Manchmal begeht man ja den Fehler, ungeprüft Freundschaftsanfragen auf Facebook anzunehmen, weil irgendwelche vorhandenen FB-Bekanntschaften ebenfalls mit der anfragenden Person befreundet sind.
Fast immer stellt sich dann schnell heraus, dass es sich um die notorischen Geschäftemacher handelt, die einem über dieses Medium irgendwelchen Scheiss andrehen wollen.
Mitunter, wenn man gerade Zeit und Lust auf Entertainment hat, sorgen solche Anfragen aber auch für ein bißchen Spaß:
Nachdem ich morgens (Frühschicht!) nach dem Weckerklingeln auf Autopilot durch Küche (Kaffeemaschine!) und Bad (Dusche!) geschlafwandelt bin, erscheint auch die Frau – deutlicher wacher als ich – auf der Bildfläche.
Sie inspiziert meine Hinterlassenschaft im Bad und ist alsbald mit vorwurfsvollen Frageton zu vernehmen: „Sagmal, hast du alles runtergeschmissen oder hat der Hund auf die Matte gepisst?!“
In meinem verschlafenen Kopf bin ich zunächst ratlos. „Wie ´runtergeschmisssenˋ? Was meinst du?“
„Ja, das Wasser! Hier ist alles nass! Die ganze Matte ist nass!“
Ich muss erst mal verdauen, dass man Wasser ´runterschmeißenˋ kann und raffe mich zu einem lahmen „Nö..“ auf.
Die Liebste kommt mir aber sofort auf die Schliche und konstatiert: „Du steigst immer mit NASSEN FÜSSEN von der Dusche auf die Matte!“
„Ich dachte, das wäre der Sinn von Badezimmermatten..“ entgegne ich. Damit habe ich offensichtlich argumentativ und logisch ins Schwarze getroffen, den jetzt kommt keine Antwort mehr. Ich schlussfolgere, dass – ähnlich wie bei der Küche – meine Gattin am liebsten hätte, dass Spuren menschlicher Aktivität von vornherein unterbleiben.
Abends am Rechner. Nebenher läuft die “Tagesschau”, die gerade fast 5 Minuten Alarmstimmung wegen des Telegram-Messengerdienstes macht. Diese Plattform hätte ihre User zu überwachen und zu regulieren wie Facebook und Google es vormachen – es sind zuviele abweichende Meinungen unterwegs, im Staats- und Qualitätsmediensprech: Rechtsextreme, Querdenker, Coronaleugner.
Mentale Notiz: Staat und angeschlossene Medien machen schon gar kein Geheimnis mehr über ihre Absicht und ihr Bedürfnis, umfassende Zensurmaßnahmen zur Kontrolle unbefugten Denkens einzuführen und auszubauen (aber über China und Russland als “freiheitsfeindliche Autokratien” lamentieren – ein guter Witz).
Ansonsten erfährt man, dass der Russe weiterhin eine Gefahr nicht nur für die Ukraine, sondern gleich für den gesamten Wertewesten darstellt. Die Kriegstrommeln werden heftig gerührt und mit jedem Tag, der vergeht, wird das Publikum weiter auf Konfrotation, Feindbilderzeugung und Krieg vorbereitet.
Alles in Butter in der besten aller Welten: Imperialismus macht, was Imperialismus macht.
Auf dem Weg zur Arbeit höre ich ein Interview mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD im DLF. Thema ist die Corona-Lage und die Maßnahmen dagegen bzw. die Kritik der AfD an diesen.
Der AfD-Mann spricht einigermaßen sachlich und sagt auch einige zutreffende Sachen; u.a. weist er darauf hin, dass im letzten Jahr tausende von Intensivpflege-Betten abgebaut worden sind oder dass die Grundprobleme des Gesundheitswesens wie Überlastung der Pflegenden usw. überhaupt nicht adressiert werden von den Politikern, die sich auf die Ungeimpften einschießen.
Der Interviewer dagegen fragt aggressiv, unterbricht immer wieder und benutzt einen Gesprächsstil, der geprägt ist von Unterstellungen, Fang- und Suggestivfragen sowie einer herablassenden, gänzlich unprofessionellen Art. Man merkt ihm an, dass er sich hier im vollen Recht des Besitzers der einzigen Wahrheit stellvertretend für die demokratische Mehrheitsgesellschaft an dem AfD-Mann als Paria der Parteienlandschaft abarbeitet.
Sein Interviewverhalten geht so weit, dass er berechnend zynische Fragen stellt, die die Covid-Erkrankung eines ungeimpften sächsischen AfD-Parlamentariers zum Thema haben – erkennbar, um den Interviewpartner aufs Glatteis zu führen.
Erstaunlicherweise macht sich hier eine Umkehrung des Narrativs bemerkbar, den die Qualitätsmedien in Bezug auf die AfD verbreiten: Polemik und Hetze vom DLF-Journalisten, Fakten und Bemühen um Sachlichkeit auf Seiten des AfD-Mannes.
Der DLF-Mitarbeiter (ich mag ihn kaum „Journalist“ nennen) würde vermutlich keinem Politiker anderer Parteien derart rotzfrech und provokativ in die Parade fahren und ihn von vornherein als abzukanzelnden Lügner behandeln. Im Gegenteil, sollte dieser DLF-Mensch Politiker der Ampelparteien oder der CDU interviewen, bin ich sicher, dass er die übliche devote Gesprächsführung beherzigen würde, die Journalisten zu Stichwortgebern für die Sprechblasen der Interviewpartner macht.
Nur bei der AfD werden die Mitläufer der herrschenden Meinung mutig und trauen sich – im Gefühl auf der Seite des Stärkeren, der Mehrheit zu stehen – die Frechheiten, die sie sich bei den übrigen bürgerlichen Parteien nicht verkneifen müssen (weil sie ohnehin dieselbe Weltsicht teilen wir die Vertreter ihrer Obrigkeit), sondern die ihnen bei diesen gar nicht erst in den Sinn kommen.
Dass die protofaschistische bürgerliche Partei AfD auf diese Weise bei vielen Bürgern völlig unverdient in den Ruf einer ernstzunehmenden Oppositionskraft kommt, ist der Kollateralschaden solcher Hofberichterstattung.
Das Kriegsbündnis kreist Russland ein, massiert seine Militärmachine an den russischen Westgrenzen und rüstet den protofaschistischen Failed State Ukraine milliardenschwer auf?
RUSSLAND betreibt eine „militärische Eskalation“, weil es auf seinem eigenen Territorium Truppen bewegt!
Die im Niedergang befindliche US-Imperilismus und seine Vasallen unterliegen auf quasi allen Gebieten in der nur von ihnen ausgerufenen Konkurrenz mit China und denken sich in ihrem immer boshafteren Wirtschaftskrieg mit der Volksrepublik immer absurdere Lügenmärchen über angeblichen „Völkermord“ dortzulande aus?
CHINA hat’s verdient, wenn es nicht nur mit einem diplomatischen Boykott der anstehenden Olympiachen Winterspiele „bestraft“ wird, sondern gleich mit einem Totalboykott getroffen werden soll!
Die Verzweiflung des Imperialismus über den eigenen Abstieg und der Zorn über die eigene Ohnmacht gegen die wiedererstarkte Volksrepublik (und ihr Bündnis mit Russland) steht jeder dieser hilflosen und wütenden Maßnahmen ins Gesicht geschrieben und könnte ein Grund zur Freude für Antiimperilisten, Kommunisten und unterdrückte Völker weltweit sein – wenn es nicht die Vorstufen zu einem Krieg wären, der in den Planungen der NATO und der Begleitpropagamda immer deutlicher als unvermeidlich dargestellt wird
An meinem ersten Arbeitstag nach dreiwöchiger Abwesenheit genieße ich erstmal die rührende Zuneigung meiner betagten Fans, die mich trotz ihrer Demenz nicht vergessen haben. Frau H. reißt, kaum dass sie meiner von weitem ansichtig wird, beide Hände hoch, wirft mir Kusshände zu und ruft „Gottseidank! Dass du wieder da bist! Das wurde aber Zeit! Du kannst dir nicht vorstellen, was ich….“ und holt aus zu einer ausführlichen Erzählung über allerlei Unbill und Beschwerlichkeiten, die ihr andauernd widerfahren (und die im Wesentlichen aus ihrem Unvermögen bestehen, ihr zeitliches und räumliches Erleben bzw. ihren Wach- und Traum- und Erinnerungszustand unter einen Hut zu kriegen).
Frau K. ist die nächste, die mir im Rollstuhl entgegen gerollt kommt. „Na endlich!!“, strahlt sich mich mit 2000 Watt an, „da sind Sie ja wieder!“. Die halbblinde Frau Sch. hört meine Stimme, wendet abrupt ihren Rollator in meine Richtung, eilt mir entgegen so behende wie sie es vermag, und fragt: „Kay? Sind Sie der Kay?! Ach, da bin ich aber froh…“
Und so weiter; überall vernehme ich Stoßseufzer der Erleichterung und Ausrufe schieren Glückes über mein Wiederauftauchen aus der Versenkung einer dreiwöchigen Reha, die allerdings krankheitsbedingt nur drei Tage dauerte (den Rest der Zeit hütete ich mit Grippe das Bett). Ich bin entsprechend gerührt und verspreche allen, dass wir uns gleich im Speisesaal zu einer großen Bunten Runde versammeln werden, wie immer mit viel Unterhaltung, Musik, und natürlich Bildern und Geschichten.
Am 6. Dezember kommt man in einem Pflegeheim nicht umhin, anlassbezogen allerlei nikolausige und weihnachtliche Themen aufzugreifen. Das ist im Grunde ein Selbstläufer, denn jeder hat natürlich allerlei – meistens angenehme – Erinnerungen und Gewohnheiten, die mit diesem Datum verknüpft sind. Diese muß man nur mit entsprechenden Hinweisen, Liedern, Erzählungen, Fragen usw. wachkitzeln.
So liegt es auf der Hand, den Nikolaustag mit der Frage zu beginnen: Wer war eigentlich dieser Nikolaus? Und wieso wird der dauernd mit dem Weihnachtsmann verwechselt? Ich gebe mein vorher bei Wikipedia angelesenes Detailwissen in demenztauglicher Anpassung zum Besten, während ich einen „Nikolaus“ auf das Flipchart zeichne.
Dabei merke ich allerdings, dass ich mal wieder der Verwechslung von Nikolaus und Weihnachtsmann erlegen bin, denn während ersterer auf eine historische Figur und Kirchenheiligen – Nikolaus von Myrna – aus dem dritten und vierten Jahrhundert zurückgeht, ist der andere rotgewandete weißbärtige Alte eine Figur der Volkssage und der populären Märchen.
Das ist natürlich ein Grund, endlich und ein für allemal die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden zu klären. Das Thema wird heiß diskutiert unter den wacheren Anwesenden. Die müderen dösen vor sich hin oder schlafen mit dem Kopf auf den Armen am Tisch. Die Runde ist sich jedenfalls einig, dass der Weihnachtsmann an Heiligabend kommt, der Nikolaus aber viel früher, nämlich heute, am Nikolaustag. Weitere Unterscheidungsmerkmale fallen keinem ein, bis Frau B. einen Geistesblitz hat und laut „Knecht Ruprecht!!“ in die Runde ruft. Beifälliges Nicken rundum.
Knecht Ruprecht als Begleiter des Nikolauses ist allen irgendwie ein Begriff. Jetzt mach ich’s aber noch eine Ecke schwieriger und frage, wieso denn bei manchen an Heiligabend der Weihnachtsmann kommt, bei anderen dagegen das Christkind (ein Umstand, der mir schon immer ein Rätsel war). Meine glaubensfeste Truppe ist aber besser informiert als ich und klärt mich auf, dass das Christkind bei den Katholiken kommt, der Weihnachtsmann aber zu den Protestanten. Deswegen muss jetzt auch noch das Christkind auf das Bild, was ich unter allgemeinen Zurufen und Hinweisen („Wie ein Engel!“, „Blonde Haare!“, „mit Geschenken!“) auch umsetze. Die Frage, wie ein kindgroßes Engelchen einen derart schweren Sack mit jeder Menge Geschenke durch die Luft tragen kann, erklären wir mit der ausgeprägten Heiligkeit des Christkindes, das irgendwie auch Jesus ist und von daher sowieso wundertätig.
Meine Runde ist angenehm unterhalten, die Stimmung ist bestens und wir wenden uns nun der entscheidenden Frage des Nikolaustages zu: welche Schuhe nimmt man und was tut man da so rein an Leckereien, Geschenken, Süßigkeiten usw. Hier hat jeder eine eigene Geschichte zu erzählen, entweder aus der eigenen Kindheit oder von den Kindern, für sie man als Eltern den Nikolaus spielte. Auch ich weiß eine Geschichte, nämlich eine, die ich mir beim Zeichnen ausdenke: der Zwist des linken und rechten Damenstiefels! Beide lebten ein einträchtiges und vergnügtes Leben miteinander, nie gab es Streit, alles wurde gemeinsam unternommen. Es waren teure Lederstiefel mit Innenfutter aus Schaffell, Schwestern im Geiste, Zwillinge von Geburt an und die Lieblinge ihrer Besitzerin.
An Nikolaus jedoch kam es zum Zerwürfnis, denn nur der rechte Stiefel wurde ausgewählt, vor der Tür auf den Nikolaus zu warten und mit Süßigkeiten gefüllt zu werden. Verständlich, dass der linke Stiefel stinksauer war und mit dem rechten haderte und grummelte. Die auf Stiefelisch dahingefluchten Invektive (die ich glaubhaft für meine Zuhörerschaft verbalisiere) gingen auf keine Kuhhaut und die beiden waren kurz vor der endgültigen Entzweiung.
Meine Truppe hört gespannt zu. Wie löst sich dieses Drama auf? Kann es noch ein Happy End für die beiden Stiefel geben? Am Ende ging es glimpflich aus: man einigte sich stiefel-intern darauf, dass nächstes Jahr einfach der linke Stiefel dran ist. Alle sind erleichtert; die Geschichte ist ganz nach dem Geschmack meiner Leutchen, die wohl selber ein Lied zu singen wissen vom Zukurzkommen und vom Neid auf die Bevorzugten.
Jetzt erklingt vom Gang die sonore Glocke des echten Nikolauses, diesmal vom Kollegen F. verkörpert. Er hat sich freiwillig das seit Jahren im Einsatz befindliche und nie gewaschene schmuddelige rote Nikolaus- bzw. Weihnachtsmannkostüm angezogen und den Rauschebart aus Plastik über die FFP2-Maske gehängt (eine Großtat, die nur derjenige zu würdigen weiß, der einmal zwei Stunden lang in so einer Verkleidung auf drei Wohnbereichen eines chronisch überheizten Pflegeheimes unterwegs war).
Jetzt wird es richtig festlich und andächtig. Die feierliche Atmosphäre, die stimmungsvolle Musik, die Gaben (gestiftet von einem großzügigen Angehörigen) begeistern und erfreuen die Bewohner, alle strahlen, manche haben Tränchen in den Augen und kollektiv sehen wir unserem Nikolaus nach, dass er eigentlich wie ein Weihnachtsmann gekleidet ist, also eine Zipfelmütze aufhat statt einer Mitra. Einen Knecht Ruprecht allerdings hat er dabei: der FSJler des Sozialen Dienstes schiebt den Wagen mit den Gaben und Geschenken hinter dem Nikolaus her, dessen Jutesack nur Geschenke für maximal 10-12 Bewohner aufnehmen kann.
Die Frau unterbricht ihren Home Office Vormittag für eine Runde Oberflächen und Fußböden putzen. Sie ist bester Dinge und scheint die Haushaltsarbeit als Entspannung von ihrer zwar hochqualifizierten aber drögen Lohnarbeit (Zahlenkolonnen, Exceltabellen, Assekuranz-Fachchinesisch) zu benötigen.
Fröhlich trällert sie vor sich hin: “PUTZ DICH GLÜCKLICH!!”
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