From Here to Here: Von der Höhlenmalerei zum iPad Pro

Von den ersten Höhlenmalereien zu iPad Pro und Apple Pencil – die knapp fünfzigtausend Jahre, die dazwischen liegen, sind ein Wimpernschlag in der Geschichte der Spezies. Erst recht in der des Planeten, auf dem die Spezies sich entwickelt hat. Die Empfindungen des Frühmenschen, wenn er mit Ocker, Eisenoxid und Holzkohle Dinge aus seiner inneren und äußeren Erfahrungswelt auf Felswände aufbrachte, dürften nicht viel anders gewesen sein als die des homo sapiens sapiens des 21. Jahrhunderts, der dasselbe mit der Technologie von heute macht.

Lebte der Frühmensch in einer Art Urkommunismus? Gab es Eigentum an „Produktionsmitteln“? Und was sollten diese gewesen sein, außer den gemeinschaftlichen Vorräten, Behausungen usw., die die damaligen Menschen zum Überleben brauchten? Es gab keine Klassen, keinen Staat, es gab keine Produktivkräfte, die Privateigentum und damit eine Klassengesellschaft hervorbringen konnten.

In der kurzen Zeitspanne eines menschlichen Lebens ist es selten, dass das individuelle Denken die Gelegenheit ergreift, sich über den engen Rahmen der unmittelbaren (Über-)Lebensverhältnisse der Konkurrenzgesellschaft zu erheben. Der Verstand ist fast immerzu mehr damit beschäftigt, die zahlreichen Herausforderungen der Anpassung an die menschengemachten Verhältnissen zu meistern, als dass er Muße hat, die menschliche Existenz, vor allem aber die der Spezies als solche, in ihrer Entwicklung über die Jahrtausende zu betrachten. Solche Betrachtungen gelten als sinnlose Zeitverschwendung, als ergebnislose philosophische Nabelschau von Leuten, die zu viel Zeit oder zu viel Geld haben, oder am besten gleich beides. Dabei ist die Neugierde, die zu solchen Überlegungen führt, ein wesentliches Element der Spezies. Ohne sie würden wir vermutlich noch in den Bäumen sitzen oder wären schon ausgestorben.

Die humanoide Sorte Säugetier, die sich gerne als Krone der Schöpfung sieht, ist nicht der Abschluss der Evolution – weder als Spezies noch als Individuum. Warum sollte sie das auch sein? Was Jahrmillionen gedauert hat, um vom behaarten Steppenbewohner, der es mal mit dem aufrechten Gang probiert, beim internetgeprägten Zivilisationsbürger anzugelangen, soll ausgerechnet jetzt, als von der eigenen Auslöschung bedrohter „Menschenaffe mit Atombomben“ evolutionsmäßig zum Stillstand gekommen sein und den Abschluss der biologischen und mentalen Entwicklung der Art darstellen? Sowas gibt’s nicht in der Biologie und in den Naturwissenschaften. Erst recht nicht in den Gesellschaftswissenschaften, die genau die Entwicklungen und Veränderungen untersuchen, die Individuen als Kollektiv durchlaufen.

Dennoch wird – jedenfalls in dem kleiner werdenden Teil der Menschheit, der mental und ideologisch noch von der fünfhundertjährigen westlichen Dominanz bestimmt wird – in der Regel so getan, als wäre der heutige Kapitalismus der endgültige Ausdruck menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Diese Ignoranz werden zukünftige Generationen einmal mit leichtem Amüsement verwundert belächeln und sie als Ausdruck einer vor-zivilisatorischen Etappe der Menschheitsgeschichte einordnen, ähnlich wie wir heute die Stammesgruppen des Paläolithikums als Vorstufe der entwickelten technologisch Phase der Spezies betrachten.

Eines fernen oder vielleicht nicht allzu fernen Tages wird die gesellschaftliche Reproduktion der menschlichen Gesellschaften auf dem dritten Planeten nicht mehr von „zivilisierter Barbarei“, also von Privateigentum an Produktionsmitteln und der daraus resultierenden, von Konkurrenz und Ausbeutung geprägten, Überlebenskämpfe bestimmt sein.

Eines Tages wird eine regional organisierte, aber global funktionierende vernünftige Organisation des gemeinsamen Überlebens auf der begrenzten Ressource Erde den Alltag und das Zusammenleben der Spezies bestimmen. Eine geplante Ökonomie, die Raum lässt für individuelle Kreativität auch in unternehmerischer Hinsicht, wird nicht bloß utopische Träumerei weltfremder Idealisten sein, sondern Notwendigkeit und Erfordernis einer Spezies, die – wenn sie nicht den Schritt heraus aus der privatwirtschaftlich organisierten Frühphase der menschlichen Gesellschaft tut – die eigenen Überlebensgrundlagen zerstört.

Dass das kein Wunschtraum bleibt, sondern praktische Schritte in diese Richtung unternommen werden können – das ist das Anliegen der Kommunisten.

Jeder will alt werden, keiner will es sein

Am Morgen meines 68. Geburtstages bin ich mit einer Altersdepression aufgewacht. Jedenfalls kommt es mir so vor. Als ob ein Schalter in meinem Gehirn ungelegt wurde und mich in einen mental-emotionalen Zustand befördert hat, den ich nur aus Büchern kannte.

Ein bodenloser Abgrund schwärzester Sinnlosigkeit starrte mich an, und ich starrte zurück – in einer Mischung aus Verwunderung, Ratlosigkeit und Leere. Aber nicht die Leere, die buddhistische Mystiker als Essenz der Wirklichkeit beschreiben und zu verwirklichen suchen. Eher die Art, die einem den Eindruck vermittelt, dass jedes Streben, jede Motivation, überhaupt jede Tätigkeit (physisch und psychisch) von vornherein zum Scheitern verurteilt und eine Übung in Vergeblichkeit ist. 

„Life’s but a walking shadow… it is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing,“ wusste ja schon Macbeth.

Das Gefühl/der Zustand hat mich seitdem nicht verlassen und umhüllt mich wie ein Geist aus dem Jenseits oder aus einer fremdartigen, unverständlichen Galaxie. Fremdartig, weil ich als gewohnheitsmäßiges Sonntagskind das Leben kenne als Leinwand eines großartigen Abenteuers, oder besser: Comics, dessen bunter Abwechslungsreichtum und spannende Geheimnisse nicht nur überall hervorquellen und an jeder Ecke warten, sondern per kreativer Imagination ständig abgerufen, erzeugt und genossen werden können.

Und mit Imagination bin ich reichlich gesegnet. Deswegen fragte ich mich als erstes: Bilde ich mir das jetzt alles ein? Ist dieser Zustand absoluter, endgültiger, unwiderruflicher Sinnlosigkeit ein Gefühl, wie es nun mal im Leben vorkommt und dessen Relevanz und Ausmaß ich mir aufgrund meiner cartoonistischen Einbildungskraft so monströs aufblase, dass ich mich selber davor erschrecke?

Dagegen spricht die beharrliche, untergründige Präsenz dieser Wahrnehmung in meinem inneren Horizont. Sie scheint unbeeinflusst zu sein von den Gedanken, die ich mir über sie mache.

Als Nächstes rufe ich mir ins Gedächtnis, was ich mir in langen Jahren spiritueller und meditativer Übungen eingeprägt habe: was auch immer im Geist passiert, besteht aus denselben flüchtigen Phänomenen, die von einem Körper-Geist-Mechanismus humanoider Art nun mal hervorgebracht werden und deren Substanz Leere ist. Das leuchtet mir ein, das gibt einem das Gefühl, das die simple Beobachtung des Phänomens der angemessene Umgang damit ist.

Das ändert aber nichts an der umfassend demotivierenden und niederdrückenden Wucht der Erfahrung. Ich gehe durch die Landschaft des Alltags, also meines geordneten Mittelschichts-Rentnerlebens mit Frau und Hund, ansässig in der geordneten, gutbürgerlichen Insel der Seligen Oberkassel, wie Falschgeld durch die Hände von Gaunern und Gauklern. Die befremdlichen Aktivitäten der Leute sehe ich wie durch ein umgekehrtes Fernrohr, ihre aufdringliche Gutgelauntheit und ihre irgendwie rührenden kleinen Bestrebungen um Erfolg, Reichtum, und alles, was sie für Glück im Leben halten…

Hinzu kommt die allgegenwärtige Intelligenzbeleidigung, die das Dasein in einem westlichen imperialistischen Land per se darstellt. Die weltweite Krise des westlichen Kapitalismus, der Weg in den Krieg, der von den politischen und medialen Einpeitschern immer schneller und mittlerweile stramm marschierend eingeschlagen wird, die schafsmäßige Ignoranz einer auf Konsum und persönliches Nischenglück konditionierten Bevölkerung – all das hebt auch nicht gerade die Stimmung.

A propos: „Na, wie ist deine Stimmung heute? Hast du schon bessere Laune?“, fragt mich die Gattin, die den Gegensatz zu meiner sonstigen Erscheinungsform und mentalen Disposition natürlich bemerkt. Das ist sie von mir nicht gewohnt. „Ich kenn dich nur fröhlich pfeifend und singend, immer guter Dinge. Ich glaub ich hab dich noch nie niedergeschlagen gesehen, das kenn ich eher von mir, dass ich mal solche Phasen habe…“

Dass es nur eine Phase ist, hoffe ich sehr. Aber das ist ein leerer Spruch, den ich mich sagen hören möchte. Ich kenne zwar das Wort „Hoffnung“, aber der Inhalt oder die Bedeutung des Begriffes ist mir fern wie das andere Ende des Universums. Also google ich erstmal „Depression“ – Symptome, Ursachen,  Behandlungsmöglichkeiten etc. Und siehe da, eine Menge von dem, was ich da lese, entspricht meiner Erfahrung aus den letzten Monaten: Antriebslosigkeit, Überforderung, Müdigkeit, massive Schlafstörungen, Appetitverlust, keine Freude an kleinen Dingen….

Die Überforderung, die ich angesichts einiger Internet-Jobs empfinde (diejenigen, bei denen es um programmiertechnische Aspekte statt designmäßiger geht) baut sich wie eine riesige dunkle Wolkenwand vor mir auf, die mich zu ersticken und erst recht zu paralysieren droht. Ebenso die Zusage, die ich für einen Workshop gegeben habe, den ich im November auf dem Fachtag der Kunst- und Kulturgeragogen geben soll. Ich fühle mich der Aufgabe – eigentlich nichts, was ich nicht leisten könnte – nicht gewachsen und je näher der Termin rückt, umso grauenvoller wird die Vorstellung davon.

Die Arbeit gibt meiner Woche zwar etwas Struktur, darin vergleichbar den Hunderunden, aber auch dazu muss ich mich zwingen. Was soll ich meinen Alten in der Pflegeeinrichtung geben, vermitteln, nahebringen? Die Sinnlosigkeit des Daseins? Sie beglückwünschen, dass ihr unvermeidliches Ende wenigstens schneller eintritt als meins?

Am liebsten würde ich mich verkriechen, meine Tage im Bett verbringen und von der Welt nichts wissen. Und Drogen nehmen, mit denen man all das ausblenden kann, was einen auf die unsägliche Idiotie einer sinn- und nutzlosen Welt hinweist, also ALLES. Drogen, die den inneren chemisch-emotionalen Haushalt soweit stabilisieren, dass die Mühe, so zu tun als nähme man am Leben teil und wäre „einer von ihnen“ (nämlich der Masse scheinbar funktionierender Bürger), nicht so unendlich mühselig, zäh und letztlich bedeutungslos ist. 

Ja, am besten wär Verkriechen. Oder Sterben. Nee, Sterben doch lieber nicht. Man muss ja nicht gleich übertreiben. Vielleicht ist es ja doch nur eine Phase.