Feiertagsdienst für meinen allerchristlichsten Arbeitgeber. An Allerheiligen besteht mein Vormittagsangebot darin, im Rahmen einer „Geselligen Runde“ die Leute irgendwie zu beschäftigen und zu unterhalten.
Ich baue den Gymnastikraum zu einem Kaminzimmer um, indem ich per Beamer und YouTube ein prasselndes Kaminfeuer an die Wand projiziere, entspannte Musik spiele und – spontane Entscheidung – heute mal etwas über Heilige, Heiligkeit und überhaupt über das menschliche Streben nach Sinn, Außergewöhnlichkeit und Gottsuche zu erzählen.
Als Gedächtnisstütze habe ich mir ein paar Anekdoten und Lebensläufe besonders schräger Vögel unter den christlichen Heiligen ausgedruckt, wie den hl. Fiacrus. Namensgeber der Wiener Fiaker, oder den Hl. Thomas von Aquin, der angeblich so gelehrt wie beleibt war und dem man deshalb einen halbkreisförmigen Ausschnitt in den Schreibtisch sägte, an dem er seine Schriften und Traktate verfaßte.
Unser Lieiblingsheiliger an diesem Vormittag ist allerdings eindeutig der Hl. Arnulf von Metz. Dieser wackere Kirchenmann schwor auf den Gerstensaft als Allheilmittel; er heilte als Bischof die Gläubigen gleich reihenweise mit Bier und als er nach einem bier- und segensreichen Leben zu Grabe getragen wurde, sorgte er noch posthum für das „Humpen-Wunder“: 5000 Teilnehmer der Begräbnisprozession stillten ihren Bierdurst aus einem einzigen Humpen, der nicht leer wurde.
Sowas gefällt den Leuten – die ansonsten, trotz durchgängig christlicher und rheinlandtypisch überwiegend katholischer Konfession heiligenmäßig wenig bewandert sind und sich nur mit Nachhilfe wenigstens an St. Nikolaus und St. Martin erinnern.
Nun ist der Gymnastikraum ein Durchgangsraum zwischen zwei Flügeln eines Wohnbereiches, so dass gelegentlicher Durchgangsverkehr stattfindet. Irgendwann geht die Tür auf und der volldemente Herr W. kreuzt durch den Raum, auf dem Weg zu seinem Zimmer. Er blickt auf, registriert die gemütliche Atmosphäre und ich setze ihn kurz ins Bild, dass wir gerade über Heilige reden.
Da wir es gerade mit Vornamen und Namenstagen hatten, erwähne ich, dass es bestimmt auch einen Heiligen mit seinem Vornamen gibt.
Herr W. lacht und sagt: „Tote Heilige? Brauch ich nicht! Ich bin ja lebendig, das genügt mir…“.
Das Thema ist damit für ihn abgehakt und er schiebt seinen Rollator weiter in Richtung Zimmer.
Eine als Dialog zwischen Wissenschaftlern und Bürgern (Betroffene, Angehörige, Interessierte) gedachte Veranstaltung bringt – inmitten einer Menge teilweise nützlicher, teilweise hanebüchener Informationen über den Stand der Demenzforschung – die Crux des Themas auf den marktwirtschaftlichen Punkt: „Die Firmen verdienen erst, wenn sie die Mittel VERKAUFEN!“, erklärt ein in der Medikamentenentwicklung forschender Universitätsprofessor die sehr zögerliche Investitionsbereitschaft der Pharmabranche auf dem Gebiet der Antidementiva.
Die langen Entwicklungszyklen solcher Medikamente (10 – 15 Jahre bis zur „Marktreife“) sind ein Investitionshindernis. Diese lange Dauer kommt allerdings unter anderem deshalb zustande, WEIL die auf diesem Fachgebiet eingesetzten Gelder nicht gerade üppig fließen. Der Professor antwortet auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum, dass sich dieser Zyklus sehr wohl mit mehr Personal in der Forschung, also mit mehr Geld, abkürzen ließe.
Vorläufig könne man nur jedem raten, ein einigermaßen gesundes Leben mit viel Bewegung zu führen, das sei noch die beste Demenz-Vorbeugung.
Ende vom Lied: die Heilung bzw. Linderung einer die gesamte Gesellschaft betreffenden Krankheit (die in den kommenden Jahre eher noch größere Bevölkerungsteile treffen wird; Stichwort „Überalterung“ und „Bewegungsmangel der Smartphone-Generation“) ist zu 100% abhängig von den Gewinnkalkulationen privater Unternehmen.
Nochmal zum Anfang:
Der Satz „Die Firmen verdienen erst, wenn sie die Mittel VERKAUFEN!“ ruft weder Kopfschütteln noch Erstaunen, weder Widerspruch noch Kritik hervor – so sehr ist diese marktwirtschaftliche Grundweisheit JEDEM Beteiligten in Fleisch und Blut übergegangen. Sie ist die conditio sine qua non alles Waltens und Schaltens in der besten aller Welten, auch und erst recht, wenn es um elementare Anliegen menschlichen Zusammenlebens wie Gesundheit und Krankheit geht. Der Satz wird als faktische Feststellung der Kategorie „So ist das Leben“ gehört und verbucht; genauso könnte man sagen „Der Tau verdunstet erst bei Tagesanbruch“.
Der aufgeklärte demokratische Bürger hält sich sogar noch etwas zugute auf die eigene sachgerechte Lebensklugheit, die nüchtern von den Realitäten ausgeht.
Dass einfach die Leute, die Ahnung davon haben, mit den Ressourcen, die nötig sind, das Zeug entwickeln, was zur Heilung, Eindämmung oder Linderung einer Krankheit wie Demenz tauglich ist: auf sowas können nur utopische kommunistische Tagträumer kommen.
Morgens um 7:15 Uhr kommt mir schon die aufgeregte Frau H aus der „Tagesgruppe Demenz“ entgegen, sichtlich aufgewühlt (was allerdings ihr Dauerzustand ist seit einigen Monaten) und erkennbar selbst aufgestanden, also nicht vom Pflegepersonal geweckt und angezogen.
Wie nahezu jeden Tag hat sie eine wüste Geschichte parat über die ungeheuerlichen Begebenheiten, die ihr wieder passiert sind und deren unschuldiges – zum Glück aber nicht doofes – Opfer sie ist.
„Du glaubst nicht, was mir wieder passiert ist!“, fängt sie übergangslos an zu erzählen. „Meine Mutter war da!“. Frau H wird demnächst 85, so dass es wenig wahrscheinlich ist, dass ihre leibhaftige Mutter im Pflegeheim auftaucht. Da ich weiß, dass Frau H. Traum, Erinnerungsrückblenden und Jetztzeit nicht auseinander halten kann, begleite ich sie erstmal nach draußen, wo sie zum Rauchen hinwollte.
Sie berichtet: „Jetzt pass auf! Die kam in mein Zimmer und hat da dein Bild gesehen. ‚Das wär der richtige Mann für dich!‘, hat sie mir gesagt. Das musste ich dir erzählen, da lachst du dich schlapp, hab ich mir gedacht. Und dann hat sie mir gesagt, ich muss meine Tabletten nehmen, sonst ist’s in einem halben Jahr zuende mit mir.“
Frau H. hat eine lange Geschichte von Verweigerung der Medikamenteneinnahme; Ärzte und Pflegekräfte haben immer wieder eine schwere Zeit, die resolute und selbstbewusste Frau zur Einnahme ihrer Medikamente zu bewegen. Die Intervention ihrer – längst verstorbenen – Mutter allerdings hat Frau H. offenbar überzeugt, dass sie sich nicht länger sperren soll: „‚Nimm deine Pillen, Kind!‘ hat sie mir gesagt, ‚ich komm sonst nicht zu deiner Beerdigung!
Frau H. nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette, schaut mich an und sagt: „Ja, jetzt kuckst du mich an, als ob du mir nicht glaubst! Das war aber so! Was meinst du, was ich überrascht war, dass meine Mutter plötzlich rein kam…“
“Tagesgruppe Demenz”: Beinahe jeden Morgen begrüßt mich Frau H., wenn sie wackeligen Schrittes in den Gruppenraum kommt, mit Ansagen wie “Du glaubst nicht, was heute wieder passiert ist!”. Anschließend berichtet sie von verstörenden Begebenheiten, die ihr widerfahren sind – Begebenheiten, die ihre Welt durcheinander bringen, diese noch ungewisser machen und in der Regel etwas mit gegen sie gerichteten Aktionen zu tun haben: übergriffige Handlungen von Pflegern oder Putzkräften, Umzug in ein anders Zimmer, Kündigung ihres Heimaufenthaltes, russische Invasionen, vor allem aber Diebstähle ihrer Habseligkeiten, besonders ihrer Zigaretten.
Da für Frau H. Erinnerungen, Träume und Gegenwart ununterscheidbar miteinander verschmolzen sind, sie zudem noch zunehmend Wortfindungsschwierigkeiten hat, braucht es oft eine ganze Weile, bis wir beim Kern des Vorfalles angelangt sind und sie sich soweit beruhigt hat, dass sie frühstücken kann.
Heute scheint ihr Gemütszustand aus einer Mischung von Empörung und Selbstzufriedenheit zu bestehen. Sie erzählt: “Ich bin doch nicht doof! Die halten mich für verrückt, aber ich lass mich nicht rumkommandieren! Der Kerl heute morgen hat mir zweimal diese Farbtöpfchen gebracht, aber ich will die nicht. Der kann die selbst behalten! Dem hab ich die Meinung gesagt!”.
Sie schwelgt noch einige Sätze lang in dem Gefühl, es “dem Kerl” so richtig gegeben zu haben, während ich nachsinne, was sie meinen könnte. Schließlich frage ich nach, von was für Farbtöpfchen sie hier redet.
“Na, die kleinen Farbtöpfchen, die wir immer kriegen! Jeden Morgen und jeden Mittag!”
Gemeint sind offenbar die winzigen roten, blauen oder gelben Plastikbecherchen, in denen die Bewohner ihre Medikamente verabreicht bekommen. Frau H. hat immer wieder Phasen, in denen sie die Einnahme von Medikament rigoros ablehnt. Sie vermutet, dass “diese Pillen” sowieso nicht wirken oder, noch schlimmer, ihr schaden.
Oft fragt sie die Pflegekräfte, wozu sie die Medikamente nehmen soll oder was da drin wäre. Als Antwort erhält sie meist Sprüche wie “Die sind für Ihre Gesundheit” oder “Die MÜSSEN Sie nehmen, Frau H., das hat der Arzt verordnet”. Andere Pflegekräfte kommen auch schon mal mit dem Medikamententablett herein und verkünden fröhlich: “So, hier kommt die Medizin für glatte Haut und schöne Fingernägel!”, wohl in der Annahme – besser: Anmaßung – dass es bei dementen Menschen sowieso egal ist, ob man ihnen die Wahrheit über ihre Medikation sagt oder nicht bzw. sie besser gleich belügt und die Pillen als Nahrungsergänzung oder Schönheitsmittel “verkauft”.
Die Medikation, konkret: ihre Verabreichung und Einnahme, ist ein Dauerthema speziell bei dementen Bewohnern. Für nicht wenige ist das Schlucken der mitunter ziemlich großen Tabletten ein Vorgang, der ihnen schon haptisch und physiologisch schwerfällt und zuwider ist. Sie empfinden die Pillen als Fremdkörper im Mund, spucken sie wieder aus, kauen drauf rum oder drehen den Kopf weg um die Einnahme zu vermeiden. Oft werden dann die Tabletten im Mörser pulverisiert, um sie den Leuten unter den Joghurt oder den Milchbrei gemischt zu verabreichen – eine Maßnahme, die umstritten ist, weil sie das Prinzip von Freiheit und Freiwilligkeit außer Kraft setzt und den Bewohnern die Medikamente ohne ihr Wissen unterjubelt.
Frau H. liegt möglicherweise gar nicht mal falsch mit ihrer Befürchtung, dass “die Pillen” ihr nicht gut tun bzw. nichts bewirken würden, zumal wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Sie zieht jedenfalls noch munter vom Leder gegen all die “Idioten”, die versuchen, sie zu irgendwelchen Sachen zu bewegen, die sie nicht möchte: “Die können mich mal! Kennst mich ja, ich nehm’ kein Blatt vor den Mund… Und wenn die mich bis nach Amerika verschleppen, ist mir egal. Ich hab die Russen erlebt; ich lass mich doch hier nicht zum Affen machen…” usw.
Da ich selber auch nicht weiß, welche Medikamente sie warum erhält, rate ich ihr, beim nächsten Arztbesuch (die Ärztin kommt einmal pro Woche in die Pflegeeinrichtung) mal nachzufragen, was sie bekommt und wofür oder wogegen das ist.
All diese Fragen erörtern wir bei einer Zigarette auf dem Balkon. Nach und nach entspannt sich Frau H., ihre Laune bessert sich zusehends und wir kehren zurück in den Gruppenraum, wo der Rest der Truppe beim Frühstück sitzt.
Frau H.s Stimmung wird im Laufe des Vormittags immer besser und fröhlicher und sie beginnt, ein bißchen Schabernack mit ihrer Sitznachbarin und zur Unterhaltung der Gruppe zu treiben. Die Sitznachbarin bekommt Frau H.s Schalk im Nacken als erste zu spüren. Frau H. rollt eine Papierserviette zusammen, steckt den Kern einer Pflaume oben drauf, sodass das Ganze in bißchen wie ein Lilli aussieht, und reicht es der Nachbarin mit den Worten: “Hier, Oma, probier mal!”
Die arglose Angesprochene nimmt das Gebilde in die Hände und auch prompt den Pflaumenkern in den Mund. Das allerdings könnte schiefgehen, wenn sie diesen verschlucken sollte. Da meine heutige Tagesgruppenpartnerin und ich aufgepasst haben, können wir ein Malheur verhindern, indem wir schnell einschreiten und die Reingelegte den Kern ausspucken lassen.
Damit ist Frau H.s Neigung zu Quatsch und Entertainment aber noch nicht zu Ende. Sie greift sich erneut die Papierserviette und formt sie unter unserer erstaunten bis ungläubigen Blicken zu einem veritablen Joint, den sie mit der entsprechender Gestik und Handhabung zum Munde führt und tiefes Inhalieren simuliert.
Meine TG-Partnerin kreischt vor Begeisterung, ich selber kann mir das Lachen nicht verkneifen und frage mich, ob diese 84-jährige Frau eventuell eine alte Kifferin ist…? Vielleicht weiß sie es aber selber nicht (mehr), oder es sollte in ihrer Vorstellung nur eine Zigarette darstellen.
So vergeht wieder ein Vormittag in unserer Gruppe wie im Fluge und kaum ist der falsche Joint aufgeraucht, ist es schon wieder Zeit, den Raum für das Mittagessen vorzubereiten. Denn cannabis-induzierter Fress-Flash oder nicht: Hunger haben (fast) immer (fast) alle um Punkt zwölf Uhr.
Die Vormittage in der “Tagesgruppe Demenz” sind (jedenfalls, wenn ich dort Dienst habe) immer Spielwiese fur allerlei anarchisch improvisiertes Spontantheater mit Bild, Musik und wüsten Erzählungen, die ich mir *on the fly* ausdenke. Manchmal ziehe ich auch Vorlagen wie die Geschichten der Bruder Grimm heran. Die Jungs haben nämlich ausser “Hänsel und Gretel”, “Dornröschen” und “Schneewittchen” noch ein paar andere, weniger bekannte und potentiell sehr lustige bis merkwürdige Geschichten aufgezeichnet.
Die Märchenstunde in der Tagesgruppe geht so: Zuerst lese ich das Märchen aus dem Buch vor. Dabei schläft in der Regel die Hälfte meiner dementen Truppe ein und kaum einer kriegt was mit, ausser ich zeichne gleichzeitig Bilder aus der Story ans Flipchart. Anschließend erzähle ich die Geschichte anhand der Bilder nach, wobei ich in jede Rolle schlüpfe, die in dem betreffenden Märchen vorkommt. Das ist also schon eine Art Impro-Theater, kongenial von mir begleitet auf einer Mundharmonika. Damit ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schützlinge gewiss, alle lauschen, hören und staunen mit offenen Augen und teilweise offenen Mündern und wir haben alle zusammen viel Spaß dabei.
Heute erwischten wir ein selten gehörtes Grimm’sches Märchen: “Der gute Handel” (die Auswahl des Märchens erfolgt, indem einer der Tagesgruppe-Teilnehmer das Buch aufschlägt und wir die Geschichte nehmen, die auf der betreffenden Seite steht). Es geht darin um einen ziemlich dummen Bauern, der sich aber letztlich als schlauer Kerl und Glückspilz entpuppt. Der Bauer hat nämlich in der Stadt seine Kuh für sieben Taler verkauft. Auf dem Rückweg, als er an einem Teich vorbeikommt, gerät er in eine Debatte mit den dort ansässigen Fröschen, die alle “Ak, Ak, Ak!!” rufen, was das Bäuerlein als “Acht” versteht. Er wird so zornig über die dummen. Frösche, dass er schliesslich sein Geld in den Teich wirft, damit die Frösche selber nachzählen können- was diese aber nicht tun und weiter “Ak, Ak, Ak!!” rufen.
An dieser Stelle amüsieren sich meine Leute bereits königlich, was aber noch getoppt wird durch die nächste Begegnung des Bauern mit einem Hund. Dieser bellt unser Bäuerchen an mit “was! was!”, als dieser mit dem Fleisch einer geschlachteten Kuh in die Stadt will. Das versteht der Bauer als “Ich will was vom Fleisch!”, und da er den Hund als Hund des Fleischers kennt, gibt er ihm das ganze schöne Fleisch mit der Auflage, es dem Fleischer zu bringen und nach drei Tagen mit dem Geld zu ihm, dem Bäuerlein, zu kommen. Usw. usw.
Diese Art Geschichten passen offensichtlich genau in die mentale Struktur von dementiell veränderten Gehirnen – etwas abseitig, ziemlich komisch und auf gewisse Weise auch die Naivität aufgreifend, die ein dementer Menschen im Umgang mit der Umwelt oft zeigt. Jedenfalls war meine Truppe voll dabei, fühlte sich prächtig unterhalten und verwunderte sich über den Bauern, der den Fröschen und dem Hund so auf den Leim ging.
Zu guter Letzt geht sich der Bauer jedenfalls beim König beschweren über all die Unbill, die ihm widerfahren ist und bringt damit die Königstochter, “die ihr Lebtag nicht gelacht hatte”, zum Lachen. Der König, der seine Tochter dem versprochen hatte, der sie zum Lachen bringt, bietet sie nun dem Bauern als Gemahlin an und alle denken, hier hat die Geschichte ihr Happy End.
Ist aber nicht so, denn das Bäuerlein will sie gar nicht, da er bereits eine Frau zuhause hat, und die sei ihm schon mehr als genug… Diese Wendung der Geschichte erweckt nun erst recht das Interesse und das Erstaunen meiner Dementen und bestätigend und weise wird gekopfnickt und debattiert, dass es sich hier doch um einen besonders schlauen Bauern handelte, obwohl es anfangs gar nicht so aussah…
Damit haben wir den Vormittag schon wieder fast rumgekriegt und wir beschliessen die Runde mit dem Eindecken des Tisches für das freitägliche Mittagessen (Fisch natürlich – schliesslich sind wir in einer diakonischem. Einrichtung).
Die Zeitungsschau – ein Format, in dem ausgewählte Artikel (meist aus der lokalen und regionalen Umgebung), lustige bis merkwürdige Meldungen sowie Artikel mit Bezug zur Erlebniswelt der Bewohner vorgestellt und besprochen werden – wird unregelmäßig angeboten und gerne von den orientierteren Heimbewohnern besucht.
Tagespolitische Meldungen lasse ich dabei in der Regel weg, außer sie enthalten gleichzeitig einen humoristischen oder bizarren Aspekt.
Artikel zu geschichtlichen Ereignissen, Jubiläen, Jahrestagen u. dgl. dagegen sind beliebt und werden gern gehört und diskutiert – sicher auch aus dem Grund, dass viele davon die eigene Vergangenheit und Erinnerungen der Zuhörer berühren.
Heute, am 17. August, eröffne ich die Runde mit dem Hinweis, dass sich an diesem Tag zum 75. Mal der Todestag eines Mannes jährt, der zu den legendärsten Gestalten der jüngeren deutschen Geschichte gehört. Ratlose Gesichter schauen mich an.
“Ich lese Ihnen jetzt mal ein Zitat vor”, beginne ich. “Vielleicht kommen Sie dann drauf, wen ich meine.”
In Ernst Thälmanns “Antwort auf Briefe eines Kerkergenossen” von 1944 findet sich folgender bekannter Satz:
„Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation. Eine ritterliche, stolze und harte Nation. […] Ich bin Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische der deutschen Arbeiter und bin deshalb als ihr revolutionäres Kind später ihr revolutionärer Führer geworden.“
Ich lese das Zitat vor und frage in die Runde: “Und? Wer hat das gesagt, bzw. geschrieben?”
Frau S., Jahrgang 1930, schaut auf und fragt: “Adolf Hitler?”
Aus der anderen Ecke meldet sich Herr T.: “Nee, nee, das war der andere, dieser… na, der Kommunistenführer…”
Wie “der Kommunistenführer” aber hieß, will keinem einfallen. Als ich den Namen Ernst Thälmann in die Runde werfe, ertönt ein vielfaches “Achja…” und “Achso, der…”.
Gehört hat man in dieser Runde wohl schon von ihm, aber da es sich um einen “Kommunistenführer” handelte, ist wohl weder seine Bedeutung für die deutsche Geschichte, besonders für die der deutschen Arbeiterbewegung, noch seine Ermordung auf persönlichen Befehl Hitlers etwas, was der Erinnerung lohnt. Jedenfalls bei diesen alten Leuten nicht, die durchweg in der BRD sozialisiert und den Anti-Kommunismus als Staatsreligion inhaliert haben.
Wie anders wäre dasselbe Gedenken an meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar verlaufen! Dort hätte schon die Eingangsfrage verständnislose Blicke höchstens deswegen ausgelöst, weil man den Fragesteller für historisch ungebildet und ahnungslos gehalten hätte. Die meisten dort hätten die Zeilen des Thälmann-Liedes mitsingen können: “Thälmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der Nation…”
Ich erzähle meinen Zuhörern noch ein wenig von Wolfgang Otto, dem Thälmann-Mörder des SS-Kommandos 99, den die BRD-Justiz erst ganz in Ruhe ließ und dann mit Samthandschuhen behandelte, ganz so, wie es zur Kontinuität von “Drittem Reich” und westdeutschem Kalter-Krieg-Frontstaat passte. Keiner äußert sich, aber den Gedankenblasen ist zu entnehmen, dass es ja schliesslich ein Kommunist war, der da umgebracht wurde, somit also ein minder schweres Vergehen, rein politisch betrachtet.
Ich unterlasse den Versuch weiterer politischer Aufklärung und gehe über zu den Meldungen aus Neuss und Umgebung.
Heute im Frühdienst auf Schicht mit der einzigen Thüringer Kollegin hier im Westen. In der Zigarettenpause sprechen wir und eine weitere Kollegin über die Bewohner unseres Wohnbereiches.
Dabei erwähnt die ostdeutsche Kollegin mehrfach diejenigen, “die PDM erhalten” würden.
Ich überlege mir, ob das ein mir unbekanntes pflegerisches Kürzel ist, vielleicht “Prophylaktisches Durchführungsmaterial” oder “Pflegerische Dienstmaßnahme”, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis und frage schliesslich die Kollegin nach der Bedeutung der Abkürzung.
Jetzt fällt bei mir der Groschen und ich bin versucht, sie für diesen astreinen thüringischen Buchstabendreher (à la “Bekleidung” für BEGLEITUNG oder “Preude” für BRÄUTE) abzuküssen.
Nach zwei Jahren im kapitalistischen Ausland bin ich des Ostdeutschen schon so entwöhnt, dass ich es nicht mehr erkenne bzw. dass seine Klänge automatisch durch den westlichen Hochdeutschfilter laufen – und merke in solchen Situationen, wie sehr ich es vermisse.
Frau H. aus der “Tagesgruppe Demenz” kommt beinahe jeden Tag mit einer neuen Hiobsbotschaft zu mir. Mal haben unbekannte Diebe ihr das Geld gestohlen, die Handtasche kaputt gemacht oder die Zigaretten versteckt, dann wieder haben “die Chefs” ihr angekündigt, dass sie evakuiert werden muss und ihr Zimmer im Heim verliert. Auch aus der eigenen Verwandtschaft droht ihr Ungemach: ein zusätzlicher Sohn, den sie bis gestern noch nicht hatte (sie hat zwei Töchter und einen Sohn, alle mir persönlich bekannt), hätte jetzt ihr Haus verkauft und sie auf die Straße geworfen. Die Schreckensnachrichten, die sie überbringt, sind Ausdrucksformen der großen Ungewissheit und Verunsicherung durch die dementielle Veränderung, die sich in ihrem Geist vollzieht.
Bei einer Rauchpause auf dem Balkon sieht sie mich an und fragt: “Bist du auch manchmal so isoliert? Ich kenn mich überhaupt nicht mehr aus…” Sie fasst sich an den Kopf. “Mein Kopf fühlt sich an, als ob der mit heißem Wasser übergossen wird…”
“Nicht wegen der Verbrennung, sondern wegen des Gefühls, dass sich alles zusammenzieht und zusammenschrumpft, oder?” frage ich nach.
“Ja, genau!”, erwidert sie, “Ich fühle mich so alleine und will dann nur noch den Kopf anlehnen und die Nähe von jemandem suchen… Ich fühl mich ganz verrückt… Wenn ich dich nicht hätte, würde ich nur noch verrückt sein…”
Wir rauchen schweigend unsere Zigaretten zu Ende und gehen wieder in die Gruppe zurück. Trotz der soeben mitgeteilten Gefühle – oder vielleicht WEIL sie sie mitgeteilt hat – wirkt Frau M. plötzlich munter und gutgelaunt.
Wir spielen ein paar alte Schlager, von denen sie jeden einzelnen mitsingen kann. Als “Ganz in weiß” von Roy Black erklingt, stimmt sie mit Inbrunst ein und wendet sich anschließend an den neben ihr sitzenden Herrn J. Sie streicht ihm über die Wange und fragt zärtlich: “Willst du meine Frau werden?”
Herr J. meint wohl, er hätte nicht recht gehört und fragt nach: “Wie bitte!?”
“Du hast schon richtig gehört, ich hab dich gefragt, ob du meine Frau werden willst!”
Herrn J. ist es scheinbar egal, dass er gar keine Frau ist; er beantwortet Frau M.s Ansinnen mit einem brummigen “M-m” und schüttelt kurz den Kopf. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Frau M. nimmt’s ihm nicht übel; sie hat trotz Demenz ordentlich den Schalk im Nacken und hat die Anfrage ohnehin wahrscheinlich als Scherz gemeint. Da steckt die Friseurin den Kopf zur Tür herein und ruft Frau M. in den Friseursalon, und dieser Termin ist wichtiger als Hochzeitspläne und mysteriöse Diebe.
Ich so: “Dass man am 8. Mai hierzulande überhaupt arbeiten muss, statt zu feiern, ist schon mal scheisse…“
Kollegen so (ahnungslos glotzend): „Hä?“
Ich: „Leute! TAG DER BEFREIUNG VOM FASCHISMUS! Schon mal davon gehört, dass an diesem Tag die faschistische Wehrmacht und der ganze Nazi-Spuk endgültig besiegt war?“
Kollegen unisono: „Achso, murmel, murmel, jaja, schon gut“ (Gedankenblasen: „Jetzt fängt der schon wieder mit seinen linksradikalen Agitation an, seufz“).
Ich: „Ihr seid echt die Ahnungslosen. In der DDR war das ein Feiertag, und selbst heutzutage wird es – zum Beispiel auf meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar – als besonderer historischer Tag gewürdigt…“
Junger Kollege, gerontopsychiatrische Fachkraft und nicht dumm: „Ja, aber das war doch nur wegen der Russen und der DDR da ein Feiertag. Für die Deutschen war das doch eine Niederlage.“
Heute war mal wieder Lieder-Raten dran in der “Tagesgruppe Demenz”. Das geht so: ich illustriere irgendeinen Schlager oder ein Volkslied am Flipchart, und währenddessen raten die Leute drauflos. Zeichnerisch kann ich dabei nicht immer sehr präzise oder ausführlich sein, weil es vergleichsweise schnell gehen muss – schon um die begrenzte Aufmerksamkeitsspanne meiner dementen Schützlinge nicht überzubeanspruchen.
Wenn die richtige Antwort gefallen ist, spielen wir den Song per Spotify über einen Bluetooth Speaker ab (nebenbei: lauter Endgeräte von mir, die ich selber mit zur Arbeit bringe).
Als Anreiz gab es für die Gewinnerin heute den GOLDENEN FLOH, was gleichzeitig eine schöne Gelegenheit bot, über den Floh als solchen, Flohzirkusse und die Kunst des Flöhe-Fangens zu sprechen.
Musik ist bei der Betreuung von Dementen ein Schlüsselelement; die Verschaltungen im Gehirn sind offenbar so angelegt, dass die Regionen, die musikalische Erinnerungen speichern, zu den ältesten und dauerhaftesten Gedächtnis-“Datenbanken” gehören (deshalb können auch hochdemente Menschen immer noch die Wiegen- und Kindheitslieder aus ihrer frühesten Vergangenheit erinnern und mitsingen). Es kann passieren, dass die Erinnerung an Lieder und Klänge auch andere scheinbar nicht mehr zugängliche Erinnerungen wachruft oder anstößt.
Die Verbindung von visuellen Eindrücken – z.B. einer Zeichnung – zu akustischen ist allerdings eine andere Herausforderung, die vergleichsweise viel an logischer Verknüpfungsleistung und Abstraktionsfähigkeit erfordert. Von daher bin ich nicht verwundert, dass nur zwei Damen wirklich aktiv bei dem Ratespiel mitmachen. Die übrigen Teilnehmer verfolgen das Geschehen ebenfalls interessiert, können aber den Zusammenhang zwischen Bild und Lied(-erinnerung) einfach nicht herstellen, bzw. brauchen längere Zeit dafür.
So wetteifern Frau H. und Frau K. um den GOLDENEN FLOH, der letztlich an Frau H. geht, die 6 von acht Songs richtig bestimmt.
Frau H., meine gelegentliche Rauchpausen-Partnerin, wirkt heute insgesamt etwas durcheinander. Nach der Rate-Runde sitzt sie eine Weile still da und beschwert sich über das wiederholte Weinen unserer hochdementen Frau S. Als es ans Mittagessen geht und wir den Tisch eindecken, beugt sich Frau H. plötzlich vor, dreht den Kopf in Richtung Geschirrschrank (eine alte Vitrine) und betrachtet aufmerksam und fast gebannt das Spiegelbild in den Glasscheiben.
Dan wendet sie sich an mich: “Sag mal, die Frau da, die zweite Frau von hinten – ist das meine Schwester? Die wohnt ja in Hamburg, dann ist die jetzt doch mich besuchen gekommen…”
Ich bin an “Alice hinter den Spiegeln” erinnert, und auch erstmal verdutzt über die offensichtliche Unfähigkeit von Frau H., zwischen Personen vor und hinter dem Spiegel zu unterscheiden. Vielleicht, denke ich, verwechselt sie ja ihr eigenes Spiegelbild in der ungewohnten Reflexion des Geschirrschrankes mit dem Bild ihrer Schwester, die ihr ja vermutlich ähnlich sieht.
Ich antworte ihr: “Das ist die Spiegelung von uns allen hier, in der Glastür, Frau H. Das sind SIE, und die anderen, die hier am Tisch sitzen!”
Das akzeptiert sie aber nicht als Antwort. “Nee, ich meine nicht mich, ich kann mich schon selber erkennen! Ich meine die Frau da hinten!! Das ist doch meine Schwester! Dann hat die das doch endlich geschafft, mal herzukommen!”
Ich merke, dass hier kein Beharren auf Wahrnehmungskonventionen des “normalen” Verstandes möglich ist, und versuche es anders. Zunächst mal akzeptiere ich Frau H.s Version, dass sich in der Realität hinter den Spiegeln eine Person manifestiert, die in ihrer Erinnerung eine große Rolle spielt (allerdings meine ich mich auch zu erinnern, dass sie die in ihrer Familie die einzige Überlebende ihrer Generation ist). Ich frage: “Lebt ihre Schwester denn überhaupt noch?”
“Ja klar!”, kommt sofort die Antwort, „Die ist doch gerade erst nach Hamburg gezogen, weil sie da geheiratet hat…!”
Das verschafft mir Klarheit darüber, dass in Frau H.s Wahrnehmung eine zeitliche Verschiebung stattfindet, denn ihre Schwester – wenn sie überhaupt je in Hamburg geheiratet hat – hat dies wohl eher vor 50 oder 60 Jahren gemacht und nicht “kürzlich”. Gleichzeitig gewinnt die Realitätsverschiebung eine sozusagen magische Dimension durch den Raum, in dem Frau H. sie stattfinden sieht: das geheimnisvolle Land hinter dem Spiegel, dessen Lichtreflexe, Schemen und unscharfen Konturen sicher eine gute Analogie zum inneren Erleben eines dementen Menschen darstellen.
Letztlich löst sich alles von alleine: der Essenswagen wird aus der Küche hochgebracht und der Geruch von Reibekuchen erfüllt den Tagesgruppenraum. Frau H. kümmert sich nicht weiter um ihre Schwester und vertilgt mit großem Appetit die leckeren Reibekuchen mit Apfelmus.