„Peking untersagt Sowieso-Demo, Hongkonger Polizei droht mit Gefängnisstrafen. Chinesische Politiker und Polizei drohen mit harten Konsequenzen.“
Mit ziemlicher Sicherheit würden sich ganze Heerscharen von empörten Freiheitsvorkämpfern der Feder gegenseitig überbieten, die abscheuliche kommunistische Diktatur in Beijing als freiheitsfeindliche Autokratie zu entlarven, die keine Opposition zulässt und noch nicht mal eine Demonstration für die Freiheitsrechte der eigene Bürger erträgt.
Es wäre (mal wieder) der schlagende Beweis erbracht, das sich auf der Bühne der Welt Freiheit, Demokratie und WERTE einerseits sowieso Überwachungs- und Verbotsstaat und Diktatur andrerseits gegenüberstehen; gleichzeitig würde von „Spiegel“ bis „Tagesschau“, von „FAZ“ bis „taz“, leitartiklerisch eloquent beweint, dass der Freiheitsbegriff des libertären Westens den asiatischen Despoten einfach nichts bedeutet (und dem kommunistischen schon gleich nicht), weshalb es unsere offene Gesellschaft im Ringen um ihre zutiefst humanitären Werte so schwer hat gegen autokratische Freiheitsfeinde.
Wie gesagt: man stelle sich das spaßeshalber mal vor.
Und das, obwohl wir uns nun wirklich alle Mühe geben, uns die Finger wundschreiben, jeden Tag aufs Neue die Kriegsstimmung anheizen und ihm immer absurdere Ziele andichten: er tut‘s einfach nicht. Da müssen wir den bisherigen Ukraine-Konflikt“ gleich mal zum „Russlandkonflikt“ hochschreiben, vielleicht begreift er’s dann ja endlich, der Aggressor im Kreml.
Ich scrolle gerade durch meinen FB-Feed und lande bei einem Beitrag von Wolfgang Mueller, der gewohnt informativ und kenntnisreich einen verdienten Genossen und Kämpfer – den “Mann, der Krakau vor der Zerstörung rettete” – beschreibt.
Die Frau kommt hereingeschwebt und fragt (offensichtlich in völliger Fehlinterpretation meiner sitzenden Position): “Schatzi, hast du keine Langeweile?”
“Ich hab nie Langeweile”, ist meine korrekte Antwort, “ich hab immer was zu lesen oder zu daddeln oder zu zeichnen…”
Ich nehme einen Anlauf, ihr die Werthaltigkeit meiner intellektuellen Beschäftigungsformen näher zu bringen und führe aus: “Jetzt gerade lese ich zum Beispiel einen Beitrag über den Soundso, der dasunddas gemacht hat. Der ist sogar 103 Jahre alt geworden, nach einem abenteuerlichen und gefährlichem Leben. Was man nie vergessen darf: Ohne solche Leute und deren Einsatz unter unglaublichen Opfern gegen die deutschen Faschisten würden wir hier alle mit Hakenkreuzbinden am Arm rumlaufen…”
Die Frau so, mit blitzschneller Auffassungsgabe: “Erzähl nicht. Du wärst doch schon längst tot, als Kommunist.”
Zeitlich passend zu den Olympischen Winterspielen in Beijing: das freiheitliche Fernsehprogramm des demokratischen Staates klärt auf über eines der Schurkenstücke der kommunistische Diktatur da unten beim Chinesen.
Auch die Geschichtsschreibung wird wie selbstverständlich eingespannt in den Kampf der freiheitlich-abendländischen Zivilisation gegen den östlichen Despotismus – aus der Roten Armee, die Europa vom Faschismus befreite, wird die „russische Armee“, die „das Grauen“ bedeutet für jeden, der vor ihr fliehen muß. Dem Leser ist sofort klar: Dieses furchtbare Schicksal muß der armen freiheitlichen Ukraine unbedingt erspart werden!
Wohin man kommt, welches Medium man einschaltet, bei der Fahrt zur Arbeit im Autoradio, zuhause aus dem Fernsehgerät: Kriegspropaganda. Die Lügen, mit denen Kriege vorbereitet werden, quellen einem in all ihrer selbstgerechten Feindbildsprache entgegen, egal auf welchem Kanal. Jedenfalls solange es sich um sogenannten Qualitätsmedien des sogenannten Mainstreams handelt. Sie behandeln ihre eigenen Erfindungen und Unterstellungen als Tatsachen, mit denen sie die Bürger in Angst versetzen und, noch wichtiger, auf ihre Seite bringen.
Das Narrativ hat sich verselbstständigt und gilt als unbestreitbares Faktum: der Russe ist schuld. An was, ist fast schon egal; diesmal wird ihm gleich ein ganzer Kriegsplan angedichtet – ausgerechnet gegen unsere Ukraine, die wir mit einigem Aufwand und mit hohen Kosten (5 Mrd. US-Dollar war den USA das Herausbrechen dieses Landes aus der russischen Sphäre wert) auf unsere Seite gezogen haben.
In den Verlautbarungen der westlichen Politiker ist die Schuldfrage bereits vorab geklärt, die dem russischen Handeln zugrunde liegende Aggression des kollektiven Westens gegen die Sicherheit Russlands wird abgetan als Einbildung russischer Großmachtträumer. Die mehr als hunderttausend ukrainischen Soldaten, die „Minsk2“-widrig samt schwerem Gerät und mit von NATO, USA und Großbrittanien zur Verfügung gestellten Kriegswaffen an der Demarkationslinie zu den Volksrepubliken des Donbass stehen, sind den journalistischen Bodentruppen des Wertewestens keine Erwähnung wert.
In der ARD wird eine Karten gezeigt, auf der lauter Punkte rund um die Ukraine gezeigt werden, angeblich alles russische Truppen. Der Kommentar dazu: „Die Ukraine ist eingekreist!“ Die Einkreisung Russlands durch die weltweiten Stützpunkte der NATO und des US-Militärs ist für diese Medien kein Thema, weil das ja DIE GUTEN sind.
Die guten Gründe, die Russland für seine sehr konkreten Forderungen an das westliche Kriegsbündnis hat, werden konsequent ignoriert, totgeschwiegen oder als unsubstantiell abgekanzelt – wieder aus dem Grund, dass wir, also die NATO, ja die GUTEN sind und schon deshalb niemals aggressive Absichten haben können.
Die Journalisten der wertewestlichen Meinungsbildner vermeiden jede Beschäftigung mit konkreten Ursachen und Anliegen der russischen Seite durch geschmäcklerisches Psychologisieren und dem geschwätzigen Rätselraten, ob der östliche Feind „aufgrund Putins Großmannssucht“ oder wegen „mangelndem Respekt“ agiert wie er es tut.
Man kommt sich, wenn man die Medien der westlichen Kriegstrommler konsumiert, vor wie in einem Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt: eine selbstreferentielle Realität, deren Conditio sine qua non die unhinterfragbare Feindbildprojektion auf Russland (und gleichermaßen auf China) ist. Die Mischung aus Selbstgerechtigkeit und Hybris, mit der der kollektive Westen der Welt als ganzer, und aktuell Russland im Speziellen, gegenübertritt, scheint einem Report aus dem Irrenhaus zu entstammen.
Ein bißchen Hoffnung spendet die stoische Gelassenheit und gleichmütige Faktizität, mit der ein Sergej Lawrow die russischen Positionen vor dem aufgeregten Gegacker seiner westlichen Counterparts vertritt; Hoffnung gibt auch die Nachricht, dass die strategische Partnerschaft Russlands und China einen solchen „Game changer“ für das imperialistische „Great Game“ darstellt, dass die westlichen Säbelrassler vielleicht von ihren kriegslüsternen Abenteuern abgehalten werden.
Da sei unsere demokratische Meinungsvielfalt vor – die sieht nämlich vor, das man vielfältige Meinungen zu China haben kann, solange sie dieselben sind wie die unserer Regierung und der US-Administration!