Geschichten die das Leben schrieb: das Alter und der Wein

 Die Frau ist kürzlich, anlässlich eines hohen zweistelligen und auch noch runden Geburtstages, schwer ins Grübeln gekommen. Während ich selber in asiatischer Abgeklärtheit die Weisheit Buddhas verinnerlicht habe, nach der im menschlichen Leben generell Leid, speziell aber Alter, Krankheit und Tod zu erwarten ist, hadert meine Herzdame mit dem unabwendbaren Alterungsprozess.

Seit ihrem runden Geburtstag sieht sie sich – obwohl sie etwa 20 Jahre jünger aussieht als gleichaltrige Frauen, kerngesund und rundum eine äußerst attraktive Erscheinung ist – quasi mit einem Bein wenn nicht im Grab, dann aber fast im Rollstuhl oder im Pflegeheim stehen bzw. sitzen und liegen.

Heute lag im Briefkasten mal wieder die monatliche Infoschrift des Weinhändlers unseres Vertrauens, in welcher dieser seine aktuellen Erzeugnisse und Angebote bewirbt und die zu normalen Zeiten Gegenstand ausgiebigen Studiums und anschließender Kaufentscheidungen ist. Scheinbar sind die normalen Zeiten aber jetzt vorbei, denn die Frau läßt sich wie folgt vernehmen, während sie den Werbebrief ungeöffnet in den Papiermüll befördert:

„Mit dem Wein ist jetzt vorbei. Man muß wenigstens gesund leben, wenn man schon alt wird und anfängt, alt auszusehen. Das ist vielleicht eine Scheisse…“

Da ich aber nun mal Praktiker dialektischer Lebensführung bin, gebe ich ihr zu bedenken: „Ja, aber wenn man Wein trinkt, sieht man’s nicht so…“

Da muss sie lachen und räumt ein: „Wo du recht hast, hast du recht!“

Ich genieße diesen seltenen Moment unwidersprochener Meinungsäußerung und beschließe, dass das Werbeheftchen außerhalb des Papiermülls doch besser aufgehoben ist.

Besuch auf der Erde – Bericht eines Zeitreisenden

Ich trat aus der Zeitlosigkeit heraus und betrat mit frischen Augen, die Programmierungen der Vergangenheit abstreifend, die äußere Realität des dritten Planeten zu Beginn des – nach der Zeitrechnung der Erdlinge – dritten Jahrtausends.

Es gelang mir, mich unerkannt einzufügen in das betriebsame Durcheinander einer Spezies, die nur mit einem beschäftigt schien: Überleben in einem so unverständlichen wie unnötigem Kampf jeder gegen jeden, aller gegen alle; ein Kampf, den die Kämpfer selber religiös verklärten und verabsolutierten mit Sagen und Erzählungen über „Freiheit“ und einer angeblich ihnen innewohnenden Neigung zur Konkurrenz und zur Hierarchie.

Ja, sie gingen sogar soweit, dass sie die bizarren Rituale ihrer privaten und gesellschaftlichen Reproduktion auf eine nur ihnen eigenen und innewohnenden „Natur“ zurückführten, auch wenn weit und breit keine Lebensform in Sicht war – weder auf dem dritten noch irgendeinem anderen der bewohnten Planeten – deren Natur im erbarmungslosen Ringen um Dominanz über ihresgleichen bestand oder in der davon bewirkten fortschreitenden Zerstörung ihrer eigene Lebensgrundlagen.

Am merkwürdigsten allerdings mutete mich an, dass diese Spezies, die kognitiv eindeutig zur Abstraktion und Selbstwahrnehmung befähigt schien und einen ausgeprägten präfrontalen Cortex besaß, in ihren privaten wie vor allem in ihren öffentlichen Räumen buchstäblich überall, auf jeder freien und sichtbaren Fläche, Botschaften des Inhaltes anbrachte, dass das Gattungsindividuum die Güter und Waren, die seine Gesellschaft herstellte, kaufen und konsumieren möge.

Durch den Wegfall einer Rückkehrmöglichkeit (aufgrund eines Risses in der Raumzeit) währte mein Besuch nun bereits etliche Jahrzehnte, und mich deuchte, das oben beschriebene Phänomen würde immer ausgreifender und allgegenwärtiger. Und so war es auch: immerzu und in überwältigender Häufigkeit forderten die Erdlinge sich gegenseitig auf, die Zahlungsmittel ihrer Gesellschaft für Kaufvorgänge einzusetzen. Dabei schien es egal, für welche Art Konsumtion dieser weitgehend rituelle Vorgang vollzogen würde – entscheidend war wohl, DASS er vollzogen wurde.

Wohin ein unbefangener Besucher dieses Planeten seinen Blick auch richtete (jedenfalls solange er sich nicht in einer der wenigen verbliebenen dünner besiedelten Zonen der Planetenoberfläche befand), sein Cortex erlebte einen Ansturm verschiedenster Konsum- und Verhaltensaufforderungen und Kaufanreize. Die visuelle Überflutung praktisch aller Gesellschaften des Planeten mit solch primitiver, im wesentlichen die niederen Instinkte ansprechenden, Gedankenkontrolle wurde allerdings von den Eingeborenen kaum registriert. Sie hatten sich daran gewöhnt und schienen die allgegenwärtigen Reize der Verhaltenssteuerung nicht mehr bewusst wahrzunehmen.

Das allerdings war ganz im Sinne ihrer Herren, die angewiesen waren auf das beständige, endlos wiederholte und immer neu definierte Konsumtions- und Unterordnungsverhalten der einzelnen Gattungsvertreter. Denn dies waren Gesellschaften, deren Reichtum in der abstrakten Form des Zugriffs auf die Produkte gemessen wurde, die die Gesellschaften hervorbrachte.

GELD hieß die konkrete Manifestation dieses Zugriffs, und der Zugang zu dieser einzig legitimierten Quelle des Überlebenkönnens und -dürfens in den primitiven Gesellschaftsordnungen des Planeten war strikt reglementiert. Und zwar dem äußeren Anschein nach frei und gleich für jedes Individuum, tatsächlich jedoch entsprechend den hierarchischen Verhältnissen, die der Besitz dieses „Geldes“ (und damit der Möglichkeiten seiner Benutzung und Vermehrung) bereits eingerichtet hatte – und das seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden.

All dies war den betriebsam hin- und her eilenden einzelnen Gattungsvertretern nicht bewusst, während sie ihren täglichen Verrichtungen nachgingen und dabei getrieben waren von der Notwendigkeit eines Überlebens in solcherart absurden Verhältnissen. Sie wähnten sich sogar ohne Herrschaft über sich, da ihre Herren selten als solche auftraten, sondern sich viel lieber den Anschein gaben, Vertreter des allgemeinen Interesses dieser spezifischen Gesellschaften zu sein.

Dadurch, dass der Reichtum in Geld gemessen wurde – und zur Gewinnung eines Reichtums, der in den Augen der Erdlinge diesen Namen verdiente – waren die Besitzer des Reichtums jedoch abhängig von den Produzenten desselben, ohne deren Arbeit nichts produziert und auch kein Reichtum zustande kommen konnte.

Deshalb war ihr Hauptbestreben, letztere niemals dieser Tatsache gewahr werden zu lassen. Dies nämlich hätte für die Herren leicht das Ende ihrer Herrschaft bedeuten können – die Produzenten hätten auf den Gedanken kommen können, die Dinge ihres Bedarfes einfach ohne Herren selber herzustellen und zu verteilen.

Meine Feldforschungen haben jedoch ergeben, dass es anscheinend einige wenige Exemplare unter den planetarischen Humanoiden gab, die die Möglichkeiten ihres entwickelten präfrontalen Cortex nutzten, um sich und ihresgleichen die terrestrische Wirklichkeit zu erklären, damit sie diese entsprechend den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der gesamten Spezies verändern konnten.

Ihre Analysen und Ideen blieben nicht fruchtlos; sie sanken, zum großen Ärger der Herren, wie Samen in das kollektive Verständnis der planetarischen Zivilisation und führten an einigen Fokalpunkten der Raumzeitachse des Planeten bereits zu ersten Versuchen, auch mit der kollektiven Organisation der menschlichen Gesellschaften den Möglichkeiten einer intelligenten Spezies näherzukommen.

Diese Versuche, die – wie wir aus der Geschichte der galaktischen Entwicklungsbögen wissen – immer erst gegen Ende der barbarischen Frühphase einer Zivilisation eintreten, die also im Falle des dritten Planeten noch sehr jung und neu sind, wurden in einem Falle von der alten Herrschaft – allerdings nach einem Zeitraum, der der Lebensdauer eines Erdlinge entsprach – erfolgreich wieder rückgängig gemacht.

Ein weiterer Versuch begann vor ebenso langer Zeit – einem Menschenalter – in derjenigen Oberflächenregion, die nicht nur die älteste Zivilisation, sondern auch die höchste Einwohnerzahl des Planeten aufweist. Als interstellare Beobachter kommen wir nicht umhin, dieses im Vergleich zu den vorherigen Versuchen höchst durchdachte, flexible und für die terrestrischen Verhältnisse völlig neuartige Projekt als eine realistische Option einzuschätzen; die in der besagten Oberflächenregion aktiven Gattungsvertreter haben die ersten Schritte unternommen, um die humanoide Spezies des dritten Planeten aus der barbarischen Phase herauszuführen und könnten in wenigen Jahrzehnten die Mindestanforderungen an die galaktischen Standards der Intelligenzentwicklung erfüllen.

Da sich in absehbar kurzer Frist das Raum-Zeit-Portal wieder öffnen wird um meine Rückkehr in die Zeitlosigkeit zu erzwingen, werde ich den Bericht über die Erfolge oder Misserfolge der zivilisatorischen Entwicklung des besagten kleinen Planeten in jenem abgelegenen Sonnensystem anderen Zeitreisenden überlassen müssen. Solange ich kann, verfolge ich die erstaunlichen Wendungen der hiesigen Humanoiden jedoch mit einer Mischung aus Faszination, Abscheu und Respekt vor ihrem Potential.

Geschichten aus dem Pflegeheim: Küchendienst und Kommunismusverdacht!

Nach 3,5 Stunden Schlaf am Neujahrsmorgen um 7:30 im Pflegeheim antreten zu dürfen, um den Küchendienst für ca. 20 Bewohner zu machen – ein würdiger Start in ein weiteres Jahr der Lohnarbeit.

Die WBL sitzt mit Bandscheibenvorfall fitgespritzt im Büro und koordiniert die immer weniger werdenden verfügbaren Pflege-, Betreuungs- und Hauswirtschaftskräfte.

Der einzige Kollege vom Fach (auch er jedoch nur Pflegehelfer), der neben den zwei Azubis heute für die Bewohner da ist, flucht lautstark vor sich hin über den Diakonievorstand, dem es „nur ums Geld geht“ (er macht das Geldzähl-Zeichen mit den Fingern), weshalb die Personalsituation ist, wie sie ist.

Ein relativ neuer FSJler ist, wie ich von ihm erfahre, zur Einzelbetreuung eingeteilt, während ich – als Kunstgeragoge im Sozialen Dienst – mich in die Küche stellen soll. Mir fällt erstmal die Kraft aus dem Gesicht, als ich das höre.

Es stellt sich aber heraus, dass der FSJler ursprünglich den Küchenmenschen des anderen Wohnbereiches ersetzen sollte; dieser ist aber heute wieder erschienen und so kann ich den FSJ-Kollegen sofort dienstverpflichten, mir zur Hand zu gehen.

Auf diese Weise kann ich zwischen den Essenszeiten mein Vormittagsprogramm anbieten, den einrichtungsweit populären Frühschoppen, in welchem ich im Wesentlichen die Rolle des gutmütigen Kneipenwirtes zu verkörpern habe

Nach einer knappen Stunde fröhlichen Palavers und Biertrinkens betreten zwei neue Bewohnerinnen den Raum, angelockt durch mein großes Hinweisplakat vor der Tür und die offenkundig gut gelaunte Gesellschaft drinnen. Die beiden geraten mitten in die feucht-fröhliche Debatte, was es am Jahreswechsel überhaupt zu feiern gäbe – ich ergreife die Gelegenheit, um der Runde meinen gereimten Beitrag zum Thema vorzutragen:

„Hurra Hurra, ein neues Jahr!

Das alte, das schon scheisse war,

weicht einem neuen, das gewiß

so scheisse wie das letzte ist“

Über sowas können Demente wie Orientierte lachen, alle freuen sich über die frechen Verse, nur die demente Frau S. sagt „Scheisse sagt man nicht!“, muß aber lachen, als ich ihr antworte „Jetzt haben Sie’s aber selber gesagt, oder?“

Die Frühschoppenbesucher (alle 14 Tage mache ich das) sind immer mehr oder weniger dieselben Leute und eine verschworene kleine Gemeinschaft – unsere beiden Neuzugänge wirken leicht indigniert, es sind KZP(Kurzzeitpflege)-Gäste, beide orientiert, bildungsbürgerlich erkennbar über dem Durchschnitt. Sie erheben sich, bedanken sich artig und verlassen unsere zotige Kneipe.

Es ist her ohnehin schon wieder kurz nach Elf und ich muss die Leute anspornen, jetzt zügig die Sache zu beenden, weil ich zurück in die Küche muß, um das Mittagessen vorzubereiten.

Herr T., unser (von mir ernannter) „Präsident“ hatte mir zu Beginn der Runde ein Set verschiedenere Weine in 0,5l-Flachen überreicht („Weinreise Deutschland“) und wirkt ohnehin erfreut, dass ich nach einer Woche Urlaub wieder auf der Bildfläche erschienen bin. Als ich abschließend resümiere, das wir all unsere von der Frühschoppen-Tradition vorgeschriebenen Themen gehakt haben (Fußball, Politik, Krieg/Flucht/Vertreibung und Essen), bemerkt er: „Das nächste Mal sprechen wir mal über Kapitalismus/Kommunismus!“

Mit einem anzüglichen Seitenblick auf mich ergänzt er: „Da hat uns der Herr Strathus bestimmt einiges zu erzählen… ich kenn’ doch ihre politischen Ansichten!“ Er hört sich aber nicht an wie ein Gesinnungsinquisitor, sondern eher wie ein diskutierfreudiger Demokrat, der dem kommunismusverdächtigen Sozialer-Dienst-Mitarbeiter mal auf den Zahn fühlen möchte.

„Können wir gerne machen, Herr T.“, antworte ich. „ich bringe ihnen vorab schon mal ein bißchen Marx- und sonstige Lektüre mit, damit wir wissen, über was wir reden und Sie sich ein bißchen ins Thema einlesen können!“

Ich weiß natürlich, dass er aufgrund einer diabetesbedingten Sehschwäche kaum noch lesen kann, aber wir flachsen uns gerne mal ein bißchen gegenseitig an. Immerhin scheint er neugierig zu sein, und sei es nur, um „den Kommunisten“ zu bekehren oder um wie bei Werner Höfers Frühschoppen ein bißchen über Politik zu streiten.

Für ein Wochenende mit Küchendienst ist dieser Samstag meiner Einschätzung nach ganz ordentlich gelaufen.

Sylvestergedicht/Neujahrswünsche

Die vielfältigen Glück- und Segenswünsche anlässlich der vollendeten Sonnenumrundung des dritten Planeten inspirieren auch mich zu einem Beitrag, den ich ungefragt all meinen Freunden, Feinden und Bekannten aufdrängen möchte:

Hurra, hurra, ein neues Jahr!
Das alte, welches scheisse war,
weicht einem neuen, das gewiß
so scheisse wie das letzte ist.

Neujahrspredigt des Bundesscholz

Scholz ist klar professioneller als Merkel (oder Schröder und Kohl vorher). Oder er hat bessere Rede-Coaches. Inhaltlich dasselbe Salbadere wie alle anderen, eine Art Imitation des pfäffischen Geschwätzes, mit dem man die Leute einlullt und so tut, als wäre die Obrigkeit die Allerfürsorglichste und hätte alles im Griff.

Interessant die dreiste Lüge, die Gesellschaft wäre gar nicht gespalten, sondern im Gegenteil ein wahres Wunder an Hilfsbereitschaft, Anpackerei und vorbildlicher Volksgemeinschaft. Aber das hören die Leute gerne – oder Politiker denken, dass die Leute das gerne hören.

Wie bei Merkel fällt auf, dass Tonfall, Duktus und Art der Ansprache den Eindruck erwecken, hier spräche einer zu Kleinkindern oder Dementen, müsste alles ganz einfach und langsam in möglichst simplen Worten erklären, um die mentale Kapazität der Zuhörer nicht zu überfordern. Im Grunde eine dreiste Beleidigung der Intelligenz jedenfalls der paar Leute, die sich für zwei Pfennig selber Gedanken machen. Der Rest will’s wohl so haben – diese Art Politikerpredigten können vermutlich schon ähnlich wie „Dinner for one“ als Sylvesterritual gelten.

Achja, die verklausulierte Kriegshetze gegen Russland durfte auch nicht fehlen, maskiert als Friedensblabla – „Die Werte der EU sind Frieden, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“ – und Bekenntnis zum westlichen Kriegsbündnis.

Eine Vision

Ich werd jetzt Prophet. Letzte Nacht erschien mir folgende Vision im Traum; sie war so eindrücklich, dass ich schnell alles notierte, damit nichts verloren geht!

Huldigungen nehme ich per PN und per Überweisung entgegen.

EINE VISION

Nehmt den Schleier eurer Geschlagenheit
von eurem Blick aufs politische Leben

Zieht weg die Decke von Kummer und Leid
von eurem Verzicht aufs Erheben

Den Deckel aus stummer Verzagtheit hebt
vom Unsinn, dem Feind zu vergeben

Trinkt vom Quell der Erhabenheit
um zum Kommunismus zu streben!

(messianischer Revolutionär/ revolutionärer Messias wandelt über verkohlte Holzbohlen über einer Art Abgrund, in dem Massen von Leuten sind. Er singt dabei, begleitet von einem gewaltigen Chor unsichtbarer Engel, obige Verse zu einer schmissigen Melodie. Gleichzeitig schüttet er inspirierendes Zauberpulver aus Jutesäcken auf die Massen und schenkt Kaffee aus. Die Massen jubeln und werden für den Kommunismus erleuchtet.)