass feindliche Mächte ihr Böses wollten:

„Diese Schweine! Wenn ich die erwische, die mir das angetan haben, dann werde ich sie alle der Polizei übergeben!“, deklamiert sie; dabei erhebt sie sich mit einiger Mühe von ihrem Stuhl und schwingt ihren Krückstock durch die Luft.

Unvermittelt verfällt sie dann in ein Lamento der tragischen Art, wobei sie die Regeln der Grammatik souverän missachtet: „Ich arm und krank! Mein Arm hängt nur noch an einem Faden, ich habe immer Schmerzen…Die behaupten, ich habe sie bestohlen! Ich schwöre bei Gott (sie zeigt mit dem Krückstock gen Himmel), das ich nie einen anderen Menschen belogen oder bestohlen habe!“

„Die“ sind keine definierten Personen, sondern stehen stellvertretend für die riesigen unverständlichen Abgründe, die sich in ihrem dementen Geist auftun.

Inzwischen wird es den anderen Tagesgruppen-Teilnehmerinnen, die sich seit einer Weile Frau M.s Deklamationen zunehmend genervt angehört haben, zu bunt, und ihre Sitznachbarin, die 90-jährige Frau M., holt aus und verpasst ihr mit Schwung einen Schlag auf den ihr zugewandten (gebrochenen) Arm:

„Gib jetzt mal Ruhe!“.

Die Sitznachbarin ist sonst eine sehr freundliche und ausgeglichene Dame, aber diesmal ist ihr offensichtlich der Kragen geplatzt.

Von gegenüber tönt die ebenfalls maximal genervte Frau K.: „Jetzt HALT endlich das Maul, du blöde Kuh!“

Frau M. (mit dem gebrochenen Arm) ist für ein paar Sekunden perplex. Dann beginnt sie, noch weinerlicher, ein neues Lamento: „Was machen Sie da? Fassen Sie meinen Arm nicht an! Den haben sie mir abgeschnitten!! Ich blute überall….“

An dieser Stelle sehe ich, das ich trotz der proportional ansteigenden Situationskomik eingreifen muss und setze mich zu Frau M. (mit dem gebrochenen Arm), nehme sie (vorsichtig) in den Arm, spende ihr Trost und sage den anderen, das Frau M. es gerade nicht leicht hat. Da ich nicht mit der Einsichtsfähigkeit der anderen Gruppenteilnehmer rechnen kann, nehme ich Frau M. aus der Gruppe raus, bringe sie auf auf ihr Zimmer und versuche, ihr ein Gefühl von Aufgehobensein und Verständnis zu vermitteln.

Die desorientierte und von ihrem gesundheitlichen Zustand zusätzlich verwirrte alte Dame ist froh, der Gruppe und den vielfältigen konfusen Eindrücken entkommen zu sein. Da ich wieder zurück in die Gruppe muss, verabschiede ich mich erst mal von ihr; sie schaut mich hilflos an und fragt „Kommst du wieder?“

Natürlich sage ich ja, obwohl ich nicht weiß, ob ich das im Laufe des Morgens schaffe. (Ich sehe sie an diesem Morgen nicht wieder.)

Später erzählt mir die Wohnbereichsleiterin, die ich auf Frau M. anspreche: „Die wird jetzt sediert.“ Obwohl ich kein Freund chemischer Ruhigstellung bin, muss ich einsehen, das es in diesem Fall für die Bewohnerin selber und für die Gruppe das Beste ist.