Einmal die Woche geht die Frau abends in Neuss zum Yoga. Danach fĂ€hrt sie mit der StraĂenbahn zurĂŒck nach Oberkassel.
Diesmal berichtet sie von folgender Begebenheit: am Neusser Hauptbahnhof wartet sie, begleitet von einer Freundin, auf die U75 nach DĂŒsseldorf. Die beiden stehen am Ende des Bahnsteigs und unterhalten sich, weitere Wartende stehen ca. 20m entfernt.
Ein Jugendlicher oder junger Mann, ca 20 Jahre alt, spricht sie an mit den Worten: âEy deutsche Frau, ich will mit dir reden!â
Die Frau so: âIch aber nicht mit Dirâ.
Der Jungspund wiederholt seine Forderung mit mehr Nachdruck. Jetzt mischt sich die Freundin ein: âSiehst du nicht dass wir uns unterhalten? Wir wollen nicht mit dir reden!â
Daraufhin setzt der BelĂ€stiger zu einer Beschimpfungskanonade an, die sich gewaschen hat. Es fallen Worte wie âIhr Scheiss-Schlampenâ und zahllose mit als Schimpfwort intendierten Nennungen weiblicher Sexualorgane. Das Ganze zieht sich ĂŒber etliche Minuten hin, die beiden Frauen versuchen, den BelĂ€stiger zu ignorieren, keiner der anderen Wartenden greift ein.
Am selben Tag erfĂ€hrt man aus der Zeitung, dass der Polizei ein Fahndungserfolg im Fall einer 51-jĂ€hrigen DĂŒsseldorferin gelungen ist, die von mehreren Jugendlichen in den Stadtpark gelockt und dort vergewaltigt, beraubt und verletzt wurde. Alle TĂ€ter AuslĂ€nder, zwei davon sogenannte Intensiv-StraftĂ€ter (weshalb die Polizei ihre DNA bereits in den einschlĂ€gigen Datenbanken hatte, was jetzt zur Festnahme fĂŒhrte).
Ich erzĂ€hle das nicht, um Stimmung gegen AuslĂ€nder oder FlĂŒchtlinge zu machen (solche BelĂ€stigungen können auch durch biodeutsche JungmĂ€nner mit Hormonstau erfolgen), sondern als Beispiel der Verrohung der Sitten in der Konkurrenzgesellschaft. Der öffentliche Raum ist fĂŒr Frauen kein sicherer Ort, jederzeit mĂŒssen sie mit sexualisierter Gewalt (wozu auch verbale Anmache und Beschimpfung gehört) rechnen.
Fazit: ab sofort hole ich die Frau abends nach dem Sport mit dem Auto ab. Sicher ist sicher.
âTagesgruppe Demenzâ: Beinahe jeden Morgen begrĂŒĂt mich Frau H., wenn sie wackeligen Schrittes in den Gruppenraum kommt, mit Ansagen wie âDu glaubst nicht, was heute wieder passiert ist!â. AnschlieĂend berichtet sie von verstörenden Begebenheiten, die ihr widerfahren sind – Begebenheiten, die ihre Welt durcheinander bringen, diese noch ungewisser machen und in der Regel etwas mit gegen sie gerichteten Aktionen zu tun haben: ĂŒbergriffige Handlungen von Pflegern oder PutzkrĂ€ften, Umzug in ein anders Zimmer, KĂŒndigung ihres Heimaufenthaltes, russische Invasionen, vor allem aber DiebstĂ€hle ihrer Habseligkeiten, besonders ihrer Zigaretten.
Da fĂŒr Frau H. Erinnerungen, TrĂ€ume und Gegenwart ununterscheidbar miteinander verschmolzen sind, sie zudem noch zunehmend Wortfindungsschwierigkeiten hat, braucht es oft eine ganze Weile, bis wir beim Kern des Vorfalles angelangt sind und sie sich soweit beruhigt hat, dass sie frĂŒhstĂŒcken kann.
Heute scheint ihr GemĂŒtszustand aus einer Mischung von Empörung und Selbstzufriedenheit zu bestehen. Sie erzĂ€hlt: âIch bin doch nicht doof! Die halten mich fĂŒr verrĂŒckt, aber ich lass mich nicht rumkommandieren! Der Kerl heute morgen hat mir zweimal diese Farbtöpfchen gebracht, aber ich will die nicht. Der kann die selbst behalten! Dem hab ich die Meinung gesagt!â.
Sie schwelgt noch einige SĂ€tze lang in dem GefĂŒhl, es âdem Kerlâ so richtig gegeben zu haben, wĂ€hrend ich nachsinne, was sie meinen könnte. SchlieĂlich frage ich nach, von was fĂŒr Farbtöpfchen sie hier redet.
âNa, die kleinen Farbtöpfchen, die wir immer kriegen! Jeden Morgen und jeden Mittag!â
Gemeint sind offenbar die winzigen roten, blauen oder gelben Plastikbecherchen, in denen die Bewohner ihre Medikamente verabreicht bekommen. Frau H. hat immer wieder Phasen, in denen sie die Einnahme von Medikament rigoros ablehnt. Sie vermutet, dass âdiese Pillenâ sowieso nicht wirken oder, noch schlimmer, ihr schaden.
Oft fragt sie die PflegekrĂ€fte, wozu sie die Medikamente nehmen soll oder was da drin wĂ€re. Als Antwort erhĂ€lt sie meist SprĂŒche wie âDie sind fĂŒr Ihre Gesundheitâ oder âDie MĂSSEN Sie nehmen, Frau H., das hat der Arzt verordnetâ. Andere PflegekrĂ€fte kommen auch schon mal mit dem Medikamententablett herein und verkĂŒnden fröhlich: âSo, hier kommt die Medizin fĂŒr glatte Haut und schöne FingernĂ€gel!â, wohl in der Annahme – besser: AnmaĂung – dass es bei dementen Menschen sowieso egal ist, ob man ihnen die Wahrheit ĂŒber ihre Medikation sagt oder nicht bzw. sie besser gleich belĂŒgt und die Pillen als NahrungsergĂ€nzung oder Schönheitsmittel âverkauftâ.
Die Medikation, konkret: ihre Verabreichung und Einnahme, ist ein Dauerthema speziell bei dementen Bewohnern. FĂŒr nicht wenige ist das Schlucken der mitunter ziemlich groĂen Tabletten ein Vorgang, der ihnen schon haptisch und physiologisch schwerfĂ€llt und zuwider ist. Sie empfinden die Pillen als Fremdkörper im Mund, spucken sie wieder aus, kauen drauf rum oder drehen den Kopf weg um die Einnahme zu vermeiden. Oft werden dann die Tabletten im Mörser pulverisiert, um sie den Leuten unter den Joghurt oder den Milchbrei gemischt zu verabreichen – eine MaĂnahme, die umstritten ist, weil sie das Prinzip von Freiheit und Freiwilligkeit auĂer Kraft setzt und den Bewohnern die Medikamente ohne ihr Wissen unterjubelt.
Frau H. liegt möglicherweise gar nicht mal falsch mit ihrer BefĂŒrchtung, dass âdie Pillenâ ihr nicht gut tun bzw. nichts bewirken wĂŒrden, zumal wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Sie zieht jedenfalls noch munter vom Leder gegen all die âIdiotenâ, die versuchen, sie zu irgendwelchen Sachen zu bewegen, die sie nicht möchte: âDie können mich mal! Kennst mich ja, ich nehmâ kein Blatt vor den Mund⊠Und wenn die mich bis nach Amerika verschleppen, ist mir egal. Ich hab die Russen erlebt; ich lass mich doch hier nicht zum Affen machenâŠâ usw.
Da ich selber auch nicht weiĂ, welche Medikamente sie warum erhĂ€lt, rate ich ihr, beim nĂ€chsten Arztbesuch (die Ărztin kommt einmal pro Woche in die Pflegeeinrichtung) mal nachzufragen, was sie bekommt und wofĂŒr oder wogegen das ist.
All diese Fragen erörtern wir bei einer Zigarette auf dem Balkon. Nach und nach entspannt sich Frau H., ihre Laune bessert sich zusehends und wir kehren zurĂŒck in den Gruppenraum, wo der Rest der Truppe beim FrĂŒhstĂŒck sitzt.
Frau H.s Stimmung wird im Laufe des Vormittags immer besser und fröhlicher und sie beginnt, ein biĂchen Schabernack mit ihrer Sitznachbarin und zur Unterhaltung der Gruppe zu treiben. Die Sitznachbarin bekommt Frau H.s Schalk im Nacken als erste zu spĂŒren. Frau H. rollt eine Papierserviette zusammen, steckt den Kern einer Pflaume oben drauf, sodass das Ganze in biĂchen wie ein Lilli aussieht, und reicht es der Nachbarin mit den Worten: âHier, Oma, probier mal!â
Die arglose Angesprochene nimmt das Gebilde in die HÀnde und auch prompt den Pflaumenkern in den Mund. Das allerdings könnte schiefgehen, wenn sie diesen verschlucken sollte. Da meine heutige Tagesgruppenpartnerin und ich aufgepasst haben, können wir ein Malheur verhindern, indem wir schnell einschreiten und die Reingelegte den Kern ausspucken lassen.
Damit ist Frau H.s Neigung zu Quatsch und Entertainment aber noch nicht zu Ende. Sie greift sich erneut die Papierserviette und formt sie unter unserer erstaunten bis unglĂ€ubigen Blicken zu einem veritablen Joint, den sie mit der entsprechender Gestik und Handhabung zum Munde fĂŒhrt und tiefes Inhalieren simuliert.
Meine TG-Partnerin kreischt vor Begeisterung, ich selber kann mir das Lachen nicht verkneifen und frage mich, ob diese 84-jÀhrige Frau eventuell eine alte Kifferin ist� Vielleicht weià sie es aber selber nicht (mehr), oder es sollte in ihrer Vorstellung nur eine Zigarette darstellen.
So vergeht wieder ein Vormittag in unserer Gruppe wie im Fluge und kaum ist der falsche Joint aufgeraucht, ist es schon wieder Zeit, den Raum fĂŒr das Mittagessen vorzubereiten. Denn cannabis-induzierter Fress-Flash oder nicht: Hunger haben (fast) immer (fast) alle um Punkt zwölf Uhr.
Die Vormittage in der âTagesgruppe Demenzâ sind (jedenfalls, wenn ich dort Dienst habe) immer Spielwiese fur allerlei anarchisch improvisiertes Spontantheater mit Bild, Musik und wĂŒsten ErzĂ€hlungen, die ich mir *on the fly* ausdenke. Manchmal ziehe ich auch Vorlagen wie die Geschichten der Bruder Grimm heran. Die Jungs haben nĂ€mlich ausser âHĂ€nsel und Gretelâ, âDornröschenâ und âSchneewittchenâ noch ein paar andere, weniger bekannte und potentiell sehr lustige bis merkwĂŒrdige Geschichten aufgezeichnet.
Die MĂ€rchenstunde in der Tagesgruppe geht so: Zuerst lese ich das MĂ€rchen aus dem Buch vor. Dabei schlĂ€ft in der Regel die HĂ€lfte meiner dementen Truppe ein und kaum einer kriegt was mit, ausser ich zeichne gleichzeitig Bilder aus der Story ans Flipchart. AnschlieĂend erzĂ€hle ich die Geschichte anhand der Bilder nach, wobei ich in jede Rolle schlĂŒpfe, die in dem betreffenden MĂ€rchen vorkommt. Das ist also schon eine Art Impro-Theater, kongenial von mir begleitet auf einer Mundharmonika. Damit ist mir die Aufmerksamkeit meiner SchĂŒtzlinge gewiss, alle lauschen, hören und staunen mit offenen Augen und teilweise offenen MĂŒndern und wir haben alle zusammen viel SpaĂ dabei.
Heute erwischten wir ein selten gehörtes Grimmâsches MĂ€rchen: âDer gute Handelâ (die Auswahl des MĂ€rchens erfolgt, indem einer der Tagesgruppe-Teilnehmer das Buch aufschlĂ€gt und wir die Geschichte nehmen, die auf der betreffenden Seite steht). Es geht darin um einen ziemlich dummen Bauern, der sich aber letztlich als schlauer Kerl und GlĂŒckspilz entpuppt. Der Bauer hat nĂ€mlich in der Stadt seine Kuh fĂŒr sieben Taler verkauft. Auf dem RĂŒckweg, als er an einem Teich vorbeikommt, gerĂ€t er in eine Debatte mit den dort ansĂ€ssigen Fröschen, die alle âAk, Ak, Ak!!â rufen, was das BĂ€uerlein als âAchtâ versteht. Er wird so zornig ĂŒber die dummen. Frösche, dass er schliesslich sein Geld in den Teich wirft, damit die Frösche selber nachzĂ€hlen können- was diese aber nicht tun und weiter âAk, Ak, Ak!!â rufen.
An dieser Stelle amĂŒsieren sich meine Leute bereits königlich, was aber noch getoppt wird durch die nĂ€chste Begegnung des Bauern mit einem Hund. Dieser bellt unser BĂ€uerchen an mit âwas! was!â, als dieser mit dem Fleisch einer geschlachteten Kuh in die Stadt will. Das versteht der Bauer als âIch will was vom Fleisch!â, und da er den Hund als Hund des Fleischers kennt, gibt er ihm das ganze schöne Fleisch mit der Auflage, es dem Fleischer zu bringen und nach drei Tagen mit dem Geld zu ihm, dem BĂ€uerlein, zu kommen. Usw. usw.
Diese Art Geschichten passen offensichtlich genau in die mentale Struktur von dementiell verĂ€nderten Gehirnen – etwas abseitig, ziemlich komisch und auf gewisse Weise auch die NaivitĂ€t aufgreifend, die ein dementer Menschen im Umgang mit der Umwelt oft zeigt. Jedenfalls war meine Truppe voll dabei, fĂŒhlte sich prĂ€chtig unterhalten und verwunderte sich ĂŒber den Bauern, der den Fröschen und dem Hund so auf den Leim ging.
Zu guter Letzt geht sich der Bauer jedenfalls beim König beschweren ĂŒber all die Unbill, die ihm widerfahren ist und bringt damit die Königstochter, âdie ihr Lebtag nicht gelacht hatteâ, zum Lachen. Der König, der seine Tochter dem versprochen hatte, der sie zum Lachen bringt, bietet sie nun dem Bauern als Gemahlin an und alle denken, hier hat die Geschichte ihr Happy End.
Ist aber nicht so, denn das BĂ€uerlein will sie gar nicht, da er bereits eine Frau zuhause hat, und die sei ihm schon mehr als genug⊠Diese Wendung der Geschichte erweckt nun erst recht das Interesse und das Erstaunen meiner Dementen und bestĂ€tigend und weise wird gekopfnickt und debattiert, dass es sich hier doch um einen besonders schlauen Bauern handelte, obwohl es anfangs gar nicht so aussahâŠ
Damit haben wir den Vormittag schon wieder fast rumgekriegt und wir beschliessen die Runde mit dem Eindecken des Tisches fĂŒr das freitĂ€gliche Mittagessen (Fisch natĂŒrlich – schliesslich sind wir in einer diakonischem. Einrichtung).
Die Zeitungsschau – ein Format, in dem ausgewĂ€hlte Artikel (meist aus der lokalen und regionalen Umgebung), lustige bis merkwĂŒrdige Meldungen sowie Artikel mit Bezug zur Erlebniswelt der Bewohner vorgestellt und besprochen werden – wird unregelmĂ€Ăig angeboten und gerne von den orientierteren Heimbewohnern besucht.
Tagespolitische Meldungen lasse ich dabei in der Regel weg, auĂer sie enthalten gleichzeitig einen humoristischen oder bizarren Aspekt.
Artikel zu geschichtlichen Ereignissen, JubilĂ€en, Jahrestagen u. dgl. dagegen sind beliebt und werden gern gehört und diskutiert – sicher auch aus dem Grund, dass viele davon die eigene Vergangenheit und Erinnerungen der Zuhörer berĂŒhren.
Heute, am 17. August, eröffne ich die Runde mit dem Hinweis, dass sich an diesem Tag zum 75. Mal der Todestag eines Mannes jĂ€hrt, der zu den legendĂ€rsten Gestalten der jĂŒngeren deutschen Geschichte gehört. Ratlose Gesichter schauen mich an.
âIch lese Ihnen jetzt mal ein Zitat vorâ, beginne ich. âVielleicht kommen Sie dann drauf, wen ich meine.â
In Ernst ThĂ€lmanns âAntwort auf Briefe eines Kerkergenossenâ von 1944 findet sich folgender bekannter Satz:
âMein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich mit groĂem Stolz verehre, ist die deutsche Nation. Eine ritterliche, stolze und harte Nation. [âŠ] Ich bin Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische der deutschen Arbeiter und bin deshalb als ihr revolutionĂ€res Kind spĂ€ter ihr revolutionĂ€rer FĂŒhrer geworden.â
Ich lese das Zitat vor und frage in die Runde: âUnd? Wer hat das gesagt, bzw. geschrieben?â
Frau S., Jahrgang 1930, schaut auf und fragt: âAdolf Hitler?â
Aus der anderen Ecke meldet sich Herr T.: âNee, nee, das war der andere, dieser⊠na, der KommunistenfĂŒhrerâŠâ
Wie âder KommunistenfĂŒhrerâ aber hieĂ, will keinem einfallen. Als ich den Namen Ernst ThĂ€lmann in die Runde werfe, ertönt ein vielfaches âAchjaâŠâ und âAchso, derâŠâ.
Gehört hat man in dieser Runde wohl schon von ihm, aber da es sich um einen âKommunistenfĂŒhrerâ handelte, ist wohl weder seine Bedeutung fĂŒr die deutsche Geschichte, besonders fĂŒr die der deutschen Arbeiterbewegung, noch seine Ermordung auf persönlichen Befehl Hitlers etwas, was der Erinnerung lohnt. Jedenfalls bei diesen alten Leuten nicht, die durchweg in der BRD sozialisiert und den Anti-Kommunismus als Staatsreligion inhaliert haben.
Wie anders wĂ€re dasselbe Gedenken an meiner vorigen Arbeitsstelle in Weimar verlaufen! Dort hĂ€tte schon die Eingangsfrage verstĂ€ndnislose Blicke höchstens deswegen ausgelöst, weil man den Fragesteller fĂŒr historisch ungebildet und ahnungslos gehalten hĂ€tte. Die meisten dort hĂ€tten die Zeilen des ThĂ€lmann-Liedes mitsingen können: âThĂ€lmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der NationâŠâ
Ich erzĂ€hle meinen Zuhörern noch ein wenig von Wolfgang Otto, dem ThĂ€lmann-Mörder des SS-Kommandos 99, den die BRD-Justiz erst ganz in Ruhe lieĂ und dann mit Samthandschuhen behandelte, ganz so, wie es zur KontinuitĂ€t von âDrittem Reichâ und westdeutschem Kalter-Krieg-Frontstaat passte. Keiner Ă€uĂert sich, aber den Gedankenblasen ist zu entnehmen, dass es ja schliesslich ein Kommunist war, der da umgebracht wurde, somit also ein minder schweres Vergehen, rein politisch betrachtet.
Ich unterlasse den Versuch weiterer politischer AufklĂ€rung und gehe ĂŒber zu den Meldungen aus Neuss und Umgebung.
Beim Einkaufen im DĂŒsseldorfer High-End-Stadtteil Oberkassel.
Vorm Rewe sitzt heute die ârechtmĂ€Ăigeâ Inhaberin des Bettler- und ObdachlosenzeitungsverkĂ€ufer-Platzes, eine biodeutsche Arbeiterin, die sich nach eigener Aussage in 45 Jahren Akkordarbeit die Knochen ruiniert hat. Sie sitzt auf einem sehr guten mobilen behindertengerechten Elektromobilroller, ihr HĂŒndchen in eine Decke eingepackt im Fussbereich des GefĂ€hrtes, und verkauft die DĂŒsseldorfer Obdachlosenzeitung âFifty-Fiftyâ.
Ihre Standplatzkonkurrentin, eine etwa gleichaltrige Frau aus Tschechien, hat sich angesichts der unbestreitbaren Platzhirschrechte der E-Mobilrollerfahrerin zwanzig Meter weiter in Richtung der Marktbuden vor der St. Antonius-Kirche verzogen.
Ich begrĂŒĂe die eindeutig gesundheitlich beeintrĂ€chtigte ZeitungsverkĂ€uferin mit einem scherzhaften âNa, wieder die Konkurrenz vom angestammten Platz verscheucht?â.
Daraufhin erklÀrt sie mir erst mal die Sachlage, jedenfalls aus ihrer Sicht:
âDie weiss genau, dass das hier mein Platz ist! Die kommt ja auch gerade aus dem Urlaub⊠Hab ich doch gesehen, wie die sie hier gerade abgesetzt haben⊠Die hat ĂŒbrigens eine Eigentumswohnung in Neuss: ist kein Wunder, dass die hier bettelt und nicht in NeussâŠâ usw.
Das mit dem Urlaub kann ich schon mal anhand eigener Anschauung widerlegen, da die Tschechin seit Wochen und Monaten jeden Tag vorm Rewe zu sehen ist (ausser ihre deutsche Konkurrentin taucht auf). Daher erscheinen mir auch die anderen Behauptungen eher auf GerĂŒchten, Neid und ĂŒbler Nachrede zu beruhen und ich frage die âFifty-Fiftyâ-VerkĂ€uferin, woher sie das wisse. Die Antwort bleibt aus, dafĂŒr klĂ€rt mich die Elektrorollstuhlfahrerin ĂŒber ein paar Gepflogenheiten ihres Gewerbes auf, die die tschechische Konkurrentin tatsĂ€chlich nicht einhĂ€lt, wie z.B. Leute ansprechen.
Grundregel der ZeitungsverkĂ€ufer ist nĂ€mlich , die Leute nicht anzusprechen. âFifty-Fiftyâ-VerkĂ€ufer haben sich mit dem Blatt einfach nur hinzustellen und auf aktive Ansprache durch interessierte KĂ€ufer zu warten. Sie tragen einen Ausweis sichtbar bei sich, der sie als berechtigte ZeitungsverkĂ€ufer kennzeichnet. Dieser Ausweis, so erfahre ich von meiner GesprĂ€chspartnern, wird natĂŒrlich gern gefĂ€lscht. Die tschechische Konkurrentin hat allerdings, im Gegensatz zu den rumĂ€nischen Wettbewerbern, die ebenfalls bei Rewe (allerdings am Hinterausgang) und gegenĂŒber vor der Post, auf Kundschaft warten, einen echten âFifty-Fiftyâ-Ausweis. âDen benutzt die aber nicht, das Zeitungsverkaufen bringt der nicht genĂŒgend einâ, informiert mich meine GesprĂ€chspartnerin. Es folgt noch eine Tirade von Anschuldigungen und Unterstellungen ĂŒber die anderen Deklassierten, vorzugsweise aus anderen EU-Staaten, die sich aus ihrer Sicht hier alle unberechtigterweise in den Konkurrenzkampf um Almosen begeben und – sofern sie jung genug sind – sowieso âlieber arbeiten gehen solltenâ
Mein Einwand, dass Lohnarbeit heutzutage nicht so einfach verfĂŒgbar sei, kontert sie marktwirtschaftlich adĂ€quat mit der finalen Bemerkung: âWer arbeiten will, findet auch eine Arbeit!â
Dass das auf sie selbst schon altersbedingt nicht mehr zutrifft, ist mir klar, aber wie um mich auf die rechte Spur zu bringen, schickt sie noch hinterher âIch hab mein Leben lang gearbeitet, 45 Jahre, jetzt hab ich die Knochen kaputt und kann hier âFifty-Fiftyâ verkaufeâŠâ
Ich verabschiede mich und gehe meiner Wege, dabei ĂŒber die VerhĂ€ltnisse sinnierend, in denen selbst die Verarschten und Deklassierten sich gegenseitig nicht die Butter aufs Brot gönnen.
Ich weiss nicht wieso, aber irgendwie scheint mir diese Werbeanzeige recht gut den Zustand einer Gesellschaft auf den Punkt zu bringen, deren Motto selbst angesichts ihres offenkundigen sozialen, ökonomischen und ökologischen Versagens ein waldpfeifendes âWeiter so!â und ein freiheitlich-gieriges âWasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!â ist.
Wenn nicht gleich symbolhaft fĂŒr die gesamte bewusstlose Rutschpartie in den Abgrund, auf der sich der vor sich hin faulende neoliberale SpĂ€tkapitalismus vor aller Augen befindet.
Nachdem ich mehr mit halbem Ohr das lobpreisende Rauschen im Medienwald mitbekommen hatte und nachdem in den letzten Tagen hier in FB sich einige Freunde austauschten ĂŒber dieses mit Preisen ĂŒberschĂŒttete angeblich âauthentischeâ, âdifferenziert betrachtendeâ, âobjektive DDR-Geschichtsaufarbeitung betreibendeâ Werk, war ich – als ich den Film bei Netflix entdeckte – neugierig genug, mal reinzuschauen.
Die Einstiegsszene zeigt einen zerknirschten Protagonisten, ehemals MfS-Mitarbeiter, NACH der Konterrevolution, zu Besuch bei einem Bekannten, ĂŒber den er zu DDR-Zeiten Informationen an das MfS gab.
Die dramatische Rollenverteilung ist klar und wird von Filmemachern und -finanziers auch beim Publikum vorausgesetzt: MfS-Mitarbeiter (âStasi-Spitzelâ) sind das Letzte schlechthin; die moralische Verurteilung ist schon gar nicht mehr nötig, weil ohnehin in der bloĂen Tatsache der Kooperation mit dieser Behörde begrĂŒndet, wodurch sich ganz grundsĂ€tzlich auch 40 Jahre WĂŒhltĂ€tigkeit, Sabotage, wirtschaftliche Erpressung, Terror und Subversion gegen den sozialistischen Staat (also all das, wogegen eine Behörde wie das MfS nötig war) noch im Nachhinein rechtfertigt, denn dadurch wurde ja schlieĂlich dem erzbösen Gegner der Garaus gemacht. Und das hat der – wie der Film wieder mal zu beweisen hat – mehr als verdient.
Jedenfalls war ich bereits nach etwa 5 Minuten soweit, dass ich lieber abschalten wollte, da ich kein Bedarf an einem weiteren anti-sozialistischen Propagandaschinken habe – wie subtil und âauthentischâ er auch daherkommt (und subtil war da eigentlich gar nichts).
Ich schaute dann aber doch noch eine gute halbe Stunde weiter ein Machwerk an, dass mit guten Schauspielern eine Idee bebildert, an deren massenwirksamer Perfektionierung die Staatsmacht des Eroberers seit nunmehr dreissig Jahren unermĂŒdlich arbeitet: die Verdammung des Sozialismusversuches in dem Teil Deutschlands, der nach dem Weltkrieg Ernst machte mit dem antifaschistisch-demokratischen Neubeginn und eine Gesellschaft errichten wollte und errichtete, die Ausbeutung und Krieg ein Ende setzte und den Leuten die grundlegenden Menschenrechte auf Arbeit, Wohnung, Bildung und Erholung und vor allem: Frieden garantierte.
Dass so eine Gesellschaft sich die Feindschaft des Weltimperialismus und speziell des um seine östlichen PfrĂŒnde gebrachten BRD-Kapitals zuzog, muss nicht extra erwĂ€hnt werden.
Dass diese sehr konkrete und sehr tödliche Feindschaft eine Ă€uĂerst wachsame Verteidigung nötig machte und der sozialistische Staat fĂŒr die Sicherheit seiner Existenz (die die Sicherheit der Arbeiterklasse war, eben NICHT wieder zu lebenden AnhĂ€ngseln eines profitablen Kapitalstandortes zu werden) ein ganzes MINISTERIUM schuf, muss angesichts der geschichtslosen, absichtlich herbeigefĂŒhrten Massenhypnose des Anti-Kommunismus scheinbar immer wieder erklĂ€rt werden.
Ich wĂŒrde gerne einen Film ĂŒber die deutsche Geschichte sehen, der den propagandamedial inszenierten Gleichklang âDDR = Stasi = böse + darum Kapitalismus das einzig Senkrechteâ auflöst und seinen Ex-MfS-Mitarbeiter sagen lĂ€sst:
âJa! Ich war beim MfS, weil ich dazu beitragen wollte, dass die Freiheit von Ausbeutung, Not und Krieg, die unser Sozialismus garantierte, geschĂŒtzt wird. GeschĂŒtzt vor denen, die Kriege fĂŒhren, die Leute hungern lassen, die Arbeit fĂŒr den Reichtum anderer als Almosen vergeben, fĂŒr das man dankbar zu sein hat⊠All das wollte ich meinem Volk ersparen und einer Truppe angehören, die sich als Schild und Schwert derjenigen Partei versteht, unter deren FĂŒhrung der Sozialismus gegen die Todfeindschaft des Imperialismus aufgebaut wurde. Dass das nicht geklappt hat, finde ich selber scheisse. Ebenso finde ich scheisse, dass Ăberheblichkeit, Schikane und BĂŒrokratismus bei uns eingerissen ist und so viele Karrieristen und Ja-Sager in Partei und MfS mitmischten. Trotzdem lagen und liegen wir in der Sache richtig und kein Eroberer, kein BRD-FunktionĂ€r, kein Wendehals und kein Apostel der Freiheit westlicher Weltbeherrschung kann sich auf den moralischen Richterstuhl setzen und mit seinen bluttriefenden Fingern auf unsere bescheidenen Versuche zeigen, uns ihn und seinesgleichen vom Halse zu halten.â
DAS wĂŒrde ich wie gesagt gerne einmal im Kino sehen. Aber dafĂŒr gĂ€bâs natĂŒrlich keine Filmförderung.
Heute im FrĂŒhdienst auf Schicht mit der einzigen ThĂŒringer Kollegin hier im Westen. In der Zigarettenpause sprechen wir und eine weitere Kollegin ĂŒber die Bewohner unseres Wohnbereiches.
Dabei erwĂ€hnt die ostdeutsche Kollegin mehrfach diejenigen, âdie PDM erhaltenâ wĂŒrden.
Ich ĂŒberlege mir, ob das ein mir unbekanntes pflegerisches KĂŒrzel ist, vielleicht âProphylaktisches DurchfĂŒhrungsmaterialâ oder âPflegerische DienstmaĂnahmeâ, komme aber zu keinem schlĂŒssigen Ergebnis und frage schliesslich die Kollegin nach der Bedeutung der AbkĂŒrzung.
Jetzt fĂ€llt bei mir der Groschen und ich bin versucht, sie fĂŒr diesen astreinen thĂŒringischen Buchstabendreher (Ă la âBekleidungâ fĂŒr BEGLEITUNG oder âPreudeâ fĂŒr BRĂUTE) abzukĂŒssen.
Nach zwei Jahren im kapitalistischen Ausland bin ich des Ostdeutschen schon so entwöhnt, dass ich es nicht mehr erkenne bzw. dass seine KlĂ€nge automatisch durch den westlichen Hochdeutschfilter laufen – und merke in solchen Situationen, wie sehr ich es vermisse.
Der letztwöchige Besuch bei der Verwandtschaft der Frau war ein Ausflug in das Leben der Oberschicht. Die besuchte Cousine bewohnt eine gigantische Villa mit riesigem Garten in einer der Oberklassen-Gemeinden nördlich von Frankfurt. Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann arbeitet in den USA im finanzkapitalistischen Sektor fĂŒr einen Investmentkonzern, das Vermögen ist in einer Stiftung angelegt.
Im Gegensatz zu der in Ă€hnlichen Klassenprivilegien lebenden Schwester der Frau (die vor lauter Klassenarroganz ihren – angeheirateten – Wohlstand nicht nur fĂŒr ihr höchst eigenes Verdienst hĂ€lt, sondern als Ausweis ihrer menschlichen und moralischen Ăberlegenheit ĂŒber monetĂ€r minderbemitteltere Zeitgenossen sieht), ist die Cousine allerdings ânormalâ geblieben, hat Humor und das Herz auf dem rechten Fleck. Die Tatsache, dass sie sich sowohl ihre Empfindsamkeit wie eine gewisse unverstellte Sicht auf die Conditio Humana bewahrt hat, manifestiert sich allerdings in einem ausgiebigen Gebrauch legaler Drogen.
Umgang und GesprĂ€che mit ihr sind jedoch erfrischend, unterhaltsam und mitunter tiefgrĂŒndig. AnlĂ€Ălich eines bei ihr im Hause vergessenen Anoraks kommt es zu einem Telefonat, indem sie mir folgende Anekdote mitteilt:âšâWeisst du was das Beste ist? Pass auf, der J. (Ihr Mann) und ich haben uns fast eingenĂ€sst vor Lachen: Deine Schwiegermutter hat meine Mutter angerufen, damit die mich warnt. âSag mal deiner Tochter, dass der Kay ein Kommunist ist. Also nicht nur irgendsoein Linker, sondern Kommunist durch und durch!ââ
Ich muss ebenfalls loslachen und fĂŒhle mich wie in einem bizarren antikommunistischen Film aus der McCarthy-Ăra. Ich schlage meiner GesprĂ€chspartnerin vor, lieber vorsichtig zu sein und schnell aufzulegen – sonst wĂŒrde ihr nachts noch Stalin erscheinen oder plötzlich âDie Internationaleâ als Klingelton ihres Smartphones ertönenâŠ
Wir reden dann aber doch noch eine Weile weiter und amĂŒsieren uns gemeinsam ĂŒber den putzigen Versuch ihrer Tante/meiner Schwiegermutter, unter dem Vorwand der wohlmeinenden Warnung vor abweichenden Meinungen Zwietracht zu stiften und sich selbstwichtig in Szene zu setzen. Da mir durch meinen tĂ€glichen Umgang mit Hochaltrigen, Dementen und altersbedingt verwirrten Menschen sowieso nichts Menschliches fremd ist, weiss ich die Einlassung meines alten SchwiegermĂŒtterchens – Produzentin der republikweit allerbesten Blaubeer-Pfannkuchen – richtig einzuschĂ€tzen und beschlieĂe, beim nĂ€chsten Besuch mal mein DDR-blaues T-Shirt mit der Aufschrift âBrigade der sozialistischen Arbeitâ anzuziehen.
FĂŒr mich interessant: meine anthropologischen Feldstudien in EINER Familie mit zwei Sorten Bourgeois durchfĂŒhren zu können. Sowohl die klassischen Exemplare voller StandesdĂŒnkel und Klassenarroganz als auch menschlich korrekte Vertreter ihrer Klasse, die einfach Fachleute der kapitalistischen Geldvermehrung sind, weil das die Welt ist, in die sie geboren wurden und in der sie fĂŒr sich das Beste rausholen. Opfer des Ausbeutersystems sind sie (genau wie die lohnabhĂ€ngige Klasse sowieso) beide, selbst wenn sie sich auf der Gewinnerseite der gesellschaftlichen Hierarchie wĂ€hnen.