Geschichten aus dem Pflegeheim: Krieg der Sterne

Auf Wunsch der Bewohner (EINIGER Bewohner, muss ergänzt werden) wurde in der wöchentlichen Filmvorführung diesmal “Star Wars Episode 1” gezeigt.

Am Montag hatten sich einige Bewohner beschwert, dass “immer nur alte Filme” gezeigt würden und auf meine Nachfrage, was sie denn mal gerne sehen würden, bekam ich vom Sprecher des Bewohnerbeirates zu hören: “Science Fiction Filme!” Eine Abstimmung unter den anwesenden 12 Teilnehmern der Sitzgymnastik-Runde, in der das Thema aufkam, erbrachte eine solide Mehrheit für “Krieg der Sterne”.

Außer zwei oder drei hatten die Kinogäste noch nie von dem Epos gehört, so daß ich einleitend und vorsichtshalber ein paar einleitende Worte zu dem märchenhaften und ungewohnt schnellen und manchmal kriegerischen Charakter der nun folgenden Bilder sagte.

Frau S. hatte schon beim Reinkommen über den Titel die Nase gerümpft. “Krieg? Vom Krieg hab ich genug, das muss ich mir nicht mehr ankucken!”

Episode 1 beginnt ziemlich abrupt mit einem Kampf zwischen zwei Jedi-Rittern und einer Horde Droiden, denen die beiden mit Laser-Schwerten zu Leibe rücken. Zwei Damen verließen daraufhin den Saal; eine davon machte mich mit ihrem Kommentarauf eine Tatsache aufmerksam, die ich überhaupt nicht berücksichtigt hatte: “Diese Blitze die ganze Zeit, das machen meine Augen nicht mit, da flackert alles vor meinen Augen…”

Nach ca. 45 Minuten begannen die ersten, den Raum zu verlassen (die Vorführungen sind auf 1 Stunde begrenzt, wegen der Aufmerksamkeitsspanne und der anschließenden Herrichtung des Raumes fürs Abendessen).

Etwa zwei Drittel der Anwesenden blieb bis zum Schluss (die Szene, wo Qui-Gon Jinn den Deal mit Watto über die Beteiligung Anakins am Pod-Race macht).

Ich frage in die Runde: “Und? Wie fanden Sie das? Wer möchte nächste Woche die Fortsetzung schauen?”

Zwei Personen heben die Hand.

Wir beginnen mit dem Rücktransfer der Leute auf die Wohnbereiche und dem Aufräumen des Großen Speisesaals. Eine Weile später kommt eine russische Kollegin hinein und sagt: “Sag mal, was hast du mit den Bewohnern gemacht? Die beschweren sich alle über den Film!”

Ich beschließe, die Fortsetzung eher in einer kleinen Runde eingeschworener Star Wars Cineasten zu zeigen und fortan wieder zu den bewährten alten Heinz-Rühmann-Schwarzweiss Filmen und ähnlichen Werken vergangener Unterhaltungskultur zu greifen. Ausnahmen ausgenommen 🙂

Geschichten aus dem Pflegeheim: Warum feiert man dieses “Osterfest”?

In einer diakonischen Einrichtung ist es unvermeidlich, die jahreszeitlichen christlichen Feiertage als Thema aufzugreifen. Es wird sogar erwartet vom Pflege- und Betreuungspersonal; folglich ist der Wochenplan voll von allen möglichen Angeboten rund um das Osterfest der Christen.

Auch an der „Tagesgruppe Demenz“ geht dieser Kelch nicht spurlos vorüber und ich sehe mich veranlaßt, das vormittägliche Beisammensein mit allerlei Schabernack rund um Begriffe wie „Ostereier“, „Osterhase“, „Kreuzigung“ und „Auferstehung“ zu bestreiten.

Zunächst will ich aber mal feststellen, inwieweit meine demente Truppe überhaupt Ostern als religiöses Fest auf dem Schirm hat. Ich frage also in die Runde: „Warum feiern wir denn eigentlich Ostern?“

Ratlose Gesichter schauen mich an. „Ostern“ als Begriff ist allen noch irgendwie bekannt, aber was da gefeiert oder begangen wird, fällt keinem ein.„Wegen den Kindern!“ ruft Frau H. plötzlich. Das öffnet die Erinnerungsschleusen auch bei ein paar anderen. „Damit die die Ostereier suchen können!“ und „Weil der Osterhase  die Eier bringt!“ höre ich.

Ich bin erfreut über die laizistische Einstellung meiner Gruppenteilnehmer, will es aber genau wissen (zumal ich weiß, dass fast alle jede Woche am Gottesdienst teilnehmen, obwohl die meisten da wohl aus Langeweile und Mangel an alternativen Freizeitangeboten hingehen):„Das ist ja ein christliches Fest“, beginne ich. „Weiß jemand, was der Anlass für diesen Feiertag ist?“
Schweigen im Walde.

Herr J. macht sich bemerkbar, indem er sich den Stoppelbart kratzt und den Kopf hin- und her wiegt. Die anderen schauen zu ihm hin, in der vagen Erwartung, dass der einzige männliche Gruppenteilnehmer ihnen nun Erleuchtung verschafft. Die Hoffnung trügt. „Da bin ich überfragt!“, sagt Herr J. kurz und trocken, im Tonfall eines Experten, der dem laienhaften Fragesteller signalisiert, dass die Frage soviel wert ist wie die nach der Anzahl der Sandkörner am Rhein.

Es hilft also nichts, ich muss meinem diakonischen Bildungsauftrag zur Vermittlung der christlichen Grundwerte und der einschlägigen Sagen und Fabeln nachkommen. Ich lese die Ostergeschichte vor, aus einem schon extrem simplifizierten Buch namens „5-Minuten-Geschichten für Menschen mit Demenz“ o.ä. Diese Geschichten sind gar nicht mal übel; in simpler, aber nicht die Zuhörer für dumm verkaufenden Sprache geschrieben.

Natürlich bleibt auch in dieser zusammengedampften Version der Kern des Christenglaubens unberührt: ein junger Jude – dessen Mutter (erste Absurdität) ohne Sex oder väterlichen Beitrag mit ihm schwanger wird – wird als Aufrührer von der römischen Besatzungsmacht und mit Unterstützung des einheimischen religiösen Establishments hingerichtet und steht drei Tage später wieder von den Toten auf.

Meine Zuhörer lauschen gebannt der Geschichte, die ihnen auch irgendwie bekannt vorkommt, sind aber – obwohl sie wohl alle christlich erzogen wurden – nicht restlos überzeugt. Ich hake nach: „Gibt’s das denn, dass ein Toter wieder lebendig wird?“Die Runde schaut mich an, als ob ich gefragt hätte, ob Fische reden könnten.

Jetzt will ich noch herauskriegen, inwieweit die christliche Prägung noch in den mehr oder weniger demenziell veränderten Gehirnen meiner Leute wirksam ist. „Das ist immerhin ein ganz wichtiger Punkt des christlichen Glaubens…“, sage ich.

Die Antwort ist eindeutig: „Das ist doch Quatsch!“, sagt Frau K. Ein paar andere schütteln die Köpfe. „Was ist denn das hier für ’ne Märchenstunde?“ wirft Frau M. ein. Die anderen grinsen zustimmend.

Das Schöne an der Wahrnehmung von dementen Menschen ist, dass sie meistens und im Wesentlichen im Moment leben. Die erlernten Konditionierungen und Gedankengebäude bröckeln, lösen sich auf, verflüchtigen sich – gelegentlich bis hin zu einem Zustand, in dem auf keinerlei soziale Konventionen mehr Rücksicht genommen wird, weil die Erinnerungsbasis für solche übereinkunftliche Verhaltensmuster nicht mehr existiert.

Das ist für die Betroffenen oft mit schmerzhaften (weil unverständlichen) Erlebnissen verbunden und für die Umgebung auch nicht immer einfach. Was die direkte, spontane Äußerung von Empfindungen betrifft – jedenfalls soweit die Demenz noch keinen Zustand erreicht hat, in dem auch die Sprachfähigkeit verschwindet – sind demente Menschen allerdings eine ergiebige Quelle schonungslos ehrlicher, oft sehr humorvoller bis drastischer Kommentare, Anmerkungen und Einsichten.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Alzheimer-Hände

Beim vorösterlichen Osterhasenbasteln in der „Tagesgruppe Demenz“ haben die Anwesenden (außer denen, die aufgrund von Müdigkeit oder Medikation eingenickt sind) viel Spaß. Allerdings können die wenigsten alle Bastelschritte mitmachen. Besonders die relativ genaue Handhabung einer Papierschere ist kaum einem Teilnehmer möglich.

Eine Ausnahme stellt unser neuestes Gruppenmitglied, Frau K., dar: die Mitt-Achtzigerin ist durch ihre Demenz verbal enorm verlangsamt; ihre Redebeiträge beginnen oft ganz normal, aber nach ein oder zwei Sätzen hat sie den Faden verloren, wird immer langsamer und weiß nicht mehr, womit sie die Rede begonnen hat. Sie erinnert an einen Film, der in normaler Geschwindigkeit beginnt, aber nach kurzer Zeit abrupt in Superzeitlupe übergeht. Haptisch allerdings ist Frau K. noch vergleichsweise fit. Sie erledigt den meisten Teil der Bastelei selber, während die anderen ohne Hilfe nicht weiterkommen.

Frau K. versucht also, aus Fotokarton einen Kreis mit „Ohren“ (die Füße des Hasen) auszuschneiden. Sie gibt sich Mühe und probiert es immer wieder. Schließlich legt sie Schere und Karton beiseite und sagt: „Das wird nichts. Ich hab Alzheimer-Hände!“

Ob sie wirklich die Bedeutung des Begriffes erfasst? Ich bin mir nicht sicher und antworte ihr: „Sie meinen, die Hände haben vergessen, wie’s geht?“

„Ja, so ähnlich…“ erhalte ich zur Antwort.

Ich helfe ihr mit dem Ausschneiden, lasse sie aber im Übrigen so viel wie möglich alleine machen.

Hinterher ist sie so stolz auf ihren Osterhasen, das sie nach Abschluß der Runde, als sie schon wieder zurück in ihrem Wohnbereich ist, einen Pfleger hinauf in den Tagesgruppenraum schickt, um „ihren Osterhasen“ zu holen.

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Geschichten aus dem Pflegeheim: Frühling

Der nicht mehr zu leugnende Frühling bestimmt auch in der “Tagesgruppe Demenz” die Themenwahl für unser vormittägliches Zusammensein.

Heute sprachen, sangen und malten wir Frühlingslieder und Lieder, die von den Vögeln handeln, die jetzt wieder überall zu hören sind. Und was legen die Vögel: Eier!

Und wer legt auch Eier? Genau: Reptilien, wie zum Beispiel das Krokodil. Da gerade das Volkslied “Auf der Lüneburger Heide” dran war, kam eins zum anderen und schon kamen wir auf das berühmte (wenn auch weitgehend unbekannte“) HEIDE-KROKODIl, das nur alle hundert Jahre einmal bei Vollmond erscheint (und auch das nur für die, die es sehen können). Zum Glück ist das Krokodil vegetarisch und frisst nicht die armen Heidschnucken auf, sondern ernährt sich von Heidekraut und Mondlicht. Ausserdem ist es ein Schelm und faucht nicht wie ein Krokodil, sondern ruft “Kuckuck!”, um die Vögel zu täuschen.

Ausserdem kommt in dem Lied die erstaunliche Zeile vor:

“Ei du Hübsche, ei du Feine,
Ei du Bild wie Milch und Blut,
Unsere Herzen wolln wir tauschen,
Denn du glaubst nicht, wie das tut.
Valleri, vallera, und juchheirassa, und juchheirassa,
Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt, du weißt es ja.”

Zufällig ist der Refrain eines der wenigen Erinnerungsfragmente unserer in ihrer Demenz am weitesten fortgeschrittenen Teilnehmerin, Frau S.

DEN kann sie noch mitsingen; die Musik lässt die Sandbänke der Erinnerung sichtbar werden, die noch nicht vom Meer der Demenz überflutet wurden. Und schon hatten wir ein schönes Thema, um den Rest des Vormittags zu gestalten und über das Thema Nr. 1 zu fachsimpeln: die LIEBE!

Geschichten aus dem Pflegeheim: Hungrig wie eine Bergkatze

In der „Tagesgruppe Demenz“ geht es nach einem Vormittag voller Abwechslung aus Liedern, Geschichten und Bildern auf die Mittagspause zu. Frau H. (Vorname Margot) ist guter Dinge und freut sich schon aufs Mittagessen.

Sie hat in letzter Zeit immer häufiger die bei dementieller Veränderung typischen Wortfindungsschwierigkeiten, die sie aber meistens souverän überspielt, indem sie einfach irgendwelche Worte an die Stelle der ihrem Gedächtnis fehlenden Begriffe setzt.

Jetzt bricht es aus ihr heraus: „Hoffentlich gibt’s gleich Mittagessen, ich hab Hunger wie ´ne Bergkatze!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die abwesende Anwesende

„Tagesgruppe Demenz“: morgens zwischen 7:30 und 8:00 treffen nach und nach die Teilnehmer ein, manche alleine, manche begleitet vom Pflegepersonal.

Um 8:15 sind fast alle anwesend; ich habe inzwischen den Tisch eingedeckt, den Frühstückswagen aus der Kantine geholt, den Leuten die Kleiderschutze umgebunden, alle einzeln begrüßt, schon mal Kaffee ausgeschenkt und begonnen, die Brote und Brötchen für diejenigen zu schmieren, die‘s nicht mehr selber können.

„So, jetzt kann’s losgehen!“, verkünde ich der Runde, „nur Frau M. fehlt noch.“

„Ich auch!“ lässt sich Frau H. vernehmen.

Frau H. ist in letzter Zeit morgens oft extrem durcheinander, weil sie zunehmend Schwierigkeiten hat, Traum- und Wachzustand auseinander zu halten.

„Wieso, Sie sind doch da..“ sage ich.

„Wo denn?“ fragt Frau H. zurück.

„Na hier, direkt vor mir!“, entgegne ich und fasse sie an der Schulter, um sie durch den körperlichen Kontakt vielleicht in die Realität des normalen Wachzustandes zu holen.

Sie stutzt. „Das hat mir ja wieder keiner gesagt!“ ist ihre Antwort.

Wir beschließen gemeinsam, dass erstmal eine Tasse Kaffee getrunken werden muss, bevor die Frage ihrer An- oder Abwesenheit endgültig geklärt werden kann.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Weihnachtsfeier

Dritte Wohnbereichs-Weihnachtsfeier in dieser Woche. Der große Speisesaal ist festlich geschmückt und gefüllt mit Bewohnern, Angehörigen und Heim-Personal. Heute hält ein katholischer Pfarrer die Andacht und salbadert affektiert und auf Wirkung bedacht seine auswendig gelernt wirkenden frommen Sprechblasen daher.

“Gott ist Mensch geworden, das Wort ist Fleisch geworden, der Erlöser ist geboren” usw. Wenn es überhaupt einen vielleicht allegorischen, symbolischen oder subtilen Sinn hinter dem christlichen Wunder- und Märchenglauben geben sollte: dieser Kirchenvertreter hat ihn jedenfalls nicht erfaßt, so platt, dahergeleiert und leblos kommt seine Rede daher.

Zum Glück habe ich meine dementen und hochbetagten Schützlinge, die mich wieder mal aus einer Situation quälender Fremdscham befreien.
Ein paar Tische entfernt von mir sitzt die 103-jährige Frau H., der der Auftrieb ohnehin zu viel ist und die mitten in die salbungsvolle Andacht hinein immer wieder mit einem lauten “Schäbig!” zu vernehmen ist, abwechselnd mit Geräuschen, die keine Verbalisierungen sind sondern sich wie ein Knarzen oder Zischen anhören. Vermutlich ist ihr unbequem – sie hält alles was außerhalb ihres Zimmers stattfindet höchstens eine halbe Stunde aus – und hat irgendeine Beschwerde über ihre Sitzgelegenheit, die Lautstärke um sie herum oder das Essen. Mir egal, ich genieße die professionell maskierte betretene Miene des Gottesmannes und grinse mir einen.

Auch die gediegen demente Frau P. lässt mich nicht im Stich. Da ihre Hörgeräte nur nach dem Zufallsprinzip funktionieren, versteht sie sowieso nur Bruchteile des Gesprochenen, fingert an ihren Hörgeräten rum und redet in der extrahohen Lautstärke von schwerhörigen Leuten mit ihrer Tochter.

Leider ist letztere, wie die übrige umgebende Normalgesellschaft, beflissen bemüht, mit “Psst!” und Zeigefinger-vor-den-Mund-halten die Störer zum Schweigen zu bringen, so dass mein Unterhaltungserlebnis geschmälert (wenn auch nicht ganz unterbunden) wird.

 

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsfeier vom Wohnbereich 2. Der Pfarrer der nebenan gelegenen Kirche stellt mithilfe von indoktrinierten Kindergartenkindern „die Weihnachtsgeschichte“ nach und „erklärt“ sie.

Die volldemente Frau M., nachdem sie sich das eine Weile angesehen und zugehört hat, schüttelt den Kopf und wendet sich an die neben ihr sitzende FSJlerin:

„Woher kommt der Kerl und was redet der für einen Unsinn?!“

#religioten
#dementabernichtdoof
#makesmyday

Geschichten aus dem Pflegeheim: Keiner da, drinnen wie draußen

Auf dem Gang vor seinem Zimmer treffe ich Herrn J.

Er sitzt in seinem Rollstuhl und versucht, das Namensschild mit seinem Vor- und Nachnamen zu lesen, das neben der Tür befestigt ist. Er winkt mich heran: „Können Sie mir mal helfen? Ich muss nachsehen, ob der zuhause ist…“

Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob er mich jetzt veräppeln will, aber der tägliche Umgang mit dementen Menschen hat mich eins gelehrt: die Auflösung des Ich-Bewusstseins, von spirituellen Suchern im Rahmen meistens östlicher Weisheitslehren angestrebt, passiert bei Dementen oft krankheitsbedingt und ist volatil und situationsbedingt, für die Betroffenen oft verwirrend und verstörend.

Ich öffne also die Zimmertür, schaue hinein und rufe Herrn J. zu. „Keiner da!“

Diese Information nimmt er zur Kenntnis, denkt kurz nach und erklärt mir dann: „Ich war doch die letzten beiden Tage zu Hause, in der Eifel, in meinem Heimatort bei Gerolstein. Da muss ich mich ja jetzt zurückmelden, damit ich wieder eingetragen bin.“

Dieser Logik kann ich mich nicht entziehen, versuche es aber zunächst mit einer „normalen“ Antwort:

„Herr J., Sie sind doch jetzt hier. Sieht ja jeder und weiß auch jeder. Damit ist alles in Ordnung!“

Das genügt Herrn J. allerdings nicht; er will sich unbedingt „zurück melden“, „registrieren“, seine Rückkehr offiziell bestätigen lassen.

„Ok“, gehe ich auf ihn ein, „warten Sie bitte hier, ich gehe vor und trage Sie in das Anwesenheits-Register ein!“ Ein solches habe ich soeben erfunden, gehe den Gang hoch, verschwinde kurz im Schwesternzimmer und kehre dann zu Herrn J. zurück mit der guten Nachricht, dass er jetzt wieder offiziell eingetragen ist.

Herr J. lächelt zufrieden, lässt sich von mir in sein Zimmer schieben und wirkt rundum zufrieden, dass nun wieder alles seine Ordnung hat.

Geschichten aus dem Pflegeheim: sediertes Lamento

Frau M. aus der „Tagesgruppe Demenz“ ist nach einem Sturz, bei dem sie sich den Arm brach, schlecht beieinander und klagt immer wieder über Schmerzen (einer OP haben ihre Töchter nicht zugestimmt, aus Angst, dass die Mutter nicht mehr aus der Narkose aufwacht).

So wehklagt und lamentiert Frau M. fast unablässig über ihr schweres Los, wobei sie in einen melodiösen, aber monotonen Singsang verfällt, der durch ihren rumäniendeutschen Akzent noch besondere Eindringlichkeit gewinnt.

Demente Menschen empfinden in ihrer orientierungslosen Bedrängnis (gerade, wenn sie in psychisch angespannte Situationen geraten) oftmals die unverständliche, nicht mehr durchschaubare Umwelt als Quell des Übels und Ort vielfältiger Boshaftigkeiten. Insbesondere vermuten sie bei jedem verlegten Gegenstand, bei jeder Desorientiertheit bei der Lokalisierung irgendwelcher Dinge, diebische Aktivitäten und rufen in ihrer Hilflosigkeit nach Polizei, Strafe und Vergeltung.

Bei Frau M. fällt alles in eins: ihr Sturz, der gebrochene Arm, die folgende nahezu komplette Desorientiertheit kann ihr dementer Verstand sich nur so erklären, dass feindliche Mächte ihr Böses wollten:

„Diese Schweine! Wenn ich die erwische, die mir das angetan haben, dann werde ich sie alle der Polizei übergeben!“, deklamiert sie; dabei erhebt sie sich mit einiger Mühe von ihrem Stuhl und schwingt ihren Krückstock durch die Luft.

Unvermittelt verfällt sie dann in ein Lamento der tragischen Art, wobei sie die Regeln der Grammatik souverän missachtet: „Ich arm und krank! Mein Arm hängt nur noch an einem Faden, ich habe immer Schmerzen…Die behaupten, ich habe sie bestohlen! Ich schwöre bei Gott (sie zeigt mit dem Krückstock gen Himmel), das ich nie einen anderen Menschen belogen oder bestohlen habe!“

„Die“ sind keine definierten Personen, sondern stehen stellvertretend für die riesigen unverständlichen Abgründe, die sich in ihrem dementen Geist auftun.

Inzwischen wird es den anderen Tagesgruppen-Teilnehmerinnen, die sich seit einer Weile Frau M.s Deklamationen zunehmend genervt angehört haben, zu bunt, und ihre Sitznachbarin, die 90-jährige Frau M., holt aus und verpasst ihr mit Schwung einen Schlag auf den ihr zugewandten (gebrochenen) Arm:

„Gib jetzt mal Ruhe!“.

Die Sitznachbarin ist sonst eine sehr freundliche und ausgeglichene Dame, aber diesmal ist ihr offensichtlich der Kragen geplatzt.

Von gegenüber tönt die ebenfalls maximal genervte Frau K.: „Jetzt HALT endlich das Maul, du blöde Kuh!“

Frau M. (mit dem gebrochenen Arm) ist für ein paar Sekunden perplex. Dann beginnt sie, noch weinerlicher, ein neues Lamento: „Was machen Sie da? Fassen Sie meinen Arm nicht an! Den haben sie mir abgeschnitten!! Ich blute überall….“

An dieser Stelle sehe ich, das ich trotz der proportional ansteigenden Situationskomik eingreifen muss und setze mich zu Frau M. (mit dem gebrochenen Arm), nehme sie (vorsichtig) in den Arm, spende ihr Trost und sage den anderen, das Frau M. es gerade nicht leicht hat. Da ich nicht mit der Einsichtsfähigkeit der anderen Gruppenteilnehmer rechnen kann, nehme ich Frau M. aus der Gruppe raus, bringe sie auf auf ihr Zimmer und versuche, ihr ein Gefühl von Aufgehobensein und Verständnis zu vermitteln.

Die desorientierte und von ihrem gesundheitlichen Zustand zusätzlich verwirrte alte Dame ist froh, der Gruppe und den vielfältigen konfusen Eindrücken entkommen zu sein. Da ich wieder zurück in die Gruppe muss, verabschiede ich mich erst mal von ihr; sie schaut mich hilflos an und fragt „Kommst du wieder?“

Natürlich sage ich ja, obwohl ich nicht weiß, ob ich das im Laufe des Morgens schaffe. (Ich sehe sie an diesem Morgen nicht wieder.)

Später erzählt mir die Wohnbereichsleiterin, die ich auf Frau M. anspreche: „Die wird jetzt sediert.“ Obwohl ich kein Freund chemischer Ruhigstellung bin, muss ich einsehen, das es in diesem Fall für die Bewohnerin selber und für die Gruppe das Beste ist.