Geschichten die das Leben schrieb: Wohnungslosigkeit ist lebensgefährlich

Morgenspaziergang mit Hund zum Bäcker. Auf dem Rückweg kommen wir an einem noch geschlossenen Buchladen vorbei, vor dem fast immer – so auch heute – ein älterer Mann sitzt. Neben ihm liegt eine Gehhilfe, vor ihm steht eine kleine Plastikdose als Almosenschale.

Seit ich hier im stinkreichen Oberkassel wohne, fallen mir die paar Armen und Bettler umso mehr auf; sie stechen sozusagen hervor aus der saturierten bourgeoiser Oberschichtumgebung dieses heftig gentrifizierten Düsseldorfer Stadtviertels.

Den Mann vor dem Buchladen habe ich gelegentlich etwas Geld gegeben, aber mich nie länger mit ihm unterhalten. Er fällt v.a. dadurch auf, dass er nicht auffällt. Er bettelt nicht, spricht niemanden an, sondern sitzt nur da. Dabei wirkt er freundlich, vielleicht ein bißchen wie jemand, der bessere Zeiten gekannt hat.

An diesem eisig kalten Samstagmorgen, als ich mit meinem Hund an ihm vorbeilaufen will, bleibe ich stehen und frage ihn erst mal, wie er die Kälte verkraftet. Er antwortet, er wäre warm genug, das würde schon gehen.

Ich: „Und, wo schlafen Sie? Haben Sie eine Wohnung?“

Er: „Nein, ich bin wohnungslos. Ich hab ein Zelt am Rhein, da schlaf ich drin.“

Auf meine Nachfrage, warum er bei solchen Minustemperaturen nicht lieber eine der Obdachlosen-Schlafstellen aufsucht, winkt er ab: „Nee, da wacht man morgens auf und hat keine Schuhe mehr… da wird mir zuviel geklaut.“

Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass er seit sechs Jahren wohnungslos ist. Nachdem er aufgrund eines Schlaganfalles seine Arbeit verloren hat, wurde ihm auch die Wohnung gekündigt, als er die Miete nicht mehr aufbringen konnte. Inzwischen hat er auch einen Herzinfarkt überstanden.

Ich frage ihn nach seinem Alter und höre zu meinem Schrecken, dass er sechs Jahre jünger ist als ich – aussehen tut er allerdings zehn Jahre älter.

Ich gebe ihm natürlich Geld und erzähle ihm von dem Obdachlosenhilfswerk Fifty-Fifty, das in Düsseldorf ein „Housing First“-Projekt betreibt, in Anlehnung an ähnliche erfolgreiche Initiativen in USA und Österreich.

Außerdem nehme ich mir vor, ihm zuhause erst mal alle Kontaktdaten der einschlägigen Nothilfe-Adressen aufzuschreiben, wie Kältebus, Notschlafstellen usw.

Leute wie dieser Mann werden in diesem Land, in diesem System, ohne Not und Grund in Lebensgefahr gebracht – einzig und allein durch die Art und Weise, wie hierzulande (und global, bis auf wenige Ausnahmen) Wirtschaft und Gelderwerb organisiert ist.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich diesen Drecks-Kapitalismus hasse, der Menschen dazu zwingt, so leben zu müssen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Wann fängt der Film an?

Die Kino-Nachmittage im Heim sind beliebt bei den BewohnerInnen.
Im Gegensatz zu meiner vorigen Arbeitsstelle, an der wir cineastische Schonkost verabreichten und aus Rücksicht auf Aufnahmekapazität und Ausdauer vor allem der dementeren HeimbewohnerInnen nur Geo- oder Natur-Dokus bzw. alte TV-Serien von maximal 45 Minuten zeigten, kommen an meiner jetzigen Wirkungsstätte vor allem Filmklassiker der 1930er- 1960er-Jahre zur Aufführung.

Diesmal steht “Liebe will gelernt sein” auf dem Programm, die Verfilmung eines Theaterstückes von Erich Kästner, zu der Kästner selbst das Drehbuch geaschrieben hatte. (Nebenbei bemerkt ein Film, dessen peinliche, teilweise grottig sexistische Darstellung von Geschlechterrollen und Moralvorstellungen derart von überkommenen Klischees strotzt, dass man sich in gottseidank längst vergangee Zeiten zurückversetzt fühlt – Zeiten, nach denen sich bekanntlich AfD-Spacken und andere Heimatfreunde gerne sehnen).

Im Wohnbereich 2 frage ich die gottesfürchtige Frau M. (ihre Lieblingsbeschäftigung ist das monotone Hersagen des Vaterunsers), ob sie
zur Kinovorstellung mitkommen möchte. “Ja, fahr mich mal hin!”, erhalte ich zur Antwort.

Zeitsprung in die ca. 60. Minute des Films:
Frau M. wird zusehends unruhig, ein paar andere Kinobesucher ebenso; ich ergreife die Gelegenheit und unterbreche, um denjenigen, die nicht mehr bleiben wollen oder können, die Möglichkeit zum Verlassen des Saales zu geben.

Ich frage Frau M., ob ich sie zurück in den Wohnbereich bringen soll. “Ja, ja… das ist ja eine Scheiße hier! Wann fängt denn der Film an?!” kriege ich von der sichtlich missgelaunten Frau zu hören.
Ich so: “Äh… Frau M., den kucken wir hier seit einer Stunde…”
Frau M.: “Ja, egal, fahr mich nach hause!”

Ich bringe sie durch die langen Flure zurück auf ihren Wohnbereich und kehre zurück, um einen weiteren “Abbrecher” desselben Wohnbereiches zu holen. Als ich mit diesem im Gemeinschaftsraum ankomme und ihn auf seinen Platz bugsiere, wird Frau M., die gerade mal wieder Fragmente des Vaterunsers vor sich hin gemurmelt hatte, plötzlich munter. Vermutlich ausgelöst durch mein Erscheinen fällt ihr ein, dass das Nachmittagsangebot ansteht.

“Wann fängt denn nun dieser Film an?”, fragt sie mich in einer Ahnungslosigkeit und Unschuld, die mir deutlich machen, dass Frau M. nicht weiss, wo sie die letzte Stunde verbracht hat. Gleichzeitig kommt in ihrer Frage die Vorfreude auf Abwechslung im öden Heimalltag zum Ausdruck; jedenfalls bringe ich es nicht übers Herz, ihr mit Fakten Zeiten und Zahlen zu kommen und antworte freundlich: “Den zeigen wir nächste Woche, Frau M.!”

“Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.”

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Eltern der fast Hundertjährigen

Die 99-jährige Frau B. ist vergleichsweise rüstig, aber räumlich wie zeitlich oft desorientiert. Nachdem ich ihr im Speisesaal das Essen gebracht habe (sie isst selbständig und mit Appetit) bedankt sie sich für die leckere Mahlzeit und möchte nun „nach Hause gehen“.

Dass ihr Zimmer 15m entfernt um die Ecke desselben Wohnbereiches liegt, hat Frau B. nicht parat. Überhaupt ist sie mit einem Mal völlig ratlos inmitten eines Raumzeitgefüges, das sich ihr nicht erschließt.

„Wo bin ich denn hier eigentlich?“ fragt sie mich erstaunt, aber ruhig. „Ich muss doch nach Hause…“

Ich antworte „Sie sind hier im Alten- und Pflegeheim Sowieso-Haus, Frau B. Ihr Zimmer ist hier um die Ecke.“ (ich deute in Richtung Tür).

„Ah, das trifft sich gut! Da wohne ich nämlich“, fällt ihr wieder ein. „Aber wie komm ich denn dahin?“

Ich biete ihr an, sie zum Zimmer zu begleiten, was sie dankbar annimmt.

So ganz ist ihre Besorgnis aber noch nicht verschwunden, denn unterwegs erzählt sie mir:

„Ich muss wirklich nach Hause… Meine Eltern sind auch schon alt, denen geht es nicht so gut…“

Ich frage sie: „Wie alt sind SIE denn, Frau B.?“, um sie vielleicht darauf zu bringen, dass eine fast Hundertjährige kaum Eltern haben kann, die noch am Leben sind.

„Die sagen mir hier immer, ich bin fast 100“, antwortet meine Begleiterin, „aber das stimmt gar nicht. Ich bin Jahrgang Neunzehn.“

„Naja, Frau B., wir haben jetzt 2018. Demnach werden Sie nächstes Jahr tatsächlich 100 Jahre alt“, antwortete ich – hoffend, dass ich ihr jetzt nicht ein eventuelles jüngeres Eigenbild zerstöre.

Sie wirkt verdutzt, ist aber bereit, diese Information zu akzeptieren. „Also, wenn Sie das auch sagen, wird’s wohl stimmen…. Dann muss ich mich eben damit abfinden.“

Geschichten die das Leben schrieb: Einkauf im Drogeriemarkt

An der Kasse bei Rossmann. Nachdem ich mir unter einigen Mühen diverse sonst nicht von mir gekaufte Kosmetik- und Hygieneartikel zusammengesucht habe – fragen kann man niemanden, denn es scheint nur eine einzelne Verkäuferin in dem riesigen Laden zu geben, und die sitzt an der Kasse – frage ich die Kassenkraft mit dem türkischen Namen, ob sie die einzige Mitarbeiterin ist.

„Ja, einige sind krank oder haben frei; bleibt alles an mir hängen…“ sagt sie, scheinbar bester Dinge.

„Kassieren, einräumen, Kundenfragen beantworten, und das alles im Schichtbetrieb – Respekt!“ bemerke ich.

„Ach, mir geht’s hier richtig gut“, antwortet meine Gesprächspartnerin, erkennbar zu einem Schwätzchen aufgelegt. „Ich war vorher 12 Jahre beim DM im Düsseldorfer Hauptbahnhof, dagegen ist das hier der reinste Urlaub…“

Ich bin verdutzt. „Wie jetzt? Ich dachte, DM wäre so ein guter Arbeitgeber…?“

„Stimmt auch“, sagt sie; „zahlen tun die gut und das Arbeitsklima ist nicht schlecht. Aber das Publikum im Hauptbahnhof…. das ist die Hölle.“

Sie hat sich in Fahrt geredet und lädt nach: „Also hier hat man echt seine Ruhe im Vergleich zum Hauptbahnhof. Und nach DM war ich bei ALDI…“ Sie wedelt mit der Hand vorm Gesicht, als wollte sie sich Luft zufächeln. „Ich sag Ihnen: nie wieder.“

Ich bin neugierig: „Inwiefern denn? Ist ALDI nicht besser als LIDL etc was das Arbeitsklima angeht?“

Sie: „Die zahlen ganz gut, aber dafür ist die Hetze enorm….Wenn wir da so geredet hätten wie wir jetzt, hätte ich schon einen Anschiß gekriegt. So wenig wie möglich sprechen, so so viel wie möglich arbeiten, das war da Vorschrift…Aber das ist ja überall so heutzutage. Und sparen wollen die alle immer an allen Ecken und Enden. Warum wohl?“

Die Frage geht an mich. „Damit möglichst viel für die Eigentümer und Aktionäre übrig bleibt“, gebe ich mich klassenbewusst.

Sie lacht wissend: „Genau! Ich sag Ihnen was: ich weiß Bescheid! Ich hab Bücher gelesen, wie wir verarscht werden. Über das Finanzsystem und so. Also, von mir aus kann die Revolution sofort kommen.“

Das höre ich natürlich gerne. „Ich bin dabei!“ entgegne ich ihr fröhlich und bedanke mich für die nette Unterhaltung, die von den mittlerweile fünf, sechs Leuten in der Kassenschlange mit größtem Erstaunen mitgehört wurde.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Ziviler Orden für die Küche

Bunte Runde am zweiten Weihnachtstag im Wohnbereich. Wie immer entsteht aus Zurufen und Anmerkungen der Anwesenden ein Bild, dazu entspinnt sich eine Geschichte. Ebenfalls wie immer kommen wir dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und landen schließlich über „Mal´ mal ´ne Eiche!“ beim Eichenlaub und dessen Verwendung in militärischen Rangabzeichen, Orden usw.


Ich schlage eine zivile Umwidmung vor, die nach einhelliger
Ansicht der BewohnerInnen an die Küche gehen muss. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Einrichtungen, die aus Kostengründen lieblos und billig
zusammengepantschtes Großküchenfutter anbieten, leistet sich mein diakonischer Arbeitgeber nämlich eine eigene Küche mit den nötigen Fach- und Servicekräften. Das wird von den Heimbewohnern sehr geschätzt und bis auf ganz seltene Ausnahmen sind alles des Lobes voll für die tägliche Verpflegung.

Es wird beschlossen, dass das so entstandene Bild der Küche übergeben werden muss. „Heimlich nachts aufhängen!“, schlägt Herr R. vor. Aber
da er das nicht selber übernehmen will und wir der Meinung sind, dass man sich mit Lob nicht verstecken muss, überreiche ich die Auszeichnung anschließend – im Namen der BewohnerInnen des Wohnbereiches – dem Küchenchef. Strahlende Augen und breites Grinsen bei ihm und seiner Truppe, die sich wirklich täglich den Arsch aufreißen, um für die Leute lecker Essen hinzustellen.

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Wo bin ich hier?”

image

„Besondere Zeitungsschau“ am ersten Weihnachtsfeiertag:
Frau P., die das Plakat betrachtet, fragt mich: „Ist das was für alle oder ist das
sowas Intellektuelles?“

Frau P. ist dement, aber in ihren klareren Momenten merkt man, dass sie eine gewisse Bildung genossen hat. Ich antworte ihr nach einem kurzen Zögern: „Beides, Frau P.! Bei mir ist es immer für alle, aber auch die Intellektuellen kommen auf ihre Kosten!“ Die Antwort stellt sie zufrieden, denn sie entgegnet: „Na gut. Dann werd´ ich mir das mal anhören.“

Die Runde verläuft gut und die Anwesenden 14 oder 15 BewohnerInnen hören fast alle mit Aufmerksamkeit und Interesse zu. Viele tragen mit eigene Wortmeldungen zum Thema (Ein Artikel namens „Wie wir 2037 leben werden“) bei.

Nach Abschluss der Runde bringe ich die BewohnerInnen auf ihre Wohnbereiche zurück. In WB 1 ruft mich Frau M. zu sich: „Komm mal her!“.
Frau M. ist die bibelfeste Katholikin, die vielfach am Tag das Vaterunser vor sich hin murmelt. Heute scheint sie etwas verloren und verwirrt, aber auch geistig reger als sonst. Sie hatte heute Weihnachtsbesuch einiger Verwandter.

„Was mache ich eigentlich hier?“, fragt sie mich. „Wieso bin ich hierher gebracht worden?“ Sie wirkt, als sei sie gerade aus einem Traum aufgewacht und müsse sich erst mal orientieren. Sie sitzt angespannt und nach vorne gebeugt in ihrem Rollstuhl Ich schaue sie mir eine kurze Weile an, versuche, ihre Gefühlslage zu erfassen und erkläre ihr, dass sie im Heim ist: „Frau M., sie sind hier, weil Ihnen hier geholfen wird mit den Dingen, die Sie alleine nicht mehr hinkriegen. Außerdem sind sie hier nicht alleine…“

Sie schaut mich aufmerksam und mit großen Augen an. Die Erklärung sinkt in sie ein. Ich hake nach: „Können Sie sich noch erinnern, wie Sie zuletzt in Ihrer eigene  Wohnung waren?“

Frau M. denkt  nach. „Hm… das ist lange her…“ Sie hat erkennbar keinen Zugang zu den Erinnerungsdatenbanken in ihrem Gedächtnis. Ich sage ihr: „Sie sitzen ja im Rollstuhl und schon dadurch ist es schwierig, in der eigenen Wohnung zurechtzukommen…“

Das leuchtet ihr scheinbar ein; über ihr Gesicht huscht ein Ausdruck von Erkenntnis und gleichzeitiger Entspannung und sie lehnt sich entspannt zurück.

Nach ein paar Sekunden weiteren Nachdenkens schaut sie mich an und sagt: „Danke!“

Geschichten aus dem Pflegeheim: “Los, mach weiter!”

Bei der Weihnachtsfeier des Wohnbereiches sitzt die 90-jährige Frau M. mit einer weiteren Bewohnerin an einem Einzeltisch. Offensichtlich haben die beiden keine Angehörigen oder Freunde zu Besuch bei dieser jährlichen Begegnungsfeier.

Frau M. ist dement, hat allerdings mitunter überraschend klare Momente. Sie nimmt kaum an Gemeinschaftsaktivitäten teil und verbringt die meiste Zeit im Rollstuhl im Speisesaal des Wohnbereiches, wo sie gerne und häufig das Vaterunser aufsagt.

Heute ist sie allerdings augenscheinlich ziemlich fit und genießt das weihnachtliche Programm des Nachmittags. Nur vom besonderen (und nach einhelliger Meinung der Bewohner und Besucher spitzenmäßig köstlichen) Essen scheint Frau M. nicht viel abgekriegt zu haben.

Ich frage sie, ob sie schon vom Hauptmenü abbekommen hat. „ Nee, sie hat nur etwas Gemüse bekommen“, wirft ihre Tischnachbarin ein.

„Ich brauch‘ Hilfe beim Essen!“, sagt Frau M. erklärend.

Ich vergewissere mich, dass Frau M. ihre Zahnprothese im Mund hat. Dann bringe ich ihr eine (kleine) Portion Wildragout mit Kartoffelklößen und Rotkohl, die ich ihr klein schneide und anreiche.

Frau M. ißt mit gutem Appetit; obwohl sie noch kaut, fordert sie mich nach jedem Bissen auf: „Mach weiter!“ oder: „Los, weiter!“

Es schmeckt ihr richtig gut, auch wenn sie mit dem Fleisch so ihre Probleme hat. Das, was sie nicht gekaut kriegt, befördert sie mit der Zunge wieder nach draußen, wo ich es gekonnt mit einer Serviette von ihrer Mundpartie absammle. Mitfühlend bemerke ich: „Gar nicht so einfach mit dem Fleisch, Frau M., oder?“

„Ja, das lässt du jetzt mal weg!“, erhalte ich zur Antwort, und gleich darauf: „Und jetzt mach weiter!“

Die restlichen Knödel samt Rotkohl sind im Nu weggeputzt und Frau M. hat nicht nur deutlich mehr als sonst zu sich genommen, sondern wirkt auch extrem zufrieden. „Vielen Dank!“, sagt sie zu mir, und wirkt in dem Moment überhaupt nicht dement.

Ich bringe ihr noch den Nachtisch (Mousse au Chocolat und Vanille-Schaumcreme), der für sie einfacher zu handhaben ist und den sie daher selber löffelt. Sie ißt eine Riesenschale fast leer. Mit den letzten Reste aus der Schale tut sie sich jedoch wieder schwer und bittet mich erneut um Hilfe.

Ich tue ihr den Gefallen, reiche ihr den Rest an und wische ihr die erweiterte Mundpartie ab, auf der ein beträchtlicher Teil des Nachtischs gelandet ist.

All das lässt sie mit einer Mischung aus Anmut und Gelassenheit mit sich geschehen, beinahe wie eine hochgestellte Persönlichkeit edlen Geblüts, die es gewohnt ist, das Essen serviert und gereicht zu bekommen.

Zum Schluß schaut sie mich mit klarem Blick an, bedankt sich nochmals und ich wundere mich aufs Neue über diese seltsame Gehirnveränderung namens Demenz, die von manchen Experten nicht als Krankheit bezeichnet wird.

Geschichten die das Leben schrieb: Altersarmut live

Begegnung am Düsseldorfer Hauptbahnhof: eine ältere Frau, keine „Pennerin“, eher Typ einfache Rentnerin, spricht mich und fragt, ob ich etwas Kleingeld für sie hätte. Ich gebe ihr einen Euro und frage, warum sie hier auf dem Bahnsteig bettelt.

Sie: „Ich sag Ihnen die Wahrheit: ich bekomme 730 Euro Rente, ich zahle 500 Euro Miete. Ich will meine Wohnung nicht verlieren. Ich komme jeden Tag aus Bochum hier nach Düsseldorf, weil hier das Geld ist. Hier sind die Leute reich.“

Ich frage, wieviel sie am Tag auf diese Weise erwirtschaftet und erhalte zur Antwort:

„Also, 15 Euro so etwa…“

Ich verstehe zunächst „Fünfzig“, aber sie erklärt, dass das Betteln ein hartes Geschäft ist und dass sie sich mehr Abfuhren und dumme Kommentare anhören muss als dass sie an freigiebige Leute gerät.

Natürlich frage ich sie auch, ob sie nicht Wohngeld beantragen oder die Grundsicherung für Rentner in Anspruch nehmen kann. Sie läge mit ihrer Rente oberhalb irgendwelcher Bemessungsgrenzen, erklärt sie mir, und hätte von dieser Seite nichts zu erwarten.

Diese Rentnerin kommt also beinahe täglich von Bochum in die reiche Landeshauptstadt (per Anhalter, erzählt sie mir, „die Fahrkarte könnte ich mir gar nicht leisten“) um zu betteln, damit sie sich das Leben leisten kann – Kapitalstandort Deutschland 2017.

Ich gebe ihr noch einen Fünfer, damit sie schneller ihr selbstgestecktes 15-Euro-Minimalziel erreicht, und sie verabschiedet sich mit einer Umarmung und dem Wunsch für ein frohes Weihnachtsfest.

Ich brauch erst mal eine Zigarette; da kommt schon der nächste Bedürftige, diesmal dem Eindruck nach ein obdachloser älterer Mann in immerhin warmer, aber schäbiger Kleidung. Er will aber kein Geld: „Haste mal ne Zigarette für mich?“

Wir rauchen zusammen unsere Zigaretten und betrachten schweigend die Menschenmassen auf dem Bahnsteig.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Endstation Altersheim

Wohnbereichsübergreifende Zeitungsrunde mit ca. 12 oder 14 Bewohnern. Die Meldung, dass ein israelischer Forscher die These aufstellt, Menschen könnten durch Veränderungen der Ernährung, gentechnischen Eingriffen und medikamentöser Behandlung bis zu 140 Jahre alt werden, löst lebhafte und ehrliche Diskussion aus.

Frau N., Anfang Neunzig, wirft ein: “Wozu denn? Damit man noch länger im Pflegeheim lebt? Ich hab mich jetzt an das Leben hier gewöhnt, aber glauben Sie mir, ich wollte oft genug Schluß machen, besonders anfangs, als ich herkam.”

Herr T., Ende Siebzig: “Im Pflegeheim zu landen ist das Ende. Man verliert seine Wohnung, und damit sein ganzes Leben. Alle Erinnerungen, der Ort, an dem man die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, Kinder großgezogen hat – alles weg.”

“Wenn man auf die Hilfe von anderen angewiesen ist, verliert man seine Freiheit”, meldet sich die 75-jährige Frau W, “Meinen Sie, mir macht das Spaß, für jeden Toilettengang klingeln zu müssen? Was denken Sie, wie oft ich mich schon gefragt habe, was das für ein Leben ist und warum ich das ertragen muss. Das ist das Entwürdigendste überhaupt, wenn man sich selber nicht mehr helfen kann bei den einfachsten und intimsten Dingen.”

Ich frage in die Runde, ob die anderen das auch so sehen, und erhalte einhellige Zustimmung zur Antwort. Nach und nach reden fast alle über ihre Erfahrungen und Gefühle im Zusammenhang mit dem Verlust der Selbständigkeit, der Selbstbestimmung, der körperlichen Funktionsfähigkeit – vor allem aber über den Verlust der eigenen vier Wände und der Reduzierung des Lebensumfeldes auf ein Zimmer, das jederzeit von Dritten betreten werden kann und bei dem man sich oft genug Bad und Toilette mit einer weiteren Person teilen muss. Mehrfach höre ich Sätze über das Empfinden von Sinnlosigkeit, Depressionen, Selbstmordgedanken, inneren Rückzug bis hin zum Sich-Aufgeben und auf den Tod warten.

Offensichtlich ist es allen ein Bedürfnis, einmal Klartext zu sprechen über das grundlegende Gefühl von Verlust von Freiheit und Würde, Einschränkung und Entmündigung. Unter dem alltäglichen Sich-Arrangieren mit den Gegebenheiten und der “Besser als gar nichts”-Motivation fürs Mitmachen bei allen möglichen Angeboten und Aktivitäten im Heim bestimmt dies scheinbar die Erfahrung der BewohnerInnen.

Ich überlege, ob der innnere und äußere Raum für das Zulassen, Aussprechen und Anerkennen dieser Gefühle – idealerweise in einem professionellen psychologischen Rahmen – nicht eigentlich in jedes Alten- und Pflegeheim gehört. So wie die Dinge liegen, ist das Arbeiten oder der Umgang mit den teilweise traumatisierenden Erfahrungen Glückssache bzw. abhängig von der individuellen Befähigung und der Empathie der Pflege- und Betreuungskräfte.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Verliebt

Die 103-jährige Frau S. strahlt mich an, als ich mit dem Mittagessen zu ihr ins Zimmer komme und frage “Und, Frau S., möchten Sie was zu essen?”

“Wenn Sie kommen, hab ich immer Hunger!”

Ich betrachte mir ihr püriertes Essen und versuche herauszufinden, um was es sich dabei ursprünglich handelte. “Hm, also, Frau S., ich glaube, heute gibt es Kartoffelbrei mit Brokkoli… jedenfalls Gemüse… und… tja, könnte Frikadelle sein. Oder Roulade.”

“Ach, egal! Immer rein damit! Ich bin ein guter Esser!”

Frau S. isst heute wirklich mit Appetit und Lust und hat im Nu die ganze Portion aufgegessen, einen ganzen Teller voll.

Es ist eher selten, dass bettlägerige Heimbewohner, die nicht alleine essen können, mit Appetit und vor allem in solcher Geschwindigkeit essen. Außerdem essen Hochbetagte in der Regel sehr wenig. Als ich das anerkennend erwähne und meinem Gegenüber sage, wie klasse ich finde,
dass sie trotz ihres Alters so guten Appetit hat, antwortet sie:

“Ja, ich bin 74 Jahre alt!”

Das ist nicht das erste Mal, dass ich diese Zahl von ihr genannt kriege. Ich mache einen vorsichtigen Versuch, ihr wahres Alter zu erwähnen:
“Frau S., wenn ich ich Ihnen sage, wie alt sie wirklich sind, würden Sie mir das nicht glauben! Sie sind 103 Jahre alt!”

“Nein, ich bin 74”, antwortet Frau S. wie aus der Pistole geschossen und ohne jede Spur von Zweifel. Es ist klar, dass dies für ihr inneres Empfinden ihr Alter IST; aus irgendeinem Grund hat ihr Geist dieses Alter als permanenten Jetzt-Zustand gespeichert.

Zeit, zurückzurudern: ich versuche es mit einem “Hm… achso, ja, vielleicht hab ich da was durcheinandergebracht..”
“Da haben Sie ganz sicher was durcheinandergebracht!”, klärt sie mich auf und streichelt milde gestimmt meine Hand. Plötzlich strahlt sie mich wieder an: “Und wissen Sie, warum ich so gut esse? Ich bin verliebt!!”

Ich ahne schon, was kommt, frage aber trotzdem: “In wen denn?”

“In Sie!” antwortet sie und schenkt mir ihr herzlichstes Lächeln.

Situation gerettet, und ich habe eine Verehrerin, deren gefühltes Alter gar nicht mal so weit von meinem entfernt ist…