Geschichten, die das Leben schrieb: Was kommt da auf mich zu?

Bekanntlich ist die Große Vaterländische Buchaufräumaktion so ausgegangen, dass die Sachbuch- und Belletristik-Bestandteile meiner erlesenen Bibliothek ins Dachbodenexil flüchten mussten.

Die Frau hingegen konnte nach zähen, oft vor dem Abbruch stehenden Verhandlungen vier der zehn vorhandenen quadratischen IKEA-Regalplätze okkupieren – für die zweifelhaften Romane, die sie nun mal so liest.

Bemerkenswerter jedoch ist die Tatsache, dass sie zwei dieser obskuren Krimis auffällig sichtbar vor die anderen Bücher platziert hat, wie einen Hinweis: „Der goldene Tod“ und „Wintersterben“.

Will sie mir damit etwas sagen?

Hat sie etwa vor, mich in diesem Winter noch durch eine Überdosis Opium oder Sex ums Leben zu bringen?

Oder ist alles ein reiner „Zufall“, in Wahrheit aber ein Hinweis des Schicksals, dass meine Zeit gekommen ist?

Fragen über Fragen, die mal wieder keiner beantwortet.

Geschichten die das Leben schrieb: Bücher und Menschen, alle wollen ihren Platz finden

Aufräumarbeiten in den diversen Schränken und Regalen. Die Bücher müssen gesichtet werden. Gegebenenfalls muss man sich von einigen trennen, so fordert es jedenfalls die Mitbewohnerin, deren Buchbestand (zum Großteil flott wegzulesende 08/15-Krimiunterhaltung) solche Maßnahme locker wegsteckt und, unter uns, auch verdient.

Ich dagegen nenne in jedem literarischen Bereich eine exzellente, mitunter erlesene Auswahl an Werken mein eigen; ein bibliophiler Schatz an gewichtigen, lesenswerten, ausgesprochen GUTEN Büchern, die ich natürlich nie im Leben wegschmeißen würde.

Nun stehen harte Verhandlungen an. Der begrenzte Platz in dem IKEA-Regal, dessen schlichte Häßlichkeit zu meinem Leidwesen ein echtes Bücherregal ersetzen muss, bis mal wieder Geld für irgendwelches Mobiliar vorhanden ist, erfordert scharfe Selektion.

Aus meiner Sicht betrifft das zu 95% die Bücher der Liebsten, die als „Literatur“ zu bezeichnen angesichts der Tatsache, dass diese literarische Dutzendware so etwas wie die geschriebene Analogie zu Serienkrimis im Zwangsgebührenfernsehen darstellt, ein Euphemismus wäre. Aus IHRER Sicht hingegen ist alles, was zwischen zwei Buchdeckeln steht, gleichwertig und kann daher gleichermaßen Platz beanspruchen.

„Kannst du von deinen ganzen Büchern nicht auch mal was wegschmeißen?“, werde ich gefragt. Ich sortiere drei oder vier wirklich überflüssige Regalhüter („Dalai Lama: Mitgefühl leben“ oder sowas) aus und schlage ihr großzügig vor, die zehn verfügbaren quadratischen Regalelemente „drei zu sieben“ aufzuteilen, was rein inhaltsmäßig schon ein enormes Zugeständnis meinerseits ist. Finde ich jedenfalls.

Das kommt aber nicht gut an bei meiner Krimienthusiastin. „Dann bring doch wenigstens welche davon auf den Dachboden!“, kriege ich zu hören. Das wäre eine Notfallmaßnahme, die ich mir jedoch als letzten Auweg aufsparen will. Zum Glück kommt die Liebste von selber auf den naheliegenden Gedanken, die Bücher, die sie mit hundertprozentiger Garantie nie wieder lesen wird, weiterzuverschenken: „Habt ihr nicht so eine Bücherei im Heim?“, fragt sie.

Haben wir, aber es handelt sich dabei um ein einziges 1,25m breites und 2m hohes IKEA-Regal, das schon ziemlich befüllt ist. Zwanzig bis dreißig weitere Bücher wird es aber verkraften. Weitere etwa vierzig Bücher wandern in den „Literaturschrank“ vor der Sparkasse, so dass ich meiner Einschätzung nach meine „Drei-zu-Sieben“-Ausgangsverhandlungsposition halten kann.

Noch ist die (Buch-)Messe nicht gesungen, aber mit diesem Zwischenergebnis begeben wir uns beide erstmal in die Mittagspause, jeder zufrieden, dass demnächst wieder übersichtliche Ordnung herrscht.

Geschichten die das Leben schrieb: Männer sind eine Last, und im Alter erst recht

Die Frau und ich unterhalten uns über außereheliche Reiseabenteuer zu nicht-gemeinsamen Freunden und Bekannten. Das Problem der Abstimmung steht im Raum, denn im Gegensatz zu meinem Drei-Halbtage-Job arbeitet sie Vollzeit und muss sich jedesmal freinehmen, wenn ich irgendwo unterwegs bin und nicht gerade Feiertage sind. Der Hund muss ja betreut und versorgt werden.

Zur Erläuterung meiner Position bringe ich ein Argument vor, dass mir tatsächlich immer mehr zum Anliegen wird: „Weißt du, ich hab vielleicht noch 10 oder 20 Jahre zu leben, wenn überhaupt, jedenfalls bei einigermaßen akzeptabler Gesundheit. Ich habe das Gefühl, wenn ich jetzt die paar Freunde und Verwandten treffe, an denen mir gelegen ist, dann könnte das das letzte Mal in diesem Leben sein. Ich will nicht auf dem Sterbebett liegen und mich grämen, dass ich meine Freunde nie mehr gesehen habe…“

Die Liebste ist wenig beeindruckt. „Du wirst jetzt siebenundsechzig. Du tust ja gerade so, als ob du morgen sterben müsstest!“

Ich: „Wer weiß? Kann ja sein, oder? Vielleicht solltest du dir doch einen Jüngeren suchen…“

Sie lacht auf: „Ich klink‘ mir keinen Mann mehr ans Bein! Einen Hund vielleicht, aber doch keinen MANN!“ – wobei sie das Wort „Mann“ ausspricht wie eine ansteckende Krankheit.

Sie sinniert eine Weile und lässt nochmal ein höhnisches Lachen vernehmen: „In DEM Alter! Die wollen doch nur gepflegt werden! Oder bekocht! Nee, ohne mich…“

Ich glaube, ich muss mich beizeiten schon mal um einen Platz im Pflegeheim bemühen.

Geschichten die das Leben schrieb: Schreck in der Abendstunde

Abendrunde mit dem Hund: Wir treten aus dem Gartentor der Ferienwohnung, um zum Strand zu gehen, da kommt uns eine Gruppe von acht bis zehn merkwürdig wirkender Menschen entgegen: alle völlig un-urlaubsmäßig städtisch gekleidet, in den betont lässigen, aber höchstens durch ein weißes Hemd unterbrochenen dunklen förmlichen Outfits, in die junge urbane Erfolgsmenschen sich kleiden, um sich selbst und der Umwelt zu signalisieren, dass sie in all ihrer karrieremäßigen Angepasstheit ganz viel „Individualität“ besitzen. Einige tragen wichtige Aktentaschen, Laptop cases und Klemmbretter mit sich.

Macht die Kreissparkasse einen Betriebsausflug? Sind die Mitarbeiter der lokalen Gemeindeverwaltung auf Inspektionstour?

Nicht ganz. In der Mitte der an diesem Ort völlig deplatziert wirkenden Truppe läuft niemand anders als Corona-Karlchen, der Bundesminister für Klinikschließung und Pharmakapitalprofite. Offensichtlich kommt er samt Entourage aus der direkt neben unserer FeWo gelegenen „Barkasse“, dem besten (hauptsächlich Fisch-)Restaurant am Platz.

Man bleibt noch nicht mal im Urlaub von diesen Figuren verschont! Sowas wie Mietminderung kann ich wohl beim Ferienhausvermieter nicht geltend machen, oder?

Geschichten die das Leben schrieb: der Ersatzmann

Die Frau und ich unterhalten uns anlässlich des Geburtstages eines jungen Verwandten über dessen Eltern. Seine Mutter hatte sich noch im Vorschulalter des Sohnes vom biologischen Vater getrennt und ihr neuer Partner fand sich zwangsläufig in einer Vaterrolle wieder, die er bereitwillig annahm und erfüllte. Der junge Mann ist inzwischen in seinen Zwanzigern und lebt und studiert im Ausland.

Die Liebste, nach dem Austausch von allerlei familienhistorischem Klatsch und Tratsch, sinniert vor sich hin: „Ja, die hat sofort einen Ersatzmann zur Hand gehabt…. Ich hab keinen…“

Ich horche auf: „Und wenn ich morgen tot umfalle? Suchst du dir dann keinen anderen?“

Sie: „Bloß nicht. Nie wieder. Da bin ich alleine ja besser dran!“

Ich weiß jetzt nicht, ob ich das als schmeichelhaftes Kompliment oder als vernichtendes Urteil werten soll und sage lieber nichts mehr.

Geschichten die das Leben schrieb: Auf der A1

Auf der Autobahn zwischen Lübeck und Hamburg, auf dem Weg zum Urlaubsdomizil. Bei einer der Ausfahrten gelangt man laut Schild zu einem Ort namens Luschendorf. 

Ich muss lachen und sage zu meiner Beifahrerin: „Auweia, Luschendorf – da möcht ich nicht wohnen.“

Die Liebste so: „Da passt du aber gut hin.“

Da hilft – gleich nach Ankunft am Ziel – nur eins:

Geschichten die das Leben schrieb: Im Bardo hört dich keiner schreien

Die Psychologie des gesamten siebten Lebensjahrzehntes (und zwar umso stärker, je weiter es voranschreitet) ist geprägt vom Schwanken zwischen zwei mentalen Mustern, die eher komplementäre Pole sind als Gegensätze: 

Zum einen die Erkenntnis des unerbittlichen Verfalls von Körper und Geist, sowie das Hadern mit diesem progressiven Nachlassen all der Kräfte und Fähigkeiten, deren Besitz und Ausübung man bis hierher für selbstverständlich gehalten hatte.  

Zum anderen der Versuch, sich in das Unvermeidliche zu fügen und zu akzeptieren, dass von nun an alles nur noch weiter bergab geht.

Pausen von dieser gnadenlosen Abwärtsspirale gibt es kaum; Trost besteht einzig in der Einsicht, dass die Zeit dahin rast und bald, sehr bald, das Ende des irdischen Gastspiels erreicht ist. Und, in lichten Momenten, dass man vielleicht ein paar nützliche Dinge gemacht, einige Leute inspiriert und Menschen nicht ausgenutzt und ausgebeutet hat.

Der Zwischenzustand zwischen Geburt und Tod gleicht dem Tautropfen auf dem Grashalm bei Sonnenaufgang, oder den Wolken am windigen Himmel. Schnell naht die Zeit des Abschieds von allem, was man kennt. 

„Zur Zeit, da Körper und Geist sich trennen, geht dir die wahre Erscheinung des Seins-an-sich als subtil und klar, hell-strahlend, von Natur aus leuchtend und doch furchterregend auf, gleich dem Glitzern einer flimmernden Fata Morgana über einer hochsommerlichen Ebene.“

Darauf sich vorzubereiten, ist nicht verkehrt.

Geschichten die das Leben schrieb: wenn die Nacht am tiefsten

Nachts, wenn alles schläft, erhalte ich Besuch von Wesen aus der Zwischenwelt. Sie stehen meistens nur da und verschwinden so lautlos, wie sie erschienen sind.

Manchmal flimmern sie kurz, wie eine Störung im Fernseher, so als würden sich die Photonen, aus denen ihre Erscheinung besteht, neu ordnen. Einmal flüsterte einer: „Warum schläfst du nicht…“, worauf ich ins Bett ging.

Also auch in der Geisterwelt alles wie immer.

Geschichten die das Leben schrieb: fussballphilosophische Betrachtungen, die nichts mit Fußball zu tun haben (Folge 2)

Es ist mal wieder gemeinsamer Fußballabend angesagt. Da die Liebste entschieden hat, dass bis zum Urlaub im August kein Alkohol mehr getrunken wird, ein fast esoterisches Event bei Kräutertee und Duftkerze.

Das Spiel beginnt und Aussehen und Outfits der Spieler werden kritisch unter die Lupe genommen.

Die Frau so, beim Anblick von Sabitzer: „Wie sieht der denn aus?! Der könnte echt bei irgend so einem österreichischen Krimi mitspielen… aber als Verbrecher!“

Ich: „Hm, ja.. ich muss sagen, rein von der Optik her spielen bei der Türkei die attraktiven Männer als bei den Österreichern.“

Die Frau nickt zustimmend.
„Die Ösis sehen halt alle Scheiße aus“, sagt sie kategorisch bzw. kategorisierend.

Ich frage: „Hast du noch nie einen österreichischen Lover gehabt?“

Sie: „ Um Gottes willen! ich bin doch nicht bescheuert!“

Ich: „Naja, der Singsang, den die da unten sprechen, der klingt doch ganz sexy…“

Sie, gewohnt logisch: „Ja, das nützt mir aber nichts, wenn die nicht sexy aussehen..“

Jetzt wird der österreichische Torwart Pentz eingeblendet. „Boah, selbst der Torwart sieht scheiße aus!“ läßt sich die Liebste vernehmen.

Dann ist das Spiel aus, die Türkei hat ein wenig überraschend, aber verdient gewonnen, und meine Herzdame – die zu Beginn des Matches noch die Österreicher favorisiert hatte – freut sich mit den begeisterten Fans des Teams mit dem besser ausschauenden Männermaterial über den ehrlich erkämpften Einzug ins Viertelfinale. „Ich bleib noch ein bißchen auf und guck mir das an“, verkündet sie, „die feiern so schön!“