Geschichten aus dem Pflegeheim: Nimm einen Joint, mein Freund

“Tagesgruppe Demenz”: Beinahe jeden Morgen begrüßt mich Frau H., wenn sie wackeligen Schrittes in den Gruppenraum kommt, mit Ansagen wie “Du glaubst nicht, was heute wieder passiert ist!”. Anschließend berichtet sie von verstörenden Begebenheiten, die ihr widerfahren sind – Begebenheiten, die ihre Welt durcheinander bringen, diese noch ungewisser machen und in der Regel etwas mit gegen sie gerichteten Aktionen zu tun haben: übergriffige Handlungen von Pflegern oder Putzkräften, Umzug in ein anders Zimmer, Kündigung ihres Heimaufenthaltes, russische Invasionen, vor allem aber Diebstähle ihrer Habseligkeiten, besonders ihrer Zigaretten.

Da für Frau H. Erinnerungen, Träume und Gegenwart ununterscheidbar miteinander verschmolzen sind, sie zudem noch zunehmend Wortfindungsschwierigkeiten hat, braucht es oft eine ganze Weile, bis wir beim Kern des Vorfalles angelangt sind und sie sich soweit beruhigt hat, dass sie frühstücken kann.

Heute scheint ihr Gemütszustand aus einer Mischung von Empörung und Selbstzufriedenheit zu bestehen. Sie erzählt: “Ich bin doch nicht doof! Die halten mich für verrückt, aber ich lass mich nicht rumkommandieren! Der Kerl heute morgen hat mir zweimal diese Farbtöpfchen gebracht, aber ich will die nicht. Der kann die selbst behalten! Dem hab ich die Meinung gesagt!”.

Sie schwelgt noch einige Sätze lang in dem Gefühl, es “dem Kerl” so richtig gegeben zu haben, während ich nachsinne, was sie meinen könnte. Schließlich frage ich nach, von was für Farbtöpfchen sie hier redet.

Na, die kleinen Farbtöpfchen, die wir immer kriegen! Jeden Morgen und jeden Mittag!”

Gemeint sind offenbar die winzigen roten, blauen oder gelben Plastikbecherchen, in denen die Bewohner ihre Medikamente verabreicht bekommen. Frau H. hat immer wieder Phasen, in denen sie die Einnahme von Medikament rigoros ablehnt. Sie vermutet, dass “diese Pillen” sowieso nicht wirken oder, noch schlimmer, ihr schaden.

Oft fragt sie die Pflegekräfte, wozu sie die Medikamente nehmen soll oder was da drin wäre. Als Antwort erhält sie meist Sprüche wie “Die sind für Ihre Gesundheit” oder “Die MÜSSEN Sie nehmen, Frau H., das hat der Arzt verordnet”. Andere Pflegekräfte kommen auch schon mal mit dem Medikamententablett herein und verkünden fröhlich: “So, hier kommt die Medizin für glatte Haut und schöne Fingernägel!”, wohl in der Annahme – besser: Anmaßung – dass es bei dementen Menschen sowieso egal ist, ob man ihnen die Wahrheit über ihre Medikation sagt oder nicht bzw. sie besser gleich belügt und die Pillen als Nahrungsergänzung oder Schönheitsmittel “verkauft”.

Die Medikation, konkret: ihre Verabreichung und Einnahme, ist ein Dauerthema speziell bei dementen Bewohnern. Für nicht wenige ist das Schlucken der mitunter ziemlich großen Tabletten ein Vorgang, der ihnen schon haptisch und physiologisch schwerfällt und zuwider ist. Sie empfinden die Pillen als Fremdkörper im Mund, spucken sie wieder aus, kauen drauf rum oder drehen den Kopf weg um die Einnahme zu vermeiden. Oft werden dann die Tabletten im Mörser pulverisiert, um sie den Leuten unter den Joghurt oder den Milchbrei gemischt zu verabreichen – eine Maßnahme, die umstritten ist, weil sie das Prinzip von Freiheit und Freiwilligkeit außer Kraft setzt und den Bewohnern die Medikamente ohne ihr Wissen unterjubelt.

Frau H. liegt möglicherweise gar nicht mal falsch mit ihrer Befürchtung, dass “die Pillen” ihr nicht gut tun bzw. nichts bewirken würden, zumal wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Sie zieht jedenfalls noch munter vom Leder gegen all die “Idioten”, die versuchen, sie zu irgendwelchen Sachen zu bewegen, die sie nicht möchte: “Die können mich mal! Kennst mich ja, ich nehm’ kein Blatt vor den Mund… Und wenn die mich bis nach Amerika verschleppen, ist mir egal. Ich hab die Russen erlebt; ich lass mich doch hier nicht zum Affen machen…” usw.

Da ich selber auch nicht weiß, welche Medikamente sie warum erhält, rate ich ihr, beim nächsten Arztbesuch (die Ärztin kommt einmal pro Woche in die Pflegeeinrichtung) mal nachzufragen, was sie bekommt und wofür oder wogegen das ist.

All diese Fragen erörtern wir bei einer Zigarette auf dem Balkon. Nach und nach entspannt sich Frau H., ihre Laune bessert sich zusehends und wir kehren zurück in den Gruppenraum, wo der Rest der Truppe beim Frühstück sitzt.

Frau H.s Stimmung wird im Laufe des Vormittags immer besser und fröhlicher und sie beginnt, ein bißchen Schabernack mit ihrer Sitznachbarin und zur Unterhaltung der Gruppe zu treiben. Die Sitznachbarin bekommt Frau H.s Schalk im Nacken als erste zu spüren. Frau H. rollt eine Papierserviette zusammen, steckt den Kern einer Pflaume oben drauf, sodass das Ganze in bißchen wie ein Lilli aussieht, und reicht es der Nachbarin mit den Worten: “Hier, Oma, probier mal!

Die arglose Angesprochene nimmt das Gebilde in die Hände und auch prompt den Pflaumenkern in den Mund. Das allerdings könnte schiefgehen, wenn sie diesen verschlucken sollte. Da meine heutige Tagesgruppenpartnerin und ich aufgepasst haben, können wir ein Malheur verhindern, indem wir schnell einschreiten und die Reingelegte den Kern ausspucken lassen.

Damit ist Frau H.s Neigung zu Quatsch und Entertainment aber noch nicht zu Ende. Sie greift sich erneut die Papierserviette und formt sie unter unserer erstaunten bis ungläubigen Blicken zu einem veritablen Joint, den sie mit der entsprechender Gestik und Handhabung zum Munde führt und tiefes Inhalieren simuliert.

Meine TG-Partnerin kreischt vor Begeisterung, ich selber kann mir das Lachen nicht verkneifen und frage mich, ob diese 84-jährige Frau eventuell eine alte Kifferin ist…? Vielleicht weiß sie es aber selber nicht (mehr), oder es sollte in ihrer Vorstellung nur eine Zigarette darstellen.

So vergeht wieder ein Vormittag in unserer Gruppe wie im Fluge und kaum ist der falsche Joint aufgeraucht, ist es schon wieder Zeit, den Raum für das Mittagessen vorzubereiten. Denn cannabis-induzierter Fress-Flash oder nicht: Hunger haben (fast) immer (fast) alle um Punkt zwölf Uhr.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Märchenstunde in der “Tagesgruppe Demenz”

Die Vormittage in der “Tagesgruppe Demenz” sind (jedenfalls, wenn ich dort Dienst habe) immer Spielwiese fur allerlei anarchisch improvisiertes Spontantheater mit Bild, Musik und wüsten Erzählungen, die ich mir *on the fly* ausdenke. Manchmal ziehe ich auch Vorlagen wie die Geschichten der Bruder Grimm heran. Die Jungs haben nämlich ausser “Hänsel und Gretel”, “Dornröschen” und “Schneewittchen” noch ein paar andere, weniger bekannte und potentiell sehr lustige bis merkwürdige Geschichten aufgezeichnet.

Die Märchenstunde in der Tagesgruppe geht so: Zuerst lese ich das Märchen aus dem Buch vor. Dabei schläft in der Regel die Hälfte meiner dementen Truppe ein und kaum einer kriegt was mit, ausser ich zeichne gleichzeitig Bilder aus der Story ans Flipchart. Anschließend erzähle ich die Geschichte anhand der Bilder nach, wobei ich in jede Rolle schlüpfe, die in dem betreffenden Märchen vorkommt. Das ist also schon eine Art Impro-Theater, kongenial von mir begleitet auf einer Mundharmonika. Damit ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schützlinge gewiss, alle lauschen, hören und staunen mit offenen Augen und teilweise offenen Mündern und wir haben alle zusammen viel Spaß dabei.

Heute erwischten wir ein selten gehörtes Grimm’sches Märchen: “Der gute Handel” (die Auswahl des Märchens erfolgt, indem einer der Tagesgruppe-Teilnehmer das Buch aufschlägt und wir die Geschichte nehmen, die auf der betreffenden Seite steht). Es geht darin um einen ziemlich dummen Bauern, der sich aber letztlich als schlauer Kerl und Glückspilz entpuppt. Der Bauer hat nämlich in der Stadt seine Kuh für sieben Taler verkauft. Auf dem Rückweg, als er an einem Teich vorbeikommt, gerät er in eine Debatte mit den dort ansässigen Fröschen, die alle “Ak, Ak, Ak!!” rufen, was das Bäuerlein als “Acht” versteht. Er wird so zornig über die dummen. Frösche, dass er schliesslich sein Geld in den Teich wirft, damit die Frösche selber nachzählen können- was diese aber nicht tun und weiter “Ak, Ak, Ak!!” rufen.

An dieser Stelle amüsieren sich meine Leute bereits königlich, was aber noch getoppt wird durch die nächste Begegnung des Bauern mit einem Hund. Dieser bellt unser Bäuerchen an mit “was! was!”, als dieser mit dem Fleisch einer geschlachteten Kuh in die Stadt will. Das versteht der Bauer als “Ich will was vom Fleisch!”, und da er den Hund als Hund des Fleischers kennt, gibt er ihm das ganze schöne Fleisch mit der Auflage, es dem Fleischer zu bringen und nach drei Tagen mit dem Geld zu ihm, dem Bäuerlein, zu kommen. Usw. usw.

Diese Art Geschichten passen offensichtlich genau in die mentale Struktur von dementiell veränderten Gehirnen – etwas abseitig, ziemlich komisch und auf gewisse Weise auch die Naivität aufgreifend, die ein dementer Menschen im Umgang mit der Umwelt oft zeigt. Jedenfalls war meine Truppe voll dabei, fühlte sich prächtig unterhalten und verwunderte sich über den Bauern, der den Fröschen und dem Hund so auf den Leim ging.

Zu guter Letzt geht sich der Bauer jedenfalls beim König beschweren über all die Unbill, die ihm widerfahren ist und bringt damit die Königstochter, “die ihr Lebtag nicht gelacht hatte”, zum Lachen. Der König, der seine Tochter dem versprochen hatte, der sie zum Lachen bringt, bietet sie nun dem Bauern als Gemahlin an und alle denken, hier hat die Geschichte ihr Happy End.

Ist aber nicht so, denn das Bäuerlein will sie gar nicht, da er bereits eine Frau zuhause hat, und die sei ihm schon mehr als genug… Diese Wendung der Geschichte erweckt nun erst recht das Interesse und das Erstaunen meiner Dementen und bestätigend und weise wird gekopfnickt und debattiert, dass es sich hier doch um einen besonders schlauen Bauern handelte, obwohl es anfangs gar nicht so aussah…

Damit haben wir den Vormittag schon wieder fast rumgekriegt und wir beschliessen die Runde mit dem Eindecken des Tisches für das freitägliche Mittagessen (Fisch natürlich – schliesslich sind wir in einer diakonischem. Einrichtung).

Geschichten aus dem Pflegeheim: Thälmann ist niemals gefallen

Die Zeitungsschau – ein Format, in dem ausgewählte Artikel (meist aus der lokalen und regionalen Umgebung), lustige bis merkwürdige Meldungen sowie Artikel mit Bezug zur Erlebniswelt der Bewohner vorgestellt und besprochen werden – wird unregelmäßig angeboten und gerne von den orientierteren Heimbewohnern besucht.

Tagespolitische Meldungen lasse ich dabei in der Regel weg, außer sie enthalten gleichzeitig einen humoristischen oder bizarren Aspekt.

Artikel zu geschichtlichen Ereignissen, Jubiläen, Jahrestagen u. dgl. dagegen sind beliebt und werden gern gehört und diskutiert – sicher auch aus dem Grund, dass viele davon die eigene Vergangenheit und Erinnerungen der Zuhörer berühren.

Heute, am 17. August, eröffne ich die Runde mit dem Hinweis, dass sich an diesem Tag zum 75. Mal der Todestag eines Mannes jährt, der zu den legendärsten Gestalten der jüngeren deutschen Geschichte gehört. Ratlose Gesichter schauen mich an.

Ich lese Ihnen jetzt mal ein Zitat vor”, beginne ich. “Vielleicht kommen Sie dann drauf, wen ich meine.”

Ich lese das Zitat vor und frage in die Runde: “Und? Wer hat das gesagt, bzw. geschrieben?”

Frau S., Jahrgang 1930, schaut auf und fragt: “Adolf Hitler?”

Aus der anderen Ecke meldet sich Herr T.: “Nee, nee, das war der andere, dieser… na, der Kommunistenführer…”

Wie “der Kommunistenführer” aber hieß, will keinem einfallen. Als ich den Namen Ernst Thälmann in die Runde werfe, ertönt ein vielfaches “Achja…” und “Achso, der…”.

Gehört hat man in dieser Runde wohl schon von ihm, aber da es sich um einen “Kommunistenführer” handelte, ist wohl weder seine Bedeutung für die deutsche Geschichte, besonders für die der deutschen Arbeiterbewegung, noch seine Ermordung auf persönlichen Befehl Hitlers etwas, was der Erinnerung lohnt. Jedenfalls bei diesen alten Leuten nicht, die durchweg in der BRD sozialisiert und den Anti-Kommunismus als Staatsreligion inhaliert haben.

Wie anders wäre dasselbe Gedenken an meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar verlaufen! Dort hätte schon die Eingangsfrage verständnislose Blicke höchstens deswegen ausgelöst, weil man den Fragesteller für historisch ungebildet und ahnungslos gehalten hätte. Die meisten dort hätten die Zeilen des Thälmann-Liedes mitsingen können: “Thälmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der Nation…”

Ich erzähle meinen Zuhörern noch ein wenig von Wolfgang Otto, dem Thälmann-Mörder des SS-Kommandos 99, den die BRD-Justiz erst ganz in Ruhe ließ und dann mit Samthandschuhen behandelte, ganz so, wie es zur Kontinuität von “Drittem Reich” und westdeutschem Kalter-Krieg-Frontstaat passte. Keiner äußert sich, aber den Gedankenblasen ist zu entnehmen, dass es ja schliesslich ein Kommunist war, der da umgebracht wurde, somit also ein minder schweres Vergehen, rein politisch betrachtet.

Ich unterlasse den Versuch weiterer politischer Aufklärung und gehe über zu den Meldungen aus Neuss und Umgebung.

Geschichten aus dem Pflegeheim: PDM für die Bewohner

Heute im Frühdienst auf Schicht mit der einzigen Thüringer Kollegin hier im Westen. In der Zigarettenpause sprechen wir und eine weitere Kollegin über die Bewohner unseres Wohnbereiches.

Dabei erwähnt die ostdeutsche Kollegin mehrfach diejenigen, “die PDM erhalten” würden.

Ich überlege mir, ob das ein mir unbekanntes pflegerisches Kürzel ist, vielleicht “Prophylaktisches Durchführungsmaterial” oder “Pflegerische Dienstmaßnahme”, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis und frage schliesslich die Kollegin nach der Bedeutung der Abkürzung.

Na, PDM eben!”, antwortet sie, “Pedäubungsmiddel!!”

Jetzt fällt bei mir der Groschen und ich bin versucht, sie für diesen astreinen thüringischen Buchstabendreher (à la “Bekleidung” für BEGLEITUNG oder “Preude” für BRÄUTE) abzuküssen.

Nach zwei Jahren im kapitalistischen Ausland bin ich des Ostdeutschen schon so entwöhnt, dass ich es nicht mehr erkenne bzw. dass seine Klänge automatisch durch den westlichen Hochdeutschfilter laufen – und merke in solchen Situationen, wie sehr ich es vermisse.

Erstmol eene roochen!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Willst du meine Frau werden?

Frau H. aus der “Tagesgruppe Demenz” kommt beinahe jeden Tag mit einer neuen Hiobsbotschaft zu mir. Mal haben unbekannte Diebe ihr das Geld gestohlen, die Handtasche kaputt gemacht oder die Zigaretten versteckt, dann wieder haben “die Chefs” ihr angekündigt, dass sie evakuiert werden muss und ihr Zimmer im Heim verliert. Auch aus der eigenen Verwandtschaft droht ihr Ungemach: ein zusätzlicher Sohn, den sie bis gestern noch nicht hatte (sie hat zwei Töchter und einen Sohn, alle mir persönlich bekannt), hätte jetzt ihr Haus verkauft und sie auf die Straße geworfen. Die Schreckensnachrichten, die sie überbringt, sind Ausdrucksformen der großen Ungewissheit und Verunsicherung durch die dementielle Veränderung, die sich in ihrem Geist vollzieht.

Bei einer Rauchpause auf dem Balkon sieht sie mich an und fragt: “Bist du auch manchmal so isoliert? Ich kenn mich überhaupt nicht mehr aus…” Sie fasst sich an den Kopf. “Mein Kopf fühlt sich an, als ob der mit heißem Wasser übergossen wird…”

“Nicht wegen der Verbrennung, sondern wegen des Gefühls, dass sich alles zusammenzieht und zusammenschrumpft, oder?” frage ich nach.

“Ja, genau!”, erwidert sie, “Ich fühle mich so alleine und will dann nur noch den Kopf anlehnen und die Nähe von jemandem suchen… Ich fühl mich ganz verrückt… Wenn ich dich nicht hätte, würde ich nur noch verrückt sein…”

Wir rauchen schweigend unsere Zigaretten zu Ende und gehen wieder in die Gruppe zurück. Trotz der soeben mitgeteilten Gefühle – oder vielleicht WEIL sie sie mitgeteilt hat – wirkt Frau M. plötzlich munter und gutgelaunt.

Wir spielen ein paar alte Schlager, von denen sie jeden einzelnen mitsingen kann. Als “Ganz in weiß” von Roy Black erklingt, stimmt sie mit Inbrunst ein und wendet sich anschließend an den neben ihr sitzenden Herrn J. Sie streicht ihm über die Wange und fragt zärtlich: “Willst du meine Frau werden?”

Herr J. meint wohl, er hätte nicht recht gehört und fragt nach: “Wie bitte!?”

“Du hast schon richtig gehört, ich hab dich gefragt, ob du meine Frau werden willst!”

Herrn J. ist es scheinbar egal, dass er gar keine Frau ist; er beantwortet Frau M.s Ansinnen mit einem brummigen “M-m” und schüttelt kurz den Kopf. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Frau M. nimmt’s ihm nicht übel; sie hat trotz Demenz ordentlich den Schalk im Nacken und hat die Anfrage ohnehin wahrscheinlich als Scherz gemeint. Da steckt die Friseurin den Kopf zur Tür herein und ruft Frau M. in den Friseursalon, und dieser Termin ist wichtiger als Hochzeitspläne und mysteriöse Diebe.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Tag der Befreiung

Auf der Arbeitsstelle.

Ich so: “Dass man am 8. Mai hierzulande überhaupt arbeiten muss, statt zu feiern, ist schon mal scheisse…“

Kollegen so (ahnungslos glotzend): „?“

Ich: „Leute! TAG DER BEFREIUNG VOM FASCHISMUS! Schon mal davon gehört, dass an diesem Tag die faschistische Wehrmacht und der ganze Nazi-Spuk endgültig besiegt war?“

Kollegen unisono: „Achso, murmel, murmel, jaja, schon gut“ (Gedankenblasen: „Jetzt fängt der schon wieder mit seinen linksradikalen Agitation an, seufz“).

Ich: „Ihr seid echt die Ahnungslosen. In der DDR war das ein Feiertag, und selbst heutzutage wird es – zum Beispiel auf meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar – als besonderer historischer Tag gewürdigt…“

Junger Kollege, gerontopsychiatrische Fachkraft und nicht dumm: „Ja, aber das war doch nur wegen der Russen und der DDR da ein Feiertag. Für die Deutschen war das doch eine Niederlage.“

Ich so, innerlich: „Ich will hier weg!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: der GOLDENE FLOH und die Schwester im Spiegel

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Heute war mal wieder Lieder-Raten dran in der “Tagesgruppe Demenz”. Das geht so: ich illustriere irgendeinen Schlager oder ein Volkslied am Flipchart, und währenddessen raten die Leute drauflos. Zeichnerisch kann ich dabei nicht immer sehr präzise oder ausführlich sein, weil es vergleichsweise schnell gehen muss – schon um die begrenzte Aufmerksamkeitsspanne meiner dementen Schützlinge nicht  überzubeanspruchen.

Wenn die richtige Antwort gefallen ist, spielen wir den Song per Spotify über einen Bluetooth Speaker ab (nebenbei: lauter Endgeräte von mir, die ich selber mit zur Arbeit bringe).

Als Anreiz gab es für die Gewinnerin heute den GOLDENEN FLOH, was gleichzeitig eine schöne Gelegenheit bot, über den Floh als solchen, Flohzirkusse und die Kunst des Flöhe-Fangens zu sprechen.

Musik ist bei der Betreuung von Dementen ein Schlüsselelement; die Verschaltungen im Gehirn sind offenbar so angelegt, dass die Regionen, die musikalische Erinnerungen speichern, zu den ältesten und dauerhaftesten Gedächtnis-“Datenbanken” gehören (deshalb können auch hochdemente Menschen immer noch die Wiegen- und Kindheitslieder aus ihrer frühesten Vergangenheit erinnern und mitsingen). Es kann passieren, dass die Erinnerung an Lieder und Klänge auch andere scheinbar nicht mehr zugängliche Erinnerungen wachruft oder anstößt.

Die Verbindung von visuellen Eindrücken – z.B. einer Zeichnung – zu akustischen ist allerdings eine andere Herausforderung, die vergleichsweise viel an logischer Verknüpfungsleistung und Abstraktionsfähigkeit erfordert. Von daher bin ich nicht verwundert, dass nur zwei Damen wirklich aktiv bei dem Ratespiel mitmachen. Die übrigen Teilnehmer verfolgen das Geschehen ebenfalls interessiert, können aber den Zusammenhang zwischen Bild und Lied(-erinnerung) einfach nicht herstellen, bzw. brauchen längere Zeit dafür.

So wetteifern Frau H. und Frau K. um den GOLDENEN FLOH, der letztlich an Frau H. geht, die 6 von acht Songs richtig bestimmt.

Frau H., meine gelegentliche Rauchpausen-Partnerin, wirkt heute insgesamt etwas durcheinander. Nach der Rate-Runde sitzt sie eine Weile still da und beschwert sich über das wiederholte Weinen unserer hochdementen Frau S.
Als es ans Mittagessen geht und wir den Tisch eindecken, beugt sich Frau H. plötzlich vor, dreht den Kopf in Richtung Geschirrschrank (eine alte Vitrine) und betrachtet aufmerksam und fast gebannt das Spiegelbild in den Glasscheiben.

Dan wendet sie sich an mich: “Sag mal, die Frau da, die zweite Frau von hinten – ist das meine Schwester? Die wohnt ja in Hamburg, dann ist die jetzt doch mich besuchen gekommen…”

Ich bin an “Alice hinter den Spiegeln” erinnert, und auch erstmal verdutzt über die offensichtliche Unfähigkeit von Frau H., zwischen Personen vor und hinter dem Spiegel zu unterscheiden. Vielleicht, denke ich, verwechselt sie ja ihr eigenes Spiegelbild in der ungewohnten Reflexion des Geschirrschrankes mit dem Bild ihrer Schwester, die ihr ja vermutlich ähnlich sieht.

Ich antworte ihr: “Das ist die Spiegelung von uns allen hier, in der Glastür, Frau H. Das sind SIE, und die anderen, die hier am Tisch sitzen!”

Das akzeptiert sie aber nicht als Antwort. “Nee, ich meine nicht mich, ich kann mich schon selber erkennen! Ich meine die Frau da hinten!! Das ist doch meine Schwester! Dann hat die das doch endlich geschafft, mal herzukommen!”

Ich merke, dass hier kein Beharren auf Wahrnehmungskonventionen des “normalen” Verstandes möglich ist, und versuche es anders. Zunächst mal akzeptiere ich Frau H.s Version, dass sich in der Realität hinter den Spiegeln eine Person manifestiert, die in ihrer Erinnerung eine große Rolle spielt (allerdings meine ich mich auch zu erinnern, dass sie die in ihrer Familie die einzige Überlebende ihrer Generation ist). Ich frage: “Lebt ihre Schwester denn überhaupt noch?”

“Ja klar!”, kommt sofort die Antwort, „Die ist doch gerade erst nach Hamburg gezogen, weil sie da geheiratet hat…!”

Das verschafft mir Klarheit darüber, dass in Frau H.s Wahrnehmung eine zeitliche Verschiebung stattfindet, denn ihre Schwester – wenn sie überhaupt je in Hamburg geheiratet hat – hat dies wohl eher vor 50 oder 60 Jahren gemacht und nicht “kürzlich”. Gleichzeitig gewinnt die Realitätsverschiebung eine sozusagen magische Dimension durch den Raum, in dem Frau H. sie stattfinden sieht: das geheimnisvolle Land hinter dem Spiegel, dessen Lichtreflexe, Schemen und unscharfen Konturen sicher eine gute Analogie zum inneren Erleben eines dementen Menschen darstellen.

Letztlich löst sich alles von alleine: der Essenswagen wird aus der Küche hochgebracht und der Geruch von Reibekuchen erfüllt den Tagesgruppenraum. Frau H. kümmert sich nicht weiter um ihre Schwester und vertilgt mit großem Appetit die leckeren Reibekuchen mit Apfelmus.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Krieg der Sterne

Auf Wunsch der Bewohner (EINIGER Bewohner, muss ergänzt werden) wurde in der wöchentlichen Filmvorführung diesmal “Star Wars Episode 1” gezeigt.

Am Montag hatten sich einige Bewohner beschwert, dass “immer nur alte Filme” gezeigt würden und auf meine Nachfrage, was sie denn mal gerne sehen würden, bekam ich vom Sprecher des Bewohnerbeirates zu hören: “Science Fiction Filme!” Eine Abstimmung unter den anwesenden 12 Teilnehmern der Sitzgymnastik-Runde, in der das Thema aufkam, erbrachte eine solide Mehrheit für “Krieg der Sterne”.

Außer zwei oder drei hatten die Kinogäste noch nie von dem Epos gehört, so daß ich einleitend und vorsichtshalber ein paar einleitende Worte zu dem märchenhaften und ungewohnt schnellen und manchmal kriegerischen Charakter der nun folgenden Bilder sagte.

Frau S. hatte schon beim Reinkommen über den Titel die Nase gerümpft. “Krieg? Vom Krieg hab ich genug, das muss ich mir nicht mehr ankucken!”

Episode 1 beginnt ziemlich abrupt mit einem Kampf zwischen zwei Jedi-Rittern und einer Horde Droiden, denen die beiden mit Laser-Schwerten zu Leibe rücken. Zwei Damen verließen daraufhin den Saal; eine davon machte mich mit ihrem Kommentarauf eine Tatsache aufmerksam, die ich überhaupt nicht berücksichtigt hatte: “Diese Blitze die ganze Zeit, das machen meine Augen nicht mit, da flackert alles vor meinen Augen…”

Nach ca. 45 Minuten begannen die ersten, den Raum zu verlassen (die Vorführungen sind auf 1 Stunde begrenzt, wegen der Aufmerksamkeitsspanne und der anschließenden Herrichtung des Raumes fürs Abendessen).

Etwa zwei Drittel der Anwesenden blieb bis zum Schluss (die Szene, wo Qui-Gon Jinn den Deal mit Watto über die Beteiligung Anakins am Pod-Race macht).

Ich frage in die Runde: “Und? Wie fanden Sie das? Wer möchte nächste Woche die Fortsetzung schauen?”

Zwei Personen heben die Hand.

Wir beginnen mit dem Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereiche und dem Aufräumen des Großen Speisesaals. Eine Weile später kommt eine russische Kollegin hinein und sagt: “Sag mal, was hast du mit den Bewohnern gemacht? Die beschweren sich alle über den Film!”

Ich beschließe, die Fortsetzung eher in einer kleinen Runde eingeschworener Star Wars Cineasten zu zeigen und fortan wieder zu den bewährten alten Heinz-Rühmann-Schwarzweiss Filmen und ähnlichen Werken vergangener Unterhaltungskultur zu greifen. Ausnahmen ausgenommen 🙂

Geschichten aus dem Pflegeheim: Warum feiert man dieses “Osterfest”?

In einer diakonischen Einrichtung ist es unvermeidlich, die jahreszeitlichen christlichen Feiertage als Thema aufzugreifen. Es wird sogar erwartet vom Pflege- und Betreuungspersonal; folglich ist der Wochenplan voll von allen möglichen Angeboten rund um das Osterfest der Christen.

Auch an der „Tagesgruppe Demenz“ geht dieser Kelch nicht spurlos vorüber und ich sehe mich veranlaßt, das vormittägliche Beisammensein mit allerlei Schabernack rund um Begriffe wie „Ostereier“, „Osterhase“, „Kreuzigung“ und „Auferstehung“ zu bestreiten.

Zunächst will ich aber mal feststellen, inwieweit meine demente Truppe überhaupt Ostern als religiöses Fest auf dem Schirm hat. Ich frage also in die Runde: „Warum feiern wir denn eigentlich Ostern?“

Ratlose Gesichter schauen mich an. „Ostern“ als Begriff ist allen noch irgendwie bekannt, aber was da gefeiert oder begangen wird, fällt keinem ein.„Wegen den Kindern!“ ruft Frau H. plötzlich. Das öffnet die Erinnerungsschleusen auch bei ein paar anderen. „Damit die die Ostereier suchen können!“ und „Weil der Osterhase  die Eier bringt!“ höre ich.

Ich bin erfreut über die laizistische Einstellung meiner Gruppenteilnehmer, will es aber genau wissen (zumal ich weiß, dass fast alle jede Woche am Gottesdienst teilnehmen, obwohl die meisten da wohl aus Langeweile und Mangel an alternativen Freizeitangeboten hingehen):„Das ist ja ein christliches Fest“, beginne ich. „Weiß jemand, was der Anlass für diesen Feiertag ist?“
Schweigen im Walde.

Herr J. macht sich bemerkbar, indem er sich den Stoppelbart kratzt und den Kopf hin- und her wiegt. Die anderen schauen zu ihm hin, in der vagen Erwartung, dass der einzige männliche Gruppenteilnehmer ihnen nun Erleuchtung verschafft. Die Hoffnung trügt. „Da bin ich überfragt!“, sagt Herr J. kurz und trocken, im Tonfall eines Experten, der dem laienhaften Fragesteller signalisiert, dass die Frage soviel wert ist wie die nach der Anzahl der Sandkörner am Rhein.

Es hilft also nichts, ich muss meinem diakonischen Bildungsauftrag zur Vermittlung der christlichen Grundwerte und der einschlägigen Sagen und Fabeln nachkommen. Ich lese die Ostergeschichte vor, aus einem schon extrem simplifizierten Buch namens „5-Minuten-Geschichten für Menschen mit Demenz“ o.ä. Diese Geschichten sind gar nicht mal übel; in simpler, aber nicht die Zuhörer für dumm verkaufenden Sprache geschrieben.

Natürlich bleibt auch in dieser zusammengedampften Version der Kern des Christenglaubens unberührt: ein junger Jude – dessen Mutter (erste Absurdität) ohne Sex oder väterlichen Beitrag mit ihm schwanger wird – wird als Aufrührer von der römischen Besatzungsmacht und mit Unterstützung des einheimischen religiösen Establishments hingerichtet und steht drei Tage später wieder von den Toten auf.

Meine Zuhörer lauschen gebannt der Geschichte, die ihnen auch irgendwie bekannt vorkommt, sind aber – obwohl sie wohl alle christlich erzogen wurden – nicht restlos überzeugt. Ich hake nach: „Gibt’s das denn, dass ein Toter wieder lebendig wird?“Die Runde schaut mich an, als ob ich gefragt hätte, ob Fische reden könnten.

Jetzt will ich noch herauskriegen, inwieweit die christliche Prägung noch in den mehr oder weniger demenziell veränderten Gehirnen meiner Leute wirksam ist. „Das ist immerhin ein ganz wichtiger Punkt des christlichen Glaubens…“, sage ich.

Die Antwort ist eindeutig: „Das ist doch Quatsch!“, sagt Frau K. Ein paar andere schütteln die Köpfe. „Was ist denn das hier für ’ne Märchenstunde?“ wirft Frau M. ein. Die anderen grinsen zustimmend.

Das Schöne an der Wahrnehmung von dementen Menschen ist, dass sie meistens und im Wesentlichen im Moment leben. Die erlernten Konditionierungen und Gedankengebäude bröckeln, lösen sich auf, verflüchtigen sich – gelegentlich bis hin zu einem Zustand, in dem auf keinerlei soziale Konventionen mehr Rücksicht genommen wird, weil die Erinnerungsbasis für solche übereinkunftliche Verhaltensmuster nicht mehr existiert.

Das ist für die Betroffenen oft mit schmerzhaften (weil unverständlichen) Erlebnissen verbunden und für die Umgebung auch nicht immer einfach. Was die direkte, spontane Äußerung von Empfindungen betrifft – jedenfalls soweit die Demenz noch keinen Zustand erreicht hat, in dem auch die Sprachfähigkeit verschwindet – sind demente Menschen allerdings eine ergiebige Quelle schonungslos ehrlicher, oft sehr humorvoller bis drastischer Kommentare, Anmerkungen und Einsichten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Alzheimer-Hände

Beim vorösterlichen Osterhasenbasteln in der „Tagesgruppe Demenz“ haben die Anwesenden (außer denen, die aufgrund von Müdigkeit oder Medikation eingenickt sind) viel Spaß. Allerdings können die wenigsten alle Bastelschritte mitmachen. Besonders die relativ genaue Handhabung einer Papierschere ist kaum einem Teilnehmer möglich.

Eine Ausnahme stellt unser neuestes Gruppenmitglied, Frau K., dar: die Mitt-Achtzigerin ist durch ihre Demenz verbal enorm verlangsamt; ihre Redebeiträge beginnen oft ganz normal, aber nach ein oder zwei Sätzen hat sie den Faden verloren, wird immer langsamer und weiß nicht mehr, womit sie die Rede begonnen hat. Sie erinnert an einen Film, der in normaler Geschwindigkeit beginnt, aber nach kurzer Zeit abrupt in Superzeitlupe übergeht. Haptisch allerdings ist Frau K. noch vergleichsweise fit. Sie erledigt den meisten Teil der Bastelei selber, während die anderen ohne Hilfe nicht weiterkommen.

Frau K. versucht also, aus Fotokarton einen Kreis mit „Ohren“ (die Füße des Hasen) auszuschneiden. Sie gibt sich Mühe und probiert es immer wieder. Schließlich legt sie Schere und Karton beiseite und sagt: „Das wird nichts. Ich hab Alzheimer-Hände!“

Ob sie wirklich die Bedeutung des Begriffes erfasst? Ich bin mir nicht sicher und antworte ihr: „Sie meinen, die Hände haben vergessen, wie’s geht?“

Ja, so ähnlich…“ erhalte ich zur Antwort.

Ich helfe ihr mit dem Ausschneiden, lasse sie aber im Übrigen so viel wie möglich alleine machen.

Hinterher ist sie so stolz auf ihren Osterhasen, das sie nach Abschluß der Runde, als sie schon wieder zurück in ihrem Wohnbereich ist, einen Pfleger hinauf in den Tagesgruppenraum schickt, um „ihren Osterhasen“ zu holen.

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