Das etwas in die Jahre gekommene und dementsprechend unansehnliche Auto, das meine Liebste mit in die Ehe gebracht hatte, befindet sich gerade bei dem verdienstvollen Unternehmen https://www.carglanzwerk.de/ zur optischen Rundumerneuerung.
Der sympathische Osteuropäer, der das Fahrzeug abholte, schaute zwar etwas mitleidig auf den 15 Jahre alten 1er BMW (er hat es sonst überwiegend mit den Luxuskarossen der Oberkasseler Durchschnittsbürger zu tun), versprach mir aber nicht nur ein Auto „wie neu“, sondern sagte auch, wenn er es zurück brächte, hätte er ein Geschenk für mich.
Nachdem er eigentlich von der Rückgabe am Sonntagmittag geredet hatte, bin ich inzwischen froh, wenn ich das Fahrzeug überhaupt zurück kriege 🙂
Nein, Ernst beiseite. Tatsächlich überlege ich jetzt, ob so eine PERSÖNLICHE Innenraumintensivpflege bei mir nicht auch mal angebracht wäre. „Von innen wie neu“ – wer wäre das nicht gerne? Damit könnte man im esoterischen Bereich garantiert landen.
Ich glaub, ich frag ihn nachher mal (falls er nochmal hier auftaucht).
Gestern erhielt ich einen Anruf der lokalen Buchhandlung, bei der die Frau und ich den Großteil unserer Literatur bestellen. Man ließ mir ausrichten, dass ich vergessen hätte, das bestellte Buch abzuholen. Ich konnte mich nicht erinnern, ein Buch bestellt zu haben und ging später neugierig zur Buchhandlung, um herauszufinden, was ich da geordert hatte.
Im Laden händigte mir die Verkäuferin ein Exemplar der „Red Side Story“ von Jasper Fforde aus und sagte mir, dass ich es schon bezahlt hätte. Auch daran konnte ich mich nicht erinnern. Am größten aber war mein Erstaunen über die Tatsache, dass sich dieses Buch bereits in meinem Besitz befindet, und zwar seit mindestens einem halben Jahr. Ich habe es in derselben Buchhandlung vor einiger Zeit gekauft – daran immerhin kann ich mich erinnern.
Nun hatte ich also zwei Exemplare des selben Buches. Und nach wie vor fehlt in meinem Gedächtnis jegliche Erinnerung an den Bestellvorgang, der zum zweiten Buch führte und daran, dass ich dieses Buch bereits mein eigen nannte, denn offensichtlich war mir das beim erneuten Bestellen ebenfalls aus dem Gedächtnis verschwunden. Wie sehr ich mich auch bemühe, den Dingen auf den Grund zu kommen und meine Erinnerungen zu durchforsten – an der Stelle „Das Buch habe ich schon“ und Buchbestellung im Laden ist ein einziges schwarzes Loch.
Das innere Gefühl dabei ist ein merkwürdiges, denn es ist keines des Schreckens oder der Panik. Es einfach ein Nichtvorhandensein, ein völliges Ausgelöschtsein – aber so, als ob es die entsprechenden Vorgänge nie gegeben hätte. So ähnlich müssen sich meine dementen Schützlinge fühlen, die ich ja oft in vergleichbaren Situationen erlebe.
Dass sich dieses Gefühl, dieser Zustand auf die meisten oder alle Gedächtnisinhalte erstreckt, ist ein faszinierendes Gedankenexperiment. Für mich jedenfalls, für Menschen mit Demenz wohl eher nicht. Wer weiß, woran ich in einigen Jahren sein werde, wenn das so weitergeht.
Versöhnlicher Ausgang der Geschichte: die Buchhandlung nahm das Buch gerne zurück und tauschte es gegen einen Gutschein, für den sich die Liebste einen weiteren ihrer obskuren Nordsee-Ostsee-Mord-und-Totschlag-Krimis mit Leuchttürmen auf dem Cover kaufen kann.
Entgegen meiner Gewohnheit blieb ich, als ich Drogennachschub aus dem Wohnzimmer holte, eine Weile – so etwa 20 Minuten – vor dem Fernseher stehen.
Die Liebste verfolgte dort eine Propagandasendung des staatlich kontrollierten Fernsehsenders ARD. Darin nahm eine ziemlich bösartige klimaktierende Schrappnelle namens Miosga (so hieß wohl auch die Sendung) die AfD Kanzlerkandidatin ins Verhör.
Sie unterbrach sie ständig und konnte ihre Feindseligkeit und Abneigung gegenüber der Interviewten bzw. deren Partei in keiner Weise verbergen. Die Moderatorin zeigte sich in jeder Hinsicht als unsouveräne, parteiische und einseitige Pseudo-Journalistin.
Frau Weidel blieb souverän. Unabhängig davon, was man von dem politischen Programm ihrer Partei hält, muss man sagen, dass sie sachlich und einigermaßen faktisch ihre Positionen vortrug. Sie hatte aber wenig Chancen gegen die geballten Vorurteile und die entschiedene Verurteilungsabsicht seitens der Moderatoren und irgendeiner rosa bejackten Lobbyistin (eine Art Klon der SPD-Schrapnelle Saskia Esken) – vor allem aber auch gegen die Parteilichkeit des offensichtlich gezielt selektierten Studienpublikums – etwas auszurichten.
Trotz oder wohl aufgrund dieses einseitigen, unterschwellig feindseligen Umgangs mit der Imterviewpartnerin war das Ganze im Grunde eine Sympathiewerbung für Frau Weidel und die AfD.
Fazit der Liebsten die sich diese unsägliche Propagandasendung von vorne bis hinten angetan hat: „Die Quittung kriegen die alle am Wahltag.“
Schönes Erlebnis beim Einkaufen: In der Bio Bäckerei Schürer nimmt ein männlicher Mitarbeiter namens Süleymanov meine Brötchenbestellung entgegen, schaut dabei auf meine Mütze und sagt mit breiten Grinsen „Schöne Mütze haben sie da auf. Afghanistan?“
Auf meinen verdutzten Gesichtsausdruck hin erzählt er mir, dass sein Vater eine solche Mütze im Afghanistaneinsatz der Roten Armee trug. Ich erfahre, dass er aus Aserbaidschan stammt und wir unterhalten uns ein bisschen über das heutige Aserbaidschan.
Ich bemerke „Die derzeitige Regierung dort versucht wohl, das Land auf NATO- und EU-Kurs zu bringen, oder?“.
„Ja“, antwortet er mir, „aber das wird nichts. Putin hat nein gesagt.“ Sein Grinsen wird noch breiter. Nach dem Bezahlvorgang verabschiede ich mich freundlich mit „Alles Gute und bis bald!“. Er antwortet „Bis bald!“, reckt den rechten Unterarm mit zur Faust geballter Hand und strahlt mich an.
Seit Tagen ist der jahreszeitliche Adventskranz Thema in unserer heimischen Volkskommune. Das heißt, bei meiner Herzdame, die von Amts wegen für die häusliche Ordnung und heimische Deko verantwortlich zeichnet (ein Stück weit Amtsanmaßung, die ich aber in meiner Altersweisheit und meiner angeborenen Unlust zu irgendwelcher Hausarbeit gütig durchgehen lasse). Ich selber habe mit dem jahreszeitlichen christlichen Hokuspokus nichts zu tun, aber auch nichts gegen Kerzenlichtgemütlichkeit und lecker Gebäck.
Heute nun, den 1.Advent in greifbarer Nähe, konnte sie es nicht mehr aushalten und beantragte einen Ausflug nach Flingern – neben Oberkassel das zweite mondäne In-Viertel der Landeshauptstadt, allerdings mit eindeutig jüngerer Bevölkerungsstruktur und deutlich mehr schicken Einzelhandelsgeschäften, in denen die betuchte obere Mittelschicht Geld für nutzlosen, teuren, aber nachhaltig, ökologisch und edel gefertigtem Kram loswerden kann.
Dort nämlich, so hatte die Gattin im Internet herausgefunden, gab es scheinbar den einzigen Blumenhändler Düsseldorfs, der künstlerisch anspruchsvolle und dekorative Adventskränze herstellte. Wie es der Zufall wollte, war heute auch der Tag ihres Gehaltseinganges, der sich jedes Jahr im November um das Weihnachtsgeld verdoppelt.
Von daher gab es also kein Halten mehr und wir betraten nach kurzer Parkplatzsuche den Blumenladen. Das kleine Geschäft war einer jener Läden, die nur in wohlhabenden Stadtvierteln funktionieren, wo es genügend Kundschaft mit dicken Portemonnaes gibt: elegant, aber gemütlich eingerichtet, schöne Deko, Wohnzimmeratmosphäre, große klassische Gemälde an der Wand, deren Sujets aber mitnichten spießig, sondern „augenzwinkernd ironisch“ wirken sollen. Inhaber und Florist war der klischeemäßig übliche Schwule, zuvorkommend, sympathisch und erkennbar ganz der Ästhet.
Meine Liebste fühlte sich sofort wie zuhause und untersuchte die diversen Adventskränze. Diese wirkten auf mich zugegebenermaßen edel und schick, vor allem aber teuer; sie waren irgendwie aufgebockt bzw. doppelt so hoch wie „normale“ Adventskränze, wie ich sie von früher kannte. Es waren gewissermaßen die SUVs unter den Adventskränzen. Die Frau fragte pro forma nach dem Preis, aber ich konnte ihrer Aura entnehmen, dass die Kaufentscheidung bereits gefallen war.
So verlassen wir den kleinen Blumenladen mit einem wuchtigen, äußerst geschmackvoll dekorierten und höchst beeindruckenden Adventskranz, der ca. ein Drittel meines Monatsnettos gekostet hatte. „Und das Beste.“, flötet sie fröhlich, „den können wir nächstes Jahr wieder hinbringen und der dekoriert ihn uns neu! Das macht doch den Preis wieder ganz ok, oder?“
Auf solche Fragen sage ich in der Regel gar nichts, außer dass ich gelegentlich ein zustimmendes grunzen vernehmen lasse. Was soll ich mich auch einmischen, es ist nicht mein Geld und schöne Dinge sind eben auch Lebensqualität.
Zuhause ziert der Adventskranz nun den Wohnzimmertisch und es erging die Ansage, dass „immer nur eine Kerze“ anzuzünden sein pro Adventssonntag. Fair enough, finde ich – wenn schon, denn schon. Abschlußbemerkung der Frau, als sie vom Sofa aus sowohl Fernsehnachrichten wie Adventskranz im Blick hat: „Wenn jetzt die Welt untergeht, haben wir wenigstens einen schönen Adventskranz!“
Die vergangenen anderthalb Tage verbrachte ich auf der Fachtagung Kunst- und Kulturgeragogik in Münster und konnte dort, neben allerlei fachlichen Diskussionen und Workshops zum Thema „Kooperativ! Qualitäten von multiprofessioneller Zusammenarbeit in der Kunst- und Kulturgeragogik“ Zeuge von einem Phänomen werden, das allgemein als Wokismus bezeichnet wird.
Die Referenten und Teilnehmer, zu etwa 80% Frauen; sprachen allesamt in jener merkwürdig gespreizten und artifiziellen Gendersprache, die Kunstpausen zwischen Wortstamm und -Endung macht, wenn der Plural beide Geschlechter „inkludieren“ sollte. Viele sprachen aber so schnell (bzw. verschluckten die Kunstpause), dass man nur die weibliche Endung raushörte.
Die eigenartigste Begebenheit war für mich die Begegnung mit einem sehr dicken Mann mit schütteren Haaren und Bartschatten, der von den anderen stürmisch begrüßt und umarmt wurde und sich mir als „Roswitha“ vorstellte (Namen hab ich geändert, jedenfalls ein eindeutiger Frauenname).
„Wieso nennst du dich Roswitha?“ wollte ich von ihm wissen. „Weil ich eine Frau bin!“ verkündete er stolz, und, um einem naiven Cis-Hetero wie mir die Sachlage zu verdeutlichen: „Ich bin eine Trans-Person!“
„Aha.“ war alles, was mir dazu einfiel, weil ich damit beschäftigt war, ein breites Grinsen zu unterdrücken – zu offensichtlich als Mann erkennbar war mein Gesprächspartner, der von den umstehenden Frauen massive Bestätigung erhielt („Also ich führe dich auch in all meinen Kontakten als ‚sie‘!“, sagte eine).
Ich wollte es nun genauer wissen: „Hast du dich behandeln oder umoperieren lassen, oder wie?“ fragte ich ihn, worauf ich eine ausführliche, detaillierte und ausschweifende Geschichte zu hören bekam, die zunächst sein spezifisches akutes Krankheitsbild zum Thema hatte, um anschließend abzuschweifen zu seiner Tätigkeit für die Kirche und deren großes Verständnis für Trans-Menschen. Kern des halben Romans, den er mir erzählte, war der Umstand, dass die hormonelle und operative Umwandlung derzeit nicht möglich wäre, weil er zunächst eine schwere Prostataerkrankung behandeln lassen müsse.
Selbst an dieser Stelle fiel weder ihm noch den mitfühlend-zustimmend zuhörenden und kopfnickenden Frauem um uns herum die Absurdität auf, dass jemand, der behauptet, eine Frau zu sein, an der Prostata erkrankt ist. Ich saß also vor diesem durchaus sympathischen und liebenswerten Kerl und hörte mir seine Geschichte an. Dabei fiel mir seine Redseligkeit auf, sein enormer Drang nach Sich-Erklären, Bestätigung – vielleicht aufgrund einer Furcht, verurteilt und ausgegrenzt zu werden.
Vor mir hatte ich einen den Eindruck nach herzlichen, gutmütigen Mann mit ausgeprägtem Redebedürfnis. Seine spürbarer Unsicherheit in Bezug auf die eigene sogenannte Identität, auf sein Selbstbild, manifestierte sich in der kontraindikatorischen, auffällig starken Betonung der selbstgewählten Identität als „Frau“. Das wirkte wie ein mentales Pfeifen im Wald: je lauter einer pfeift, umso mehr will er dasjenige fern halten, verdrängen, abblocken, vor dem er Angst hat bzw. mit dem er nicht zurechtkommt.
In „normalen“ Zeiten, so dachte ich mir, in einer besseren Welt, würden Menschen wie er wohl den Rat erhalten, sich in Therapie zu begeben um zu lernen, ihr biologisches Geschlecht zu akzeptieren statt zu versuchen, eine psychologische Identitätsstörung durch chemische und operative Maßnahmen zum Dauerzustand zu machen. Nicht so in einer Zeit, in der das Narrativ über die Realität gestellt wird. Eine Zeit, in der nicht die Wirklichkeit zählt, sondern die BESCHREIBUNG der Wirklichkeit – bis hin zu dem Irrwitz, dass, wenn die Realität von der Erzählung über sie abweicht, die Erzählung das Kriterium für Wahrheit sein soll.
Mein Gegenüber allerdings fühlte sich spürbar ermächtigt, SEINE Erzählung über sich selbst – „Ich bin eine Frau, und der Beweis dafür ist, dass ich eine sein will!“ – dadurch zu erhärten und als bestätigt anzusehen, dass Zeitgeist, offizielle Ideologie und sogar Gesetzgebung, außerdem (in diesem Fall) die unmittelbare Umgebung, alle seine Art der Realitätsverweigerung gutheißen und fördern – als das gute Recht des freien Individuums auf Selbstbestimmung.
Ich war jedenfalls mitten in ein wokes Wespennest geraten und enthielt mich in weiser Konfliktscheu weiterer Nachfragen. Ich verabschiedete mich höflich und überlegte, während ich die Treppenstufen zu meiner Unterkunft erklomm, wie gut es ist, dass wenigstens im amerikanischen Mutterland von LBGTQ+, Trans- und Genderideologie der Zug des Wokismus gestoppt und aufs Abstellgleis befördert wurde.
Die richtige Bezeichnung für die gegenwärtige politische Entwicklung ist FASCHISIERUNG.
Schrittweise werden Elemente von Überwachung, Zensur, strafrechtlicher Verfolgung und Ahndung von abweichenden Standpunkten eingeführt, die alle zusammen irgendwann den Kipppunkt ausmachen, an dem die „normale“ demokratische bürgerliche Herrschaft die Transformation in ihre faschistische Form gemacht haben wird.
Worauf sich die Herrschenden dabei verlassen können, ist die willige Komplizenschaft der Leitmedien und eine immer noch recht große Basis in der Bevölkerung, die von eben diesen Medien ideologisch auf Linie gebracht und gehalten wird.
Am Abend vor Allerheiligen wird seit zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren auch hierzulande ein Brauch gepflegt, der, aus Irland kommend, auf dem Umweg über die USA in Deutschland Fuß gefasst und allen möglichen Gewerbetreibenden willkommene Zusatzumsätze zwischen der Schützenfest- und der Adventssaison beschert:
An Halloween verkleiden sich Kinder und Jugendliche möglichst gruselig, die Kleineren ziehen von Tür zu Tür und fordern „Süßes oder Saures“, die Größeren ergreifen die Gelegenheit, abends und nachts umherzuziehen, teenagergemäß „Spaß zu haben“ und potentielle Sexpartner zu beeindrucken, die Erwachsenen passen sich dem vergleichsweise neuen Brauch an, indem sie ausgehöhlte, beleuchtete Kürbisse und allerlei geisterhafte Deko vor ihre Häuser stellen.
Soweit, so lästig, vor allem für Hundehalter, deren Vierbeiner derlei lauten Spuk als Aufforderung sieht, die merkwürdig gewandete, umher rennende und zappelnde Beute zu verbellen und nach Möglichkeit zu zwicken. In Oberkassel, dem Düsseldorfer Oberschichtsstadtteil mit der höchsten SUV-Dichte und den gefühlt schnöseligsten neureichen Besserverdienenden Deutschlands, liegt die Sache anwohnerbedingt nochmal anders, nämlich übler:
Scharen von Helikoptereltern bringen ihren kostümierten Nachwuchs in ihren übermotorisierten Protzkarossen oder mit dem Lasten-E-Bike (also das grüne Kern-Klientel) zu offenbar vorab vereinbarten Treffpunkten, von wo aus die lieben Kleinen dann lautstark und gruppenweise ihre Betteltour starten und die Anwohner nerven.
Die Frau und ich, zusammen mit dem Zottelkumpel auf der abendlichen Hunderunde, navigieren so gut es geht zwischen den Pulks von Miniatur-Hexen, -Dämonen, -Geistern und -Zombies, indem wir jeweils die Straßenseite wechseln, wenn uns wieder ein Grüppchen entgegenkommt. Auf einer Freifläche zwischen den edlen Apartmentblocks des Oberkasseler Neubaugebietes (Wohnungspreise ab 1 Mio Euro aufwärts) können wir auf einem der breiten Gehwege zwischen den Rasenflächen etwas aufatmen, auch der Hund beruhigt sich wieder.
Doch nun kommt uns mit einem spukmäßig beleuchteten Lasten-E-Bike eine der reproduktionsfreudigen Jungmütter entgegen, die sich schon deshalb für progressiv, nachhaltig und anti-faschistisch halten, weil sie die Kinder mit dem Fahrrad statt mit dem Porsche-SUV zum Kinderhort an der Ecke bringen und einen „FCK AFD“ Aufkleber auf ihrem Gefährt haben. Mein Hund nimmt die Erscheinung als Bedrohung wahr und wirft sich in die Leine, um die beleuchtete Zumutung ordentlich anzukläffen.
Das erschreckt die Radfahrerin so, dass sie kurz schwankt – wir sind etwa drei gefahrlose Meter von ihr entfernt – und uns wütend ankeift: „Geht‘s noch?! Passt mal auf euren Hund auf!!“. Schon ist sie, elektrisch verstärkt, weitergefahren und um die nächste Ecke verschwunden.
Während ich noch bedaure, ihr kein geistesgegenwärtiges „Halloween, Alte!“ zugerufen zu haben, lässt sich die Frau vernehmen: „Nimm mal den Hund kürzer. Diese Weiber sind nicht zurechnungsfähig. Statt dass die einfach weiterfahren, müssen diese Brutglucken losschimpfen…“
Meine Freude über den schönen Begriff „Brutglucken“ für das grün-liberale urbane Deppenpack vertreibt sofort jedes Bedauern über verpasste Gelegenheiten zu einem fiesen verbalen Gegenschlag und wir beenden die Runde in der Gewißheit, ganz bestimmt keiner dieser Nervensägen die Tür zu öffnen, falls die bei uns klingeln sollten.
Auf der sonntagmorgendlichen Hunderunde sagt die Frau unvermittelt: „Ich weiß gar nicht, ob es heute Abend einen neuen ‚Tatort‘ gibt… Guck doch mal nach, du hast doch immer das Telefon dabei!“
Folgsam fingiere ich das mobile Endgerät aus der Hosentasche und konsultiere die einschlägige App. „Nee, heute gibt’s ‚Polizeiruf‘“, informiere ich die Liebste und stecke das Handy wieder weg.
„Ja, und? Welcher denn? Mit wem? Wo spielt der?“, werde ich gefragt, als ob mich derlei Einzelheiten eines Fernsehkrimis – den ich sowieso nicht gucke – interessieren würden. Ich muss also das Prozedere von soeben wiederholen und die Details der heutigen ‚Polizeiruf‘-Folge kommunizieren.
Ich sinniere über das Phänomen dieser Retortenkrimis des Zwangsgebührenfernsehens, die im (seltenen) besten Fall eine ziemlich akkurate Bestandsaufnahme der sozialen und ökonomischen Verwerfungen des krisenhaften Kapitalstandortes BRD sein können, in der Regel aber krimi- und drehbuchmäßige Dutzendware darstellen, gedacht für den Massenkonsum eines ablenkungsbedürftigen TV-Publikums.
Irgendwo hatte ich mal das Bonmot aufgeschnappt, dass, wenn jährlich tatsächlich so viele Tote anfallen wie in den unzähligen Fernsehkrimis, Deutschland schon halb entvölkert sein müsste.
„Diese Krimis von der Stange sorgen auf ihre Weise ja ganz elegant für die Einbettung und Einbindung der Leute in eine geregelte, überschaubare Normalität; einer Normalität, die es gar nicht gibt, oder nicht mehr gibt“, rede ich mehr vor mich hin als zu meiner neben mir trabenden Liebsten. „Durch die erfolgreiche Ermittlungsarbeit und der dadurch garantierten Bestrafung der Kriminellen – die Fälle werden ja IMMER aufgeklärt – wird der Eindruck erzeugt, dass wir uns in einer prinzipiell gut aufgestellten, sicheren Welt befinden, in der Übertretungen und Verstöße auf jeden Fall geahndet werden.
Die Normalität ist die Regel, und die ist gut und richtig. Alles kann und soll so bleiben, wie es immer war, Ausreißer aus dieser geordneten Wirklichkeit werden bestraft. Das ist jedenfalls das, was die unterschwellige Botschaft dieser Fernsehkrimis ist, das ist auch das, was Politiker ihren Wählern erzählen. Und die Wähler WOLLEN das hören, sie wollen, dass ihr anständiges, geordnetes, ökonomisch bewältigbares Leben weitergeht wie seit den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren gewohnt….“
Meine Begleiterin ist wenig beeindruckt. „Das ist mir alles egal“, erklärt sie. „Ich guck das eben gerne.“ Damit ist im Grunde alles Nötige gesagt, jedenfalls aus ihrer Sicht. Ich fühle mich veranlasst, meine ungebetenen Ausführungen zu rechtfertigen: „Ich weiß, dass das Themen sind, die dich nicht interessieren, aber manchmal muss ich einfach laut daherreden, was mir so durch den Sinn geht…“
„Nee, ist schon ok, finde ich ja auch nicht schlecht“, erhalte ich zur Antwort. „Du kannst dir ja solche Gedanken machen. Ich kümmere mich halt um das WESENTLICHE, nämlich um den Tafelspitz. Oder soll ich mal einen richtigen Rinderbraten mit Klößen und Rotkraut machen?“
Wenigstens MEINE Welt ist nämlich auch ohne Krimis eine wohl geordnete, in der dank der Kochkünste der Liebsten für die solide Basis allen irdischen Daseins gesorgt und Leib und Seele zusammengehalten wird. Auf dem weiteren Weg dringt aus den umliegenden Gebäuden schon gelegentlicher Essengeruch an unsere Nasen, und hungrig marschieren wir nach Hause.
Mir träumte, ich wäre aus Versehen in eine parallele Zeitebene geraten, hätte darin aber die Zeitachse in umgekehrter Richtung betreten, nämlich in ein neo-viktorianisches Prag oder ein Steampunk-Wien.
Natürlich steuerte ich unverzüglich eines der zahlreichen Caféhäuser an und traf dort zahlreiche Freunde und Gleichgesinnte, Künstler, Poeten und allerlei Feingeister bei Kaffee und Käsebroten, Zigaretten und Wein und angeregter Stimmung an.
Man diskutierte, debattierte, besprach die fundamentalsten Dinge und die alltäglichsten Angelegenheiten und unterbrach diesen anregenden Zeitvertreib nur, um sich in der bescheidenen Dachstube – jeder einzelne der Caféhausbesucher bewohnte eine solche – eine warme Mahlzeit zu richten und etwas zu schlafen.
Am nächsten Tag ging es wieder ins Caféhaus, wo aufs Neue diskutiert und philosophiert wurde, bis die Ohren glühten und die müden Gemüter nach einer Runde Absynth oder Whisky riefen, die sogleich von freundlichen Kellnern serviert wurde.
So ging es tagein, tagaus, und niemand wurde dieser Gesellschaft überdrüssig. Ich beschloß, mich ganz dort niederzulassen und beantragte ein Visum bei der Temporalen Regulierungsbehörde. Man beschied mich abschlägig; angeblich würde ich nicht die Voraussetzungen erfüllen, diese aber wurden nirgends spezifiziert. Ein Gast am Nachbartisch raunte mir zu, dass in solchen Fällen meist die Ehepartner der Antragsteller – die die Ausreise aus der Normzeit durch ihr Veto verhindern dürfen – ihre Finger im Spiel hätten.
Schon vermischten sich die Zeitebenen wieder und aus einem gleichzeitigem Raumzeit-Kontinuum erklang eine mir gut bekannte Stimme: „Du wolltest doch noch mal einkaufen gehen, wir brauchen noch Klopapier und Senf!“
So scheint es also wieder mal zu früh zu sein für den Abschied aus dieser Welt, und wie das nun zu bewerten ist, überlasse ich dem Urteil der Nachwelt.