Geschichten die das Leben schrieb: Opfer der Kunst

Heimischer Testlauf für eine kunstgeragogische Unterrichtseinheit zum Thema Gelatine-Druck.

Frau so (alarmiert durch meine Umtriebe auf dem Wohnzimmertisch):

“Was machst du da? Gibt das ‘ne Sauerei?!”

Ich so: “Schatzi, misch dich nicht ein in die Kunst. Für die Kunst müssen manchmal Opfer gebracht werden.”

Frau (kennt ihren Pappenheimer): “Ja, haha. Dann bist du das nächste!”

Geschichten aus dem Pflegeheim: die evangelischen Tabletten

Heute bin ich nicht in der Tagesgruppe Demenz eingeteilt, höre aber im Vorübergehen einen erregten Disput zwischen Teilnehmerin Frau M., deren dementer Geist sowohl Wach- und Traumzustand wie auch Erinnerung und Aktualität schwer auseinander halten kann, und einer Pflegekraft. Ich höre, wie die Kollegin Frau M. erklärt, dass man nicht so ohne Weiteres die Religion wechseln kann und „einmal evangelisch“ gleichbedeutend mit „immer evangelisch“ sei. Mal abgesehen davon, dass das natürlich Unsinn ist, sehe ich keine Veranlassung, mich einzumischen.

Etwas später helfe ich nach der Mittagszeit in der Tagesgruppe aus und registriere den aufgewühlten emotionalen Zustand von Frau M. Sie berichtet mir sofort und ungefragt, dass mal wieder einen unglaubliche Sauerei passiert sei, die sie sich aber keinesfalls bieten lassen würde, das wäre ja noch schöner; das sollten die ja versuchen, die würden schon sehen, mit wem sie sich da anlegen usw.

Da ich das gefüllte Pillendöschen an ihrem Platz stehen sehe (die Medikamente soll sie vor dem Essen nehmen), frage ich sie, was mit den Pillen ist.

„Das ist es ja!“ legt Frau M. los, „die wollen mich hier katholisch machen! Diese Pillen sind für Katholiken, aber ich bin evangelisch und das ändere ich auch nicht!“

Ich bin ganz Ohr und äußere Zustimmung: „Na klar, Frau M., keiner erwartet, dass Sie als Protestantin katholische Pillen schlucken. Soll ich mal losgehen und die evangelischen Pillen holen?“

Frau M. ist jetzt aber auf Krawall gebürstet und entschlossen, erstmal durch Widerstand zu zeigen, dass sie sich solche Machenschaften nicht gefallen lässt: „Nee, die können mich mal. Ich nehm jetzt gar nichts mehr!“

Stattdessen geht sie eine Zigarette rauchen und ist dank ihrer Standhaftigkeit der Katholisierung entronnen. Wenn’s doch immer so einfach wäre.

Forscher ratlos

Screenshot

Der „Spiegel“, das Fachblatt für Soziologie und Volkskunde, macht sich Gedanken über den Niedergang der Lebenserwartung im Mutterland von Freiheitundmarktwirtschaft.

Dort sterben die Leute immer früher, nehmen Drogen wie nichts Gutes, selbstmorden sich massenhaft aus dem Reich der Freiheit, das zu bewohnen sie das Glück haben – lauter schwer erklärbare Rätsel also, deren Ergründung den einschlägigen Forschern viel Gelegenheit zum Grübeln und wissenschaftlichen Arbeiten gibt.

Dass die schwerbewaffnete US-„Zivilgesellschaft“ sich zu erheblichen Teilen nicht bewährt im Konkurrenzkampf um ALLES in der besten aller Welten; dass sie diesen gar nicht als lauter Chancen und Gelegenheiten nimmt, sondern an seiner unerbittlichen Absortierung des Menschenmaterials in kapitalverwertungstauglich oder nicht irre wird: das ist dann gleich schon wieder ein individuelles Problem, dessen sich eine andere Gruppe Forscher annehmen darf und wird.

In weiteren Meldungen:

*** Rätselhaftes Massensterben in Schlachthöfen: Forscher ergründen Todesfälle unter Schweinen und Rindern ***

*** Merkwürdige Fallsucht von Dingen Richtung Boden: Forscher perplex über Schwerkraftphänomen ***

*** Während es in vielen Ländern häufig regnet, bleibt in Sahara und Gobi im dritten Jahr in Folge der Regen aus: Forscher ratlos ***

Praktische Lebensberatung vom Finanz-Fachblatt aus Hamburg

Endlich wieder praktische Lebensberatung vom Finanz-Fachblatt aus Hamburg. Das hat nämlich festgestellt, dass das Geldproblem vieler Leute nicht daran liegt, dass sie zu wenig davon HABEN (weil sie z.B. das Pech haben, (Niedrig-)Lohnarbeiter zu sein).

Nein, sie können einfach nicht mit der wertvollen Ressource Geld UMGEHEN! Da die Natur diesen Rohstoff nun mal ungleichmäßig verteilt (wie beim Regen oder Sonnenschein), müssen die Minderbemittelten nur lernen, mit dem bisschen was sie haben, AUSZUKOMMEN!!

Sie „tun sich schwer im Umgang mit Geld“, weiß der Experte – und wer kennt es nicht: man möchte ja so gerne kameradschaftlich, vorurteilsfrei und tolerant sein, wenn’s ans Bezahlen geht, nur um dann doch wieder zu Hadern mit dem (Nicht-)Loslassen-können, der Anhänglichkeit an die bunten Scheinchen und der Angst vor Enttäuschung und Trennungsschmerz.

Menschlich-allzumenschliche Problemlagen also, und dafür gibt’s natürlich Ratschläge vom Geldpsychologen, der weiß: „das kann man ändern“!

Praktischerweise ist der Beitrag hinter der „Spiegel+“ Paywall versteckt, aber in diesem Fall fällt es gar nicht „schwer“, die weiteren Folgen dieser wunderschönen Lebenshilfe-Serie zu erraten:

*** So lernen Sie, Ihrem Chef zu gehorchen ***

*** Warum denn immer satt zu essen? Fasten ist das neue Schlemmen! ***

*** Wenn’s für die Miete nicht reicht: So lernen Sie, wie man die besten Plätze unter der Brücke erkennt und sichert***

Geschichten aus dem Pflegeheim: Die Liebe zum Kommunismus zurückfahren

Experiment in der heutigen Zeitungsrunde: zusätzlich zur notorisch rechtslastigen NGZ (Neuss-Grevenbroicher Zeitung, ein erzreaktionäres schwarzes Blatt mit allerdings umfangreichem Lokal- und Sportteil) bringe ich einen Artikel aus der aktuellen “UZ” zum Vortrage.

Vorher weise ich darauf hin, dass es sich um eine sozialistische Wochenzeitung handelt, deren Inhalte ganz sicher als Gegenposition zu Blättern wie der NGZ zu werten sind. Ich lese einen Beitrag von Nina Hager aus dem Bereich “Positionen” vor, in dem es um die Grenzöffnung 1989 geht – ein Thema, das auch in der Einrichtung unvermeidlicherweise präsent war und im Rahmen der staatlichen Jubelorgien abgefeiert wurde.

Der Artikel selber ist eher harmlos, fast schon sozialdemokratisch anmutend, verweigert sich aber natürlich der geforderten DDR-Dämonisierung und lässt im Gegenteil den Wunsch nach dem Antifaschismus und der Friedenspolitik der DDR anklingen.

Dieser letzte Satz des Artikels (“.. ihre – der DDR – konsequente Friedenspolitik täten diesem Land – und nicht erst jetzt – mehr als Not.”) versetzt meine wackeren alten Antikommunisten allerdings stante pede in Rage.

“Also, das ist ja wohl das Letzte“ sch
naubt Herr T., seines Zeichens stolzer Ehemaliger der BRD-Bundeswehr. „Friedenspolitik? Dass ich nicht lache! Die sind doch 1968 in die Tschechoslowakei einmarschiert!”

Ich bin erstaunt, denn meiner Kenntnis nach war die NVA nicht an der Zerschlagung der tschechischen Konterrevolution beteiligt. Egal, da dies die letzte Meldung aus unserer heutigen Zeitungsschau ist, möchte ich die Runde versöhnlich beenden und verabschiede meine Truppe freundlich.

Auf dem Weg in seine Wohnbereich rollt Herr T. auf seinem Rollstuhl an mir vorbei, mustert mich kritisch von unten und bemerkt: “Also, mein Lieber, Ihre Liebe zum Kommunismus müssen Sie mal etwas zurückfahren!”

Ich muss lachen und antworte ihm “Das glaub´ich nicht, Herr T. Vor allem glaube ich, dass es nicht schaden kann, beide Seiten einer Geschichte zu kennen. Und was ihre Behauptung über die Beteiligung der NVA an den Ereignissen in der CSSR 1968 betrifft – das werde ich überprüfen..”

Eine kurze Google-Recherche erbringt dann das Ergebnis, dass, wie ich vermutete und zu wissen meinte, die NVA tatsächlich 1968 zwar in Alarmbereitschaft versetzt war, aber keine Soldaten im Nachbarland hatte. Den Ausdruck dieses Artikels aus der bestimmt nicht Kommunismus-verdächtigen “Zeit Online” (https://www.zeit.de/1994/34/allzeit-bereit) werde ich morgen mal Herrn T. überreichen.

Bolivia, Morales

Evo Morales wird offiziell von der bürgerlichen Hofpresse zum „Machthaber“ heruntergestuft – in diesen Kreisen die Bezeichnung für diejenigen Regierungschefs, die sich den imperialen Interessen des Wertewestens in irgendeiner Weise entgegenstellen.

Indem sie zum Beispiel auf unserem Lithium oder Öl sitzen; Bodenschätze, die zufällig in der Erde des dummerweise von ihnen regierten Territoriums liegen, die aber natürlich bloß deswegen nicht unserem strategischen Zugriff entzogen werden dürfen.

Die Bezeichnung „Machthaber“, andrerseits, verbietet sich selbstverständlich z.B. für Regierende wie den chilenischen Millionär-wird-Präsident Piñera oder den brasilianischen Faschisten Bolsonaro, die in UNSEREM Auftrag und Interesse für den reibungslosen Verlauf von Geschäft und Gewalt sorgen.

So nimmt alles seinen korrekten Lauf und das Gute daran ist, dass bei der Vermittlung dieser Fakten jeder Journalist im Reich der Freiheit ganz genau weiß, was er wie zu schreiben hat, damit die Botschaft auch ankommt beim Publikum, welches aus sentimentalem Gerechtigkeitswahn mitunter nicht verstehen will, wie vorzüglich demokratisch und wachstumsfördernd die Affairen der Welt geordnet sind.

Kapitalismus als Religion

Die Anbetung des Privateigentums ist die ultima ratio dieses Kultes und als solche zum unerbittlichen Sachzwang des Überlebens gemacht worden.

Die Priester und das Fußvolk dieses Glaubens sprechen gerne von dem Fortschritt und unermesslichen Reichtums, den ihr Bekenntnis einem fiktiven Subjekt namens „der Menschheit“ gebracht hätte, schweigen aber über das sehr messbare Elend bei Millionen konkreter Menschen, das der Preis dieses Reichtums ist.

Die Preisgabe von Würde und die Versklavung an das sakrosankte Credo des Privateigentums wird in den heiligen Schriften dieser Religion – den Verfassungen, Gesetzestexten und volkswirtschaftlichen Lehrbüchern – als Freiheit und Menschenwürde gepredigt.

Inzwischen ist die Erniedrigung des kollektiven und individuellen Bewusstseins durch den Kult des Privateigentums so weit gediehen, dass bis auf wenige Ausnahmen nicht nur die gesamte Welt seinem Diktat unterworfen ist, sondern reiche Individuen von Würdenträgern (Standortpolitiker, Hofschreiber, Sachverständige) der kapitalistischen Religion servil und devot umworben werden, wenn und damit sie geruhen, die Mehrung ihres Privateigentums in einer bestimmten Region stattfinden zu lassen.

Geschichten die das Leben schrieb: die Dreckschleudern

Frau: (lamentiert aus einem anderen Zimmer über Hausstaub und diesbezüglich zu treffende Maßnahmen)

Ich so: „ Dir ist schon klar, dass dein Putz- und Sauberkeitsfimmel leicht neurotische Züge aufweist…?“

Frau: „Man könnte auch sagen, dass du nichts siehst und nichts sehen willst! Überall breitet der Herr Gemahl sich aus und verteilt seine Elektrogeräte, und die machen nämlich den Dreck! Du und der Hund, ihr seid die Dreckschleudern hier!“

Ich so: (bedanke mich innerlich beim Universum, dass mir der Röntgenblick für einzelne Staubkörner NICHT in die Wiege gelegt wurde)

Eingebetteter Journalismus: wie die „Frankfurter Rundschau“ zum Verlautbarungsorgan der westlichen Weltordnungskriege verkommen ist

Sonntagmorgendliche Zeitungslektüre: diesmal überrundet die ehemals sozialliberale „Frankfurter Rundschau“ das Hamburger NATO-Kampfblatt in punkto imperiale Anmaßung und macht dabei ungewollt deutlich, wie lohnschreibende journalistische Hofnarren sich den Kopf ihrer Herrschaft zerbrechen und als Transmissionsriemen der obrigkeitlichen Sprachregelungen fungieren.

Dass es um „Europas“ (damit ist in solchen Blättern stets das deutsch-französisch dominierte Weltmacht-Projekt EU gemeint) „Einfluß in Syrien“ geht, ist sowieso klar für verständnisvolle schreibende Begleiter der Herrschaften, die tatsächlich mit Terroristenfinanzierung, Embargos, Bomben und Soldaten diesen Einfluss NEHMEN – wobei dieses Einflussnehmen im nächsten Satz schon wieder euphemistisch auf den Kopf gestellt und die fette Lüge erzählt wird, „deutsche, britische und französische Diplomaten“ wären „um eine Lösung“ bemüht, indem sie „weiter auf Diplomatie“ setzten.

Dass das politische Personal aus genau den Ländern, die in Syrien seit acht Jahren den Krieg finanzieren, organisieren und am Kochen halten, jetzt – nach der sich abzeichnenden Niederlage der westlich gesponserten Terrorgruppen und Söldner („gemäßigte Islamisten“) – schnell noch einen Rest ihres verlorenen Einmischungs- und Erpressungspotentials in Syrien retten wollen, indem sie zusätzlich zu den Sotschi- und Astanaformaten einen Genfer Gesprächsprozess auflegen (der von der syrischen Regierung entsprechend milde belächelt und realistischerweise als westliche Einmischung charakterisiert wird – siehe Interview mit Präsident Assad: https://sana.sy/en/?p=177331): davon kein Wort in dem Text der FR-Schreiberin.

Alles in allem wieder mal ein schönes Beispiel für den Niedergang und das reflektionsfreie Nachbeten amtlicher Regierungsverlautbarungen durch Zeitungen, die in vergangenen Jahrzehnten sich gelegentlich getrauten, die Obrigkeit zu kritisieren. Die Linke heute: der linke Flügel des Imperialismus.

Geschichten, die das Leben schrieb: Ein bißchen Verschnitt ist immer

Häusliche Debatte über Medienkonsum und abendliche Bildschirmalternativen an diesem ersten kalten, regnerischen und ungemütlichen Novembertag.

Frau so: „Kuck mal, was es im Fernsehen gibt. Ich brauch was Leichtes zur Ablenkung…“

Ich (alarmiert): „O nee, aber nicht irgendsoeinen Volksverblödungsscheiss von der Degeto-Stange! Es gibt genügend gute Filme auf Netflix oder Prime oder YouTube, es muss doch nicht das staatliche Massenmedium sein…“

Frau (unbelehrbar): „Nee, ich kann mit diesem Serienkram und Ami-Filmen nichts anfangen. Ich will leichte Unterhaltung! Auf deutsch!“

Ich (schon resigniert): „Du bist unverbesserlich, was cineastische Rezeption und Zugang zu guten Filmen betrifft…“

Frau so (grinsend): „Ja, du hättest dir ja so eine Intellektuelle zulegen können, die mit dir deine komischen Filme kuckt. Dafür kann sie dann nicht kochen. Ein bißchen Verschnitt ist halt immer.“